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Friedensplatz, Berswordthalle und altes Stadthaus

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Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Jesús González Rebordinos

Oliver Hesse

Ehrenamt - Verändern im sozialen Nahraum

Am 23. September vergibt die Freiwilligen Agentur der Stadt Dortmund den Preis "Engagement anerkennen". In diesem Jahr, das der Kulturhauptstadt gewidmet ist, stellen die Ausrichter die Themen "Kultur und Bildung" in den Focus. Auszeichnen wollen die Juroren Projekte, die in besonderer Art die kulturelle Infrastruktur der Stadt mit gestalten oder wo Menschen mit ihrem Erfahrungswissen zum Lernen und zur Bildung beitragen - egal ob im Kindergarten, Seniorenwohnheim oder Universität.

Die Dortmund-Redaktion sprach mit Oliver Hesse, Geschäftsführer der FreiwilligenAgentur Dortmund, über die zunehmende Bedeutung des ehrenamtlichen Engagements in der modernen Gesellschaft, den Gewinn für die Persönlichkeit durch freiwillige Arbeit und den Willen, das Zusammenleben menschlicher zu gestalten. Das Interview führte Anja Kador

Oliver Hesse FreiwilligenAgentur

Der Geschäftsführer der FreiwilligenAgentur Oliver Hesse freut sich über rund 1000 Angebote in der Freiwilligen-Datenbank.

Dortmund-Redaktion: Die FreiwilligenAgentur pflegt auf ihrer Internetseite eine Datenbank, in der Menschen zueinander finden können, die sich engagieren möchten und solche, die eine Aufgabe anbieten. Wie viele Angebote halten sie dort vor und wie viele Menschen konnten Sie bereits vermitteln?

Hesse: Auf der Seite www.freiwilligenagenturdortmund.de findet man unsere Datenbank mit rund 1000 Angeboten. Darunter gibt es Aufgaben aus den Bereichen Soziales, Kultur, Sport oder der Arbeit mit Jugendlichen. Wir kooperieren derzeit mit 240 Organisationen in Dortmund. Die FreiwilligenAgentur wie sie jetzt existiert – mit Ladenlokal in der Berswordthalle und Freiwilligen, die das ganze stützen - gibt es seit 2004. Seitdem haben wir ungefähr 5000 Beratungsgespräche geführt.

Dortmund-Redaktion: Gibt es einen thematischen Schwerpunkt? Was ist deren Motivation, welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

Hesse: Bei uns findet man viele unterschiedliche Angebote. Sicherlich ist der Sport unterdurchschnittlich vertreten. Das hängt damit zusammen, dass die Menschen, die sich in Sportvereinen engagieren wollen, üblicherweise dort auch Mitglied sind. Deswegen konzentrieren wir uns auf andere Bereiche.

Ich möchte gerne meine Stadt attraktiver, liebenswerter und bunter gestalten

Federführend ist der Bereich Soziales. Von dem ganz klassischen Ehrenamt – wie z.B. die Grünen Damen im Krankenhaus, die dafür sorgen, dass menschliche Ansprache und Unterstützung der Patienten geschieht - bis zu den moderneren Formen, wie dem Projekt "Der Berg ruft", der Caritas Schweiz. Hier werden Bergbauern, die durch die Landflucht sozial deutlich in die Isolierung geraten sind, unterstützt durch Menschen, die ehrenamtlich für eine begrenzte Zeit dort bei der Familie helfen. Das ist eine sehr anschauliche Form des neuen Ehrenamts, auch freiwilliges Engagement genannt.

Dortmund-Redaktion: Was ist deren Motivation, welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

Hesse: Meine Erfahrung ist, dass die Menschen sagen: "Ich möchte gerne etwas bewegen in meinem Umfeld. Ich möchte gerne meine Stadt attraktiver, liebenswerter und bunter gestalten - und dafür möchte ich meine Einflussmöglichkeiten geltend machen. Nicht in der großen Politik, sondern im sozialen Nahraum".

Außerdem möchten Interessierte sich bestimmte Qualifikationen erwerben. Das ist nämlich auch möglich über freiwilliges Engagement. Es wird zunehmend wichtiger, dass freiwilliges Engagement parallel zur Ausbildung oder zum Studium gesetzt wird - im Sinne von Qualifikationserwerb über den eigentlichen fachlichen Rahmen hinaus.

Dortmund-Redaktion: Herr Hesse, das Leben in unserer Gesellschaft wird leistungsorientierter. Alles soll effizienter werden, Kostenoptimierung steht in vielen Lebensbereichen bereits an erster Stelle. Manche sprechen von einer Ellbogen-Gesellschaft, in der Menschlichkeit zunehmend auf der Strecke bleibt. Müssen Ehrenamt und Freiwilligenarbeit die Defizite, die hier entstehen, auffangen und können sie das überhaupt?

Hesse: Ich denke schon, dass freiwilliges Engagement einen Gegentrend dazu setzen kann - und das auch tut.

FreiwilligenAgentur Dortmund

Der Sitz der FreiwilligenAgentur in der Berswordt-Halle.
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Dortmund-Agentur / Anja Vormbrock

Ich glaube auch, dass es eine sehr machtvolle Bewegung ist. Es gibt in Deutschland 23 Millionen Menschen, die ehrenamtlich tätig sind. Jeder Dritte engagiert sich in irgendeiner Weise für die Gesellschaft. Diese Menschen leisten im Jahr 4,6 Milliarden Stunden an freiwilliger Arbeit. Stellen Sie sich vor, das würde wegfallen. Das macht deutlich wie wichtig dieses Thema und dessen Weiterentwicklung ist - und wie wichtig diese Menschen sind.

