Dortmund überrascht. Dich.
Hans-Peter Durst auf seinem "Arbeitsgerät"

Zur Sache

Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): hans-peter-durst.de

Hans-Peter Durst

18.02.2013

"Egal, was ist: Es geht immer was!"

Wer sich mit Hans-Peter Durst unterhält, kommt allein beim Zuhören außer Atem. Stillstand ist nicht sein Ding. Aufgrund einer unfallbedingten Gleichgewichtsstörung kann Durst nicht ohne Hilfsmittel gehen. Für den Ausdauersportler mit Handicap bedeutet Bewegung mehr als Ausgleich. Sport ist für ihn Mutmacher und lebenswichtig. Wettkämpfe fördern die Gemeinschaft mit anderen und machen Spaß. Neben seinem Hauptsport, dem Paracycling mit einem Dreirad, praktiziert er auch das Laufen und Paratriathlon. Der Ausnahmesportler Durst ist nach einem bewegten Jahr 2012 mit vielen Höhen und Tiefen nun wieder guten Mutes und hat die nächsten Ziele fest im Blick. Nach seinem schweren Radunfall am PHOENIX See im August, der ihn fast die Teilnahme an den Paralympischen Spielen in London gekostet hätte und dem tollen Gewinn der Silbermedaille im Zeitfahren, die er dann doch noch erringen konnte, lässt er seine Emotionen noch einmal Revue passieren und verrät seine Pläne für die Zukunft.

Das Interview führte Anja Kador

Hans-Peter Durst mit Medallie

Der Lohn für hartes Training und viel Disziplin: die paralympische Silbermedaille im Zeitfahren.
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Dortmund-Agentur / Anja Kador

Dortmund-Redaktion: Wie ist Ihr persönliches Sportjahr 2012 verlaufen?

Durst: Das Jahr hat mit großen Erwartungen begonnen. Nach der Weltmeisterschaft 2011 in Roskilde in Dänemark (hier holte Durst den UCI-Weltmeistertitel im Paracycling-Einzelzeitfahren, Anm. d. Red.), war klar, dass die Paralympics 2012 das große Ziel sein werden. Ich bin anders in die Saison rein, jeder hat einen fokussiert. Das Training wurde komplett umgestellt. Vorher habe ich viel Ausdauertraining auf langen Distanzen gemacht. Auf einmal hieß es: Alles auf Stopp! Nur noch kurze Strecken, kurze Distanzen mit dem Rad und eben ein ganz neues Training mit meinem Trainer Robert Pawlowski (Pawlowski ist Landestrainer am Olympiastützpunkt Köln, Anm. d. Red). Wir wussten, was bei Olympia auf uns zukommt. Wir wussten, dass es Rennen auf einer relativ schwierigen Bahn sein würden. Und dann kam das vorletzte Trainingslager in Freiburg zur Vorbereitung auf die Paralympics. Das war Emotion pur, man war voll mit Adrenalin. Nach der langen Rückfahrt vom Trainingslager im Auto nach Dortmund, sag ich Zuhause: ‚Komm, 75 Minuten mit dem Rad ausrollen.’ Das war dann eben der 13. August, an dem dieser unsägliche Unfall am PHOENIX See passiert ist. Für mich war das Thema Paralympics damit erledigt.

Dortmund-Redaktion: Nach dem schweren Unfall am PHOENIX See, der Ihnen beträchtliche Verletzungen an beiden Händen und einen Trümmerbruch des rechten Daumens verursacht hat, haben Sie dennoch in London an den Paralympics teilgenommen. Was hat Sie zum Umdenken bewogen?

Trainer hat an die Chance geglaubt

Durst: Mein Umfeld: Mein Arzt Dr. Jens-Peter Stahl (Direktor der Klinik für Unfall-, Hand- und Wiederherstellungschirurgie am Klinikum Dortmund, Anm. d. Red.), meine Frau und vor allem mein Sohn, der sehr emotional war.

"Vor allem mein Trainer hat mir Mut gemacht und an meine Chance geglaubt"

Dann fing das Karussell an. Das ganze Jahr 2012 war bis dahin zielgerichtet auf die Paralympics: der 5. September für das Zeitfahren und besonders der 8. September, weil ich ja unbedingt im Straßenrennen fahren wollte. Nach dem Unfall ging meine Stimmung in den Keller, ich musste mich noch mal ganz neu innerlich aufbauen. Vor allem mein Trainer hat mir Mut gemacht und an meine Chance geglaubt, trotz der körperlichen Einschränkungen durch den Unfall.

Hans-Peter Durst trägt sich in das Goldene Buch ein, im Hintergrund die Ruderer und der Oberbürgermeister

Oberbürgermeister Sierau (2.v.l.) ehrt den Ausnahmesportler mit der Eintragung in das Goldene Buch der Stadt (hier mit olympischen Ruderern im Hintergrund)
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Dortmund-Agentur / Anja Kador

Dortmund-Redaktion: Sie erhielten erst am 30. September das Okay der Ärzte zu starten. Der Zeitpunkt war zu spät, um gemeinsam mit den anderen Sportlern nach London reisen. Dann aber haben Sie die Silbermedaille im Einzelzeitfahren bei den Paralympics in London gewonnen. Wie ging es weiter?

