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Zur Sache

Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Jesús González Rebordinos

Stefan Woßmann

01.10.2014

Bei allem Respekt – offen für Andere(s)

Weltoffenheit und Neugier will gefördert, Achtung anderen Menschen und Kulturen gegenüber will gelernt sein. Das Respekt-Büro hat sich diese Aufgabe auf die Fahnen geschrieben und setzt mit kreativen Aktionen bei jungen Menschen zwischen 14 und 27 Jahre an. In der Regel ist das Respekt-Büro Ansprechpartner für weiterführende Schulen und Jugendfreizeiteinrichtungen. Darüber hinaus gibt es Projekte, für die sich Jugendliche individuell anmelden. Über 60.000 potenzielle junge Menschen kann das Respekt-Büro als außerschulische Bildungseinrichtung in Dortmund ansprechen.

Respekt Büro

Stefan Woßmann ist neugierig auf Menschen und ihre Geschichten
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Dortmund-Agentur / Stefanie Kleemann

Das Respekt-Büro als Teil des Dortmunder Jugendamtes entstand 2003 aus der mit Landesmittel geförderten Jugendkampagne "Respekt", die zwei Jahre lief. Jugendamt und Jugendring riefen damals unter dieser Dachmarke Aktionen und Projekte ins Leben, die für das vielfältige Miteinander warben und ein deutliches Signal gegen Rechtsextremismus setzten.

Der gute Ansatz sollte nach Kampagnenende fortgesetzt werden – mit einer eigenen Anlaufstelle. Aktuell besteht das Team des Respekt-Büros aus drei hauptamtlichen Beschäftigten – Sozialarbeitern und -pädagogen – und einer Unterstützungskraft. Die Dortmund-Redaktion sprach mit Leiter Stefan Woßmann über Arbeit, Motivation und Angebote seines außergewöhnlichen Büros.

Interview: Gaye Suse Kromer

Dortmund-Redaktion: Wenn Sie Ihre aktuelle Arbeit betrachten und mit den Anfängen des Respekt-Büros vergleichen: Was ist Ihnen heute wie damals wichtig?

Stefan Woßmann: Das Wesenselement der damaligen Kampagne war die Vielfalt an unterschiedlichsten Projekten. Wir hatten große zentrale Veranstaltungen angeboten, aber auch viele kleine in Vororten, in Vereinen, Verbänden, in den Einrichtungen des Jugendamtes. Diese Vielfalt ist uns heute noch wichtig. Wir haben kein Standardprogramm, das wir durchziehen und bewegen uns ansonsten nicht. Vielmehr entwickeln wir unsere Angebote immer weiter und lassen eine große Bandbreite von Projektideen zu.

Wir sind z.B. jedes Jahr im März beim "Internationalen Tag gegen Rassismus" mit verschiedenen Aktionen dabei. Dieses Jahr haben wir mit Jugendlichen zum Thema "Antidiskriminierung" mit jugendkulturellen Mitteln – Graffiti, Theater, Tanz – gearbeitet. Wir versuchen über abwechslungsreiche Zugänge zu Themen wie eben Antidiskriminierung oder Demokratie, interkulturelle Arbeit und Gewaltprävention mit Jugendlichen zu arbeiten.

"Wir entwickeln unsere Angebote immer weiter und lassen eine große Bandbreite von Projektideen zu"

Stefan Woßmann

Dortmund-Redaktion: Ihr Portfolio ist in der Tat recht reichhaltig: Konfliktberatung, Konfliktcoaching, Mediation, Interkulturelles Training… Bei der Menge an Angeboten: Wo liegt Ihr Arbeitsschwerpunkt?

Stefan Woßmann: Die Arbeitsschwerpunkte liegen in vier Bereichen: Demokratieförderung, vorurteilsbewusste Bildung und Erziehung, Gewaltprävention sowie internationale Jugendarbeit. Das große Dach darüber ist außerschulische (politische) Bildung. Das machen wir nicht in der Breite, sondern bieten es in den vier genannten Schwerpunkten an.

"Vorurteile hat jeder Mensch"

Stefan Woßmann

Dortmund-Redaktion: Was heißt eigentlich Interkulturelles Training?

Stefan Woßmann: Das Interkulturelle Training ist höchst interessant, weil es ständig Veränderungen unterworfen ist. Früher wurden die Unterschiede von Menschen mit unterschiedlichem kulturellem Background gewürdigt, die hier leben. Aber wenn immer darauf hingewiesen wird, dass etwa Menschen mit türkischem Migrationshintergrund eine andere Kultur haben, ist das kontraproduktiv, weil es Menschen trennt. Selbst wenn es positiv gemeint ist, berücksichtigt diese Perspektive nicht, dass wir von Menschen sprechen, die vielleicht schon in der vierten Generation in Deutschland leben und deutschen Alltag mitprägen. Warum sollen wir diese Unterschiedlichkeit künstlich am Leben erhalten?

