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Lehrreich und übersichtlich: die Exponate des Naturkundemuseums

Zur Sache

Bild: Dortmund-Agentur / Gaye Suse Kromer

Dr. Dr. Elke Möllmann

Schützen, was man liebt

Fast 100 Jahre zählt das Museum für Naturkunde an der Münsterstraße der Nordstadt und dort bewegt sich eine Menge! Zurzeit bauen fleißige Handwerker am neuen Großaquarium des Museums. Schon im Verlauf dieses Jahres sollen heimische Fischarten hier ein neues Zuhause finden. Außerdem ist eine Rundum-Sanierung für 2012 und 2013 geplant.

Fossil eines Urpferds

Das Messeler Urpferdchen ist eines der musealen Highlights im Dortmunder Naturkundemuseum
Bild: Museum für Naturkunde

Überhaupt soll noch viel mehr passieren im Museum an der Münsterstraße, indem die Vielfalt der Natur vermittelt wird. Von einem Schaubergwerk mit Erzen und Mineralien, über Fossilien wie ein Urpferdchen bis hin zu Lebendgetier wie Geckos und Vogelspinnen reichen die Exponate des Hauses.

Das besucherstärkste städtische Museum Dortmunds wird sich einer inhaltlichen Neukonzeption unterziehen. Verantwortlich dafür ist die Leiterin des Museums Dr. Dr. Elke Möllmann. Sie war ab 2006 zunächst wissenschaftliche Assistentin des ehemaligen Museumsdirektors und übernahm 2008 die Leitung. In einem Gespräch erzählt die Wissenschafterin mehr zu neuen Ideen, über den Reiz, ein Museum zu leiten und zum anstehenden Umbau.

Interview: Gaye Suse Kromer

Dr. Dr. Elke Möllmann inmitten ihrer Ausstellung "Menschheitsgeschichte"

Dr. Dr. Elke Möllmann inmitten ihrer Ausstellung "Menschheitsgeschichte"
Bild: Dortmund-Agentur / Gaye Suse Kromer

Dortmund-Redaktion: Sie kommen aus Ahlen in Westfalen, haben lange Zeit in Bielefeld gelebt, dort in den Fächern Biologie und Informatik promoviert. Was macht für Sie den Reiz aus, im Naturkundemuseum Dortmund zu arbeiten?

Möllmann: Der damalige Leiter Dr. Tanke hat einen Mitarbeiter gesucht, der die Ausstellung Menschheitsgeschichte entwickelt.

Die Vielfältigkeit ist das, was Spaß macht!

Auf genau diesem Gebiet habe ich damals freiberuflich gearbeitet und mit dem Ausblick Ausbildungsdidaktik promoviert. Mein Hauptarbeitsschwerpunkt liegt also in der Ausstellungsgestaltung. Ich habe in Dortmund die Möglichkeit bekommen, mein Steckenpferd zum Beruf zu machen. Es ist eine Herausforderung, dem Naturkundemuseum ein neues Gesicht zu geben, neue Ausstellungen zu konzipieren.

Dortmund-Redaktion: War es schwierig, sich mit 37 Jahren im Bewerbungsverfahren für so einen verantwortungsvollen Posten durchzusetzen?

Möllmann: Ich habe gedacht, dass ich ja nichts zu verlieren hätte, wenn ich mitmache. Das Bewerbungsverfahren war eine Herausforderung. Ich war überrascht, dass die Wahl auf mich fiel. Ich war zu dem Zeitpunkt schon zwei Jahre im Haus, kannte die Verhältnisse und bekam – nachdem die Wahl auf mich gefallen war – Hilfe durch das Personalamt mit Seminaren zur Vorbereitung auf diese Leitungs- und Führungsfunktion.

Außerdem unterstützte mich eine Mentorin. Sie ist mittlerweile zu einer engen Freundin geworden. Darüber hinaus gibt es eine sehr gute Verwaltung und einen Chef im Rücken, die mich beraten haben. Ich wusste, da kann ich jederzeit anrufen, wenn ich nicht weiter weiß. Das Team im Naturkundemuseum kannte mich schon. Die Arbeit macht Spaß und ist eine Herausforderung. Ich würde mich immer wieder für diesen Job entscheiden.

