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Der U-Turm vor blauem Himmel

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U-Koordinator im Gespräch

Broeckmann: "Den Gründungsdirektor hab' ich mir gewünscht"

Dr. Broeckmann, Gründungsdirektor des "U"

Künstlerischer und wissenschaftlicher Leiter des neuen "U - Zentrum für Kunst und Kreativität": Dr. Andreas Broeckmann
Bild: christophkniel.com

Dortmund, März 2010. Gründungsdirektor, Intendant, Künstlerischer Leiter: Wer das Netz durchsurft nach Informationen über Dr. Andreas Broeckmann findet allerlei Begriffe für die Funktion, die der 45-jährige Kunsthistoriker seit Mitte 2009 im Dortmunder U inne hat. Scheinbar antiquierte Bezeichnungen für einen, der aus der Medienkunstszene kommt und sich aufmacht, vermeintlich gegensätzliche Kunstrichtungen wie die klassische und die digitale in dem ehemaligen Brauereigebäude miteinander in Austausch zu bringen. Denn im "U", wo früher das Bier in offenen Becken vergor, entstehen heute nach aufwändiger Sanierung Flächen auf insgesamt 15 000 Quadratmetern, in denen sich in Zukunft Kunst und Kreativwirtschaft, Kunst und Ausbildung für das Design, Kunst und kulturelle Bildung für das digitale Zeitalter treffen werden.

Die Dortmund-Redaktion sprach mit Broeckmann über seine Aufgabe im "U" und die Notwendigkeit kultureller Bildung im digitalen Zeitalter.

Dortmund-Redaktion: Herr Dr. Broeckmann, wofür steht das "U"?

Broeckmann: Der "U"-Turm wird umgewandelt in das Zentrum für Kunst und Kreativität. Eine Reihe von Institutionen werden dort einziehen und ihr Programm fortsetzen, andere Aufgaben kommen hinzu.

Dr. Broeckmann, Gründungsdirektor des "U"

Dr. Andreas Broeckmann sieht das "U" als ein Kulturzentrum ganz neuen Typs, in der Vermittlung von Kunst und Kultur sowie Forschung eine maßgebeliche Rolle einnehmen.
Bild: christophkniel.com

Beispielsweise das Museum Ostwall, der Hartware Medienkunstverein und Forschungseinrichtungen wie die Technische Universität Dortmund und die Fachhochschule. Während diese Einrichtungen individuell ihre jeweilige Forschungs- oder Kulturarbeit fortsetzen, hoffen wir, dass unter dem Dach des "U" neue Kooperationen und Synergien entstehen werden. So soll aus dem "U" ein Kulturzentrum ganz neuen Typs entstehen, in dem die Vermittlung von Kunst und Kultur und die Forschung eine zentrale Rolle spielen.

Dortmund-Redaktion: Was ist Ihre Aufgabe und wie bezeichnen Sie selbst Ihre Funktion?

Broeckmann: Die Aufgabe ist die künstlerisch-wissenschaftliche Leitung des neuen "U - Zentrum für Kunst und Kreativität". Das bedeutet, dass ich das "U" nach außen darstelle und nach innen die Kooperation zwischen den verschiedenen Partnern koordiniere. Ich mache dort selbst kein Programm, sondern sorge dafür, dass die geplanten Projekte der einzelnen Institutionen inhaltlich und terminlich gut aufeinander abgestimmt sind.

Die Selbstverständlichkeit, mit der noch vor 20 oder 30 Jahren jede Stadt ein Theater, eine Oper, ein Museum unterhalten hat, ist weg.

Die Bezeichnung für meinen Job ist gegenwärtig Gründungsdirektor. Das habe ich mir gewünscht, denn ich gehe davon aus, dass diese Gründungsphase des "U", in der sich alle ein wenig beschnuppern und im Haus einrichten, bestimmt noch ein bis anderthalb Jahre dauern wird. Solange wir in dieser Aufbauphase sind, kann ich mich besser als Gründungsdirektor bezeichnen, weil diese Bezeichnung ein bisschen die Ungeduld dämpfen soll.

Dortmund-Redaktion: Eine zentrale Aufgabe im „U“ wird die kulturelle Bildung sein. Warum ist die Vermittlung kultureller Werte in Ihren Augen wichtig?

