Dortmund überrascht. Dich.
Friedensplatz, Berswordthalle und altes Stadthaus

Zur Sache

Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Jesús González Rebordinos

Hermann Schultenkämper

Soziale Stadt - Vernetzt für eine gute Sache

Vor drei Jahren hat die Stadt Dortmund den Aktionsplan Soziale Stadt auf die Schienen gesetzt. Ausschlag für das Konzept gaben damals der Bericht zur sozialen Lage und der Dortmunder Sozialatlas. Besonderes Augenmerk lag von Beginn an auf der konsequenten Bekämpfung von Kinderarmut.

Der Aktionsplan zeichnet sich aus durch eine breite Bürgerbeteiligung, die heute noch genauso stark und engagiert ist wie zum ersten Bürgerforum im Januar 2008. Seit dieser Zeit ist Hermann Schultenkämper als Koordinator des großangelegten Projektes gegen Armut im Boot.

Die Dortmund-Redaktion sprach mit ihm über Erfolge in der Armutsbekämpfung, die Notwendigkeit Menschen und ihre Ideen einzubinden und die Herausforderungen, die es in Sachen Soziale Stadt in Zukunft zu bewältigen gilt. Das Interview führte Anja Kador

Projektleiter Hermann Schultenkämper

Projektleiter Hermann Schultenkämper

Dortmund-Redaktion: Herr Schultenkämper, erklären Sie kurz, worum es bei dem Aktionsplan Soziale Stadt geht, wen es betrifft.

Schultenkämper: Der Aktionsplan Soziale Stadt ist die Antwort, die die Stadt im Jahr 2008 gegeben hat auf die Veröffentlichung des Berichtes zur sozialen Lage in Dortmund. Der Aktionsplan konzentriert sich auf drei Schwerpunkte: Arbeit und Beschäftigung schaffen – also das Problem der Arbeitslosigkeit -, Kinderarmut bekämpfen - weil jedes dritte Dortmunder Kind in einer Familie lebt, die Transferleistungen bezieht.
Außerdem konzentriert sich der Aktionsplan auf 13 Aktionsräume in bestimmten Stadtteilen, weil wir festgestellt haben, dass sich dort Armut und Arbeitslosigkeit verdichten.

Gegen Armut: 80 Projekte in 13 Aktionsräumen

Dortmund-Redaktion: Beschreiben Sie Ihre Aufgabe.

Soziale Stadt- Gesundes Frühstück lässt Kinder besser lernen

Zum Projektbüro "Aktionsplan Soziale Stadt" gehören neben Hermann Schultenkämper(r.) auch Gudrun Schmitz (Mitte) und Matthias Siepmann (l.)

Schultenkämper: Ich bin Leiter des Projektes Aktionsplan Soziale Stadt und koordiniere die Aktivitäten. Meine Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass die Vernetzung mit der Politik und innerhalb der Verwaltung genauso funktioniert wie mit den Partnern, die mit uns zusammenarbeiten.

Dortmund-Redaktion: Was hat sich seit 2008 geändert? Gibt es neue Schwerpunkte oder geht es immer um dieselbe Sache?

Schultenkämper: Die Schwerpunkte selbst haben sich nicht verändert, denn Arbeitslosigkeit und Kinderarmut lassen sich nicht innerhalb von ein bis zwei Jahren abschaffen. Allerdings beteiligen sind inzwischen sehr viele Menschen: Wir führen gemeinsam mit den Bürgerinnen und Bürgern um die 80 Projekte durch. Die größte Veränderung besteht darin, dass wir von der Diskussion in die Aktion gekommen sind.

Dortmund-Redaktion: Wo machen Sie den größten Handlungsbedarf aus? Wo verzeichnen Sie die größten Erfolge?

Der größte Handlungsbedarf liegt bei der Bekämpfung der Kinderarmut

Schultenkämper: Den größten Handlungsbedarf sehen wir nach wie vor bei der Bekämpfung der Kinderarmut. Nicht nur, weil Kinderarmut viele betrifft. Hier gibt es die größte Möglichkeit, Armut auf Dauer zu bekämpfen. Wir verzeichnen in diesem Bereich die besten Erfolge, weil sich ein Großteil der Projekte um Kinder und Jugendliche kümmert. So sorgen wir dafür, dass sie bessere Entwicklungsperspektiven haben. Schon vermeintlich kleine Maßnahmen wie ein gesundes Schulfrühstück oder gezielte Lernförderung erreichen große Wirkung bei den einzelnen Kindern und Jugendlichen.

Dortmund-Redaktion: Warum ist es wichtig, gerade Kinderarmut zu bekämpfen?

Schultenkämper: Kinderarmut legt die Basis für künftige Armut. Wer als Kind in Armut lebt, wird in seinem Leben wichtiger Chancen beraubt. Es ist daher unser zentrales Anliegen im Aktionsplan. Nur wenn wir die Kinderarmut bekämpfen, entziehen wir auf Dauer der Arbeitslosigkeit die Grundlage.

Dortmund-Redaktion: Über welche Art Projekte sprechen wir und wie wirken sie?

Schultenkämper: Lassen sie mich als Beispiel die Schulfrühstücksprojekte in Marten nennen, die dort an zwei Grundschulen durchgeführt werden. Mit sehr viel ehrenamtlichem Engagement und Unterstützung der Stadt ist gelungen, jeden Tag insgesamt 400 Grundschülerinnen und Grundschülern ein gesundes Frühstück zu bereiten. Die Rückmeldung der Lehrerinnen und Lehrer aus beiden Grundschulen ist, dass sich seitdem das Klima insgesamt positiv verändert und das Lernverhalten der Kinder verbessert hat. So haben wir durch städtische Mittel, kombiniert mit dem Engagement der Eltern, einen guten Erfolg erzielt.

