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Forumsgespräch

Wilhelm-Hansmann-Haus

Bild: Gustel Gawlik

Sucht im Alter – ein gesellschaftliches Tabuthema?

Auf Einladung der Stadt Dortmund, Fachdienst für Senioren sowie des Fördervereins des Wilhelm-Hansmann-Hauses fand am 13.11. in der Reihe "Forum im WHH" eine Informationsveranstaltung zum Thema "Sucht im Alter" statt.

Neben Fachvorträgen und einer sich hieran anschließenden Podiumsdiskussion konnten sich die 135 Besucherinnen und Besucher des Forums an verschiedenen Ständen über spezialisierte Angebote zur Unterstützung, Beratung und Therapie von suchtkranken Menschen informieren. Eine Kunstausstellung zeigte ferner Werke von Menschen mit Suchtgeschichte.

Sozialdezernentin Birgit Zoerner eröffnet das Forum

Sozialdezernentin Birgit Zoerner begrüßte die 135 Teilnehmerinnen und Teilnehmer dieser Veranstaltung. "Wir sehen an dem großen Interesse an dieser Veranstaltung, dass dieses Thema größere Beachtung verdient." Birgit Zoerner wies darauf hin, dass Sucht keine Altersgrenzen kenne und auch bei den älteren Generationen ein steter Anstieg der Fälle von Alkohol- oder Medikamenten-Missbrauch zu beobachten sei. Allerdings- und auch das belegen die Zahlen über die Inanspruchnahme von speziellen Hilfsangeboten- erhalten bisher nur vergleichsweise wenig Betroffene angemessene Hilfen- auch, weil das Thema Sucht von den Betroffenen häufig aus Scham nicht thematisiert wird und professionelle Helfer im Bereich der Altenhilfe, der Sozialen Arbeit ,aber auch der Ärzteschaft an ihre zeitlichen und fachlichen Grenzen stoßen.

Es sei angesichts der kontinuierlich steigenden Betroffenenzahlen notwendig, Fachkräfte der Suchthilfe und in der Altenpflege zu sensibilisieren, weiter zu qualifizieren und Altenhilfe und Suchtkrankenhilfe weiter zu vernetzen.

Birgit Bartsch von der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen referierte über die gesellschaftlichen Dimensionen von Suchterkrankungen im Alter

Im Anschluß an die Begrüßungsworte von Sozialdezernentin Birgit Zoerner verdeutlichte Gabriele Bartsch, stellvertretende Leiterin der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen mit Sitz in Hamm die gesellschaftlichen Dimensionen von Suchterkrankungen älterer Menschen.
Von ca. 20 Millionen Menschen über sechzig Jahre (ca. 25 % der Gesamtbevölkerung) würden ca. 3 Millionen riskant mit Alkohol umgehen. 400.000 Menschen über sechzig Jahre gelten als alkoholabhängig. Besorgniserregend sei –neben 2,1 Millionen Rauchern- aber auch die starke Entwicklung im Bereich der Medikamentenabhängigkeit. So gelten 1,2 Millionen Menschen über sechzig Jahre als benzodiazepinabhängig, 300.000 Menschen sind von anderen suchterzeugenden Medikamenten abhängig.
Ein weiteres Indiz für die Zunahme der Problematik der Suchterkrankungen bei älteren Menschen zeigt sich auch in steigende Zahlen in speziellen ambulanten und stationären Betreuungsgruppen oder auch bei den Aufnahmezahlen in Kliniken wegen akuter Alkohol-und Medikamentenintoxikationen.
Insgesamt, so Gabriele Bartsch, werden sich alle Berufsgruppen und Einrichtungen, die mit der Betreuung von älteren Menschen befasst sind – so auch Pflegeeinrichtungen- auf eine zunehmende Anzahl suchterkrankter älterer Menschen einstellen müssen und ihre Hilfsangebote um dieses Spektrum erweitern müssen.

