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Zur Sache

Bild: Jesús González Rebordinos

Michaela Bonan

Für Bürger da sein

Verwaltungsfachfrau Michaela Bonan vermittelt seit Januar 2011 als erste Ombudsfrau bundesweit in einer Kommune zwischen Bürgerinteressen, Politik und Verwaltung. Die Ombudsstelle für Bürgerinteressen und -initiativen ist im Amt für Angelegenheiten des Oberbürgermeisters und des Rates angesiedelt. Bürgern den Zugang zur Mitsprache zu Erleichtern ist das tägliche Geschäft der Ombudsfrau.

Michaela Bonan

Michaela Bonan ist landesweit die erste Ombudsfrau für Bürgerinteressen
Bild: Dortmund-Agentur / Stefanie Kleemann

Michaela Bonan macht keinen herkömmlichen Bürojob – sie brennt im Sinne der Bürgerschaft für die Sache. Und das muss sie auch, denn die komplexe Tätigkeit als Ombudsfrau erschöpft sich nicht nur im genauen Zuhören bei den zurzeit 31 Dortmunder Bürgerinitiativen – eine weitere ist gerade in Planung. Es verlangt darüber hinaus ein hohes Maß an Engagement, Elan und Energie, um immer wieder einen Konsens zwischen den unterschiedlichen Interessenslagen zu finden.
Warum der Dialog zwischen Bürgerschaft, Politik und Verwaltung für sie das A und O ist, wo sie sich außerdem noch engagiert und welche Pläne sie für den Ausbau der Ombudsstelle hat, darüber sprach die Dortmund-Redaktion mit Michaela Bonan.

Interview: Gaye Suse Kromer

Dortmund-Redaktion: Wie erklären Sie Ihre Funktion als Ombudsfrau, mit welchen Fragen können sich Bürger an Sie wenden und was interessiert die Bürgerschaft besonders?

Michaela Bonan: Ich verstehe mich als Ansprechpartnerin, Koordinierungsstelle und Lotsin durch bestehende Angebote. Ich vermittele den richtigen Ansprechpartner in der Verwaltung und erkläre den Bürgern wie Verwaltung arbeitet. Und ich gebe Informationen zum Thema Beteiligungen und Beteilungsmöglichkeiten.

Ein Bespiel: Ein Bürger fragt "Auf unserem Grundstück ist ein Vermessungswagen. Die Stadt hat doch gesagt, es passiert erstmal nichts. Warum ist der Vermesser hier?". Ich rufe beim Vermessungs- und Katasteramt an und informiere mich, warum dort vermessen wird. Die Kollegen geben mir Auskunft und die gebe ich dem Bürger weiter. Es geht oft um Umweltthemen, um Frei- und Grünflächen, um Bau- und Planungsmaßnahmen, Elektrosmog. Ganz oben steht außerdem Sicherheit und Ordnung.

Tischbesprechung

Beim ersten von Michaela Bonan organisierten Bürgercafé diskutierten die Dortmunder lebhaft mit der Ombudsfrau (links)
Bild: Dortmund-Agentur / Gaye Suse Kromer

Ein anderes Beispiel: Jemand möchte eine Bürgerinitiative gründen. Ich erkläre, wie man anfängt, wie und wen man einladen kann und sage, welche Bürgerinitiativen es schon gibt. Ich habe die Dortmunder Bürgerinitiativen untereinander vernetzt, dass heißt ich kann sagen "Es gibt es eine Bürgerinitiative, die hat ein ähnliches Anliegen." Ich vermittle also auch zwischen den einzelnen Bürgerinitiativen.

Agieren, statt reagieren!

Dortmund-Redaktion: Was ist in Ihrem komplexen Tätigkeitsfeld die wichtigste Vorraussetzung, die Arbeit als Ombudsfrau leisten zu können?

