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Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Jesús González Rebordinos

Zeitungsforschung

Institut sichert Kulturgut für die Nachwelt

Dortmund, Mai 2010. Mit dem Prädikat „Weltweit einzigartig“ darf sich das Institut für Zeitungsforschung schmücken. Als Einrichtung der Bibliotheken der Stadt Dortmund sammelt es historische und aktuelle Zeitungen und Zeitschriften aus dem deutschsprachigen Raum.

Und die Zahlen sind beeindruckend: So bezieht das Institut laufend über 70 Tageszeitungen und über 200 Fach- und Publikumszeitschriften. Im Archiv lagern über 27.000 Zeitungsbände, es gibt 110.000 Mikrofilme von Zeitungen, 37.000 Zeitschriftenbände. 62.000 Bücher, die sich mit dem Thema Massenkommunikationsmedien und Publizistik beschäftigen, nennt das Institut sein Eigen. Ganz zu schweigen von den Sondersammelgebieten wie Flugblätter, Karikaturen oder journalistische Nachlässe.

Dr. Gabriele Toepser-Ziegert

Dr. Gabriele Toepser-Ziegert liest täglich die Medien-, Kultur- und Wirtschaftsseiten von 20 Zeitungen.

Die Dortmund-Redaktion sprach mit der Direktorin des Instituts für Zeitungsforschung, Dr. Gabriele Toepser-Ziegert, über die Notwendigkeit eines Zeitungsforschungsinstituts in einer Zeit, in der das Internet die klassischen Printmedien immer mehr zu verdrängen scheint. Das Interview führte Anja Kador.

Dortmund-Redaktion: Frau Dr. Toepser-Ziegert, wieviele Zeitungen lesen Sie täglich?

Toepser-Ziegert: Eine Tageszeitung lese ich von vorne bis hinten, und zwar vor dem Dienst, ganz klassisch beim Frühstück zu Hause. Und dann lese ich bestimmt 20 Zeitungen punktuell, das heißt die Medien- , die Kultur- und die Wirtschaftsseiten. Außerdem muss ich für unsere Dokumentation zum Stichwort Massenmedien und Publizistik alle Zeitungen, die wir auswerten, auf die ausgewerteten Artikel hin durchsehen.

Wir haben ja über 70 Tageszeitungsabonnements, und die werden auf die Mitarbeiterinnen verteilt. Die lesen die Zeitungen ganz durch und streichen alle Artikel an, die in unsere Dokumentation aufgenommen werden.

Unsere Zielgruppe ist zu je einem Drittel regional, national und international

Diese kommen dann in unsere Datenbank. Nicht als Volltext, sondern als bibliographischer Hinweis. Auswertungskriterium: Medien im weitesten Sinne. Das heißt, wir haben alle Artikel im Blick, die zum Thema Film, Funk, Fernsehen und eben auch Printmedien geschrieben worden sind.

Dortmund-Redaktion: Ist das spannend?

Toepser-Ziegert: Es ist immer noch spannend. Es ist vor allem interessant zu sehen, wie verschiedene Zeitungen über ein und dasselbe Ereignis berichten. Daran erkennt man gut, wie Presseagenturen funktionieren, welche Berichte sie in die Redaktionen geben und was diese daraus machen. Man sieht, wer zusätzlich recherchiert und wer einen Waschzettel abschreibt.

Gestappelte Zeitungen

Das Institut für Zeitungsforschung bezieht laufend über 70 Tageszeitungen und über 200 Fach- und Publikumszeitschriften.

Dortmund-Redaktion: Was genau "erforscht" das Institut für Zeitungsforschung?

Toepser-Ziegert: Das Institut für Zeitungsforschung hat früher sehr viel selbst geforscht. Mittlerweile sind alle wissenschaftlichen Stellen bis auf meine weggefallen. Insofern können wir selber nicht mehr forschen.

Wir verstehen uns als Dienstleister für die Wissenschaft und Forschung, beraten und stellen Materialien zur Verfügung. Früher war unser Forschungsschwerpunkt der Nationalsozialismus. Wir habe eine große Edition über NS- Presseanweisungen der Vorkriegszeit vorgelegt, die 19 Bände umfasst.