Steckenpferdvitrine

Pünktlich zur Meisterschaft wurde die Steckenpferdvitrine in "schwatz-gelb" dekoriert
Bild: Dortmund-Agentur / Gaye Suse Kromer

Vor drei Jahren bin ich ins Umland von Dortmund gezogen und seit einem Jahr bin ich „richtige“ Dortmunderin. Ich habe dem BVB sehr die Daumen gedrückt. Die Kollegen haben sogar eine BVB-Vitrine eingerichtet. Wir haben eine Steckenpferdvitrine. Alle vier bis sechs Wochen ändert sich darin der Inhalt. Die ist unwahrscheinlich gut gelungen. Hier kann man gar nicht anders, als sich für den Fußball zu erwärmen.

Dortmund-Redaktion: Ist ein Traum für Sie in Erfüllung gegangen, als Leiterin eines Naturkundemuseums zu arbeiten?

Möllmann: Ich habe das Studium nicht mit dem Ziel begonnen Museumsdirektorin zu werden. Das Thema Biologie hat mich einfach interessiert. Nach Abschluss des Studiums habe ich mir einen Bereich gesucht, indem ich promovieren kann. Alles Weitere ergab sich. Der Wunsch, in einem Naturkundemuseum zu arbeiten war allerdings schon da. Ich wollte die Inhalte der Natur, der Naturwissenschaft vermitteln – das war eine Herzensangelegenheit. Natur ist das, was mich beschäftigt und mir Spaß macht.

Leiterin Möllmann informiert über das Skelett des Höhlenbären

Leiterin Möllmann informiert über das Skelett des Höhlenbären
Bild: Dortmund-Agentur / Gaye Suse Kromer

Früher habe ich auch Führungen gemacht. Das war toll, gerade mit kleinen Kindern. Ich kann mich an ein Erlebnis mit einem Kindergarten erinnern. Das war eine meiner schönsten Führungen, weil die Kids so begeistert waren. Es ging um das Thema Wald. Unsere Präparatorin hatte extra ein Eichhörnchen zum Anfassen vorbereitet. Die Kinder standen mit leuchtenden Augen da. Derjenige, der das Tier tragen durfte, war so stolz. So bringt man den Kleinen bei, was wirklich wichtig ist.

Naturwissenschaft zu vermitteln ist eine Herzensangelegenheit

Es ist wichtig, Kinder so früh wie möglich an die Natur heranzuführen. Junge Menschen, die im ländlichen Raum aufwachsen, kennen eine Amsel oder einen Spatz. Das ist bei Stadtkindern anders. Ihre Welt ist durch Architektur geprägt. Leider gibt es viele Stadtkinder, die glauben, Kühe seien lila. Wir können zwar keinen Bauernhof bieten, aber Tiere, die in Dortmund, im Münster- oder im Sauerland zu sehen sind.

Dortmund-Redaktion: Welche neuen Konzepte streben Sie an und woran merken Sie, dass die Ideen aufgehen?

Steckenpferdvitrine

Pünktlich zur Meisterschaft wurde die Steckenpferdvitrine in "schwatz-gelb" dekoriert
Bild: Dortmund-Agentur / Gaye Suse Kromer

Möllmann: Das Museum hat zwei große Bereiche: die Biologie und die Geologie. Im Bereich der Biologie möchte ich Ökosysteme zeigen. Dafür wollen wir die Ausstellung insgesamt stärker regional ausrichten, heißt ich möchte zeigen, welche Lebensräume es in Dortmund und der Region gibt. Sauerland und Münsterland sind nicht weit. Man schützt nur das, was man kennt und was man liebt. Ich hoffe, dass die Besucher, die die Tiere und Pflanzen hier kennenlernen, in die Natur gehen und sagen: "Guck mal, ein Grünspecht – und so was haben wir hier in Dortmund? Das ist ja unglaublich!".

Dr. Sylvia Rückheim, die mit mir 2006 als wissenschaftliche Volontärin für den Bereich Geologie angefangen hat, und ich haben neue museumspädagogische Programme aufgelegt. Die Besucher nehmen die Programme ausgezeichnet an. Gerade die Kindergeburtstage, die wir anbieten, kommen an. Wer sich entschließt, im Museum zu feiern, will nicht nur Belustigung, sondern auch auf spielerische, unterhaltsame Weise Wissen vermittelt bekommen. Das Feedback bekommen wir über die hohe Anzahl der Buchungen. Wir sind auf dem richtigen Weg. Die Führungen sind außerdem auf die schulischen Inhalte abgestellt. Wenn ein Lehrer ins Museum kommt, findet er immer ein Thema, das zu seinem Unterricht passt.

