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Zur Sache

Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Jesús González Rebordinos

Dr. Regina Uhtes

30.09.2013

Die Welt im Bild

Comics schaden der Bildung! Noch vor nicht allzu langer Zeit galt in Deutschland dieses unhaltbare Vorurteil. Und heute? Was für ein Wandel: Das Helene-Lange-Gymnasium wird am 7. Oktober in Berlin vom Deutschen Lesepreis mit 6.000 € dafür ausgezeichnet, dass die Schule Graphic Novels (= Comicromane, illustrierte Romane) in ihre Schülerbibliothek aufgenommen hat, das Genre mit Lern-Inhalten verknüpft und in den Unterricht einfließen lässt.

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Dr. Regina Uthes möchte mit dem Konzept auch andere Schulen mit ins Boot holen
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Dortmund-Agentur / Anja Kador

Ideengeberin und Initiatorin Dr. Regina Uhtes, Lehrerin für Deutsch und Philosophie, setzte sich mit ihrem Konzept „Im Sog von Wort und Bild – Zum Einsatz von Graphic Novels in der Leseförderung“ gegen insgesamt 250 Mitbewerber in der Kategorie „Ideen für morgen“ durch. Verbunden mit dem Preisgeld ist außerdem eine zweijährige Unterstützung von Unterrichtsmodulen. Der Deutsche Lesepreis – Initiatoren sind die Stiftung Lesen und die Commerzbank-Stiftung – bedenkt jährlich zukunftsweisende Leseförderprojekte mit herausragenden Konzeptionen.

Die Auszeichnung bedeutet einerseits eine große Ehre für die Innovationskraft des Dortmunder Gymnasiums, andererseits zeigt sie, dass sich illustrierte Geschichten längst nicht in lustigen Zeichnungen aus Entenhausen erschöpfen. Themen, Inhalte und Darstellungen sind so vielfältig wie die Welt. Als Dr. Regina Uhtes, diese Idee entwickelte, wollte sie Jugendlichen, besonders Jungen, den Zugang zum Lesen (wieder) erleichtern. Und ihr Konzept geht auf, nicht zuletzt durch die Unterstützung der Schulleitung. In einem Interview erzählten Dr. Regina Uhtes und Schulleiter Ulrich Möllencamp der Dortmund-Redaktion über die Ideenfindung, die konkrete Umsetzung im Schulalltag und den Ausblick nach der Preisverleihung.

Interview: Gaye Suse Kromer

Dortmund-Redaktion: Herzlichen Glückwunsch zum Hauptpreis. Was ist Ihnen als erstes durch den Kopf geschossen, als Sie von dieser Ehrung erfahren haben?

Kinder kommen über Comics in Philosophieren

Dr. Regina Uhtes

Dr. Regina Uhtes: Ich war ganz begeistert. Dass es ein ungewöhnliches Projekt ist, war mir schon klar, aber ich habe mir nicht ernsthaft Chancen ausgerechnet, auf den ersten Platz zu kommen. Es haben ja viele Bildungsträger ihre Leseförderkonzepte eingereicht, erfahrene Mitbewerber wie etwa Bibliotheken. Wir haben zwar auch am Helene-Lange-Gymnasium schon lange eine Leseförderung installiert, gehen aber mit diesem Konzept einen neuen Weg und insofern ist der Hauptpreis sehr überraschend.

Dortmund-Redaktion: Warum haben Sie sich überhaupt um den Lesepreis beworben – hatten Sie im Stillen eine Ahnung wie zukunftsweisend Ihre Idee ist?

Dr. Regina Uhtes: Ich wollte das Konzept gerne umsetzen. Unsere schulischen Mittel sind allerdings begrenzt. Zum Glück unterstützen uns unser Förderverein und unser Schulleiter Ulrich Möllencamp, aber es gibt eben keine Extramittel.

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Der Bestand der Graphic Novels wird bis zum Ende des Jahres deutlich ansteigen
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Dortmund-Agentur / Anja Kador

Wir versuchen, viel neue Literatur anzuschaffen, um aktuell zu bleiben, dennoch merken wir, dass bestimmte Lesergruppen fern bleiben, dass wir nicht die Attraktivität haben, die wir brauchen. Ich sah in dem Wettbewerb die Chance, das Konzept umzusetzen. Dass das jetzt möglich ist, freut mich.