Dortmund-Redaktion: An welche Zielgruppe wendet sich das Institut?

Toepser-Ziegert: Zum einen bedienen wir die Wissenschaftler, die sich mit den Printmedien als solchen beschäftigen und danach fragen, wie sich die Zeitung entwickelt hat.

Dann gibt es diejenigen, die die Zeitung als historische Quelle nutzen. Dabei setzt sich unsere Zielgruppe zu einem Drittel aus internationalen, einem weiteren aus nationalen und dem letzten Drittel aus lokalen Nutzern zusammen.

Dortmund-Redaktion: Können Sie ein konkretes Beispiel für eine Anfrage nennen?

Toepser-Ziegert: Wir bekommen konkrete schriftliche Anfragen zum Beispiel zur Berliner Illustrierten. Das war eine renommierte Zeitschrift in der Weimarer Republik. Sie war berühmt für ihre Fotografien.

Logo des Institut für Zeitungsforschung

Das Logo des Institus

Diese Zeitschrift ist bei uns im Original vorhanden, und für diese Zeitschrift aus der Weimarer Republik kommen die Leute wirklich aus Amerika zum Institut für Zeitungsforschung nach Dortmund, denn sie interessieren sich für die Fotografien und die Fotomontagen in der Berliner Illustrierten – und bekommen das nirgendwo anders.

Dortmund-Redaktion: Gibt es institutsübergreifende Zusammenarbeit?

Toepser-Ziegert: Wir arbeiten ganz eng zusammen mit dem Institut für Journalistik an der Technischen Universität Dortmund. Dieser Forschungszweig ist von dem ehemaligen Direktor des Instituts für Zeitungsforschung Professor Kurt Koszyk ins Leben gerufen worden.

Er hat es so konzipiert, dass das Institut quasi die Sammlung der Materialien vorhält, mit der die Universität dann arbeitet . Der Studiengang ist zwar mittlerweile hauptsächlich zur Journalistik übergegangen, aber es gibt immer noch einen Schwerpunkt mit historischer Forschung.

Dortmund-Redaktion: Das Institut für Zeitungsforschung sieht sich in den von ihm zu verantwortenden wissenschaftlichen Arbeiten an die „Erklärung der Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis“ gebunden. Was heißt das konkret?

Toepser-Ziegert: Das bedeutet, dass man seine Forschungsergebnisse objektiv nachprüfbar gestalten muss. Man darf bei anderen nicht abschreiben, man darf keine Zahlen fälschen, sondern alles muss authentisch nachprüfbar sein.

Die gedruckte Zeitung ist einfach reflektierter als das Internet

In den Geisteswissenschaften verpflichtet man sich, die Ergebnisse selbst zu erheben und zu verfassen. Die Verpflichtung hat auch damit zu tun, dass die Deutsche Forschungsgemeinschaft nur Geld gibt für Forschungsunternehmen, die sich verpflichten sauber zu arbeiten.

Dortmund-Redaktion: Das Internet scheint das Medium der Stunde zu sein. Die Zeitungsauflagen sinken. Wie stellt sich das Institut für Zeitungsforschung für die Zukunft auf?

Toepser-Ziegert: Wir beobachten die Entwicklung ganz genau, denn wir sind existenziell davon betroffen. Jedes Jahr veranstalten wir eine Fachtagung. Letztes Jahr ging es um die Krise der Printmedien. Dieses Jahr im Juni gibt es eine Fachtagung, die sich mit dem Journalismus in der Digitalen Welt befasst und danach fragt, wie sich der Journalismus verändert.

Gudrun Paladini

Gudrun Paladini, Mitarbeiterin des Instituts, hilft gerne bei der Suche nach ungewöhnlichen Zeitungsartikeln.

Außerdem stellt sich das Institut auf die digitalisierte Zeitung ein. Allerdings sammeln und archivieren wir sie noch nicht. Wir wissen, dass die Digitalisate, die es bislang gibt, innerhalb von fünf Jahren aufgrund wechselnder Hardware nicht mehr zu lesen sind. Und bevor es da nicht etwas Längerfristiges gibt, archivieren wir die digitalisierte Zeitung nicht.