Heute begreifen wir Interkulturelle Trainings so, dass wir mit Jugendlichen zunächst erarbeiten, was Vorurteile überhaupt sind. Wir gehen dabei nicht mit erhobenem Zeigefinger heran und sagen "Dududu, das darf man nicht denken, das ist diskriminierend", sondern wir sagen "Vorurteile hat jeder Mensch". Die helfen bei der Orientierung in der Welt. Problematisch wird es, wenn wir die Fähigkeit verlieren, diese Vorurteile zu hinterfragen. Wir sollten nicht die Fähigkeit des ewigen Lernens verlieren und uns der Mechanismen von Vorurteilen bewusst sein. In diesem Zusammenhang sprechen wir von "Vorurteilsbewusster Bildung und Erziehung".

"Vorurteile sind nicht ganz unwichtig"

Stefan Woßmann

Dortmund-Redaktion: Gibt es eigentlich Muster der Intoleranz?

Stefan Woßmann: Ich glaube ja. Wie gesagt, ich bin überzeugt, dass jeder Mensch Vorurteile hat, die sich prägen durch Erfahrungen. Sie geben mir ein Modell an die Hand, um mir die Umwelt zu konstruieren, in der ich mich zurechtfinde, zurechtfinden muss. Deshalb sind Vorurteile durchaus nicht ganz unwichtig. Man findet sie überall. Wenn sich Vorurteile allerdings zementieren, jemand sie also nicht mehr hinterfragt und sie als unumstößlich wertet, dann entsteht ein Muster der Intoleranz.

In so einer Situation neigt ein Mensch dazu, Bevölkerungsgruppen Eigenschaften zuzuschreiben und Intoleranz zu entwickeln. Einerseits als Schutz, andererseits, um ein Ventil zu haben nach dem Motto "Ich bin nicht schuld, sondern der andere." Bestimmte Gruppen versuchen in diese Lücke vorzustoßen und diese geschickt zu Nutzen, um andere für ihre menschenverachtenden Ideen zu ködern.

Respektbüro

Ernste Themen werden vom Respekt-Büro mit Spaß und Kreativität aufbereitet
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Dortmund-Agentur / Stefanie Kleemann

Dortmund-Redaktion: Wie kann man sich Ihre Arbeit konkret vorstellen, wenn Sie in einer Schule ein Projekt gegen Vorurteile und Stammtischparolen durchführen?

Stefan Woßmann: Wichtig: Wir machen keinen Frontalunterricht! Grundlage der außerschulischen Bildungsarbeit ist zu allererst die Gruppe von Menschen, mit denen wir es zutun haben. Das ist der wichtigste Part unserer Bildungsangebote, d.h. wir müssen erst ein Gefühl für die Gruppe bekommen, indem wir uns gemeinsam aufeinander einstellen. Dazu gibt es verschiedene Übungen, die das Thema Gruppe in den Mittelpunkt stellt, Aufmerksamkeit und Neugier auf das Miteinander schafft.

In der nächsten Phase fragen wir, was die Gruppe aus dem eigenen Kontext für Stammtischparolen kennt. Wir fragen auch, inwieweit jemand solche Aussagen kritisch sieht oder aber diesen zustimmt. Wir unterstellen nicht eine richtige Antwort. Wir setzen uns dann mit ein oder zwei der Parolen intensiver auseinander und das in unterschiedlichsten Settings, etwa als Kleingruppen. Dann sammelt die Gruppe Material. Es wird auch gefragt "Wann ist dir die Parole schon mal begegnet? Was ist deine persönliche Geschichte dazu?"

Ich bin überzeugt, dass jeder Mensch Vorurteile hat, die sich prägen durch Erfahrungen"

Stefan Woßmann

Dortmund-Redaktion: Sie gehen außerdem in Jugendfreizeitstätten – wie sehen dort Ihre Projekte aus?

Stefan Woßmann: Wir hatten mal ein Angebot, bei dem sich die jungen Menschen überlegen sollten, was es heißt, wenn die betreffende Jugendfreizeitstätte ein Ort für Respekt wäre. Dafür haben wir eine übergroße Pinnwand mit einem Porträt eines Menschen installiert, z. B. eine Frau mit Kopftuch. Die Jugendlichen sollten sagen, was sie vermuten, welche Hobbys, welchen Bildungsabschluss und welchen Familienstand diejenige bzw. derjenige hat.