Broeckmann: Die Herausforderung für ein zeitgenössisches Kunstzentrum ist vor allem, das, was an kulturellem Erbe entstanden ist und was an aktueller künstlerischer Praxis stattfindet, auf eine angemessene Weise an breite Bevölkerungsschichten zu bringen. Es hat nach dem zweiten Weltkrieg einen Konsens darüber gegeben, was der bürgerliche kulturelle Kanon ist.

Dr. Broeckmann, Gründungsdirektor des "U"

Bald nur noch eine Erinnerung: das "U" als Baustelle.
Bild: christophkniel.com

Das ist in Kommunen und Ländern reichlich gefördert worden. Seit den Fünfziger und Sechziger Jahren ist vor allem in Westdeutschland, aber auch in der ehemaligen DDR, eine sehr reiche Kulturlandschaft entstanden – auch hier im Ruhrgebiet –, die weltweit ihresgleichen sucht. Die ist aber so umfangreich, dass sie heute extrem unter Druck gerät.

Die Selbstverständlichkeit, mit der noch vor 20 oder 30 Jahren jede Stadt ein Theater, eine Oper, ein Museum unterhalten hat, ist weg. Einerseits weil das Geld knapp ist, aber auch weil die Bevölkerungsstruktur sich verändert hat: Eine große Anzahl der Menschen, die in den Städten leben, sieht das, was an kulturellen Einrichtungen existiert, nicht mehr selbstverständlich als ihre eigene Kultur an. Es ist eine Spekulation von mir: Da wächst eine neue Generation von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen heran, die durchaus ein ausgeprägtes kulturelles Leben haben.

Wer im Mai ins Haus kommt, der erlebt, was wir in unserer Terminologie den "Prolog" nennen.

Das haben sie aber immer selbst finanziert, es ist noch nie öffentlich gefördert worden. Das sind Computerspiele, verschiedene Arten von Streetculture, das ist Popmusik, das ist das, was sie im Internet treiben etc. Das heißt, hier gibt es eine Generation, die selbstverständlich für das, was sie als ihre Kultur ansieht, immer selbst bezahlt habt. Nun muss man sich vorstellen, dass diese Generation in zehn, spätestens zwanzig Jahren ihre Vertreter in die städtischen Parlamente entsendet. Dann steht die Frage an: "Wollen wir uns dieses Opernhaus oder Theater wirklich leisten? Wer geht da eigentlich hin? Ich bin noch nie im Theater gewesen, das hat mich auch noch nie interessiert. Für mein kulturelles Leben habe ich immer selbst bezahlt. Warum sollen wir in diesem Theater jeden Stuhl jeden Abend mit fünfzig oder hundert Euro subventionieren?"

Wir müssen darüber nachdenken, was unser kulturelles Erbe auch für diese junge Generation wichtig macht und wie man das transportiert. Wie vermittelt man das kulturelle Erbe auf eine Art und Weise, dass die Leute aus den verschiedenen Bevölkerungsgruppen wirklich kommen und sagen „Ja, das ist meine Kultur“. Diese Vermittlungsarbeit wollen wir verstärken und das als eine Art Forschungs- und experimentelle Aufgabe ansehen. Hierbei ist es interessant, dass es mit der Fachhochschule und der Technischen Universität Dortmund wichtige Forschungspartner gibt, die solche Angebote wissenschaftlich begleiten können. Ich bin davon überzeugt, dass diese Frage der kulturellen Bildung und Vermittlung den Schlüssel für den Erfolg des „U“ darstellen wird.

Dortmund-Redaktion: Was wird den Besucher ab Mai im „U“ erwarten?

Broeckmann: Wer im Mai ins Haus kommt, der erlebt, was wir in unserer Terminologie den „Prolog“ nennen. Die eigentliche Eröffnung wird im Oktober stattfinden. Im Rahmen des Prologs erproben wir das Haus, machen es uns zueigen und zeigen schon mal einiges in den ersten drei Etagen.