Der Mikrofilm - das analoge Medium - hat eine Haltbarkeit von 500 Jahren. Das ist unser Zugriff, wir wollen eine Langzeitarchivierung und bei den Digitalisaten ist das nicht geklärt.

Dortmund-Redaktion: Was bietet die Zeitungslektüre im Gegensatz zum Internet?

Toepser-Ziegert: Das Internet ist schnell, immer sehr aktuell und ziemlich knapp – und alles andere ist die gedruckte Zeitung. Die gedruckte Zeitung kann Hintergründe beleuchten. Die gedruckte Zeitung bekomme ich zwar erst am nächsten Tag, sie ist dafür aber auch reflektierter als das Internet.

Das Finanzamt durchsucht hier gerne die Kleinanzeigen

Die Zeitung hat eine ganz andere Qualität. Ich finde es gut, dass Zeitungen heute Jugendseiten machen. Dass sie Themen aufgreifen, die Jugendliche interessieren, um sie so ans Zeitungslesen zu bringen. Wenn in der Familie keine Zeitung mehr gelesen wird, dann werden die Jugendlichen das auch nicht tun.

Dortmund-Redaktion: Bei Ihnen sind auch Menschen willkommen, die nicht wissenschaftlich motiviert in Zeitungen stöbern wollen. Was bieten Sie für den Hausgebrauch an?

Toepser-Ziegert: Wir haben hier ein Universalmedium, das sämtliche Fachrichtungen bedient, die man sich vorstellen kann. Zu uns kommen Leser, die noch etwas aus der letzten Wochenendausgabe ihrer Abozeitung wissen wollen, die sie weggeworfen haben.

Es gibt Leute, die vor Jahren einen Gerichtsprozess hatten und das noch mal nachlesen wollen. Oder welche, die sich für den Wetterbericht von vor 20 Jahren interessieren.

Plakat zur Eröffnung des Dortmunder Flughafen

Auch Plakate zählen zum Bestand des Institus: Eröffnung des Dortmunder Flughafens

Wir haben auch schon Kollegen vom Finanzamt hier gehabt. Die schauten sich die Kleinanzeigen an, um festzustellen, welchen tagesaktuellen Wert ein bestimmtes Automodell vor fünf Jahren hatte, als dazu eine Steuererklärung gemacht wurde.

Außerdem sind die Geburtstagskopien sehr gefragt. Denn wir können Jubiläumskopien nicht nur von Dortmund anbieten, sondern vom gesamten deutschsprachigen Raum. Insgesamt habe wir ca. 70 Kundenkontakte täglich hier vor Ort. Sie sehen, das Publikum ist sehr gemischt und das macht eigentlich auch den besonderen Charme des Instituts aus.

Dortmund-Redaktion: Nun noch ein wenig Geschichte: Im Zweiten Weltkrieg wurden 60 Prozent der Bestände des Instituts vernichtet. Die bestehenden Lücken konnten in mühevoller Arbeit wieder geschlossen werden. Wie wurde das bewerkstelligt?

Toepser-Ziegert: Das Institut ist 1926 gegründet worden als westfälisch-niederrheinisches Institut mit Unterstützung der regionalen Zeitungsverleger. Es hat zunächst die Zeitungen aus der Region gesammelt. Nach dem zweiten Weltkrieg wollte man den deutschsprachigen Raum abdecken, d.h. Österreich, Schweiz und die gesamte Bundesrepublik. Und um das leisten zu können, hat man sich des Mikrofilms bedient.

Das Institut ist ein Pionier in der Mikroverfilmung von Zeitungen. Um den im zweiten Weltkrieg vernichteten Zeitungsbestand wieder vervollständigen zu können, ging man so vor: Man recherchierte, in welchen Bibliotheken wichtige Zeitungen wie z.B. die Vossische Zeitung - sehr berühmt in der Weimarer Republik und davor - vorhanden waren.

Die Ausgaben wurden dann alle zusammengetragen und verfilmt. Nach diesem Prinzip konnte man die Zeitungsreihen schließen. Die Vervollständigung des Bestandes dauerte bis in die Siebziger Jahre. Auf diese Weise konnte und kann das Institut für Zeitungsforschung wichtiges Kulturgut sichern.

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