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Kleines Kind liegt auf Wiese

Gesundheitsamt

Bild: photocase.com / freeday

Entwicklungsscreening

Entwicklungs-Screening für 3-jährige Kinder

Beobachtungshilfen für Fachkräfte in Kindergärten und Kindertagesstätten

Im Rahmen des Arbeitskreises Kindergesundheit des Gesundheitsamtes bildete sich ein interdisziplinärer Arbeitskreis (AK) Hören und Sprache, der sich zum Ziel setzte, Kinder mit Hör- und Sprachstörungen in Dortmund frühzeitig zu erkennen und Fördermöglichkeiten aufzuzeigen.

An diesem AK beteiligten sich unter der Leitung einer Ärztin für HNO und Phoniatrie/Pädaudiologie zwei Kinderärztinnen des Gesundheitsamtes, eine Dipl.-Pädagogin/Sprachtherapeutin des Gesundheitsamtes und eine Dipl.-Sozialpädagogin/Fachreferentin des Jugendamtes.

Der "Arbeitskreis Hören und Sprache" entwickelte in Folge ein Screeningverfahren für 3-jährige Kinder zur Früherkennung von Entwicklungsauffälligkeiten. Es stellt ein Instrumentarium für Fachkräfte in Tageseinrichtungen dar, das ermöglicht, den Entwicklungsstand der Kinder einzuschätzen.

Ziele und allgemeine Hinweise

Ziel des Entwicklungs-Screenings ist es, frühzeitig Entwicklungsprobleme bei Kleinkindern zu erfassen.

In den letzten Jahren werden erfreulicherweise immer mehr 3-jährige Kinder in Tageseinrichtungen für Kinder betreut. Die Arbeitsgruppe hat daher ein Instrumentarium (Beobachtungsbögen) entwickelt, um Auffälligkeiten bereits in diesem Alter zu erfassen und einzuordnen.

Eine wichtige Schlüsselfunktion haben hierbei die Fachkräfte in den Tageseinrichtungen. Sie erleben die Kinder sowohl im Einzel- als auch im Gruppenkontakt und begleiten und fördern ihre Entwicklung mit pädagogischer Fachkompetenz.

Die Beobachtungsbögen erfassen die Entwicklungsbereiche Alltagsfertigkeiten, Motorik, Sprache, Hör- und Sehwahrnehmung. Sie sind alltagsnah gestaltet und ermöglichen auf spielerische Weise, grobe Abweichungen von der Altersnorm sicher festzustellen. Das Material erhebt keinesfalls den Anspruch eines differenzierten Entwicklungstestes. Es ermöglicht ein Screening, das grob aber alltagsnah und alltagstauglich, den Entwicklungsstand der Kinder einschätzt und bewertet.

Aus den Beobachtungen heraus lassen sich weitere Anregungen zur spielerischen Förderung im Alltag ableiten. So kann frühzeitig und effektiv manifesten Entwicklungsproblemen entgegengewirkt werden.

Das Verfahren des Entwicklungsscreenings besteht aus 5 Stufen.

  • Das Material ist für Kinder im 4. Lebensjahr (vom 36. bis zum 48. Lebensmonat) angelegt. Es soll bei den Kindern zum Einsatz kommen, die mit drei Jahren in die Einrichtung aufgenommen wurden und Gelegenheit zur Eingewöhnung hatten. Der Beobachtungszeitpunkt ist festgelegt auf 6 bis höchstens 12 Wochen nach Aufnahme in die Kindertageseinrichtung. Somit werden die jüngsten Erstuntersuchten 3 Jahre + 2 Monate alt sein, die ältesten sollten das vierte Lebensjahr nicht überschritten haben.
  • Das Verfahren ist für alle Kinder in diesem Alter geeignet. Für Kinder mit Migrationshintergrund, die geringe deutsche Sprachkenntnisse haben, sind Hinweise für die Handhabung beigefügt. Einzig der Beobachtungsbogen zur Überprüfung der Sprachkompetenz ist für diese Kinder nur eingeschränkt nutzbar.
  • Kontrollbeobachtungen sollen frühestens nach 3, spätestens nach 4 Monaten durchgeführt werden. Damit wird dem Kind einerseits ein überschaubarer Zeitraum für Entwicklungsfortschritte gewährt, andererseits aber auch nicht zu lange abgewartet, um notwendige Maßnahmen und Hilfen frühzeitig einsetzen zu können.
  • Die Beobachtungen können - entsprechend den Beschreibungen - in Einzel- oder in Gruppensituationen gemacht werden. Es ist nicht notwendig, alle Bögen für ein Kind an einem Tag zu bearbeiten. Ein Zeitraum von einer Woche sollte aber nicht wesentlich überschritten werden.
  • Entwicklungsbögen und ihre Dokumentation setzen das Einverständnis der Eltern/Personensorgeberechtigten voraus. Sie unterliegen der Schweigepflicht. Eine Weitergabe an Dritte (z.B. den Kinderarzt) erfolgt ausschließlich persönlich durch die Eltern/Personensorgeberechtigten.

