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Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Jesús González Rebordinos

Yasemin Şamdereli

Regisseurin liebt Komödien mit Tiefgang

Yasemin Şamdereli ist gebürtige Dortmunderin und feierte in diesem Jahr in Berlin einen außerordentlichen Erfolg: "Almanya – Willkommen in Deutschland". Der erste Kinofilm der 37-jährigen Regisseurin mit türkischen Vorfahren lief im Februar auf der Berlinale in der Wettbewerbskategorie "Außer Konkurrenz". Außerdem bekam das Werk den Deutschen Filmpreis in Silber in der Kategorie Bester Film und Bestes Drehbuch, das Yasemin Şamdereli mit ihrer Schwester Nesrin geschrieben hat. Darüber hinaus verlieh die Deutsche Film- und Medienbewertung dem Film das Prädikat "besonders wertvoll".

Die Komödie, die viele autobiografische Züge trägt, erzählt die Geschichte des 1.000. 001 Gastarbeiters, der in den sechziger Jahren nach Deutschland kam. Auf liebe- und humorvolle Art stellt das Werk eine Hommage an die Lebensleistung einer ganzen Generation von Einwanderern dar, die sich vor 50 Jahren aufgemacht haben, in der Bundesrepublik Deutschland zu arbeiten ohne zu wissen, was sie dort erwartet.

Die Dortmund-Redaktion sprach mit Yasemin Şamdereli während eines Besuches ihrer alten Schule, der Heinrich-Böll-Gesamtschule in Lütgendortmund, über die Kunst Geschichten zu erzählen, die Bedeutung von Humor für das menschliche Miteinander und zukünftige Film-Pläne.

Das Interview führten Anja Kador und Gaye Suse Kromer

Yasemin Şamdereli

Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Dortmund-Agentur / Gaye Suse Kromer

Dortmund-Redaktion: Der Film "Almanya – Willkommen in Deutschland" erzählt sehr empfindsam und scherzhaft die Familiengeschichte von Hüseyin Yilmaz und seiner Frau Fatma, die ihre türkische Heimat verlassen, um dem deutschen Wirtschaftswunder auf die Beine zu helfen. Was war Ihnen wichtig bei dem Film?

Şamdereli: In erster Linie erzählt der Film eine Familiengeschichte. Der Mensch und die Wahrnehmung des Menschen sollten im Vordergrund stehen, die Nähe zu den Figuren. Der kulturelle Hintergrund ist für die Geschichte eher zweitrangig. Deshalb auch der Kniff mit der Sprache (Anm. d. Red.: Damit das Publikum die Not des Ehepaar Yilmaz nachvollziehen kann, wie es ist, nichts zu verstehen, sprechen die Deutschen im Film eine unverständliche Phantasiesprache). Und das kam aus einer ganz einfachen Erfahrung heraus, weil ich immer dachte "Schade, dass die Menschen nicht meine Großmutter so erleben, wie ich sie erlebe." Mir war wichtig zu zeigen: Das ist meine Familie. Die Frau mit dem Kopftuch hat Stärken und Selbstbewusstsein. Wenn man eine Figur begreifen möchte, ist es wichtig, dass man begreift, wie sie erzählt und wovon sie redet.

die Hände von Yasemin Şamdereli

Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Dortmund-Agentur / Gaye Suse Kromer

Große Lebensleistung der Einwanderer-Generation

Dortmund-Redaktion: Was halten Sie für am besten gelungen an Ihrem Film? Warum hat er so gut funktioniert. Was gefällt Ihnen selbst am besten?

Şamdereli: Ich mag die Perspektiven gerne. Zum Beispiel wie die Sprache einfach so wechselt. Auch mag ich, eine Geschichte aus dem subjektiven Empfinden heraus zu erzählen. Wie etwa, dass die Familie in Deutschland ankommt und ihr erzählt wird, die Deutschen seien ja alle Menschenfresser (Anm. d. Red.: Weil Christen mit der Hostie symbolisch den Leib Christi empfangen). Es gefällt mir, so etwas Ernst zu nehmen und in seiner Ernsthaftigkeit mit Leichtigkeit zu erzählen. Das mag ich sehr gerne an unserem Film. Ich finde spannend, einer türkischen Familie zuhören zu können und auch deren Vorurteile und deren Ängste kennenzulernen. Im Internet-Zeitalter vergessen wir, wie groß die Leistung der damaligen Einwanderer-Generation in den sechziger Jahren war. Die sind wirklich ins kalte Wasser gesprungen.

