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Friedensplatz, Berswordthalle und altes Stadthaus

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Oberbürgermeister Sierau

"Ein Typ, mit dem man reden kann"

Dortmunds neuer Oberbürgermeister heißt Ullrich Sierau. Mit 43,9 Prozent der Wählerstimmen haben die Dortmunderinnen und Dortmunder entschieden, dass der alte Oberbürgermeister (SPD) wieder der neue sein soll. Am Dienstag, 18. Mai 2010, übernahm Sierau die Amtsgeschäfte, nachdem er die Wahlannahme per Unterschrift im Kreise seines Dezernentenkollegiums bestätigt hatte.

Oberbürgermeister Ullrich Sierau

Die Dortmund-Redaktion sprach mit Oberbürgermeister Ullrich Sierau über den Dialog mit Dortmunderinnen und Dortmundern, ein spannendes Amt in schwierigen Zeiten und den Nutzen von Bürgerinitiativen
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Soeren Spoo

Dortmund-Redaktion: Herr Sierau, die Wiederholungswahl ist gelaufen. Sie haben das Rennen gemacht. Was war Ihr erster Gedanke, als Sie das Wahlergebnis gesehen haben?

Oberbürgermeister: 'Klasse!', habe ich gedacht. Das Ergebnis war so nicht zwingend zu erwarten. Die Frage war eher: 'Reicht es noch mal? Oder wird es ein knappes Kopf-an-Kopf-Rennen?' Es hat mich sehr gefreut, dass es mir gelungen ist, die Hunderttausender-Marke zu knacken. Das heißt, es hat noch mehr Menschen gegeben als im ersten Wahlgang, die mich gewählt haben.

Die Zeit der Wiederholungswahl habe ich verglichen mit einem Bungee-Sprung.

Das war keine leichte Zeit. Ich habe das mal verglichen mit einem Bungee-Sprung: Man klettert oben auf die Plattform und springt. Dann zieht das Seil, man geht wieder hoch und wieder runter. Die Frage ist, ob die Wählerstimmen das Seil sind, die dich halten – und das Erfreuliche war: Die Wählerstimmen waren da und haben mich gehalten. Das ist ein Wechselbad der Gefühle gewesen. Wenn man am Ende einer solchen Periode diese Form von Bestätigung erfährt, ist das eine Erleichterung. Es ist die Bestätigung, dass man – trotz aller Widrigkeiten – den richtigen Weg beschritten hat.

Dortmund-Redaktion: Es war zeitweise ein sehr steiniger Weg...

Oberbürgermeister: Es war spannend, man konnte niemanden fragen in der Republik, weil noch nie jemand so etwas durchstehen musste. Insofern war ich in einer großen Anspannung. Ich habe das große Glück gehabt, von meiner Frau, meiner Familie aber auch aus dem Freundeskreis und der politischen Landschaft eine gute Unterstützung zu spüren. Ich habe mich getragen gefühlt. Das hat es mir erleichtert, den Weg zu gehen.

Dortmund-Redaktion: Sie waren 90 Tage im Amt, als Sie am 18. Januar die Amtsgeschäfte als Oberbürgermeister niedergelegt und damit den Weg für eine OB-Wiederholungswahl frei gemacht haben. Die Dortmunderinnen und Dortmunder haben Ihnen das Vertrauen ausgesprochen und gesagt: 'Er soll den Job machen'. Wofür ist das in Ihren Augen eine Anerkennung?

Oberbürgermeister: Ich denke, im Grundsatz wurde honoriert, dass ich über etwa zehn Jahre einen guten Job für die Menschen in der Stadt gemacht habe, um den Strukturwandel voran zu bringen, das Gesicht der Stadt attraktiver zu machen und die Lebensqualität zu erhöhen.

Oberbürgermeister Ullrich Sierau

"Wir sind gut beraten, wenn wir den Haushalt erklären und hören, was die Menschen dazu sagen", so Oberbürgermeister Sierau im Gespräch
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Ich bin nie einer Diskussion aus dem Weg gegangen, wenn es konfliktträchtig wurde. Ob es das Thema Grimmelsiepen, Probleme an der B1 waren oder in der Nordstadt gewesen ist: Ich bin in der Stadt präsent gewesen, und wenn man mich gerufen hat, habe ich mich einer Diskussion nicht verweigert. Die Leute haben gesagt 'Wir kennen Sie, wir wissen, was Sie für uns geleistet haben. Wir haben Sie kennen gelernt als einen Typ, mit dem man reden kann'.