Erläuterungen zur Durchführung

Nützliche Tipps

1. Es empfiehlt sich, die erforderlichen Spiel- und Hilfsmaterialien bereit zu haben, um die Aufmerksamkeitsspanne des Kindes optimal ausnutzen zu können.
2. Der Eindruck eines Testes wird bei kindgemäßer und spielerischer Gestaltung leicht vermeidbar sein; Eintragungen auf dem Bogen sollen für das Kind beiläufig und rasch erfolgen. Bei den Bereichen mit wenigen Unterfragen kann das Formular auch am Ende der Beobachtung aus dem Gedächtnis gefüllt werden.
3. Die Dokumentation der Ergebnisse erfolgt durch Ankreuzen einer der drei Bewertungsspalten (ja/ nein/ unsicher). Das Kreuz muss eindeutig einer dieser Spalten zuzuordnen sein; Ergänzungen und Erläuterungen sind zumindest auf den Bögen zu vermeiden.
4. Welcher Handlungsbedarf sich aus Ihren Beobachtungen ergibt, haben wir für jeden Entwicklungsteilbereich gemeinsam und interdisziplinär festgelegt. Sie finden am Ende eines jeden Bogens genaue Vorgaben, was wir als bestanden, als kontrollbedürftig oder als ärztlich abklärungsbedürftig ansehen.
5. In diesen Texten finden Sie häufig die Bindewörter "und" und "oder". Um Missverständnissen vorzubeugen, sei hier das Beispiel der Sehwahrnehmung erläutert:

Die Aufgabe wird bestanden bewertet, wenn 1 und 2 gelöst sind; mit "und" ist hier "sowohl als auch" gemeint; die Lösung einer der beiden Aufgaben reicht also nicht zum Bestehen aus.

Wenn 1 oder 2 nicht bewältigt werden, ist eine Vorstellung beim Kinderarzt notwendig. "Oder" verkürzt hier "entweder oder"; das Kind soll also überwiesen werden, wenn es entweder die Aufgabe 1 oder die Aufgabe 2 nicht lösen kann; das Nichtbewältigen einer der beiden Aufgaben erfordert eine weitere Abklärung, auch wenn die anderen Aufgaben geschafft werden (was wohl nicht zu erwarten ist).

Eine Kontrolle wird empfohlen, wenn 1 und/oder 2 unsicher durchgeführt werden.

Kontrollbedürftigkeit liegt also in folgenden Fällen vor:

  • Aufgabe 1 ist unsicher, Aufgabe 2 wird gelöst.
  • Aufgabe 2 ist unsicher, Aufgabe 1 wird gelöst.
  • Sowohl Aufgabe 1 als auch Aufgabe 2 werden unsicher bewältigt.

6. Die Reihenfolge der überprüften Bereiche ist in etwa entsprechend dem Schwierigkeitsgrad angeordnet; die letzte Leistung ist die schwierigste und komplexeste. Bei der "Sehwahrnehmung" und den "Alltagsfertigkeiten" werden Sie feststellen, dass nur die ersten Teilbereiche mögliche Konsequenzen für die Beurteilung des Handlungsbedarfs haben. Die Überprüfung der letzten Bereiche kann aber für die Beurteilung des Entwicklungsverlaufs bei Kontrollen von Bedeutung sein, so dass in jedem Fall eine komplette Beobachtung und Dokumentation für alle Teilbereiche erforderlich ist.

Wissenschaftliche Ergebnisse

In einem ersten Pilotprojekt haben 12 städtische Einrichtungen an dem Verfahren teilgenommen und 90 Kinder ohne Migrationshintergrund beobachtet.

