Dortmund überrascht. Dich.
Bild

Zur Sache

Integration

Neue Impulse – Kulturelle Vielfalt als Chance

In Dortmund leben rund 167.000 Menschen mit Zuwanderungsgeschichte aus 172 Nationen Tür an Tür mit gebürtigen Deutschen. Das Zusammenleben fördert die bunte Vielfalt, das kulturelle Leben und das produktive Wirtschaften der Stadt. Einerseits. Andererseits stellt es alle 582.000 Menschen der Stadt vor Herausforderungen.

Politik, Verwaltung, Verbände und Migrantenselbstorganisationen haben die Herausforderungen angenommen. Eine wichtige Rolle nimmt die Migrations- und Integrationsagentur Dortmund (MIA-DO) ein, die im Amt des Oberbürgermeisters angesiedelt ist. Die beiden Beschäftigten der MIA-DO, Reyhan Güntürk und Levent Arslan, engagieren sich dafür, dass Integration gelebt wird.

Neben der guten Vernetzung zwischen den am Integrationsprozess beteiligten Akteuren, arbeiten die zwei auch als Teil der Geschäftsstelle des Integrationsrates. Außerdem sind sie für die Konzeption des Masterplans Integration verantwortlich und kümmern sich um dessen Umsetzung.

Den großen Integrationskongress am 15. März 2011, dem die vier Fachforen Bildung, Arbeit und Unternehmen, soziale Balance sowie Dortmund als internationale, weltoffene Stadt vorangegangen waren, bereiteten Reyhan Güntürk und Levent Arslan in enger Zusammenarbeit mit dem Integrationsrat vor. Die Dortmund-Agentur sprach mit den beiden über die Erfolge und weiteren Ziele.
Interview: Gaye Suse Kromer

neue Impulse Reyhan Güntürk

Reyhan Güntürk (MIA-DO) freut sich über die gute Zusammenarbeit mit den Akteuren
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Dortmund-Agentur / Anja Kador

Dortmund-Redaktion: Wie verliefen die Vorbereitungen zu den Foren und zum Integrationskongress? War es schwierig, alle handelnden Personen an den Tisch zu kriegen?

Güntürk: Bei der Vielzahl an Akteuren ist es natürlich nie möglich, immer alle unter einen Hut zu bekommen. Die Experten sind in ihren Vereinen, Initiativen und Verbänden sehr aktiv und damit zeitlich stark eingebunden.

Die Foren mit den inhaltlichen Ausarbeitungen zu den Handlungsfeldern Bildung, Arbeit und Unternehmen, soziale Balance, Dortmund als weltoffene, internationale Stadt, zu organisieren und den Kongress innerhalb eines halben Jahres zu stemmen, war eine zeitliche Herausforderung. Das Positive ist, die Experten haben mitgezogen. Wir als MIA-DO bündeln Wissen über Defizite, Potentiale, Chancen, alles, was mit der Integrationsthematik zusammenhängt.

Die Akteure sind es allerdings, die tagtäglich mit Migranten zusammenarbeiten. Sie sind direkt an den Personen dran, so dass sie natürlich für unsere Arbeit unverzichtbar sind. Wir bekommen immer wieder neue Impulse von ihnen.

neue Impulse Levent Arslan

Einen neuen Drive hat Levent Arslan (MIA-DO) während des Kongresses festgestellt
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Dortmund-Agentur / Anja Kador

Arslan: Die Integrationskonferenz hat gezeigt, dass wir ein großes Spektrum derjenigen Experten abgedeckt haben, die sich mit dem Thema Integration beschäftigen. Meine Arbeitsgruppe für das Soziale Balance war sehr engagiert, diskutierte teilweise kontrovers, aber immer Ziel führend.

Wir haben zuerst darum gerungen, welche Richtung wir in unserer Runde einschlagen. Nachdem das klar war, ging das alles schnell von der Hand, weil die Beteiligten Profis sind. Sie greifen auf einen langen Erfahrungshintergrund zurück. Denen mussten wir also nichts Neues erzählen.