Dortmund-Redaktion: Herr Oberbürgermeister, Sie haben ein spannendes Amt in schwierigen Zeiten angenommen: Nach Einschätzung des Deutschen Städtetages erleben die Kommunen und Gemeinden die größte Haushaltskrise seit Bestehen der Bundesrepublik. Wo sehen Sie für Dortmund in dieser Situation eigene Gestaltungsmöglichkeiten?

Oberbürgermeister: Die sind tatsächlich sehr eingeschränkt. Wir müssen feststellen, dass die Finanz- und Wirtschaftskrise die ohnehin schon schwierige Situation der kommunalen Familie noch mal verschärft hat.

Dortmund ist nicht in der Insolvenz

Die Kommunen sind seit Jahren strukturell unterfinanziert. Das heißt, wir müssen Aufgaben erfüllen, für die wir keine finanziellen Leistungen bekommen haben - weder vom Land noch vom Bund. Das macht uns sehr zu schaffen und hat große Löcher in den Haushalt gerissen. Durch die Finanz- und Wirtschaftskrise ist das jetzt noch mal deutlich dramatischer geworden.

Ich bin nie einer Diskussion aus dem Weg gegangen, wenn es konfliktträchtig wurde.

Dennoch haben wir in Dortmund immer noch eine Situation, die sich günstiger darstellt als in benachbarten Kommunen. Wir haben nach wie vor ein erhebliches Vermögen. Aber wir müssen aufpassen, dass wir das nicht weiter verzehren. Wir sind nicht in der Insolvenz. Wir sind nicht pleite. Aber wir müssen dringend dafür eintreten, dass wir eine bessere Finanzausstattung bekommen. Das ist mittlerweile auch auf Bundesebene erkannt.

Die Bedingungen sind für Dortmund nach wie vor gut: Wir haben noch Rücklagen. Wir haben vor allem die kommunale Unternehmensfamilie mit den Stadtwerken und anderen, die die kommunale Daseinsvorsorge sichern.

Erfolgreicher Strukturwandel ist großer Vorteil

Das sind Unternehmen, die sehr ordentlich wirtschaften, so dass wir für den Haushalt als auch für bestimmte Dienstleistungen hier eine Unterstützung erwarten können. Wir haben außerdem den großen Vorteil im Strukturwandel erfolgreich zu sein. Dortmund wird als ein Standort angesehen, der seine positive Entwicklung noch vor sich hat. Wir haben im Augenblick sehr viele Baustellen in der Stadt, wo privates Geld investiert wird. Diese Kombination aus öffentlicher Vorsorge durch Infrastrukturinvestitionen und privater Folgeinvestition funktioniert in Dortmund hervorragend.

Oberbürgermeister Ullrich Sierau

Oberbürgermeister Sierau möchte Nähe zwischen der politischen und der administrativen Spitze sowie den Menschen der Stadt
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Das alles darf den Blick nicht verstellen, dass wir in der Krise eine große Herausforderung haben. Ich möchte Dortmund zum Star unter den Städten machen. Ich möchte, dass wir auf dem Siegertreppchen stehen.

Breites Spektrum an Qualitäten

Wir sind jetzt schon in vielfältiger Weise vorne. Und damit meine ich nicht nur, dass wir - nach Aussage der britischen Times - das schönste Stadion der Welt haben. Wir haben ein breites Spektrum an unterschiedlichen urbanen und sozialen Qualitäten. Wir sind ausgezeichnet worden als innovativste Stadt Europas.

Dortmund-Redaktion: Ihnen ist bei der Gestaltung der Zukunft Dortmunds der Austausch mit den Dortmunderinnen und Dortmunder und bürgerschaftliches Engagement sehr wichtig.

Oberbürgermeister: Das hat auch damit zu tun, dass ich eine Bürgerinitiativvergangenheit habe. Ich habe während meines Studiums und auch während meines Städtebaureferendariats eine ganze Menge Bürgerinitiativarbeit gemacht. Ich begrüße sehr, dass sich in Dortmund viele Menschen engagieren, auch in Bürgerinitiativen. Eine Stadt, in der die Menschen die Geschicke selber in die Hand nehmen ist mir lieber, als eine Stadt, in der Friedhofsruhe herrscht. Das ist eine lebendige Stadt.