Dortmund-Redaktion: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, über gezeichnete Literatur jungen Menschen das Lesen schmackhaft zu machen und darüber Inhalte zu transportieren?

Dr. Regina Uhtes: Früher habe ich Comics gelesen – angefangen von den „Lustigen Taschenbüchern“, später auch Graphic Novels. Sie unterscheiden sich von den herkömmlichen Comics durch ihre romanhafte Struktur. Einerseits war es persönliches Interesse, andererseits habe ich damit im Philosophieunterricht gearbeitet und gemerkt, dass Kinder darüber ins Philosophieren kommen.

Wir invesiteren in E-Books. Gerade Jungen sprechen sehr auf diese Technik an. Übrigens auch Väter.

Dr. Regina Uhtes

Später habe ich privat Graphic Novels an Kinder verliehen, wenn ich merkte, sie lesen nicht gerne. Über diese Formate konnte ich ihnen Brücken bauen. So fing das an. Erst dann habe ich, Ende 2012 war das, die Bücher für die Schülerbücherei angeschafft.

Dortmund-Redaktion: Die Bandbreite der Inhalte und auch die Art der Zeichnungen von Graphic Novels ist breit gefächert. Es gibt Bücher in Ihrer Schülerbücherei, die den Zweiten Weltkrieg erklären, die Liebe thematisieren, es gibt Graphic Novels über eine Demenzerkrankung . Wer ist Ihre Zielgruppe?

Dr. Regina Uhtes: Ansatz ist, Jugendliche am „Leseknick“ abzuholen, also Jugendliche im Alter von 14 Jahren, die aufhören zu lesen. Wir wollen hier besonders die Jungen ansprechen, denn wir verlieren hauptsächlich sie als Leser. Und dann auch ältere Schüler in der Oberstufe, die wir mit z. B. „Maus“ (Graphic Novel über die authentische Lebensgeschichte des polnischen Juden Wladek Spiegelman, der u. a. das Konzentrationslager Auschwitz überlebte, wobei Zeichner Art Spiegelman Juden als Mäuse, Deutsche als Katzen zeichnete; Anm. d. Red.) erreichen wollen. Mit dieser Graphic Novel können wir in Geschichte den Holocaust thematisieren.

Dortmund-Redaktion: Wie werden Sie das Preisgeld verwenden?

Dr. Regina Uhtes: Wir werden etwa 3.000 Euro in die Bücher investieren, schaffen zwei E-Books an für die Bibliothek – es gibt Graphic Novels für E-Books. Gerade Jungen sprechen sehr auf diese Technik an. Übrigens auch Väter.

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Besonders Jungen sollen vor dem „Leseknick“ in der Pubertät abgeholt werden
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Die Vorbildfunktion gerade von Vätern für Jungen ist nicht zu unterschätzen. Wenn wir es über unseren Präsenzbestand schaffen, Jungs einzuladen ein Buch zu lesen, ist das ein Gewinn.

Fortbildungen für das Kollegium werden laufen, wir werden Aktionen anbieten wie etwa Ausstellungen. Im Februar findet ein Comic-Festival in Dortmund statt, zu dem viele Graphic-Novel-Künstler kommen und Mitarbeiter einschlägiger Verlage Vorträge halten. Wir werden als Schule eine Exkursionen dorthin machen, um die Begeisterung über Graphic Novels an die Schüler weiterzugeben.

Dortmund-Redaktion: Wo stehen Sie zurzeit mit Ihrem Konzept?

Dr. Regina Uhtes: Wir sind in den Anfängen. Zunächst beginnen wir die Schülerbücherei mit Graphic Novels auszustatten. Ich entwickele gerade mit einem unserer Partner, die Dortmunder „Transfer“-Buchhandlung, eine Bücherliste. Die Auswahl ist nicht beliebig. Wir schauen z. B. welche Themen sind inhaltlich und literarisch für Jugendliche interessant. Wir stehen im engen Austausch miteinander und wollen bis Ende des Jahres eine Buchauswahl treffen.