Mathias Speich, Landschaftsverband Westfalen-Lippe skizierte gesellschafts-und sozialpolitische Herausforderungen im Umgang mit Suchterkrankungen im Alter

Mathias Speich, Mitarbeiter der Koordinationsstelle Sucht beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe, hob die Bedeutung von sozialen Netzwerken und prophylaktischen Angeboten hervor. Insbesondere im Alter bestehe bei Belastungen wie Stress, Schmerzen, Trauer, Verlust und Ängsten bei gleichzeitigem Wegbrechen ausgleichender Faktoren wie Familie, Freundschaften oder Hobbies eine erhöhte Suchtgefahr, wobei insbesondere der Missbrauch von Alkohol und Medikamenten aufgrund ihrer bewusstseinsverändernden Wirkungen sehr riskant seien.

Auch die Kombination von Alkohol und Medikamenten sei häufig zu beobachten, die Wirkung teilweise unkalkulierbar. Ältere Menschen berücksichtigen beim Konsum von Alkohol oftmals auch nicht, dass die Wirksamkeit aufgrund altersbedingter veränderter körperlicher Dispositionen sowie der Mischkombination mit Medikamenten erheblich erhöht sein kann, mit teilweise gravierenden Folgen. So kann beispielsweise das „Gläschen in Ehren“, wie Mathias Speich beispielshaftr darlegte, bei einem Sturz zu einem Oberschenkelhalsbruch führen. Durch alters-oder auch nikotinbedingte verlängerte Wundheilungsphasen und hierin begründete längere Liegezeiten könnten sich letztlich Thrombosen bilden, die wiederum zum Infarkt führen können.
Notwendig sei, so Mathias Speich, neben qualifizierten und spezialisierten Hilfsangeboten, auch ein verändertes sozial-und gesundheitspolitisches Bewusstsein. So bedürfe es einer eigenen „Definition für riskanten Konsum im Alter“, aber auch der Akzeptanz eines (un)bewussten multiplen Substanzgebrauchs. Die Erweiterung der Präventionsangebote wären ebenso wie die – vom LWL bereits erfolgreich praktizierte- Qualifizierung von Multiplikatoren nachweislich erfolgversprechende und notwendige Maßnahmen.
Krankenkassen und Rentenversicherer müssten sich auf altersgerechte Zielsetzungen verständigen. Ferner weist Mathias Speich auf die Notwendigkeit altersgerechter Medikation und Dosierung im Bereich der medizinischen Versorgung.

Dr. Ulrike Ullrich, Leiterin des Sozialpsychiatrischen Dienstes des Gesundheitsamtes der Stadt Dortmund über die Situation suchterkrankter älterer Menschen in Dortmund.

Frau Dr. Ulrike Ullrich, Leiterin des Sozialpsychiatrischen Dienstes der Stadt Dortmund, berichtete, dass in Dortmund ca. 22.000 Menschen als alkoholkrank gelten. Nur ca. 5,7 % dieser Personengruppe würden Beratungsstellen aufsuchen. Im Bereich der illegalen Drogen ist der Prozentsatz, der Beratungsstellen aufsucht, weitaus höher. Von geschätzten 5000 drogenkranken Menschen in Dortmund stehen etwa 1600 Menschen in Kontakt mit Beratungsstellen (32 %).
Auch die Zahl der älteren alkoholkranken Menschen hat in den vergangenen Jahren signifikant zugenommen. Waren im Jahr 1997 noch 6 % aller als alkoholkrank geltenden Menschen über sechzig Jahre alt, stieg der Anteil im Jahr 2012 auf 22,2 %. Betrachtet man dabei noch den ebenfalls deutlich gestiegenen Anteil der Menschen zwischen dem 50.und 60. Lebensjahr (von 15,8 im Jahr 1997 auf 31,96 % im Jahr 2012) wird deutlich, dass hier weiterhin mit einer Zunahme dieser Problematik zu rechnen ist.

