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Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Dortmund-Agentur / Stefanie Kleemann

Henriette Brink-Kloke: Dortmunds Ahnen eine Stimme geben

13.06.2013

Dr. Henriette Brink-Kloke ist die Chef-Archäologin bei der Unteren Denkmalbehörde der Stadt Dortmund und hat einen Traum: Sie möchte noch die alte Dortmunder Pfalz - die Burg - finden, um deren Existenz sich viele archäologische Gerüchte ranken. Die Dortmund-Redaktion sprach mit Brink-Kloke über ihre Aufgaben und außergewöhnliche Bodendenkmäler, über die zwei Herzen, die in ihrer Archäologen-Brust schlagen und über das historische Leben in der Stadt.

Interview: Anja Kador

Henriette Brink-Kloke

Chef-Archäologin Dr. Henriette Brink-Kloke von der Unteren Denkmalbehörde geht unter Dortmunds Erde auf Spurensuche
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Dortmund-Redaktion: Gibt es viel zu entdecken unter der Erde von Dortmund?

Brink-Kloke: Kein Mensch rechnet damit, in einer 'Ruhrkohlestadt' wirklich viel zu finden. Es gibt viel zu entdecken, aber es gibt keine Schätze. Denn das Meiste ist durch die starke Bebauung über die Jahrhunderte und Jahrtausende zerstört worden. Aber die Spuren von dem Alten, dem Mittelalten und dem Neuen kann man natürlich lesen. Es ist möglich, den Verlauf, den eine Bebauung an einem Platz genommen hat, nachzuvollziehen.

Dortmund-Redaktion: Was war bisher Ihr ältester Fund?

Brink-Kloke: Der älteste Fund war ein steinzeitliches Dorf. Und es war auch damals mein schönstes Stück. Ich bin von der Ausbildung her Neolithikerin. Das heißt, ich habe mit dem Thema Jungsteinzeit promoviert. Einer meiner ersten Funde in Dortmund war ein steinzeitliches Dorf von vor 6500 Jahren. Das ist in Oespel gewesen, am sogenannten Alten Hellweg. Dort lagen sieben Hausgrundrisse, typisch für diese Zeit, zwischen 20 und 35 Meter lang, in der Regel von einer Großfamilie bewohnt. Dazu gehörten Gruben, die entsprechenden Siedlungsmüll beherbergten. Der Hellweg kreuzt sich mit der Overhoffstraße und die ganzen Funde waren auf den vier Arealen der Straßenkreuzung verteilt.

Dortmund-Redaktion: Wie kam es zu dem Fund?

Brink-Kloke: Durch eine Bebauung. Es war geplant, auf den Flächen Gewerbe anzusiedeln. Im Rahmen einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme bin ich eingestellt worden und habe dann begonnen, diese Flächen 'archäologie-frei' zu räumen und auszugraben. Das war 1990.

Die Spuren von dem Alten, dem Mittelalten und dem Neuen kann man natürlich lesen.

Dortmund-Redaktion: Das war Ihr liebster Fund?

Brink-Kloke: Damals war das mein liebster. Als Neudortmunderin hatte ich einfach überhaupt nicht damit gerechnet, dass so etwas passieren würde. Ich promoviere zum Neolithikum und finde Neolithikum im Ruhrgebiet. Ich habe auch eine Weile gebraucht, um das überhaupt glauben zu können.

Dortmund-Redaktion: Was geht denn da in einem vor?

Brink-Kloke: Etwas sehr Merkwürdiges. Der Boden war richtig, es war Lösslehm, es passte alles, aber mein Kopf war wie blockiert. Ich habe wirklich die ersten Scherben in der Hand halten müssen. Scherben sind ja unser Leitfossil. Als die dann da waren, dann war es klar!

Henriette Brink-Kloke

In den Archivkisten lagern tausende Fundstücke - Dr. Henriette Brink-Kloke behält den Überblick
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Dortmund-Redaktion: Freuen Sie sich nicht jedes Mal, wenn wieder eine Großbaustelle in der Stadt angekündigt wird?