Dr. Broeckmann, Gründungsdirektor des "U"

Im "U" gibt es viel Raum für neue Lieblingsplätze.
Bild: christophkniel.com

Auf der ersten Etage zeigen die Hochschulen ihre beiden ersten Ausstellungseinheiten. Eine von der Fachhochschule, die mit Fotografie arbeitet. Die Technische Universität Dortmund präsentiert in der Ausstellung "TU Kultur" ein breites Spektrum kulturellen Themen.

In der zweiten Etage zeigt der Hartware Medienkunstverein "Building Memories". Das ist eine Ausstellung mit großen neuen Medienkunstinstallationen von international bekannten Künstlern. Sie ist in Kooperation mit dem Goethe-Institut in Warschau entwickelt worden. Künstler reflektieren darüber, wie bedeutungsmächtig Architektur ist, sowohl in einem positiven aufbauenden Sinne als auch in einem kritischen und gebrochenen Sinne. Das ist eine Ausstellung, die sich mit Erinnerungsthemen beschäftigt und im "U" eine ganz interessante Brechung dadurch erfährt, dass ein altes Gebäude mit einer eigenen großen Geschichte einer neuen Nutzung zugeführt wird.

Wir wollen nicht, dass das "U" zu einem Kunsttempel wird, sondern dass dort gesellschaftliche Diskurse stattfinden.

Auf der dritten Etage gibt es, ebenfalls vom HMKV, im Rahmen des Szene-Ungarn-Festivals die Ausstellung "Agents et Provocateurs". In unserem Eröffnungskontext ist diese Ausstellung ein interessanter Ansatz, weil sie sich damit beschäftigt, wie Künstler sich in die Gesellschaft, in Stadtentwicklung, in politische Prozesse einmischen. Das wollen wir natürlich mit dem "U" auch. Wir wollen nicht, dass das "U" zu einem Kunsttempel wird, sondern dass dort gesellschaftliche Diskurse stattfinden. Das Haus soll als eine Art Katalysator funktionieren für das, was uns heute in der Gesellschaft umtreibt.

Dortmund-Redaktion: Heute schon warten viele gespannt auf die Installationen des Filmemachers Professor Winkelmann. Was macht sie so besonders?

Broeckmann: Die Installationen bestehen aus drei Teilen. Der erste im Foyer ist ein großes Panorama auf 13 in einem Oval aufgehängten Projektionen mit Szenen über das Ruhrgebiet. Sie geben sehr typische, teilweise überraschende Einblicke in das Ruhrgebiet als Kulturraum. Dafür hat Professor Winkelmann mit seinem Team in den letzten zwei Jahren ganz tolle Aufnahmen gemacht.

Dieses Video steht leider nicht mehr zur Verfügung.

Die zweite Installation wird in der sogenannten Vertikalen – also im neuen Treppenhaus – zu sehen sein. Es handelt sich um neun Projektionen auf eine große Wand. Das sind lustige kleine Szenen – mit viel Humor und Tiefsinn gedreht –, die ein bisschen in die Seele der Ruhrgebietler blicken lassen. Die dritte Installation ist das krönende Element: LED-Bildflächen oben an die Dachkrone montiert. Dort laufen Videofilme, die eher metaphorischen Charakter haben Es handelt sich um eine Kunstinstallation mit wirklich riesigen Ausmaßen, die weit über die Stadt zu sehen ist. Das macht aus dem "U" noch mal einen besonderen Leuchtturm. Es wird aber keine Werbung sein, sondern künstlerische Momente, die zusätzlich die Aufmerksamkeit auf das "U" lenken werden – und die Leute daran erinnern sollen, dass sie mindestens einmal die Woche vorbei kommen sollten, um sich die neusten Sachen anzusehen.

Dortmund-Redaktion: Haben Sie einen Lieblingsplatz im "U"?

Broeckmann: Ich glaube, das kommt auf die Tageszeit an: Man hat morgens auf der Außenterrasse der siebten Etage einen phantastischen Blick über die Stadt und kann dort den Sonnenaufgang erleben.

Bei schlechtem Wetter wird man in der Bibliothek des Museum Ostwall mit Blick nach Norden sitzen können. Da freue ich mich auf stille Stunden, wenn ich mich mal zurückziehen darf. Abends ist aber bestimmt der beste Platz im Erdgeschoss – bei Sonnenuntergang auf der Terrasse nach Westen.

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