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Maximilian Dietrich und Carissa Wagner

Zur Sache

Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Dortmund-Agentur / Stefanie Kleemann

Botschafter der Erinnerung

26.03.2013

Carissa Wagner (19) und Maximilian Dietrich (18) sind zwei der rund 80 Jugendlichen, die Oberbürgermeister Ullrich Sierau seit 2011 zu Botschafterinnen und Botschafter der Erinnerung ernannt hat.

Weitere 40 sollen in diesem Herbst dazukommen. Ihre Aufgabe ist es, das Andenken an die Holocaust-Opfer wach zu halten und an die NS-Diktatur zu mahnen. Die Botschafterinnen und Botschafter gestalten dafür Gedenkveranstaltungen wie etwa die am Bittermark-Mahnmal. Diese Veranstaltung findet alljährlich an Karfreitag statt. Sie erinnert an die rund 300 noch kurz vor Kriegsende 1945 von Gestapo-Schergen ermordeten Zwangsarbeiter, Widerstandskämpfer und Kriegsgefangenen. Carissa Wagner und Maximilian Dietrich, die sich seit 2012 bei den Botschafterinnen und Botschafter engagieren, übernehmen dieses Jahr am 29. März bei der Gedenkfeier in der Bittermark die Moderation.

Die Dortmund-Redaktion sprach mit den Abiturienten und fragte sie unter anderem nach ihren Beweggründen, dem Vergessen keine Chance zu geben.

Interview: Gaye Suse Kromer

Maximilian Dietrich und Carissa Wagner

Engagieren sich bei den Botschaftern der Erinnerung: Maximilian Dietrich und Carissa Wagner
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Dortmund-Agentur / Stefanie Kleemann

Dortmund-Agentur: Warum seid Ihr Botschafterin, Botschafter der Erinnerung? Wie seid Ihr Moderatoren der Bittermark-Veranstaltung geworden?

Carissa Wagner: Ich war schon als Kind mit meinen Eltern bei Anti-Rechts-Demos. 2012 habe ich einen Klassenkollegen die Bittermarkveranstaltung moderieren sehen. Das wollte ich auch. Er hat mir den Kontakt vermittelt. Eine Vorraussetzung, um als Botschafter ernannt zu werden ist, gesellschaftlich aktiv zu sein. Erst dann darf man den Titel tragen. Seit ich dabei bin, ist jede Woche eine Veranstaltung wie etwa wie Verlegung eines Stolpersteins oder eben die Bittermark. Dafür arbeiten wir gerade mit dem BVB zusammen. Das ist eine große Ehre für uns.

Maximilian Dietrich: Ich bin über meine Tätigkeit in der evangelischen Jugend dazu gekommen. Ich habe mit Andreas Roshol (Projektkoordination Jugendring Dortmund, Anm. d. Red.) ein Projekt zusammen gemacht. Irgendwann hat er mich für ein Projekt zum Holocaust-Gedenktag angefragt. Ich bin bei den Vorbereitungen eingestiegen. Dadurch bin ich zu den Botschaftern gestoßen. Botschafter der Erinnerung ist nicht nur ein Titel, sondern eine Lebenseinstellung. Konkret zur Moderationsarbeit: Jedes Jahr moderiert ein anderes Team von den Botschaftern. Wir haben Interesse signalisiert, dann gab es ein Gespräch, nach dem wir ausgewählt wurden. Dirk Geissler (Jugendring Dortmund, Anm. d. Red.), ist Moderator und coacht uns. Mit ihm tauschen wir uns aus, er erklärt uns, wie man stehen muss oder sich bewegt.

Carissa Wagner

Moderatorin Carissa Wagner möchte auch andere für das Engagement begeistern
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Dortmund-Agentur: Was bedeutet Euch die Bittermark-Veranstaltung? Habt Ihr einen besonderen Respekt davor? Seid ihr aufgeregt?

Carissa Wagner: Ja, auf jeden Fall habe ich großen Respekt vor der Veranstaltung! Sie hat eine besondere Bedeutung durch ihre Größe und Tradition. Natürlich bin ich aufgeregt, weil so viele Menschen kommen werden und weil ich es gut machen will. (2012 kamen rund 1.500 Gäste zur Gedenkveranstaltung. Anm. d. Red.)