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Schulleiter und Initiatorin freuen sich über den Preis und die Erweiterung der Schülerbücherei
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Dortmund-Agentur / Anja Kador

Dann bildet uns Sebastian Oehler, Mitarbeiter vom Berliner Verlag "Reprodukt", fort zu Fragen wie etwa: Was sind Graphic Novels überhaupt, wo kommt das Format her, wie unterscheiden sie sich von Comics und wie kann man Graphic Novels in den Unterricht einbauen? Die Ergebnisse werden wir im Unterricht erproben, um die Möglichkeiten und die Grenzen des Formats auszuloten. Exemplarisch gehen wir so in Deutsch, Englisch, Geschichte, Philosophie und Kunst vor. Bisher basiert die Idee auf einzelnen, positiven Erfahrungen und jetzt geht es an die konkrete Umsetzung.

Dortmund-Redaktion: Ist das Ziel, Jugendliche über „bildhafte“ Romane an „bildlose“ Romane heranzuführen?

Dr. Regina Uhtes: Ich will beides nicht trennen. Wir müssen zu einem erweiterten Textbegriff kommen. Lesen ist viel mehr als Thomas Manns "Buddenbrooks". Wir tun gut daran, Kindern einen Lesebegriff zu eröffnen, der sehr weit gefasst ist. Sie lesen ja ganz viel: SMS, Zeitungen, Zeitschriften, sie lesen im Internet, in Büchern, Comics, Bildromanen.

Eine sensationelle Idee

Ulrich Möllencamp

Wenn wir ein bisschen auf die Jugendlichen zugehen, sie abholen wo ihre Interessen liegen, kommen wir mit ihnen in Kontakt. Es ist ganz wichtig für uns Lehrer, den Austausch mit Kindern und Jugendlichen herzustellen, denn erst dann können wir überhaupt bilden.

Ulrich Möllencamp: In der Schule geht es ja darum, Kompetenzen zu entwickeln und dazu ist es erforderlich, dass man Vorläuferkompetenzen aufbaut. Lesen und verstehen sind Vorläuferkompetenzen. Das bedeutet: Die Jugendlichen müssen lesen können und zwar so, dass sie die Informationen, die in einem Text oder in einem Bild stecken, optimal einen Sinn entnehmen. Das Tolle an Frau Dr. Uhtes Konzept ist, dass es auf den Zusammenhang zwischen Text und Bild abzielt.

Diesen Zusammenhang nutzt inzwischen fast jedes Fach, das Internet sowieso – es ist ja ein buntes Gemisch aus Text und Bild. In den Naturwissenschaften wurden immer schon viel mit Grafik-Text-Kombinationen gearbeitet, z. B. Diagramme, die interpretiert werden müssen. Es ist eine Herausforderung, die Kombination in den richtigen Rahmen zu setzen. Ich verstehe den Inhalt erst, wenn ich beides erfassen kann.

Dr. Regina Uhtes: Der Zusammenhang zwischen Wort und Bild ist keine Redundanz, sondern stellt den Kindern auch einen Interpretationsspielraum zur Verfügung. Ein aktiver Leser ist gefordert. Auf der einen Seite wird durch die Bilder vermeintlich eine Brücke geschlagen.

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Schulleiter Urich Möllencamp unterstützt das Konzept von Dr. Regina Uhtes
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Auf der anderen Seite ist eine höhere Kompetenz gefragt, indem ich die Bilder mit Worten zusammenbringe und interpretieren muss. Ich habe die Erzählsprache der Literatur, des Romans, aber auch die Bildsprache des Comics, die ich miteinander verknüpfen muss.

Dortmund-Redaktion: Neue Ideen sind zwar erstmal schön, werden aber manchmal misstrauisch beäugt, bis sich das Neue etabliert hat. Mussten Sie viel Überzeugungsarbeit an Ihrer Schule leisten, um Graphic Novels anzuschaffen?

Dr. Regina Uhtes: Nein! Die Türen standen auf. Ich habe die Graphic Novels erstmal in Philosophie ausprobiert und dort Fortbildungen für die Kolleginnen und Kollegen angeboten. Sie waren sofort interessiert. Ich erlebe hier eine Kultur, in der danach gefragt wird, wie wir uns weiterentwickeln können. Auch bei der Schulleitung gab es sofort Zustimmung. Das Konzept funktioniert nur, wenn viele mitmachen. So viele Kolleginnen und Kollegen haben mich schon angesprochen, dass wir nicht sofort alle mit ins Boot holen können.