Durst: Danach kamen sehr viele schöne Ereignisse, wie die Eintragung ins Goldene Buch der Stadt Dortmund oder die Würdigung durch den Bundespräsidenten mit dem Silbernen Lorbeerblatt (das die Medaillengewinner der Olympischen und Paralympischen Spiele 2012 am 7. November 2012in Berlin für ihre herausragenden Leistungen erhielten, Anm. d. Red.). Trotz dieser tollen Erfahrungen bin ich in ein emotionales Loch gefallen. Ich hatte mir die Paralympics als etwas Besonderes vorgestellt, gemeinsam mit allen hinzureisen - was ja durch den Unfall unmöglich war - im olympischen Dorf zu wohnen und auch mal bei den anderen Kollegen, beim Tischtennis, beim Rollstuhlbasketball zuzuschauen.

"Trotz dieser tollen Erfahrungen bin ich in ein emotionales Loch gefallen."

Das Sportliche selbst verändert sich nicht. Ob es eine Weltmeisterschaft ist, ein Weltcup oder die Paralympics: Man startet, man fährt und man kommt irgendwann ins Ziel Das ist immer gleich. Aber das Drumherum und die Atmosphäre sind bei den Paralympics völlig anders, weil es ein ganz spezielles Ereignis ist. Und darauf hatte ich mich halt konzentriert.

Klassifizierung im Radsport mit Handicap

Dortmund-Redaktion: Ihre Klasse im Radsport mit Handicap ist die Klasse T (Tricycle) 2. Das ist eine offizielle UCI-Klassifizierung, die vor allen wichtigen internationalen Wettkämpfen nachgewiesen werden muss. Können Sie erläutern, was sich dahinter verbirgt?

Durst: Beim Paracycling gibt es ein internationales Klassifizierungssystem. Das fängt mit „B“ an, das sind „Blinde“, Sehbehinderte, die auf Tandems fahren. Dann gibt es die C-Klasse. Das ist die „Amputiertenklasse“. Da wird nach Zentimetern der Amputation in verschiedene Klassen unterteilt. Je nachdem, ob der Sportler am Bein, am Knie oder am Oberschenkel amputiert ist, wird in unterschiedlichen Klassen gefahren. Dann gibt es die „Dreiradklasse“. Hier muss eine Kopfverletzung vorliegen. Das kann eine angeborene sein, wie eine Spastik, oder eine erworbene z.B. nach Unfällen, Schlaganfällen oder Hirninfarkten. Die meisten haben wie ich Gleichgewichtsprobleme. Und in unserer Klasse „T“, gibt es die Klasse „T1“ für Menschen mit stärkerer Einschränkung, die z.B. an beiden Beinen Spastiken haben. Und dann gibt es die Klasse „T2“, in der ich fahre, die meist auf einer Seite Lähmungen haben oder Spastiken.

Ullrich Sierau (links) und Hans-Peter Durst (rechts)

Oberbürgermeister Sierau und Hans-Peter Durst
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Dortmund-Agentur / Anja Kador

Dortmund-Redaktion: Ihre Wettkampf-Dreiräder sind Sonderanfertigungen: Sie besitzen ein Straßenrad und ein Zeitrennrad. Was ist der Unterschied und welche Qualitäten müssen die Räder aufweisen, damit sie tauglich sind?

Durst: Grundsätzlich gibt es in der T-Klasse zwei Rennen. Zum einen: Das Straßenrennen, bei dem viele Fahrer gleichzeitig mit einem Startschuss starten. Wer als erster im Ziel ist, hat gewonnen. Dafür braucht man einen sogenannten Unterlenker, wie ein Rennrad sieht das aus. Wir haben eine zertifizierte Hinterachse, die genau 700 mm breit ist und einige wichtige technische Details aufweist. Wir können uns selber innerhalb des Rades konfigurieren und z.B. zwischen elektronischer oder Handschaltung wählen. Das zweite Rennen innerhalb der T-Klasse ist das Zeitfahren. Da starten die Fahrer in Abständen von einer Minute dreißig alleine und fahren hintereinander her. Bei den Zeitfahrrädern ist die Hinterachse meistens die gleiche wie bei den Straßenrennrädern. Das Rad ist aber etwas kürzer mit einem Auflieger darauf. Das ist ein gerader Lenker. Darauf sind Schienen aufmontiert, in die man sich reinlegt. Die die Schaltung ist vorne. Mein Glück in London war, dass man mir lange Hebel für die Schaltung montiert hat, so dass ich mit dem Körper schalten konnte.

Im März ins Trainingslager nach Mallorca

Dortmund-Redaktion: Welche Pläne und Trainingsziele haben Sie in nächster Zeit?