In einem zweiten Pilotprojekt haben 24 städtische Einrichtungen teilgenommen und 283 Kinder beobachtet, davon 159 mit Migrationshintergrund. Letzteres Verfahren wurde wissenschaftlich begleitet zur Evaluation der Testverfahren im Rahmen von drei Diplomarbeiten und einer Staatsexamensarbeit in der Fakultät Rehabilitationswissenschaften der Universität Dortmund (Prof. Dr. Nitza Katz-Bernstein) und der Abteilung Phoniatrie/Pädaudiologie der HNO-Klinik des Klinikums Dormund (Dr. med. Sabine Hartmann). Die statistische Auswertung erfolgte durch das statistische Beratungs- und Analyse – Zentrum der Universität Dortmund.

Im ersten Pilotverfahren haben 31% der Kinder in allen Bereichen altersgemäße Ergebnisse, 26% der Kinder wurde eine ärztliche Abklärung empfohlen. 34% der Kinder wurden kontrolliert, davon zeigen 43% nach der Kontrolle auch altersgemäße Ergebnisse, insgesamt somit 50% aller Kinder. Im Vergleich der Unterteste zeigen knapp 70% der auffälligen Kinder Probleme entweder allein im Bereich Sprache oder in Kombination mit dem Bereich Sprache. Den leistungsschwächsten Bereich Sprache haben 57% der Kinder bestanden.

Die Ergebnisse im zweiten Pilotverfahren unter Einschluss von Kindern mit Migrationshintergrund sind ungünstiger. Nur 15% der Kinder haben in allen Bereichen altersgemäße Ergebnisse, 54% der Kinder wurde eine ärztliche Abklärung empfohlen. 29% der Kinder wurden kontrolliert. Den leistungsschwächsten Bereich Sprache, der normiert für Kinder mit Deutsch als Erstsprache ist, haben 25% der Kinder bestanden. Es zeigten sich deutlich die Unterschiede zwischen deutschsprachig (34%) und mehrsprachig (14%) heranwachsenden Kindern. Der Beobachtungsbogen zur Überprüfung der Sprachkompetenz sollte für Migrantenkinder als Orientierung für die pädagogische Förderung genutzt werden. Eine wertende Einschätzung der Sprachkompetenz kann nur bei Kindern mit Deutsch als Erstsprache erfolgen.

Die Evaluationsergebnisse zeigen für den Sprachteil eine Sensitivität von 83,3% und eine Spezifität von 91,7% bei einer hohen Signifikanz < 0,0005. Im Bereich Hören liegt die Sensitivität bei 62,5% und die Spezifität bei 90%; das Screeningverfahren ist bei einer Signifikanz < 0,05 etwas zu leicht, was bei Einsatz eines objektiven Hörtestes zur Validierung für ein subjektives Testverfahren nicht verwundert.

Zur Durchführbarkeit gaben sich die ErzieherInnen im Verlauf gegenseitig wichtige Hinweise und entwickelten Ideen zur individuellen Anwendung gemäß den örtlichen Gegebenheiten, größere Probleme entstanden in der Testphase nicht. Schwierig war, Kinder möglichst nicht in Krankheitsphasen, trotzdem in einer begrenzten Zeitphase zu beurteilen. Die Akzeptanz wird von den ErzieherInnen als groß angegeben. Keine Einrichtung hat die Studie abgebrochen.

Danksagung

Wir möchten uns bedanken

  • bei den ErzieherInnen der beteiligten Tageseinrichtungen für ihren unermüdlichen Einsatz bei der Durchführung des Screenings,
  • bei Frau Univ. Prof. Dr. phil. Katz-Bernstein, Fakultät 13 der Universität Dortmund, und ihrer wiss. Angestellten Frau Dipl.-Päd. Bahrfeck für die wissenschaftliche Begleitung und konstruktive Zusammenarbeit mit ihren Studentinnen Frau Haunert, Frau Hecking, Frau Heinze und Frau Kleine, die im Rahmen ihrer Diplomarbeiten bzw. ihrer Staatsarbeit die Evaluation unseres Screenings ermöglichten,
  • bei Herrn Dr. rer. nat. Gerss und Herrn Raabe, Beratungs- und Analysezentrums der Universität Dortmund, für die statistische Auswertung.

Beteiligte Autoren

  • Dr. med. Sabine Hartmann
  • Lilo Diel-Greve
  • Dr. med. Marlies Springer-Clausing

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