Dortmund-Redaktion: Vernichtet ehrenamtliche Arbeit Arbeitsplätze?

Hesse: Das glaube ich nicht und das darf es nicht - und wir tun alles dafür in der FreiwilligenAgentur Dortmund, dass das nicht passiert. Organisationen, die mit uns zusammenarbeiten, müssen eine Vermittlungsvereinbarung unterschreiben, in der sie sich festlegen, dass durch den Einsatz von Freiwilligen keine sozialversicherungspflichtigen Arbeitsverhältnisse abgebaut werden.

Christian Krebs, FreiwilligenAgentur

Christian Krebs, selbst als Freiwilliger in der Agentur tätig, berät Menschen zum Ehrenamt und zur Freiwilligenarbeit

Im Übrigen habe ich die Erfahrung gemacht, dass ehrenamtlich Engagierte selbstbewusst genug sind, zu sagen: "Nein, ich habe das Gefühl, dass ich ausgenutzt werde, dass an dem Punkt eine Honorarkraft besser aufgehoben wäre". Und dann verlassen sie auch diese Einrichtung und melden uns das zurück. Das Selbstbewusstsein von Menschen, die sich engagieren möchten, ist die beste Prävention.

Dortmund-Redaktion: Der Preis "Engagement anerkennen", den die FreiwilligenAgentur in diesem Jahr zum zweiten Mal auslobt und der mit drei Mal 500 Euro dotiert ist, widmet sich im Kulturhauptstadtjahr 2010 dem Thema "Kultur und Bildung". Warum sollten neben anderem gerade der kulturelle und der Bildungsbereich besondere Aufmerksamkeit beim Engagement Freiwilliger erfahren?

Hesse: Wir nehmen einen Trend auf, der erkennbar in den letzten Jahren zunimmt. Die Themen Kultur und Bildung sind gerade im Jahr der Kulturhauptstadt wichtig und zukunftsträchtig.

Das hängt damit zusammen, dass die Querverbindung zu verschiedenen anderen Themen möglich ist. Es gibt viele Bildungsprojekte im Bereich der Patenschaften in Bezug auf Kinder mit Zuwanderungsgeschichte. Dort wird vorgelesen, es gibt Mentorenprojekte von Freiwilligen, die die Menschen an die Hand nehmen und mit ihnen z.B. ein Bewerbungstraining machen oder sie zum Arbeitgeber begleiten. Es ist also ein ganz aktuelles Thema.

Ehrenamtliche möchten mitbestimmen

Unser Preis zeichnet dabei Projekte aus, die in beispielhafter Weise die Themen ehrenamtliches Engagement und Bildung und Kultur verknüpfen. Insgesamt haben sich 19 Organisationen und Einrichtungen um den Preis beworben. Die Bewerbungen bilden dabei eine breite Palette bürgerschaftlichen Engagements in Kultur und Bildung mit spannenden und innovativen Ideen ab.

Die Jury, die aus der Leiterin der Katholischen Bildungsstätte, Konstanze Böhm-Kotthoff, dem Kulturdezernenten der Stadt Dortmund, Jörg Stüdemann sowie Erich Sass von der Technischen Universität Dortmund bestand, hatte also eine anspruchsvolle Aufgabe zu lösen. Ich bin schon sehr gespannt auf die Preisträger.

Dortmund-Redaktion: Wo liegt die Zukunft des Ehrenamtes in Deutschland?

Hesse: Wir haben - im Vergleich zu anderen Ländern wie z.B. der USA - einen eigenen Weg. Wir haben eine eigene Geschichte beim Ehrenamt. Die Geschichte hat dabei durchaus zu tun mit dem Begriff Ehrenamt. Wenn man klassische Ehrenämter betrachtet, ist das etwas, was man nicht ablehnen kann, wo einem sozusagen ein Ehre zuteil wird, wie z.B. beim Schöffenamt. Man wurde auf unbestimmte Zeit verpflichtet, sich bürgerschaftlich zu engagieren Auch war das Ehrenamt in Deutschland ganz lange nicht zeitlich befristet und häufig weltanschaulich gebunden. Ich glaube, wenn man sich die großen Wohlfahrtsverbände anschaut, dann kämpfen gerade sie mit einem Paradigmenwechsel.

Die Menschen, die heute freiwillig aktiv werden möchten, das sind eben solche, die sich nicht mehr ein Leben lang an eine Idee oder an eine Organisation binden möchten. Sie möchten sehr klar für sich auch etwas rausziehen aus dieser Sache. Sei das Kompetenz oder Kontakt zu anderen Menschen, sei das ein Thema, das sie interessiert und das sie vertiefen möchten. Und sie möchten mitbestimmen. Ich glaube, wir müssen weg von diesem alten Ehrenamt im Sinne von lebenslang, wir müssen hin zu einem Projekt orientierten, auf die Menschen zugeschnittenen bürgerschaftlichen, freiwilligen Engagement, das Angebote offeriert und Menschen auch in Entscheidungsprozesse mit einbezieht.

Dortmund-Redaktion: Herr Hesse, wo engagieren Sie sich ehrenamtlich und warum?

Hesse: Ich engagiere mich ehrenamtlich in einer Hobbyfußballmannschaft, die ich organisiere. Das ist auch der Freiraum, der mir sehr wichtig ist, wo ich Dinge finde, die für mich zur Lebensqualität gehören.

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