Brink-Kloke: Ja und nein. Es ist immer dieses Zweischneidige. Mein beruflicher Ansatz ist es ja, Denkmäler zu erhalten und nicht, sie auszugraben. Ausgraben heißt, sie "kaputt zu graben". Sie sind dann weg, weil ich sie ja komplett entferne. Und damit ist das historische Original verloren, da ich nur Gegenstände aus der Grube, dem Haus, der Mauer oder aus dem Grab, nicht aber die Erde und alles Steine mitnehmen kann. So freue ich mich auf der einen Seite, dass es eventuell etwas Neues und etwas Wichtiges zu entdecken gibt. Auf der anderen Seite bedauere ich die Denkmalzerstörung und frage mich als allererstes: 'Muss die Baumaßnahme wirklich sein oder habe ich rechtliche Mittel, um das Ganze noch mal auf den Prüfstand zu stellen?' Deswegen versuche ich in die Planungsphasen sehr früh hineinzukommen, um mit allen anderen Beteiligten zu klären, die ja auch ihre Interessen vertreten, wer den stärksten Belang hat.

Dortmund-Redaktion: Ist es schon passiert, dass eine Baumaßnahme zumindest zeitlich verschoben worden ist?

Brink-Kloke: Das ist eigentlich die Standardlösung. Kann ein Denkmal nicht erhalten werden, muss es ausgegraben werden. Das ist Pflicht. So wurden Bauvorhaben durch diese Ausgrabungen zwar zeitlich verschoben, aber noch nie dadurch verhindert. Allerdings haben Dinge verändert stattgefunden, also nicht so wie ursprünglich geplant. Zum Beispiel, dass Flächen verschoben wurden oder eine andere Nutzung bekamen.

Fundstücke

Auch 2013 konnten die Archälogen dem Dortmunder Erdreich schon einige Fundstücke entlocken
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Dortmund-Redaktion: Gibt es ein konkretes Beispiel?

Brink-Kloke: Als wir jetzt am Petri-Kirchhof gegraben haben, entdeckten wir an ganz vielen Stellen Überreste des mittelalterlichen Friedhofs. Die Skelette lagen übereinander, nebeneinander, aufeinander, dicht und immer noch dichter. Und mitten in diese Stellen hinein, war auf einer Seite ein Bunkersystem aus dem Zweiten, vielleicht sogar aus dem Ersten Weltkrieg gebaut worden. Und dieses Bunkersystem war auch historisch wichtig. Die Baufirma und auch der Investor wollten das natürlich beseitigt wissen. Wir haben uns dann gemeinsam überlegt, kann man sowohl Teile des Friedhofs halten als auch Teile des Bunkersystems und trotzdem das Bauvorhaben nicht gefährden? Das hat dann letztendlich geklappt. In die spätere Platzgestaltung um die Petrikirche werden der Brunnen und der im Rahmen der Baumaßnahme gefundene Grabstein einbezogen.

Die Skelette lagen übereinander, nebeneinander, aufeinander, dicht und immer noch dichter.

Dortmund-Redaktion: Woher wissen Sie, in welchen Regionen von Dortmund Bodendenkmäler zu erwarten sind?

Brink-Kloke: Zum einen gibt es eine Verdachtsflächenkarte, auf der 700 Fundstellen, die wir kennen, verzeichnet sind. Aus diesen vielen Punkten - diesen Fundstellen - mache ich dann Flächen. Wenn man sich die Flächen mit ein bisschen Sachverstand anschaut, dann sieht man, dass prähistorische Siedlungen oder auch Gräberfeldstellen sich auf bestimmte topografische Situationen konzentrieren. Zum anderen gibt es natürlich verschiedene urkundliche historische Zeugnisse, die man zu Rate ziehen kann. Auf diese Weise erhält man schon ein ganz konkretes Bild. Ich weiß relativ genau, wo etwas zu finden sein müsste.