Dortmund-Redaktion: Man muss vor der Leistung des Großvaters den Hut ziehen ...

Şamdereli: Vor allem vor der Lebensleistung. Wir hängen uns heute an Dingen auf wie: „Die können nicht gut Deutsch“. Mein Opa hat Zeit seines Lebens gearbeitet. Bis zur Rente. Er wurde in keinen Kurs geschickt und musste auch nicht viel Deutsch reden. Er hat eine Maschine bedient – acht Stunden am Tag. Er war Maurer und im Straßen- und Häuserbau tätig.

Dortmund Redaktion: Und Ihre Großmutter?

Şamdereli: Meine Oma war am Anfang Analphabetin. Das heißt ja nicht, dass sie dumm war. Sie waren irrsinnig kluge Menschen. Das war eine gewachsene, eine gelebte Klugheit. Meine Oma wusste wie man Shampoo aus Moos herstellt und sie war sehr selbstbewusst. Sie hat in der Gesellschaft eben anderes Wissen nach vorne gestellt. Ihre Realität war eine andere. Ich fand das immer sehr süß. Sie hat überhaupt nicht verstanden, warum Leute stundenlang auf so ein Blatt Papier mit Buchstaben starren konnten. Wenn sie ein Bild fand, hat sie sich das Bild angeguckt und das war es für sie. Die Welt der geschriebenen Worte war für sie etwas nicht Fassbares. Erst später mit fünfzig Jahren versuchte sie, Lesen und Schreiben zu lernen – und hat es auch ein bisschen geschafft. Dann wurde sie irgendwann zu alt und hat es wieder vergessen. Es war sehr, sehr herzlich, zu sehen, wie ein alter Mensch versucht, Lesen und Schreiben zu lernen. Solche Dinge liegen mir am Herzen: Begreiflich zu machen, dass eine bestimmten Lebenssituation einen Menschen komplett anders wirken lassen kann, als er eigentlich ist.

Yasemin Şamdereli

Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Dortmund-Agentur / Gaye Suse Kromer

Zuerst sind wir Geschichtenerzählerinnen

Dortmund-Redaktion: Haben Sie in Zeiten, in denen das Thema Integration eine große Rolle zu spielen scheint, manchmal das Gefühl gehabt, mit ihrem Film in diese Schublade gesteckt zu werden, ohne das eigentlich beabsichtig zu haben?

Şamdereli: Ja klar. Zuerst sind wir Geschichtenerzählerinnen. Man muss aufpassen, weil jetzt Nesrin und ich oft zu dem Thema befragt werden, als ob wir Expertinnen wären. Das sind wir nicht und das sagen wir auch. Natürlich können wir zu bestimmten Sachen etwas sagen, denn wir haben türkische Wurzeln. Wir kennen viele Menschen, die auch in der ersten Generation hier waren .Aber man muss klar machen: Wir haben eine Geschichte erzählt und wir haben einen Film gemacht. Was andere daraus machen, weil dieser Film zufälligerweise in die Zeit des Fünfziger-Jahre-Abwerbeabkommens mit der Türkei fällt, das konnte niemand ahnen

Dortmund-Redaktion: Stört Sie es, mit Fragen zur Integration konfrontiert werden?

Şamdereli: Ein Film bleibt ein Film. Wir haben uns auf etwas Komisches und auf etwas Menschliches konzentriert. Nesrin und ich hätten in der Zeit drei Dramen machen können. Wir haben sehr lange für die Komödie kämpfen müssen. Es herrscht das Vorurteil, die türkische Realität sei von Dramen dominiert. Ist sie aber nicht. Die türkische Realität ist: normal arbeiten zu gehen, sich mit ganz alltäglichen Dingen auseinanderzusetzen. Positiv-Beispiele fallen aber leider nicht auf. Für einen Türken oder eine Türkin ist ein Ehrenmord genauso Shocking wie für jeden Anderen auch. Man muss einfach sagen: Moment, das ist eine Minderheit. Da besteht die Gefahr, dass die Gesellschaft denkt, Dramen seien für uns normal.

Yasemin Şamdereli

Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Dortmund-Agentur / Gaye Suse Kromer

Viel mehr miteinander scherzen

Dortmund-Redaktion: Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, um sich integrieren zu können?