Dortmund-Redaktion: Hat sich das Netzwerk zwischen MIA-DO und den Akteuren im Rahmen der Foren und des Kongresses verfestigt?

Arslan: Es ist neuer Drive reingekommen. Die Experten hatten sich vorher in dieser Konstellation noch nie zusammengefunden. Die Qualität hat dazu gewonnen. Es ist deutlich geworden, wo noch genauer hingeschaut werden muss.

Experten hatten sich vorher in dieser Konstellation noch nie zusammengefunden.

Levent Arslan

Außerdem sind wir jetzt solide vernetzt und haben ein gemeinsames Ziel formuliert, nämlich: Wo wollen wir gemeinsam hin mit unserer Integrationsarbeit? Das ist ein echter Gewinn!

Güntürk: Dortmund ist die größte Stadt des Ruhrgebiets und NRW-weit eine der wichtigsten. Unsere Stadt hat Vorbildfunktion. Wenn ich etwa zum Treffen der NRW-Integrationsbeauftragten gehe, dann wird ein besonderes Auge auf Dortmund geworfen. Es kommen täglich Anrufe aus Unna, Lünen und anderen Städten des Umlandes, die nach verschiedenen Projekten in unserer Stadt fragen.

Wichtig ist vor allem, dass die Dortmunder die Kulturvielfalt in ihrer Stadt als Normalität betrachten. Fast dreißig Prozent Menschen mit Zuwanderungsgeschichte leben in Dortmund, wollen hier bleiben und bekommen hier Kinder. Diese Fakten müssen als selbstverständlich wahrgenommen werden.

Dortmund-Redaktion: Erleichtert es Ihre Arbeit, dass Oberbürgermeister Ullrich Sierau das Thema Integration zur Chefsache gemacht hat?

Herr Sierau begleitet das Thema sehr intensiv.

Reyhan Gürtürk

Güntürk: Herr Sierau begleitet das Thema sehr intensiv. Wir merken, dass das bei den stadtinternen Fachbereichen angekommen ist. Die Fachbereiche sind offen, wenn wir sie ansprechen, holen sich fachlichen Rat oder möchten unsere Einbindung in bestimmte Prozesse. Das kann je nach Fachbereich sehr unterschiedlich sein. Es gibt Fachbereiche, die in ihrer täglichen Arbeit weniger mit dem Thema Integration in Berührung kommen und Fachbereiche – wie das Schulverwaltungsamt oder das Jugendamt – für die das Thema sowieso schon präsent ist.

Arslan: Die Präsenz des Oberbürgermeisters auf der Konferenz wurde durchweg positiv wahrgenommen. Das gibt eine Signalwirkung über Dortmunds Grenzen hinaus.

Dortmund-Redaktion: Welches Fazit ziehen Sie aus dem Integrationskongress?

Arslan: Die Gäste haben die Foren und den Kongress sehr positiv aufgenommen, auch wenn es kontroverse Stimmen gab. Für die Menschen ist es wichtig, ernst genommen zu werden und gestalten zu dürfen. Mit den Foren ist ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung gemacht worden. Und diese Stimmung ist beim Kongress zu spüren gewesen. Die kritischen Fragen haben wir in den Kongress mitgenommen und sie so gut wie möglich beantwortet.

neue Impulse Reyhan Güntürk

Steuerungsinstrumente wie Monitoring hält Reyhan Güntürk für unerlässlich
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Dortmund-Agentur / Anja Kador

Güntürk: Es wurden Handlungsbedarfe formuliert, wie Integrationsmonitoring, Zahlen, Bestandsaufnahme laufender Projekte, Vernetzungsmöglichkeiten. Die Informationen sind wichtig, um eine bessere Abstimmung in den Projekten zu erreichen und Parallelstrukturen zu vermeiden.