Michaela Bonan: Das Wichtigste ist, neugierig darauf zu sein, was die Bürger bewegt und was in dieser Stadt passiert. Man muss an politischen Themen interessiert sein und politische Spannungen mitkriegen. Meine Philosophie ist, nicht zu reagieren, sondern zu agieren. Wenn ich lese, dass eine Bürgerveranstaltung stattfindet, gehe ich hin. Die Bürgerbeteilung braucht ein Gesicht, damit die Menschen wissen, wen sie fragen können.

Wenn Bürger sich beschweren, nehme ich Kontakt auf, höre, wo der Schuh drückt und was bisher gelaufen ist. Oft gibt es einfach Kommunikationsprobleme, Missverständnisse, die sich einschleichen und sich aufbauen. Es ist wichtig, dass frühzeitig eine neutrale Stelle zwischen den einzelnen Interessen vermittelt. Man muss sich in andere Menschen hineinversetzen, um zu spüren, was sie für ein Bedürfnis haben. Wichtig ist, einen kühlen Kopf zu bewahren. Das Ziel ist: Wir wollen die Diskussion mit den Bürgern und ihr Wissen.

OB hält eine Rede vor Dortmunder Bügern

Auch für Oberbürgermeister Ullrich Sierau eine wichtige Sache: die Zivilgesellschaft und bürgerschaftliches Engagement
Bild: Dortmund-Agentur / Gaye Suse Kromer

Dortmund-Redaktion: Verstehen die Bürger das?

Michaela Bonan: Ja! Zu Beginn habe ich mich auf einer Pressekonferenz vorgestellt. Dazu waren auch die Bürgerinitiativen eingeladen. Da kam viel Skepsis: "Na ja, was soll die schon machen? Der Flughafen wird nicht geschlossen, nur weil es jetzt eine Ombudsfrau gibt." Wir haben klar gemacht, dass es darum geht, Strukturen zu schaffen, so dass die Bürger viel eher in Prozesse eingebunden werden.
Bei Projekten wie dem Flughafen kann man nicht mehr umkehren, aber es ist wichtig, dass verwaltungsintern eine größere Sensibilität geschaffen wird für bürgernahe Informationen: Wie kann ich den Bürger besser erreichen? Wie will der Bürger überhaupt informiert werden?
Wenn man einem Bürger erklärt wie eine Entscheidung zustande gekommen ist, erklärt, dass alle Standorte geprüft, Lärmfaktoren beachtet wurden und man Schluss endlich nur zu dieser Entscheidung kommen konnte, versteht das der Bürger. Wichtig ist, von sich aus zu erläutern.

Dortmund-Agentur: Was haben Sie vor Ihrer Tätigkeit als Ombudsfrau gemacht?

Michaela Bonan: Ich war im Dezernatsbüro des Umweltdezernenten, habe mich zum einen mit dem Projektcontrolling im Bereich Wahlen beschäftigt – also schon ein bisschen Bürgerarbeit, ein bisschen politische Arbeit. Zum anderen bin ich Geschäftsführerin des Konsultationskreises Energieeffizienz und Klimaschutz. Daher die guten Kontakte zur Bürgerschaft, die entsprechenden Kenntnisse zum Planungsrecht und zu bestimmten Bereichen des Klimaschutzes. Das hat mir den Zutritt in die Bürgerschaft erleichtert und Akzeptanz gebracht.

Dortmund-Redaktion: Inwieweit stehen Sie mit anderen Kommunen oder Bundesländern in Kontakt?

Michaela Bonan: Wir sind in Dortmund auf einem guten Weg, eine Vorbildfunktion einzunehmen. In NRW gibt es so was wie hier noch nicht. Wir haben aber Ende September 2011 ein bundesweites Netzwerk Bürgerbeteilung gegründet, wo wir genau diese Themen aufgreifen. Wir wollen voneinander lernen, wir wollen von Prozessen partizipieren, die in anderen Bundesländern laufen. Wenn wir uns die Energiewende angucken werden wir um das Thema Beteilung nicht herum kommen. Bürgerbeteilung ist das Thema der Zukunft.

