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Claudia Keidies Stefanie Kleemann

Zur Sache

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Dr. Claudia Keidies: Köpfe vernetzen, um Neues zu schaffen

12.08.2013

Dr. Claudia Keidies leitet bei der Wirtschaftsförderung Dortmund das Team Branchenentwicklung. Die studierte Elektroingenieurin, die sich in ihrer Doktorarbeit mit mathematischen Modellen zur Funktion von Oszillatoren auseinander gesetzt hat, kümmert sich heute mit ihrem Team darum, die Märkte von morgen zu entdecken und die Branchen der Zukunft mit zu entwickeln. Ihre Spezialität ist es, Menschen unterschiedlichster Fachrichtungen miteinander ins Gespräch zu bringen - und via "Crosscluster" ungewöhnliche Ideen und Produkte zur Marktreife zu entfalten. Eine Aufgabe, die neben sicherer Fach- auch eine gehörige Portion an Menschenkenntnis erfordert. Die Dortmund-Redaktion sprach mit Keidies über ihren spannenden Job und die hohe Schule des "Crossclusterns".

Claudia Keidies

Dr. Claudia Keidies bringt Menschen unterschiedlichster Fachrichtungen miteinander ins Gespräch
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Interview: Anja Kador

Dortmund-Redaktion: Wie kommt man als Ingenieurin mit Hang zu mathematisch-theoretischen Lösungen dazu, sich ganz pragmatisch mit Wirtschaftsförderung zu beschäftigen?

Keidies: Ich war unter 400 Studierenden eine von nur 16 Frauen, die Elektrotechnik studiert haben. Nach meiner Promotion in Wuppertal war ich bei einem Weiterbildungsträger beschäftigt - und habe dafür gesorgt, dass arbeitslose Ingenieure wieder in einen Job kamen. Ich hatte also immer schon einen breiteren Blick auf die Dinge. Mich hat nicht nur Technologie, sondern auch die Anwendung in der Wirtschaft interessiert. Das deckte sich mit den Ansprüchen der Wirtschaftsförderung Dortmund. Die suchte Quereinsteiger, die die Sprache der Wirtschaft sprechen. So bin ich nach Dortmund gekommen.

Stärken stärken ist das Thema

Dortmund-Redaktion: Sie kümmern sich mit Ihrem Team um die "Märkte von morgen". Durch welche Branchen werden diese repräsentiert?

Keidies: Ich leite das Team Branchenentwicklung im dortmund-project. Das ist ein Geschäftsbereich der Wirtschaftsförderung Dortmund. Unsere Aufgabe ist es, die Branchen zu unterstützen, die gut sind und von denen wir vermuten, dass sie in Zukunft verstärkt Arbeitsplätze in Dortmund schaffen werden. Das sind zum einen Technologiebranchen von der Mikrosystemtechnik mit zirka 2.400 Mitarbeitern über die Informationstechnologie bis hin zur Produktion. Das sind aber auch andere große Branchen, in denen es bereits viele Arbeitsplätze gibt - wie die Gesundheitswirtschaft mit 33.000 Beschäftigten. Alle haben das Potenzial, neue Arbeitsplätze in den nächsten Jahren zu entwickeln. Unsere Aufgabe ist es, diese Stärken zu stärken.

Wir informieren über Trends und versuchen Fördermittel zu akquirieren, um gemeinsame innovative Projekte zu starten.

Dortmund-Redaktion: Wie ist Ihr Team aufgebaut?

Keidies: Wir sind ein gemischtes Team aus elf Frauen und Männern. Einige betreuen jeweils eine eigene Branche als direkter Ansprechpartner. Andere kümmern sich um Querschnittsthemen. Dabei geht es beispielsweise um die Frage, wie wir die Ergebnisse der Wissenschaft in die Wirtschaft transferieren können. Eine Kollegin befasst sich daher nur mit Hochschulen und Wissenschaft. Zu besonderen Zukunftsthemen wie der Effizienz bilden wir zudem branchenübergreifende Arbeitsteams.

Am Anfang steht die Analyse

Dortmund-Redaktion: Wie funktioniert eine Branchenentwicklung?

Keidies: Im Prinzip startet man mit einer Analyse der betreffenden Branche. Die IT-Branche zum Beispiel wusste zu Beginn gar nicht, wie groß sie war. Die einzelnen Unternehmen saßen im Technologiepark direkt nebeneinander, aber man kannte die andere Firma, die ein paar Häuser weiter arbeitete, nicht. Wir bringen Menschen in diesen Branchen zusammen, damit sie bessere Märkte finden und gemeinsam neue Produkte entwickeln können. Wir informieren über Trends und versuchen Fördermittel zu akquirieren, um gemeinsame innovative Projekte zu starten.

Dortmund-Redaktion: Haben Sie dafür ein Beispiel?