Den Bedarf kennen wir aus unserer täglichen Arbeit. Ich fand es gut, dass die Akteure ihre Wünsche noch einmal genau im Prozess herausgearbeitet haben. Die Steuerungsinstrumente sind notwendig, um Integrationsarbeit effektiv und zielgerichtet zu gestalten. Mit diesem Auftrag machen wir uns jetzt auf den Weg und legen insbesondere Wert darauf, dass Veränderungen spürbar sind. In jedem Stadtbezirk.

Dortmund-Redaktion: Welches Signal des Integrationskongresses war Ihnen besonders wichtig?

Arslan: Die zentrale Botschaft aus dem gesamten Prozess ist: "Wir müssen eine Neuausrichtung unter Berücksichtigung der bisher geleisteten Arbeit vornehmen." Wir sind gemeinsam verantwortlich für ein gutes Zusammenleben und müssen die Vielfältigkeit als Potential sehen, einbringen und nutzen.

Güntürk: Gerade in den letzten zwei Jahren ist, auch vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels, der Potential- und Kompetenzansatz bedeutsam geworden. Das heißt, wir gucken, was können die Menschen, welche Qualifikationen bringen sie mit. Der Ansatz ist das Gegengewicht zur Defizitdiskussion, in der viel zu lange darauf geguckt wurde, was Migranten alles nicht leisten (können). Natürlich müssen wir uns auch mit Defiziten auseinandersetzen. Allerdings kommt es auf einen Perspektivwechsel an und der setzt langsam ein. Die Auseinandersetzung mit diesem Ansatz ist ein positives Signal.

Dortmund-Agentur: Lässt es diese Gesellschaft überhaupt zu, dass sich Menschen integrieren?

Integration kann keine Einbahnstraße sein.

Levent Arslan

Arslan: Integration kann keine Einbahnstraße sein. Die Integration ist keine ausschließliche Aufgabe für Migranten, sondern eine Aufgabe für alle. Die Frage lautet: Was müssen Mehrheitsgesellschaft und Menschen mit Zuwanderungsgeschichte tun, damit Integration gelingt?

Güntürk: Es ist noch viel Dialog notwenig. Wenn bis zu achtzig Prozent der Mehrheitsgesellschaft Sarrazins Thesen zustimmen, muss man hinterfragen, wie Menschen zu dieser Meinung kommen. Häufig fehlen schlicht Informationen von- und der Dialog miteinander bzw. auch eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der Lebenswirklichkeit – ob erfolgreich oder nicht – der Migranten.

Dortmund-Agentur: Stichwort Sarrazin: Seit seinem Buch „Deutschland schafft sich ab“ fokussiert sich die Integrationsdebatte stark auf muslimische und da vor allem auf Menschen, die sich nicht integrieren wollen. Stimmt der Eindruck?

Güntürk: Ich finde die Fokussierung nicht richtig. Es muss immer eine Differenzierung geben. Gerade wenn Sarrazin seinen Blick auf Muslime oder Türken oder Araber konzentriert, ist es wichtig auch auf andere Migranten zu blicken, auf ihre Erfolge und Bedürfnisse einzugehen. Wir bemühen uns um diese Differenzierung. Egal, was wir machen, egal, um welches Thema oder um welche Zuwanderungsgruppe es geht. Pauschale und gleichzeitig negative Aussagen immer jeweils über eine Gruppe zu treffen, ist schlichtweg diskriminierend.

neue Impulse Levent Arslan

Levent Arslan möchte den Menschen die Angst vor einer sich wandelnden Gesellschaft nehmen
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Dortmund-Agentur / Anja Kador

Arslan: Sarrazin agiert geschickt. Er treibt u. a. einen Keil zwischen die Migranten. Er nimmt Pseudodifferenzierung vor, in dem er etwa sagt, die Perser sind die besseren Muslime, sie sind die Intellektuellen unter den Muslimen.