Wir brauchen die schweigende Mehrheit.

Dortmund-Redaktion: Worin liegt der besondere Reiz für Sie in Ihrer Tätigkeit und was sind die besonderen Herausforderungen?

Michaela Bonan: Spaß macht mir, irgendwann zu wissen, was in der gesamten Stadt passiert. Die Arbeit hat ein umfassendes Spektrum, weil es zu fast jedem Thema ein Bürgeranliegen gibt. Mir macht es auch unheimlich viel Spaß mit den Bürgern zu arbeiten, sich auszutauschen. Ich bin ja in der Regel vor Ort, heißt ich bin bei den Bürgern. Nicht umgekehrt. Das kommt gut an. Verwaltung bewegt sich, Verwaltung hat Interesse an der Situation vor Ort.
Es gibt Bürger, die sich engagiert beteiligen. Sie sind aber nicht die Mehrheit. Wir brauchen die sogenannte schweigende Mehrheit. Ich muss die Meinung derjenigen bekommen, die nicht betroffen sind, um ein Gesamtbild zu bekommen. Es gilt Instrumente zu finden, das können Online-Befragungen sein oder Internetplattformen, wo man Meinungen von Bürgern einfangen kann.

Im Grunde sind es zwei Dinge: Natürlich bin ich Lotse, Ansprechpartnerin für die Bürgerinitiativen. Andererseits will ich ja Strukturen aufbauen – intern und extern, um die Chance der Mitwirkung insgesamt zu erhöhen. Das geht nur, wenn man dem Bürger sagt „Ihr könnt mitwirken“. Die Frage ist, wie wecke ich das Interesse so, das Meinungsbilder abgefragt werden können? Die direkte Ansprache „Genau Dich brauchen wir, genau Deine Meinung wollen wir hören“ ist entscheidend.

Dortmund-Redaktion: Auf Ihrer Internetseite steht ein Zitat von Lao-Tse „Sage es mir – und ich werde es vergessen. Zeige es mir – und ich werde mich erinnern. Beteilige mich – und ich werde es verstehen“. Welche Bedeutung hat dieses Zitat für Ihre Arbeit?

Michaela Bonan: Mit dem Spruch möchte ich vermitteln, dass es um das miteinander Reden, Zuhören, Mitwirken geht. Das ist für mich der Weg, den Bürger frühzeitig einzubinden. Ich möchte den Bürger dabei unterstützen, auch wenn er nicht immer mit entscheiden kann. Das ist für mich die Botschaft: Es muss eine realistische Chance geben, Entscheidungen verstehen zu können. Verstehen können trägt zur Akzeptanz bei. Vielleicht kann ich die Bürger auch mit Elan überzeugen: "Komm, das macht Spaß!".

Michaela Bonan

Eher selten im Büro anzutreffen ist Ombudsfrau Bonan, dafür viel vor Ort, bei den Bürgern
Bild: Dortmund-Agentur / Stefanie Kleemann

Der Bürger macht nichts, wenn er nichts davon hat. Also muss vorher klar sein: "Wie ist Deine reelle Chance, dass Du mitreden kannst? Wie viel Zeit kostet Dich das?" Das muss man mit dem Bürger besprechen, dann können sich mehr beteiligen. Die Bürger haben keine Zeit und sagen: "Sitze ich da jeden Abend oder einmal in der Woche? Darauf habe ich keine Lust."

Aber wenn ich sage: "Ich will das gar nicht von Dir. Ich möchte Deine Meinung, ich arbeite die Ergebnisse aus, dann lade ich Dich noch mal ein und möchte wieder Deine Meinung dazu." Hier darf jeder reden, auf Augenhöhe. Das ist ja das spannende an der Ombudsstelle: Der Bürger soll meine Aufgabe mit gestalten und wir versuchen das, was er als Gestaltungsvorschlägen hat, umzusetzen. Ich bin ganz offen.