Dortmund-Redaktion: Was erwartet die archäologische Fan-Gemeinde unter der Erde des neuen DFB-Museums?

Brink-Kloke: Nichts. Die mittelalterliche Altstadt Dortmunds war von einem Befestigungsring umgeben. Die DFB-Museumsbaustelle liegt außerhalb, so ganz knirsch am Außenrand der Stadtbefestigung. Wir haben Probebohrungen gemacht und die ganzen Bohrkernuntersuchungen des Investors begleitet, um zu gucken, ob in den Bohrprofilen noch Reste von der Stadtbefestigung steckten oder Grabenverfüllungen auftauchen. Nichts. Darunter sitzt blanker Fels.

Grabung Rombergpark

Im Rombergpark haben die Archäologen eine Ecke des Rombergschen Schlosses von 1820 gefunden
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Dortmund-Redaktion: Sie erzählen mit Hilfe der Funde die Geschichte von Menschen vergangener Tage. Sie sind sozusagen Ihre Stimme. Was fasziniert Sie daran und was bedeutet es Ihnen?

Brink-Kloke: Das ist weibliche Neugier. Ich vergleiche das immer damit: Früher als Kind habe ich mit Legosteinen gespielt. Ich habe immer zuerst überlegt: Wo muss die Toilette hin, wo steht das Bett. Das Haus an sich hat mich viel weniger interessiert. Die Infrastruktur - also wo waren die Menschen in diesem Haus - war eigentlich für mich das Wichtige. Ich habe dann die schönen, kleinen, halbrunden Legosteine genommen und Toiletten oder Bettfüßchen gebaut. Das fand ich viel spannender. Das ist so einer Art von Spannertum: in die Kochtöpfe anderer Leute gucken.

Dortmund-Redaktion: Was sagen die Bodendenkmäler über das Dortmund von heute aus?

Brink-Kloke: Es war alles schon mal da. Es ist unglaublich, wie sich alles wiederholt. Nehmen wir zum Beispiel den Rombergpark. Das Ruhrgebiet ist von der mittelalterlichen Geschichte gewechselt in die Kohle- und Stahlvergangenheit mit einer vollständigen Landschaftsüberformung. In der Gegenwart gibt es wieder mehr Naherholungsgebiete und den Rückbau der Industrievergangenheit. Im Rombergpark ist diese Wandlung viel früher gelaufen: Die Familie von Romberg hat einen schönen großen Adelskomplex aufgebaut und früh in Industrie investiert. Sie haben Schafzucht betrieben, Schmieden betrieben und eine Mühle gebaut.

Es war alles schon mal da. Es ist unglaublich, wie sich alles wiederholt.

Ganz früh haben die Rombergs schon - vor der eigentlichen Industrialisierung - auf Kohle gesetzt und rund um das Gut Brünninghausen erste kleine oberflächennahe Zechen als Anteilseigner oder komplett übernommen. Mit diesem Heizmaterial haben sie die Schmieden im Sauerland versorgt, die wiederum Material für Salzsieden nach Soest und Unna geliefert haben. Das ging dann mit Beginn der Industrialisierung - Ende des 18., Anfang des 19. Jahrhunderts - soweit, dass die Rombergs als Großgrundbesitzer im Dortmunder Süden alles im Besitz hatten, was Kohle förderte.

Die Rombergs haben die erste Dampfmaschine in einem Bergwerk ihrer Wahl, nämlich in der Zeche Vollmond-Langendreer eingesetzt. Die Landschaft war komplett industriell überformt. Um 1820, als langsam rundum überall die Schwerindustrie einzog, bauten die Rombergs ihr größtes Schloss und gestalteten aus der Industrielandschaft in ihrer Umgebung den großen Landschaftsgarten, den späteren Rombergpark. Die letzten Rombergs - Ende des 19. Jahrhunderts - haben sich bitterlich dagegen gewehrt, dass der verdreckte Staub von Phoenix bei ihnen über die Wälder wehte und das Schloss verunreinigte.

Dortmund-Redaktion: Was haben Sie am Rombergpark gefunden?