Dortmund-Redaktion: Was wollen Sie mit der Finanzspritze von 4,3 Millionen Euro in den nächsten Jahren noch verändern?

Möllmann: Der größte Teil der Summe fließt in das Gebäude. Die Substanz ist zwar solide, aber im Technikbereich gibt es erhebliche Defizite. Wir müssen das Haus sanieren und vor allem barrierefrei gestalten. Weil wir sowieso komplett an das Haus gehen – Brandschutz ist ebenfalls ein großes Thema – ist es sinnvoll, auch gleich die Dauerausstellung komplett zu erneuern.

Riesenammoniten

Die Riesenammoniten sind echte Dortmunder Jungs: Sie wurden bei Baggerarbeiten der Stadtbahn entdeckt
Bild: Dortmund-Agentur / Gaye Suse Kromer

Ich hoffe, dass wir Anfang nächsten Jahres schließen können. Dann werden wir gut drei Monate damit beschäftigt sein, die Ausstellung auszuräumen. Das Verpacken kann kein privates Unternehmen leisten. Dafür sind die Exponate zu wertvoll. Gerade die Mineralien sind sehr empfindlich. Es laufen schon jetzt in den Magazin-Bereichen die Vorbereitungen. Unsere Präparatorin in der Mineralogie hat sich ausgefuchst überlegt wie wir es hinkriegen, dass die Mineralien im Haus bleiben, was wir dafür auslagern können. Für die Zeit der Sanierung müssen wir das Haus schließen, d.h. Gästeverkehr ist in der Zeit nicht möglich.

Wenn es gut läuft, brauchen wir etwa ein Jahr für den gesamten Umbau. Wenn wir wieder öffnen, sind wir weitestgehend barrierefrei, haben ein Brandschutz-Konzept auf dem neusten Stand, eine neue Gebäudetechnik und eine neue Dauerausstellung. Ein Museum zu gestalten ist eine großartige Chance.

Dortmund-Redaktion: Sie haben mit frisch zurückliegenden Schottlandausstellung einen Testballon gestartet. Welches Zwischenresümee ziehen Sie?

Möllmann: Wir wollten sehen, wie die Gäste eine umfassende Ausstellung mit biologischen und geologischen Teilen und ein bisschen Historie bis in die Neuzeit zu einem ganzen Land aufnehmen. Wir hatten zur Eröffnung so viele Besucher wie noch nie zu einer Eröffnung, rund 240 Gäste. Die Kooperation mit der Auslandsgesellschaft dazu war wertvoll. Die Kollegen hatten sofort gesagt: „Das passt zu uns, wir machen den Schottlandtag mit euch gemeinsam“. Zur Ausstellung kamen andere Leute ins Haus als sonst. Das ist wichtig, denn das Museum lebt nicht nur von einem Museumsbesuch. Mit den Sonderausstellungen erreichen wir andere Gäste, die möglicherweise zu "Wiederholungstätern" werden.

Ich freue mich auf die Jahre nach der Sanierung, in denen wir mit witzigen Themen Sonderausstellungen gestalten können. Wir haben schon ein paar in der Hinterhand. Mal gucken, ob wir die finanziert kriegen.

Schottlandausstellung

Ein Element der Schottlandausstellung war das Thema Whisky - natürlich
Bild: Dortmund-Agentur / Gaye Suse Kromer

Dortmund-Redaktion: Sonder- und Dauerausstellungen, Personalorganisation und Schriftverkehr: Wie sieht ein typischer Arbeitstag bei Ihnen aus?

Möllmann: Ich wäre nicht böse darum, die Verwaltungsarbeit, die einen Großteil meiner Zeit in Anspruch nimmt, zu schmälern, um wieder verstärkt inhaltlich arbeiten zu können. Das inhaltliche Arbeiten ist das Interessante. Da nimmt Kollegin und Stellvertreterin Dr. Cornelia Bockrath den besseren Posten ein, weil sie viel mehr inhaltlich arbeiten kann. Ich möchte in einem Museum arbeiten, weil ich Ausstellungen machen möchte. Aber das schöne an dem Beruf ist, dass ich mich immer wieder mit neuen Themen beschäftige. Vor Schottland war es die Polar-, eine Hunde- und eine Steinzeitausstellung. Das Vielfältige ist das, was Spaß macht. Man hat immer wieder neue Themen und lernt immer wieder andere Menschen kennen. Die Dortmunder sind so unwahrscheinlich offen. Wenn ich Hilfe brauche, ist das kein Problem. Das ist das Faszinierende an Dortmund: die Menschen. Die Dortmunder sind unglaublich freundlich. Sie sind schon ein besonderer Menschenschlag.