Ich möchte Dortmund zum Star unter den Städten machen.

Wir müssen schauen, dass es eine große Nähe gibt zwischen der politischen und administrativen Spitze und den Menschen in der Stadt. Wir müssen die Bodenhaftung haben.

Dortmund-Redaktion: Was meinen Sie konkret?

Oberbürgermeister: Ich möchte gerne, dass es keine anonyme Stadtregierung gibt. Ich möchte, dass die Menschen Vertrauen zu uns haben und wissen, wer da unterwegs ist. Auf der anderen Seite gibt es so viele Dinge, die auch wir wissen müssen und die man gar nicht alleine wissen kann.

Alltagsexperten vor Ort

Wir sind darauf angewiesen, dass andere mit ihren Kenntnissen sich an Entscheidungsfindungsprozessen beteiligen. Im Bereich der Planungskultur beispielsweise haben wir damit gute Erfahrungen gemacht. Man trifft immer wieder auf die Alltagsexpertinnen und -experten vor Ort, die ein Wissen über die Situation vor Ort haben, das man selbst gar nicht haben kann.

Oberbürgermeister Ullrich Sierau

Oberbürgermeister Sierau macht deutlich, dass die Kommunen seit Jahren strukturell unterfinanziert sind
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Wir haben gelernt, dass auf der einen Seite wir als Verwaltung von den Bürgerinnen und Bürgern lernen können, wir aber auf der anderen Seite unsere Überlegungen diskutieren müssen. Dann merkt man, ob das, was man selber diskutiert, auch der Bevölkerung plausibel ist. Meine Erfahrung ist, wenn man Transparenz praktiziert, sagen die Menschen: "Die haben sich Gedanken gemacht". Wenn man die Leute einbezieht, sind sie viel eher bereit eine Entscheidung zu akzeptieren - selbst wenn diese nicht in ihrem Interesse ist.

Ich denke, das ist wichtig für die politische Kultur in einer Stadt. Ich möchte den Job so machen, dass die Menschen sagen: "Wir finden uns darin wieder. Wir sind OB." Und das geht nur, wenn ich ständig im Dialog mit den Menschen bin.

Dortmund-Redaktion: Ihre Devise heißt: Ich muss mit den Bürgerinnen und Bürgern im Gespräch bleiben – gerade wenn es ums Sparen geht. Werden Sie die begonnenen Bürgergespräche fortführen?

Oberbürgermeister: Ich habe schon im November 2009 als OB festgelegt, dass wir den Haushalt 2010 und folgende transparent machen wollen. Wir sind gut beraten, wenn wir den Haushalt erklären und hören, was die Menschen dazu sagen.

Die Menschen sagen: 'Wir finden uns darin wieder. Wir sind OB.'

Die Bürgergespräche waren ein Experiment, aber es ist positiv angekommen und hat Geschmack auf mehr gemacht. Wir sind dabei, das Haushaltsthema auf "transparent zu trimmen". Das ist ein Systemwechsel. Das ist ein Weg, der ist unumkehrbar. Eine Krisensituation führt zu Verunsicherung. Und eine gute Maßnahme dagegen ist, zu sagen, was Sache ist und ehrlich zu sein.

Dortmund-Redaktion: In Ihre ersten 100 Amts-Tage fällt ein ganz wichtiges Ereignis: die Fußballweltmeisterschaft, die am 11. Juni beginnt. Trotz aller dienstlicher Verpflichtungen: Werden Sie sich die Zeit nehmen und einige Spiele ansehen – vielleicht gemeinsam mit den Dortmunderinnen und Dortmundern beim Public Viewing auf dem Friedensplatz?

Oberbürgermeister: Ja, das werde ich mir nicht nehmen lassen. Es ist eine tolle Gelegenheit, das Flair und die Atmosphäre von der Fußballweltmeisterschaft 2006 aufleben zu lassen. Auch damals war das Public Viewing ein besonderes Erlebnis.

Ich bin mir sicher, dass sich auch dieses Mal die Fußballbegeisterung in der Region und in der Stadt Bahn brechen wird. Als begeisterter Fußballfan werde ich auf jeden Fall auf dem Friedensplatz sein. Das wird für die Dortmunder City wieder ein Erlebnis werden, an das die Stadt sich noch lange und gerne erinnern wird.

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