Keidies: Ein gutes Beispiel ist das Projekt 'Hospital Engineering'. Mehr und mehr hält die Technologie in die Krankenhäuser Einzug. Wir haben Ingenieure und Mediziner zusammengebracht, damit sie den Operationssaal von morgen gemeinsam entwickeln - und der eine vom Know-How des anderen profitiert. Zu Anfang haben wir Veranstaltungen zu diesem Thema organisiert. Gemeinsam mit den dabei gewonnenen Partnern haben wir ein erstes gefördertes Projekt entwickelt und daraus ist ein Netzwerk entstanden, in dem man sich regelmäßig trifft und gemeinsam Projekte und Produkte entwickelt.

Claudia Keidies Stefanie Kleemann

Schlüsselbegriff für Dr. Claudia Keidies: "Crossclustern" - das heißt Köpfe vernetzen, um Neues zu schaffen
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"Crosscluster": Entwicklung über Branchen hinweg

Dortmund-Redaktion: Das Beispiel, das Sie gerade geschildert haben, beschreibt das Ergebnis einer Methode, die zum Schlüsselbegriff Ihrer Arbeit geworden ist: das "Crossclustern". Was bedeutet das Wort?

Keidies: Es ist so, dass wir uns zu Beginn der Branchenentwicklung nur auf einzelne Branchen konzentriert haben. Ein Mitarbeiter war für die Entwicklung einer Branche verantwortlich, zum Beispiel für die Gesundheitswirtschaft. Er hatte alle Kompetenzen und Kontakte, die für die Entwicklung dieser Branche notwendig sind. Es zeigte sich aber, dass die Märkte von morgen in der Gesundheitswirtschaft - um bei dem Beispiel zu bleiben - eben nicht nur medizinisch sind, sondern auch technologische Komponenten wie Geräte brauchen. Wir bringen Fachleute mit unterschiedlichen Kompetenzen zusammen, die dann 'cross' - also über die Branchengrenzen hinweg - neue Entwicklungen vorantreiben.

Ich bin ein eher ganzheitlich denkender Mensch. Ich sehe nicht nur die Technologie, sondern überlege, wie man sie anwenden kann.

Dortmund-Redaktion: Brauchte Ihr Team sehr viel Überzeugungskraft, Fachleute verschiedener Fachrichtungen zusammenzubringen?

Keidies: Am Thema Simulation kann ich das gut erläutern: Ein Maschinenbauingenieur möchte eine Turbine bauen. Dieses Produkt sofort zu bauen ist aber zu aufwendig. Also soll die Turbine erstmal am Computer simuliert werden und dabei soll sie so dargestellt werden, dass man sie anschaulich im simulierten Betrieb verbessern kann. Das heißt, da ist auf einmal nicht nur der Maschinenbauer, sondern auch der Designer, der das Outfit des Programms designt und der Softwareentwickler, der die technischen Dinge mathematisch umsetzt.

Wie beim Thema Simulation, versuchen wir immer mit aktuellen Themen Menschen aus unterschiedlichen Branchen heranzuziehen. Die kommen dann auf unsere Veranstaltungen, lernen sich dort kennen. Bei diesen Konferenzen gibt es nicht nur Fachvorträge, sondern auch die Möglichkeit, sich gegenseitig vorzustellen und sich auszutauschen. Daraus ist das Kompetenznetzwerk Simulation - kurz KOSIM - entstanden. Hier treffen sich Designer, Maschinenbauer und IT-Leute, die zusammen auf Messen gehen und Produkte für größere Firmen wie Flugzeugbauer entwickeln. Von diesen Netzwerken profitieren besonders die kleinen und mittelständischen Unternehmen. Wir sehen uns dabei als Anschieber und Brückenbauer.

Claudia Keidies

Dr. Claudia Keidies versteht sich als "Übersetzerin" zwischen den verschiedenen Branchen
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Neue Ideen durch Vernetzung

Dortmund-Redaktion: Eine Zitat von Ihnen lautet: "Wir vernetzen Köpfe, daraus entstehen Innovationen."

Keidies: Ich bin ein eher ganzheitlich denkender Mensch. Ich sehe nicht nur die Technologie, sondern überlege, wie man sie anwenden kann. Ich habe in meiner Laufbahn oft erfahren, wie unterschiedliche Menschen sich mit ihrem Wissen inspirieren können und wie daraus Innovationen entstehen. Nach Veranstaltungen kommen Teilnehmende zu mir und sagen, sie hätten bestimmte Personen nie kennengelernt, weil die ja nicht zu ihrer Branche gehören, aber jetzt hätten sie, dank der Gespräche, ganz tolle Ideen bekommen.

Dortmund-Redaktion: Sind es dicke Bretter, die Sie da bohren müssen?

Keidies: Manchmal sprechen die Branchen einfach nur unterschiedliche Sprachen. Oft braucht es erstmal eine 'Übersetzung', bis wir jemanden aus der Kreativbranche und jemanden aus der Produktion vernetzen können. Wenn dann der gegenseitige Nutzen klar wird, funktioniert der Rest oft von alleine.