Die Auflösung hinterher war interessant. Die Jugendlichen stellten dabei fest, wie sehr sie sich von ihrem ersten Eindruck leiten lassen, der oft nicht mit der Realität übereinstimmt. Über diesen Anlass sind wir ins Gespräch gekommen. Das ist ein Element von inszenierter Bildung in Jugendfreizeitstätten.

Frage "Wie gehe ich mit Diskriminierung um?"

Stefan Woßmann

Dortmund-Redaktion: Der aktuell geunkte Vorwurf, Jugendliche engagierten sich nicht mehr so stark wie früher für gesellschaftliche Belange, sie seien, verstärkt durch Social Media, mehr mit sich als ihrer Umwelt beschäftigt – pflichten Sie dem Vorwurf bei?

Stefan Woßmann: Ich bin kein Wissenschaftler mit einer entsprechenden Studie zur Hand, meine Erfahrung ist allerdings, so vielfältig wir Menschen insgesamt sind, so vielfältig sind natürlich auch die Jugendlichen. Es gibt junge Menschen, die sich ausklinken, die auf nichts Lust haben. Genauso gut gibt es diejenigen, die total engagiert sind und Lust darauf haben, etwas zu bewegen.

Wir machen ja auch Kampagnen zu den Wahlen, um Jugendliche zu motivieren, von ihrem Wahlrecht gebrauch zu machen. Dort ist deutlich zu sehen: Sie wählen genauso oft oder wenig wie die Erwachsenen. Wenn es eine gesellschaftliche Stimmung gibt, die postuliert, dass sich Menschen aus der Gemeinschaft zurückziehen, dann wird man das genauso im Jugendbereich wiederfinden. So wie die Gesamtgesellschaft immer wieder Schwankungen unterworfen ist, so ist das auch bei Jugendlichen wiederzufinden.

Dortmund-Redaktion: Welche Situation hat Sie in Ihrer Arbeit besonders beeindruckt oder beeindruckt Sie immer noch?

Stefan Woßmann: Ich habe im Rahmen eines Jugendaustauschs eine Gruppe nach Karelien begleitet – ein Gebiet in Nordosteuropa, zwischen Finnland und Russland. Wir sind bis Sankt Petersburg geflogen und von da aus mit dem Nachtzug nach Petrosawodsk, der Hauptstadt von Karelien, gereist. Wir kamen um 7 Uhr morgens an. Es war November, also entsprechend kalt. Die russischen Gastfamilien haben die Jugendlichen am Bahnhof empfangen.

Die jungen Menschen waren in einer Situation, die mit nichts vergleichbar war, was sie bis dahin erlebt hatten. Keiner der Jugendlichen sprach Russisch, die Familien weder Deutsch noch Englisch. Wie toll die Kommunikation trotzdem geklappt hat, hat mich beeindruckt. Die Familien und die Jugendlichen verständigten sich mit einem Laptop über das Sprachtool von Google. Erst schrieben die einen, dann die anderen.

Solche Austauschmaßnahmen sind sehr effektiv, weil jeder was mitnimmt. Das geht gar nicht, dass man nichts mitnimmt. Selbst wenn man feststellt "Okay, ich brauche so was nicht noch mal" hat man etwas erlebt, was man im Alltag nicht erfährt. Eine unbekannte Situation zu erleben, sich selber zu erleben, Schwierigkeiten zu meistern, um mit einem guten Gefühl aus so einer Lage zu kommen, das ist unglaublich viel wert.

Auch wenn wir zum "Internationalen Tag gegen Rassismus" unterschiedliche Projekte zum Thema Respekt anbieten gibt es diese besonderen Momente. Anwesende Lehrer sind oft erstaunt, welche Talente in ihren Schülern stecken – egal, ob beim Tanz oder Graffiti oder sonst einem kreativen Angebot. Wir geben die Möglichkeit, den Alltag zu verlassen, um andere Sache zu machen, sich anders zu erleben und sich anders zu präsentieren.

Respekt Büro

Ein Teil der Belegschaft des Respekt-Büros (v.l.): Praktikant Alexander Heite, Leiter Stefan Woßmann, Mitarbeiterin Tatjana Herdt
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Dortmund-Agentur / Stefanie Kleemann

Dortmund-Redaktion: Wo sehen Sie Möglichkeiten Ihrer Arbeit und wo die Grenzen?