Brink-Kloke: Wir haben Reste des ersten des zweiten und des jüngsten Rombergschen Schlosses gefunden.

Dortmund-Redaktion: Sind die Schlösser alle kaputt gegangen, was ist damit passiert?

Brink-Kloke: Es handelt sich dabei um modernes Wohnen. Oft richtet man sich neu ein im Leben. Das betraf in diesen Zeiten nicht nur die innere Architektur, sondern auch die äußere. Viele Menschen, die Geld genug hatten, bauten gerne neu im Stil der damals modernen Kunst und erzählten ihrer Umgebung, wer sie waren. Das war viel deutlicher als heute. Damals konnten die Leute in der Regel gar nicht lesen. Sie konnten vielleicht unterschreiben, aber das einfache Volk ja nicht. Man sprach also zu seiner Umgebung durch Repräsentanz, durch Architektur, durch Kleidung, durch Innenarchitektur, durch Infrastruktur. Und das musste jeder für sich kommunizieren. Es war fast immer so, dass Altes Bestand hatte und übernommen blieb in dem Neubau. Dann wurde praktisch eine Ecke geöffnet und vergrößert. Und der älteste Turm, den wir jetzt gefunden haben, ist der von 1560 bis 1571. Daran grenzt ein Burghaus. Das ist eine Generation jünger. Diese beiden Bauteile waren noch Bestand des klassizistischen Schlosses, das der große Gisbert um 1820 gebaut hat.

Henriette Brink-Kloke

Die Archäologin hat auch einen Spitzbecher aus Grünglas mit roter Fadenauflage gefunden, er stammt vom Ende des 5./Anfang des 6. Jahrhundert nach Chr. (Völkerwanderungszeit/Frühmittelalter)
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Dortmund-Agentur / Stefanie Kleemann

Dortmund-Redaktion: Wie können Sie, wenn Sie eine Entdeckung machen, genau rekonstruieren, wo diese - sowohl zeitlich als auch umständehalber - einzuordnen ist?

Brink-Kloke: Die zeitliche Dimension ist fast die einfachste. Wir wissen ja aus dem Schulunterricht, dass Geschichte mit Vergleichen arbeitet. Kunstgeschichte datiert beispielsweise Gemälde anhand von Stilvergleichen und Analysen von Ähnlichkeiten. So machen wir es - um bei dem Beispiel Keramik und Töpfen zu bleiben - über unsere Scherben. Jeder Mensch hat eine Vorliebe für bestimmte Tassen. Jede Generation hat das und daran kann man es festmachen. So machen wir es auch bei Schmuckstücken, Metallgegenständen, Steinbearbeitungstechniken.

Dortmund-Redaktion: Was ist noch ein Traum von Ihnen, welche Entdeckung möchten Sie noch unbedingt machen? Wo in Dortmund vermuten Sie, noch etwas ganz besonderes zu finden?

Brink-Kloke: Ich will die Burg. Ich suche immer noch die Dortmunder Pfalz. Man glaubte viele Jahrzehnte lang, die Pfalz könne eigentlich nur nördlich der Reinoldikirche gestanden haben. Dortmund habe sich wie eine Zwiebel immer neue Schalen zugelegt. Und der äußerste, größte Ring sei der heutige Wallring mit der Stadtmauer drumherum. Das stimmt nicht. Dortmund hatte an der vermuteten Stelle keine Pfalz. Diese sogenannte Pfalz oder Burg, die wahrscheinlich schon durch Karl den Großen angelegt war, lag mit einiger Wahrscheinlichkeit außerhalb des späteren Stadtbefestigungsringes. Dort, wo über die Burgtorbrücke die ICEs fahren, dahinter beginnt ein kleiner Geländeanstieg. Diese Anhöhe ist durch eine tiefe Senke von dem ebenfalls höher liegenden Altstadtgebiet getrennt. Eine fast schon klassische Lage für eine Burg. Da möchte ich graben.

Dortmund-Redaktion: Vielen Dank für das Gespräch.

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