Dortmund-Redaktion: Warum ist es wichtig, gerade kleinen Firmen dabei zu helfen, Fördergelder zu akquirieren?

Keidies: Die kleinen Unternehmen haben nicht so viele Ressourcen für das Thema Entwicklung. Große Konzerne haben meistens eine Entwicklungsabteilung oder direkte Kontakte zur Wissenschaft. Die kleinen oft nicht. Da sind dann 20 Leute im Unternehmen und die neuen Produkte entwickelt der Chef. Mit Förderprojekten gelingt es, einerseits Gelder für Hochschulkooperationen einzuwerben, andererseits können zusätzliche Leute eingestellt werden, die Neues entwickeln. Da Innovation ein Thema ist, das gerade kleine Unternehmen für die Märkte von morgen brauchen, ist es im Prinzip das, womit sie voran kommen.

Dortmund: Starke innovative Mittelstandsszene

Dortmund-Redaktion: Wie profitiert Dortmund davon?

Keidies: Dortmund hat eine innovative Mittelstandszene, deren Unternehmen sich auch ihrer Stärke bewusst sind. Wir haben hier die größte IT-Branche in NRW. Seit die Dortmunder IT-Branche weiß, dass das so ist, tritt sie auch ganz anders auf. Wir schaffen Plattformen, die meisten Dinge entstehen dann fast von selbst.

Dortmund-Redaktion: Sie sind mit Ihrer Idee des "Crossclusterns" in gewisser Weise Vorreiter in Deutschland.

Keidies: Wir haben die Strategie des 'Crossclusterns' zum ersten Mal in EU-Projekten mit Barcelona und Stockholm vorgestellt. Dort haben wir gesehen, dass die anderen Länder durchaus auch schon in der Umsetzung sind - wenn sie größere Wirtschaftsförderungen und schon eine funktionierende Branchenentwicklung haben. In Dortmund haben wir ideale Rahmenbedingungen, da wir für die entscheidenden Branchen jeweils eigene Ansprechpartner haben. Mittlerweile werde ich zum Beispiel nach Hannover eingeladen, um dort bei der Weiterentwicklung der Wirtschaftsförderung zu helfen.

Claudia Keidies

Dr. Claudia Keidies setzt auch auf das Thema Vielfalt - wie hier beim "DiverseCity" Kongress 2012
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Chancengleichheit als Ansporn

Dortmund-Redaktion: Ein besonderes Anliegen Ihrer Arbeit ist das Thema Gleichberechtigung.

Keidies: Je vielfältiger ein Unternehmen ist, desto spannender und innovativer kann es sein. Diese Vielfalt insbesondere beim Personal positiv zu nutzen ist für Unternehmen ganz wichtig. Eine Stadt wie Dortmund, die das Thema Vielfalt lebt, bietet eine große Chance für die Unternehmen.

Dortmund-Redaktion: Worin liegt die Chance?

Keidies: Firmen können sich neue Kundengruppen erschließen und neue Märkte finden, indem sie die Kontakte ihrer Mitarbeiter mit Migrationshintergrund zu deren jeweiligen Quellenländern nutzen. Es ist gut, wenn ein Unternehmen sagt: Meine Kunden sind vielfältig und meine Mitarbeiter sind es auch. Das gilt von der Technologiefirma bis hin zum Dienstleistungsunternehmen. Das Thema Chancengleichheit ist ein Pluspunkt. Gerade angesichts des demografischen Wandels werden Unternehmen immer weniger passende Fachkräfte finden. Diese Fachkräfte kann man nur anwerben und halten, wenn man für alle Möglichkeiten bietet: Frauen und Männer, Menschen mit und ohne Migrationshintergrund, Junge und Alte.

Dortmund-Redaktion: Müssen sich Unternehmen diesbezüglich noch mehr öffnen?

Keidies: Ich glaube schon. Wir merken derzeit, dass besonders Unternehmen in ländlichen Regionen viel im Bereich Akzeptanz von Vielfalt machen, weil bei ihnen der Fachkräftemangel schon Realität ist. Die Firmen merken, dass das Personal, das sie haben wollen haben, andere Ansprüche hat. Mitarbeitende wollen nicht mehr nur als Arbeitskraft gesehen werden, sondern legen Wert darauf, dass Rahmenbedingungen wie Arbeitszeitmodelle stimmen. Mitarbeiterbindung und Standortqualität sind dabei sehr wichtig. Zu den großen Konzernen kommen die Leute von selber, der Mittelstand muss für sich werben.

Dortmund-Redaktion: Was ist das Spannende für Sie an Ihrer Arbeit?

Keidies: Die Trends von morgen zu suchen und zu finden. Wenn sich bei unseren Angeboten Leute gegenseitig inspirieren, das macht mir am meisten Spaß!

Dortmund-Redaktion: Vielen Dank für das Gespräch.

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