Dortmund-Redaktion: Inwieweit stehen Sie mit anderen Wissenschaftlern in Kontakt?

Möllmann: Wir sind bundesweit vernetzt. Der Deutsche Museumsbund hat letztes Jahr bei uns getagt. Ich hatte Kollegen aus ganz Deutschland im Haus. Das war spannend. Kollegin Bockrath aus der Geologie nimmt Kontakt zu Kollegen aus dem angelsächsischen Bereich auf, wenn es um bestimmte Fossilien geht. In der Biologie konzentrieren sich die Kontakte auf Deutschland. Der Deutsche Museumsbund und die Museumsleute treffen sich regelmäßig – es gibt je eine Frühjahrs- und eine Herbsttagung. Die Treffen geben Zeit und Raum, sich zusammenzusetzen und Planungsgespräche zu führen über zukünftige Sonderausstellungen.

Dortmund-Redaktion: Gibt es einen Bereich im Museum, an dem Ihr Herz besonders hängt, einen Ausstellungsteil, den Sie besonders mögen?

Möllmann: Sobald das Aquarium öffnet, wird lange Zeit das mein Lieblingsbereich sein. Was wir dort geplant und teilweise schon umgesetzt haben, ist ein ziemlicher Knaller. Ansonsten sind es eher Exponate, die mich faszinieren: Ich finde das Urpferd aus Messel gut. Es ist ein herausragendes Exponat, was von der damaligen Museums-Crew Ende der siebziger Jahre, Anfang der achtziger selbst ergraben wurde. Es gibt ein Foto, auf dem man den letzten Museumsdirektor sieht mit Badehose, wo ein ganzes Team von Leuten, auch Ehrenamtliche mit graben. Das werden wir nie wieder haben. Dafür sind wir personell nicht ausgestattet.

Ich mag unseren Bienenstock, auch wenn der im klassischen Sinne kein Museumsobjekt ist. Ich stehe oft davor, gucke mir das Treiben an und bin fasziniert. Das ist das, was ich von den Besuchern mitkriege. Sie habe die Möglichkeit, in einen Bienenstock reinzugucken, ohne gestochen zu werden. Weitere Exponate sind das Wildschwein und die Rehe, die daneben stehen. Sie stehen wie in einer Momentaufnahme. Die Rehe hat unsere biologische Präparatorin gemacht und in dieser Szene zusammengestellt. Die Tiere wirken ganz lebendig.

Natürlich mag ich auch die Exponate aus der Ausstellung "Menschheitsgeschichte", die ich erstellt habe. Ein Exponat gehört mir. Es gibt eine Geschichte zu einem Unterkiefer in der Ausstellung. Dieser Kiefer wurde von dem deutschen Forscher Professor Friedemann Schrenk in Malawi gefunden – ein extremes Forschungsgebiet mit der Malariagefahr und der Hitze. Er ist einer der wenigen, der die Lizenz zum Graben in Afrika hat. Den Kiefer konnte Schrenk zeitlich mit 2,5 Millionen Jahre einordnen. Leider fehlte an diesem Unterkiefer ein Viertel eines Backenzahns. Genau dieses kleine Stück war wichtig, um die Art zu bestimmen. Wenn das wirklich diese Art gewesen wäre, die er im Kopf hatte, dann wäre das die absolute Sensation gewesen. Schrenk hat im Jahr darauf drei seiner Doktoranten an diesen Hügel geschickt. Sie haben ein Viertel Jahr lang großflächig den Boden abgetragen und am Strand das Gut durchgesiebt. Am allerletzten Tag haben sie tatsächlich das Stück gefunden. Es war genauso wie Schrenk vorher gesagt hat: eine absolute Sensation. Er hat danach die Professur in Frankfurt gekriegt und arbeitet jetzt im Senckenberg-Museum. Diesen Unterkiefer habe ich von ihm geschenkt bekommen, weil er einer meiner Doktorväter war.

Dortmund-Redaktion: Frau Dr. Dr. Möllmann, herzlichen Dank für das Gespräch.

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