Maximilian Dietrich: Die Veranstaltung ist eine Institution und eine Herzensangelegenheit. Ich finde es wichtig, dass junge Leute ihren Beitrag zu dieser Veranstaltung leisten können - wie eben wir Botschafter. Es ist schön zu sehen, dass es so viele Jugendliche gibt, die aus ganz verschiedenen Richtungen wie den Falken, der evangelischen Jugend, der Gewerkschaft, dem Jugendring zusammenkommen. Sie haben den Kampf gegen Rechtsextremismus zu einem Teil ihres Lebens gemacht.

Dortmund-Agentur: Ihr seid rund 50 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg geboren. Eine lange Zeit. Was motiviert Euch, bei den Botschafterinnen und Botschaftern der Erinnerung mitzumachen?

Carissa Wagner: Ich wollte aktiv werden. Mir hat es nicht mehr gereicht, auf Demos zu gehen. Das Entsetzen darüber, die Wut und die Trauer über das Geschehene - das sind ja ganz viele Gefühle, die in einem hochkommen, wenn man sich über das Dritte Reich informiert. Ich wollte etwas tun, damit so etwas nie wieder passiert, aber auch andere für so ein Engagement gewinnen. Wenn man Gleichaltrige sieht, die bei so einer Veranstaltung wie der Bittermark mitmachen, spricht einen das direkt an. Außerdem macht das Engagement Spaß.

Maximilian Dietrich: Für mich ist es in erster Linie meine christliche Überzeugung. Alle Menschen sind meiner Meinung nach gleich, egal, woher sie kommen. Das ist mein Antrieb. Wenn Rechtextreme ihre Menschen verachtenden Parolen verbreiten und wir dagegen aufstehen, ist das Prophylaxe. Wir wollen nicht wie im Dritten Reich die Verantwortung abgeben. Gerade als junger Mensch sollte man auch mal den unbequemen Weg gehen und sagen "He, Leute, so nicht." Bei der Bittermark-Veranstaltung wollen wir zeigen, dass junge Menschen politisch sind, viel Kraft und viel Energie haben, ihre Meinung kundzutun.

Maximilian Wagner

Für Maximilian Dietrich ist die Arbeit gegen das Vergessen eine Herzensangelegenheit
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Dortmund-Agentur: Was wollt Ihr den Gästen der Bittermark-Veranstaltung mitgeben?

Carissa Wagner: Ich möchte den Menschen mitgeben, dass es eine neue Generation gibt, die es gut und die es mit Herz macht. Die Menschen sollen sehen, dass die Jugend sich gegen das Vergessen einsetzt. Ich wünsche mir, dass es immer mehr Botschafter gibt, die die Erinnerungen wach halten.

Maximilian Dietrich: Als Moderatoren stehen wir ja nicht im Mittelpunkt, sondern leiten von einem Punkt zum nächsten. Es sind andere Menschen, die im Fokus stehen wie etwa die anderen Botschafterinnen und Botschafter oder die Redner. Ich möchte, dass die Besucher dort etwas spüren oder ergriffen werden.

Dortmund-Agentur: Ihr seid etwa ein Jahr dabei. Wenn ihr zurückblickt: Was ist in der Zeit als Botschafter bei Euch persönlich passiert?

Carissa Wagner: Was mich sehr beeindruckt hat, war die Fahrt nach Auschwitz. (Die Botschafter fuhren 2012 gemeinsam zum Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Anm. d. Red.) Besonders ergreifend war für mich der Raum, indem sich Häftlingsfotos befanden. Diese Hoffnungslosigkeit, diese Angst in den Blicken... Ich brauchte eine Weile, um Zuhause wieder in der Normalität anzukommen. Die Fahrt hat mich erst erschüttert, dann wütend gemacht. Ich konnte noch mit Zeitzeugen sprechen - vielleicht sind wir die letzte Generation, die die Möglichkeit dazu hat. So verstehe ich meine Aufgabe als Botschafterin: Das, was ich hören durfte, wiederzugeben.

Maximilian Dietrich: Ich empfinde es als große Glück einen Zeitzeugen getroffen zu haben. Er hat das Lager überlebt und uns in Auschwitz viel gezeigt. Wir haben uns nach der Führung noch lange mit ihm unterhalten. Ich habe ihm in die Hand versprochen, dass so was nicht noch einmal passiert. Das werde ich halten.

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