Gesundes Frühstück verbessert Lernverhalten

Ein großes Problem ist, dass Kinder mit ungesundem Essen in die Schule kommen

Dortmund-Redaktion: Ist es so, dass tatsächlich Kinder ohne Essen in die Schule kommen?

Schultenkämper: Das ist die kleinere Seite. Das größere Problem ist, dass der Großteil der Kinder mit ungesundem Essen in die Schule kommt. Beispielsweise bekommen sie nur Geld mit in die Schule oder ein Plätzchen vom Bäcker. Aber es ist eben nicht so, dass die Kinder Obst, Gemüse, oder Jogurt in der Brotdose haben. Das ist aber das Entscheidende.

Dortmund-Redaktion: Gerade sind in den 13 Aktionsräumen die Bürgerforen zum Abschluss gekommen. In welchen Abständen finden sie statt? Ist das Engagement so groß wie zu Anfang oder ist es schwierig, Mitstreiter zu finden?

Schultenkämper: Die ersten Bürgerforen haben im Jahr 2008 stattgefunden. Jetzt haben wir eine Zwischenbilanz gezogen. Insgesamt kann man sagen, dass sich heute mehr Menschen in konkreten Projekten engagieren als damals. Bei den Bürgerforen jetzt hat große Zufriedenheit darüber geherrscht, dass die Stadt den Aktionsplan finanziell abgesichert hat und die Projekte allesamt weiterlaufen werden. Wir wollen auch zukünftig einmal im Jahr eine Bürgerversammlung machen, um auf ganz breiter Ebene zu diskutieren, wo wir stehen, was der Aktionsplan gebracht hat und wie wir weiter vorgehen wollen.

Stadt sichert Aktionsplan finanziell ab

Soziale Stadt- Gesundes Frühstück lässt Kinder besser lernen

Schreibtischarbeit gehört genauso zum Job wie die Gespräche mit Menschen vor Ort

Dortmund-Redaktion: Würden die Netzwerke auch ohne Ihre Steuerung funktionieren?

Schultenkämper: Wir haben in jedem Aktionsraum einen Aktionsraumbeauftragten, dessen Aufgabe es ist, die Menschen zusammenzubringen und für Kontinuität zu sorgen. Die Netzwerke sind keine Selbstläufer, sondern sie funktionieren mit Unterstützung der Stadt. Eine solche Anlaufstelle ist einfach notwendig. Zufällig entwickelt sich kein Netzwerk. Und es ist einige Arbeit notwendig, um das alles zu koordinieren, Termine zu organisieren und die Leute zusammen zu trommeln.

Dortmund-Redaktion: Aber der Aktionsplan ist mittlerweile so in den Aktionsräumen verankert, dass die Menschen ihn annehmen?

Die Leute haben auch Spaß daran

Schultenkämper: Ja, die Menschen nehmen den Aktionsplan an. Er ist etabliert, er ist anerkannt. Die Leute haben auch Spaß daran. Das hat sich in den Bürgerforen gezeigt, wo Menschen ihre Aktivitäten vorgestellt haben. Sie haben sich gegenseitig ermutigt und über die Projekte gefreut.

Dortmund-Redaktion: Hat der Aktionsplan in Dortmund Schule gemacht, gibt es andere Kommunen, die etwas Ähnliches praktizieren?

Schultenkämper: Bundesweit betrachtet haben wir mit dem Aktionsplan ein Alleinstellungsmerkmal. Wir sind im November von Bundesarbeitsministerin Von der Leyen eingeladen worden, um unser Netzwerk in Berlin bei einer Konferenz als Best-Practise-Beispiel vorzustellen. Wir bekommen sehr viele Anfragen von anderen Kommunen. Der Gedanke, auf der Ebene von Aktionsräumern zu arbeiten, gewinnt immer mehr an Gewicht - gerade in der bundesweiten Diskussion. So systematisch wie wir in Dortmund ist bisher keine andere Kommune an das Problem heran gegangen.

Bundesarbeitsministerin lobt Dortmunder Aktionsplan

Dortmund-Redaktion: Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Bürgerforum Wickede

Positive Zwischenbilanz in Wickede: Beim Bürgferforum stellten Beteilligte ihre Aktionen zur sozialen Stadt vor.

Schultenkämper: Noch mehr Engagement. Und dass wir Mittel bekommen, um Projekte, die in den Aktionsräumen modellhaft gut praktiziert werden, auf Dauer auch auf andere Stadtteile übertragen können. Wie beispielsweise die Schulfrühstücksprojekte. Die sind so gut, die könnten eigentlich stadtweit gemacht werden. Unabhängig von Aktionsräumen und unabhängig von unserer Projektförderung, so dass es ein fester Bestandteil der sozialen Landschaft wird.

Dortmund-Redaktion: Ihre persönliche Einschätzung: Wird der Aktionsplan Soziale Stadt sich selbst irgendwann überflüssig machen?

Schultenkämper: Das ist unser Ziel und unsere Hoffnung. Realistisch betrachtet, ist das ein sehr langer Weg. Ich denke, wir werden sicherlich noch einige Zeit brauchen, um Armut und Arbeitslosigkeit in Dortmund systematisch zu bekämpfen. Das lässt sich einfach nicht von heute auf morgen beseitigen.

Zur Sache