Ulrich Möllencamp: Unsere Schule ist schon immer recht offen gewesen. Dafür braucht es solche Kolleginnen und Kollegen wie eben Frau Dr. Uhtes. Frau Dr. Uhtes hat eine sensationelle Idee gehabt und viel dafür getan. Jetzt sind wir in einer Phase, in der diese Idee in das Kollegium ausstrahlt. Das Konzept nimmt Fahrt auf.

Dr. Regina Uhtes: Wir rechnen fest damit, dass auch Fragen von anderen Schulen kommen. Das Konzept sieht vor, unsere Erfahrungen weiterzugeben. Wir werden die Unterrichtsmodelle publizieren. Darin wollen wir vorstellen, wie wir mit den Graphic Novels gearbeitet, nach welchen Kriterien wir Bücher ausgesucht haben.

Das ist so, als würde man sich aus den „Buddenbrooks“ nur die wörtliche Rede raussuchen.

Dr. Regina Uhtes

Die Buchhandlung „Transfer“ hat Kontakt hergestellt zu einem Gymnasium, das die ersten Graphic Novels für ihre Schülerbücherei anschafft. Mit denen will ich sprechen. Mir ist wichtig, dass wir kein Leuchtturmprojekt sind, sondern dass sich die Idee fortsetzt.

Dortmund-Redaktion: Noch vor nicht allzu langer Zeit firmierten Comics, da gab es noch nicht einmal den Begriff „Graphic Novels“, als nicht ernstzunehmendes Genre. Deutschland hat im Gegensatz zu europäischen Ländern wie Belgien, Frankreich, Italien keine selbstbewusste „Bildergeschichten“-Tradition. Was meinen Sie, woher kommt der derzeitige Aufschwung?

Dr. Regina Uhtes: Das ist ein typisch deutsches Problem. Dabei sind die ersten Comics in Deutschland und den USA entstanden. Wilhelm Busch gilt als Kanonliteratur! Das Vorurteil, Bildergeschichten seien keine Bildung, ist somit nicht haltbar. Offenbar hat man in Deutschland inzwischen wahrgenommen, dass auch Graphic Novels mit Buchpreisen geehrt werden und wird offener.

In Untersuchungen der 1950er Jahre sieht man, dass Text und Bild getrennt voneinander analysiert wurden, nicht aber das Zusammenspiel. Das ist so, als würde man sich aus den „Buddenbrooks“ nur die wörtliche Rede raussuchen, aneinander reihen und angucken. Auch völlig sinnlos. Wir müssen endlich die Kombination zwischen Wort und Bild begreifen, erst dann können wir mit den Graphic Novels richtig arbeiten.

Ulrich Möllencamp: Ich erinnere mich an Kinder, die von ihrem Austausch aus den USA zurückkamen. Sie erzählten wie es da so zugeht, z. B. wenn es dort an den Schulen einen Sprechtag mit den Lehrern gab. Die Schüler bildeten Schlangen. Hier ist es so, dass die Kinder sofort weg sind, wenn wir so einen Sprechtag einrichten – sie wollen sich augenscheinlich nicht mit den Lehrern unterhalten.

Ideengeberin und Initiatorin Dr. Regina Uhtes

Ideengeberin und Initiatorin Dr. Regina Uhtes
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Wenn man sich auf einem hohen Ross befindet und erwartet, dass die Kinder auf einen zukommen, dann verlieren wir den Kontakt zu ihnen. Wir müssen das manchen, was Frau Dr. Uhtes macht: auf die Kinder zugehen und sie so ansprechen, wie sie sich angesprochen fühlen.

Dortmund-Redaktion: Wie geht es nach der Preisverleihung ganz konkret weiter?

Dr. Regina Uhtes: Wir werden in unserer Schule beim „Tag der offenen Tür“ einen Infostand präsentieren. Dort stellen wir das Projekt das erste Mal nach außen vor. Wir werden die neuen Bücher in der Schülerbücherei installieren und im Januar eine große Eröffnung der Schülerbücherei feiern. Dann geht es weiter mit dem Comic-Festival, im April gibt es zum „Welttag des Buches“ Aktionen. Parallel dazu laufen die ersten Fortbildungen der Lehrer.

Dortmund-Redaktion: Vielen Dank für das Interview und gute Fahrt nach Berlin zur Preisverleihung!

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