Şamdereli: Die erste Voraussetzung ist Respekt. Man merkt sehr schnell, ob man mit Respekt behandelt wird und sich auf Augenhöhe begegnet. Ich war überrascht, wie viele Menschen unverkrampft damals mit den Gastarbeitern umgegangen sind. Denn es waren ja erstmal die Gastarbeiter, die kamen, um zu helfen. Meine Oma hat erzählt, dass es im gleichen Haus eine Frau gab, die selbst in schwierigen Lebensumständen lebte. Diese Dame kam und hat bei meiner Oma immer Kaffee getrunken, obwohl sie nicht miteinander reden konnten. Sie hat sich hingesetzt und die Kinder haben miteinander gespielt. Und diese Geste, zu sagen „Wie geht es Ihnen Frau Yilmaz?“, ist wichtiger als tiefgründige Gespräche zu führen. So was merken Menschen.

Dortmund-Redaktion: Haben es Menschen mit Migrationshintergrund heute schwerer als vor dreißig Jahren?

Şamdereli: Ja, definitiv. Man merkt, dass die Leichtigkeit flöten gegangen ist, wegen der wirtschaftlichen Situation, wegen der Arbeitslosigkeit. Irgendwie haben sich die Fronten verhärtet – und das ist schade. Es fehlt die Wahrnehmung für Gemeinsamkeiten. Früher gab es die Panik nicht, die zu dieser Abgrenzung führt: „Ach die trägt ein Kopftuch, mit der habe ich nichts gemeinsam.“ Was natürlich Bullshit ist. Man müsste wirklich wieder vielmehr miteinander ins Scherzen kommen.

Dortmund-Redaktion:. Was halten Sie von Diskussionsrunden, die allerorten zum Thema Integration veranstaltet werden?

Şamdereli: Ich werde oft in diese Themenrunden eingeladen. Eigentlich ist das genau der falsche Weg, weil das wieder so nach Arbeit klingt. Das ist wie Ehetherapie. Da geht niemand gerne hin. Man könnte das Thema menschlich herunter brechen, dann würde sich der andere auch nicht überfordert fühlen. Man soll die Menschen doch erstmal Mensch sein lassen. Nicht immer den Anspruch haben, etwas aufarbeiten zu müssen. Ich glaube, in erster Linie müssen wir miteinander lachen – und nicht immer rumdoktern an dem Thema.

Yasemin Şamdereli

Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Dortmund-Agentur / Gaye Suse Kromer

Ist Multikulturalität eine Illusion?

Dortmund-Redaktion: Wie Menschen im Alltag miteinander umgehen hat mehr Bedeutung als alle Theorie?

Şamdereli: Ich glaube, Menschen aufzufordern miteinander in Kontakt zu treten und sich zum Beispiel freundlich anzulächeln, bringt mehr. Erlebnisse auf der Straße sind wichtiger und berühren mehr. Man muss sich genau überlegen, wo man Menschen zum Publikum macht oder wo man sie selber machen lässt.

Dortmund-Redaktion: Ist Multikulturalität nicht eigentlich nur eine Illusion?

Şamdereli: Die Frage ist, ob man das als Problem sieht oder nicht. Was erwartet man? Dass der Mensch etwas erfüllen muss? Dass er sich integrieren muss? Was heißt das? In dem Moment, wo ich komplett aufgehe in einer anderen Kultur, ist die Aufgabenstellung erfüllt? Oder heißt es, anders sein ist okay, solange wir nett miteinander umgehen? Die Frage ist immer, wo man ein Problem zu sehen meint. Man muss vielmehr genau nachgucken, ob wir gleiche Chancen haben und unterstützen, dass Kinder mit Migrationshintergrund auch Chancen bekommen.

Dortmund-Redaktion:Wie geht es weiter bei Ihnen? Welche Filmprojekte haben Sie geplant und welche Art von Film können Sie sich als nächstes vorstellen?

Şamdereli: Nersin und ich werden jetzt sehr bewusst ein, zwei Filme ohne Migrationshintergrund machen. Der Grund ist einfach: Wir wollen Geschichten erzählen. Wir wollen nicht auf das Thema Migration festgenagelt werden. Es soll um die Menschen gehen, um die Geschichten. Und wir werden sehr wahrscheinlich eine Komödie mit Tiefgang machen. Einen zweiten Teil von "Almanya" wird es sicherlich nicht geben.

Dortmund-Redaktion: Frau Şamdereli, wir danken für das Gespräch.

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