Durst: Nach den Operationen und allem bin ich jetzt wieder in dem Bereich, in dem ich sage: Es kann weitergehen. Ich habe ganz gut trainieren können, aber anders als geplant. Ich laufe im Moment sehr viel mit meinen Nordic-Walking-Stöcken. Dreimal in der Woche 2,5 Stunden-Läufe.

"Es kann weitergehen"

Das sind auch für das Gemüt richtig schöne Einheiten, wo man viel wegarbeiten kann. Außerdem war ich kürzlich zu einem Trainingslager im Allgäu. Wir sind auf die Idee gekommen, mal auf den Schnee zu gehen. Das war ein gutes Kräftigungstraining für die Schultern. Dort habe ich den klassischen Skilanglauf gemacht. Ansonsten muss halt jetzt die Grundlage geschaffen werden, dass ich fit ins offizielle DBS (Deutscher Behindertensportverband, Anm. d. Red.)-Trainingslager mitfahren kann nach Mallorca. Das dauert bis zum 10. März. Dort trainiert die Nationalmannschaft zusammen.

Hans-Peter Durst im heimischen Trainingsraum

Hans-Peter Durst in seinem heimischen Trainingsraum
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Dortmund-Agentur / Stefanie Kleemann

Dortmund-Redaktion: Welche sportlichen Ziele haben Sie sich für das Jahr 2013 gesetzt?

Durst: Das Highlight ist natürlich Ende August, Anfang September der Weltcup und die Weltmeisterschaften in Kanada im Paracycling. Ich bin Weltmeister und den Titel möchte ich möglichst verteidigen. Ich möchte auch den Straßentitel gerne holen. Anfangen würde der Rennkalender mit Paracycling in Greenville in South Carolina. Das Highlight ist aber die WM im Paracycling, eine sensationelle Strecke. Dort fahre ich allerdings nur hin, wenn ich mich bis dahin sportlich so fit trainieren kann, dass ich vorne mitfahren kann.

Wettkampfvorbereitung mit genauem Fahrplan

Dortmund-Redaktion: Wie sieht eine Trainingswoche vor einem Wettkampf aus?

Durst: Man bekommt einen ganz genauen Fahrplan von seinem Trainer. Es gibt so genannte Grundlagentage. Da baut man die Grundlage für die Saison auf, wenig Muskelkraft, viel fahren. Dann gibt es die Zwischentage, das sind dann kurze Sachen, die eine Stunde dauern mit ganz intensiven Spitzen. Das können 200-Meter-Sprints sein. Oder wir machen auf kleinen Gängen Frequenzsprints. Da fährt man mit 120/130 Umdrehungen am Rad ganz schnell nur eine Minute oder noch kürzer, um eben die Schnellkraft aufzubauen. Dazwischen gibt es Bein-Ruhetage, die - bis auf Krafttraining für die Schultern - eben auch ganz ruhig sein sollen. Die zwölf Wochen Wettkampfvorbereitung sind für mich schwierig, weil ich auch gerne laufe und schwimme. Grundsätzlich ist laufen gut, aber eben nicht in der Wettkampfvorbereitung.

Dortmund-Redaktion: Neben dem Paracycling machen Sie auch noch Triathlon. Was fasziniert Sie daran?

Durst: Das ist einfach noch herausfordernder. Ich finde Sport schön, bei dem man alle Sinne und auch den ganzen Körper einsetzen muss. Beim Triathlon muss man im richtigen Moment die richtigen Dinge machen. Wenn sich der Deutsche Sportbund entscheidet, ein richtiges Paratriathlon-Team nach Rio zu schicken, dann würde ich nach Kanada das Training direkt komplett umstellen und den Triathlon versuchen.

Mutmacher: Es geht immer was!

Dortmund-Redaktion: Sie sagten, Sport sei ein Ventil. Was raten Sie - bei Ihren Erfahrungen - Menschen mit und ohne Einschränkungen, die sich in einer Lebenskrise befinden?

Durst: Ich möchte Mutmacher sein. Das ist ein Anliegen, das mir am Herzen liegt. Man kommt immer in Hochs und wieder in Tiefs im Leben - und das hat nicht unbedingt etwas mit der Gesundheit zu tun. Da kann der Sport schon so ein Mutmacher sein.

"Ich möchte Mutmacher sein!"

Egal, was ist: Es geht immer was. Ich kann bei zweierlei Dingen helfen: Ich habe selber das gesundheitliche Tal durchschritten, aber ich habe auch diese ganzen Verbands- und Anmeldeformalitäten im sportlichen Bereich selbst erlebt und kann da beraten. Diese Erfahrungen gebe ich gerne weiter. Wenn die sportliche Phase für mich irgendwann vorbei ist, möchte ich in dem Bereich weitermachen, vielleicht als Übungsleiter. Für 2014 bin ich für einen Trainerschein beim Bund Deutscher Radfahrer angemeldet. Ich will auf jeden Fall meine durchlebten Erfahrungen an andere weitergeben, in welchem Bereich auch immer.

Dortmund-Redaktion: Vielen Dank für das Gespräch

Zur Sache