Stefan Woßmann: Die besondere Möglichkeit, die wir bieten ist, neben dem Angebot, sich inhaltlich auseinanderzusetzen, dass wir ein Setting schaffen, in dem sich jeder ernst genommen fühlt. Wir geben nichts vor, wir sind nicht im Besitz der reinen Lehre. Das ist unser Anspruch.

Ich lehne jede Form von Dogmatismus ab. Mit dieser Haltung begegnen wir den jungen Menschen. Sie nehmen das wahr. Das ist eine Menge wert. Die Grenze ist, wenn jemand keine Lust hat, sich mit den Themen auseinanderzusetzen, die wir aufrufen. Aber das ist in vergangenen elf Jahren nur ein oder zweimal vorgekommen.

"Ich lehne jede Form von Dogmatismus ab"

Stefan Woßmann

Dortmund-Redaktion: Sie wenden sich an junge Menschen, aber auch an Eltern und Pädagogen. Eine äußerst breit gestreute Zielgruppe. Ist die Gefahr dabei nicht groß, dass sich letztlich keiner der Gruppen angesprochen fühlt?

Stefan Woßmann: Das glaube ich nicht, weil wir unsere Arbeit immer in einem Zusammenhang sehen. Unsere Themen bieten wir jungen Menschen an, aber wir bieten unsere Themen gleichzeitig jenen an, die mit jungen Menschen umgehen. Nehmen wir das Thema Demokratieförderung/rechte Parolen: Wir setzen uns dazu mit Schülern auseinander, parallel dazu bieten wir für Lehrerkollegien die Fortbildung "Rechte Parolen im Klassenzimmer" an.

Oder nehmen wir die Jugendfreizeitstätten. Wir machen Sozialarbeitern das Angebot, sich mit der Frage "Wie gehe ich mit Diskriminierung um?" auseinanderzusetzen. Thematisch ist das ein Guss. Wir trennen das nicht. Die Themen sind von der Tagesaktualität abhängig. Das kommt sehr gut an. Wir haben immer wieder Nachfragen von Lehrerkollegien und von Jugendfreizeitstätten.

"Internationaler Tag gegen Rassismus bietet viele Projekte"

Stefan Woßmann

Dortmund-Redaktion: Anti-Diskriminierung, Respekt, Toleranz, Demokratieförderung… Breit gestreute Themen, die allein durch das engagierte Team vom Respekt-Büro nicht zu stemmen sind, dazu braucht es starke Partner. Wie sind Sie fachlich vernetzt?

Stefan Woßmann: Vernetzt sind wir innerhalb Dortmunds mit dem Jugendring und der Koordinierungsstelle für Vielfalt, Demokratie und Toleranz. Als Teil des Jugendamtes Dortmund liegt unsere Schwerpunktarbeit natürlich innerhalb dieser Stadt. Wir beteiligen uns außerdem an NRW-weiten Netzwerken und Fachgruppen. Über Dortmund hinaus sind wir Teil des Netzwerks "Ruhr gegen Rechtsextreme mit Tendenzen bei Kindern und Jugendlichen".

Dort treffen sich Fachleute der außerschulischen Bildungsarbeit, hauptsächlich aus kommunalen Kontexten und inzwischen weit über die Ruhrgebietsstädte hinaus. Das reicht von Köln bis Hamm. Wir treffen uns drei bis viermal im Jahr, um uns auszutauschen. Dann gibt es noch ein Landesnetzwerk gegen Rechtsextremismus. Auch dort sind wir aktiv.

"Ich möchte Austausch fördern"

Stefan Woßmann

Dortmund-Redaktion: Was ist Ihre persönliche Motivation im Respekt-Büro zu arbeiten?

Stefan Woßmann: Was mich reizt an diesem Aufgabenfeld ist, dass es viele Menschen gibt, die glauben, die Wahrheit gepachtet zu haben und sie auf ihre Umwelt losschleudern. Ich bin total neugierig auf die Menschen und auf das, was jeder einzelne für sich gut findet. Darüber mit jungen Menschen ins Gespräch zu kommen und jede einzelne Wahrheit zu hinterfragen, das macht mir Spaß, das ist meine persönliche Motivation.

Ich möchte Austausch fördern. Dogmen sind eingleisig. Bei festgefahrenen Glaubenssätzen hätte ich Angst, dass ich so viel um mich herum verpasse. Wenn ich es bei einem Menschen schaffe, der bisher eingleisig gefahren ist, ihn durch meine Arbeit dazu zu bewegen, auch mal um sich herum zu schauen – das wäre mein persönlicher Erfolg.

Dortmund-Redaktion: Vielen Dank für das Gespräch, Herr Woßmann.

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