Ich umsorge die Bürger.

Dortmund-Redaktion: Sie telefonieren viel mit Bürgern und Verwaltungskollegen, organisieren, müssen permanent Informationen sammeln bzw. verarbeiten,, fassen Berichte zusammen und sind vor allem vor Ort bei Bürgern und Initiativen. Welche Rolle spielt Zeit für Sie?

Michaela Bonan: Zeit ist kein Gedanke, kein Faktor, kein Maßstab. Bürger gehen in der Regel arbeiten, das bedeutet, meine Arbeitet findet meist dann statt, wenn die Kollegen nach Hause gegangen sind. Das macht aber nichts. Ich teile es mir eben ein. Nur habe ich im Büro auch ganz viele Dinge aufzuarbeiten. Ich habe die Verpflichtung, den Oberbürgermeister zu informieren, er möchte wissen – und deshalb gibt es mich ja – wo sind die Knackpunkte, wo muss man evtl. eingreifen, wo müssen wir gegensteuern?

Arbeitsmaterial

Michaela Bonan möchte die Ombudsstelle bürgergerecht gestalten und fragte beim Bürgercafé genau nach.
Bild: Dortmund-Agentur / Gaye Suse Kromer

Das ist sehr aufwendig, aber ich möchte für den Bürger da sein. Wenn ich ein Sekretariat vorschalte, macht es keinen Sinn, weil wieder jemanden zwischen Bürger und Verwaltung steht. Ich melde mich sogar bei den Bürgerinitiativen ab, wenn ich in Urlaub gehe. Ich umsorge die Bürger.

Dortmund-Redaktion: Wie definieren Sie Erfolg in Ihrer Arbeit?

Michaela Bonan: Erfolg ist für mich beispielsweise, dass ich die Chance bekomme, in einem Ausschuss die Bürgerinitiativen zu beschreiben. Erfolg ist auch, wenn ich nette Bürgerbriefe bekomme oder wenn ich in Netzwerken arbeite und andere Kommunen sagen "Wow, Dortmund macht tolle Sachen!". Je mehr Menschen sich mit dem Thema beschäftigen, desto größer wird für mich die Wahrscheinlichkeit durchzudringen. Es ist auch ein Erfolg, wenn ich bei Projekten gefragt werde, ob es aus Bürgersicht Punkte gibt, die berücksichtigt werden sollten. Dann denke ich, "Ja, meine Arbeit ist angekommen. Man hört mich."

Ich konnte sofort mit einem Konzept starten.

Dortmund-Redaktion: Ihre Stelle gibt es erst seit zehn Monaten. Ganz schön viel Anerkennung dafür, dass diese Stelle erst mit Ihnen aus der Taufe gehoben wurde.

Michaela Bonan: Als ich die Stellenausschreibung gelesen habe, war für mich klar, das ist mein Ding. Auch aus einer persönlichen Betroffenheit heraus. Ich war mal kurz davor, eine Bürgerinitiative zu gründen. Dann kam diese Stelle. Als Vorbereitung auf das Vorstellungsgespräch habe ich viel recherchiert, habe überlegt, was ich tun würde und im Vorfeld schon ein Konzept entworfen. Als ich im Januar anfing, musste ich nicht erst überlegen, was ich tun will und wie ich anfangen soll, sondern konnte sofort mit dem Konzept starten.

Auch überörtlich tut sich was: Die Aufgabeninhalte sind in der Stiftung MITARBEIT positiv aufgeschlagen. Für die Stiftung durfte ich vor drei Monaten für ihren Newsletter einen Gastbeitrag zu den neuen Strukturen in Dortmund schreiben. Es ist für mich wichtig, dass eine Stiftung, die sich mit dem Thema Mitarbeit beschäftigt, Interesse an der Stelle hat. Wir werden also sogar über Dortmund hinaus wahrgenommen.

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