Mit der Alkoholerkrankung einher gehen teils schwerwiegende bis lebensbedrohliche Erkrankungen der Leber, des Herzens, der Nerven, des Gehirns oder auch ein erhöhtes Risiko für Diabetis. Zudem seien Menschen mit jahrelanger Alkoholerkrankung stark von sozialem Abstieg bedroht.
Zu unterscheiden sei auch zwischen Personen, die bereits in früheren Jahren einen problematischen Umgang mit Alkohol pflegten und solchen, die erst durch altersbedingte Situationen- wie Einsamkeit, fehlende Tagesstruktur, Schicksalsschläge oder auch Erkrankungen - Suchtverhalten entwickelten.
Insgesamt gesehen sei aber auch das Dortmunder System der Suchtkrankenhilfe durch zahlreiche Kooperationen und eine insgesamt gute Zusammenarbeit aller Beteiligten gut aufgestellt, so dass Betroffene aus einer Vielzahl von Hilfsangeboten wählen könnten. Auch bei der Anzahl der niedergelassenen Ärzte mit Zusatzqualifikationen –insgesamt 30 niedergelassene Ärzte verfügen über eine suchtmedizinische Zusatzausbildung - im Bereich der Suchtkrankenhilfe sei Dortmund sehr gut aufgestellt.

Ein weiteren sehr wichtigen und für die Betroffenen unverzichtbaren Baustein der Suchtkrankenhilfe stellen auch die zahlreichen Dortmunder Selbsthilfegruppen dar.

Dr. Arnulf Vosshagen, Kamilushaus Essen über ein Modellprojekt zur Vernetzung von Altenhilfe und Suchtkrankenhilfe

Dr. Arnulf Vosshagen berichtete über das vom Bundesgesundheitsministerium geförderte Projekt "Vernetzung von Altenhilfe und Suchtkrankenhilfe" in Essen.
Zielsetzung dieses Modellprojektes ist die Verbesserung der Vernetzung von Altenhzilfe und Suchtkrankenhilfe. Wichtige Projektelemente sind unter anderem Basisschulungen in Altenhilfeeinrichtung sowie Sensibilisierung und Qualifizierung von Fachkräften und Multiplikatoren.

Inzwischen beteiligen sich über 35 Einrichtungen der Essener Suchtkrankenhilfe und der Altenhilfe an diesem Projekt, das regelmäßig evaluiert wird. Erste Ergebnisse zeigen, dass deutlich mehr Fachkräfte aus diesen Berufsfeldern inzwischen für das Thema Sucht im Alter sensibilisiert werden konnten, so dass aSuchterkrankungen älterer Menschen besser wahrgenommen werden. Die Anzahl der Beratungen in unterschiedlichen Einrichtungen der Altenhilfe und Suchtkrankenhilfe ist seit Beginn des Modellprojektes deutlich gestiegen. Mehrere Einrichtungen haben inzwischen spezielle Suchtbeauftragte, an die sich Betroffene oder auch die entsprechenden Fachkräfte wenden können

Podiumsdiskussion

An der abschließenden Podiumsdiskussion -Moderation Kay Bandermann, WDR Landesstudio Dortmund - nahmen neben den Referenten noch Marita Machers als Vertreterin des Dortmund Kreuzbundes und der Dortmunder niedergelassene Internist, Dr. Hans-Joachim Schlüter, der u.a. auch Vorsitzender der Beratungskommission „Sucht und Drogen“ bei der Ärztekammer Westfalen-Lippe ist, teil. Während Frau Machers eindrucksvoll die Tätigkeiten und Prinzipien der Kreuzbundgruppen schilderte, berichtete Dr. Schlüter über seine Erfahrungen mit suchtkranken menschen in der alltäglichen Praxis niedergelassener Ärzte.

Im Laufe der Diskussion wurde auch anhand von Wortbeiträgen aus dem Publikum deutlich, dass insbesondere Pflegefachkräfte und Sozialarbeirter hierbei weitergehende Unterstützung benötigen, um auf diese zukünftig noch verstärkt auftretende Problematik über die sonstigen, ohnehin sehr anspruchsvollen Tätigkeiten hinaus, entsprechend eingehen zu können.
Alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Podiums waren sich am Ende der Diskussionsrunde einig, dass die bestehenden Strukturen in Dortmund weit ausgebildet sind, das Thema Sucht im Alter jedoch stärker in den Fokus zu rücken sei.

Viktor Kidess
Leiter des Wilhelm-Hansmann-Hauses

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