Die Gesellschaft ist im Wandel. Das bezieht sich nicht nur auf Deutschland, sondern auf ganz Europa – die Grenzen fallen, die Ethnien mischen sich. Ist doch klar, dass Veränderungen nicht ohne Reibungen zu haben sind. Die neu entstehende Gesellschaft schürt bei vielen Menschen Angst. Diese Angst stellt Fragen. Wenn die Fragen unbeantwortet bleiben, dann geben die Falschen die Antworten und Menschen wie Sarrazin kriegen eine Plattform.

Dortmund-Redaktion: Welche Stimmung nehmen Sie in Dortmund in Bezug auf das Integrationsthema wahr?

Güntürk: Dortmund verfügt über sehr gute Strukturen. Das mache ich an den Menschen fest, die engagiert am Thema arbeiten. Ich habe selten so gute Strukturen und Vernetzungen erlebt, wie in Dortmund.

Das Engagement geht auf eine lange Tradition zurück. Die Wohlfahrtsverbände beispielsweise machen seit Anfang der Migration Arbeit für Zuwanderer. Das ist eine gesunde und solide Basis, auf der wir aufbauen.

neue Impulse Teekanne

Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Dortmund-Agentur / Anja Kador

Dortmund-Redaktion: Wie wird es mit den vorliegenden Ergebnissen weitergehen?

Güntürk: Wir erstellen ein Arbeitsschema zu den vier Fachforen und eine Zeitschiene. Wir müssen wissen, wann wir was verwirklicht haben wollen und welche Rahmenbedingungen es gibt.

Transparenz zur Politik ist außerdem ganz wichtig. Der Arbeitsplan geht als Vorlage in den Rat mit den entsprechenden Zahlen für die Projekte. Es muss über Inhalte und Finanzen auf der politischen Ebene diskutiert werden und zwar noch in diesem Jahr.

Arslan: Wir wollen, dass die Ergebnisse, Vorschläge und Maßnahmen umgesetzt werden. Wir wollen uns pro Handlungsfeld noch einmal treffen und zwischen den Handlungsfeldern kooperieren. Wir werden an Inhalten arbeiten, finanzielle Schnittmengen erarbeiten und Verknüpfungen finden.

neue Impulse Reyhan Güntürk

Dass die Integrationsdiskussion lebendig bleibt, findet Reyhan Güntürk wichtig
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Dortmund-Agentur / Anja Kador

Dortmund-Redaktion: Wird MIA-DO eines Tages überflüssig?

Güntürk: Für die Verwaltung gesprochen, wäre der Idealzustand, wenn Fachbereiche Integration und Migration bei allen Inhalten mitdenken, berücksichtigen und einplanen, d.h. interkulturell kompetent und sensibel sind, natürlich immer da, wo es insbesondere erforderlich ist. Grundsätzlich wird Integration aber ein Thema sein, mit dem wir uns – gerade auch außerhalb der Verwaltungsstrukturen - noch lange Jahre beschäftigen werden. Ich habe nicht das Gefühl, dass die Integrationsdebatten abnehmen, im Gegenteil. Das Thema wird von Jahr zu Jahr wichtiger und intensiver diskutiert. Das ist auch gut so, dass die Diskussion – mit all ihren negativen Nebenerscheinungen – so in den Fokus der öffentlichen Diskussion gerückt wird.

Arslan: Ganz zentral ist, dass ein gesellschaftliches Klima besteht, wo beidseitig nicht mehr nach Herkunft und Ethnie gefragt und klassifiziert wird, sondern kulturelle Vielfalt eine Selbstverständlichkeit wird. Wenn sich der der Anteil der Migranten in jedem gesellschaftlichen Bereich widerspiegelt, in jeder Institution, in den Führungspositionen der Wirtschaft und den Verwaltungen, dann ist Integration gelungen.

Zur Sache