Mikroskop im Hintergrund, Pipette und grüne Blätter im Vordergrund

PCB Körne

Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Amnarj

Weiterführende Untersuchungen

Die festgestellten Messwerte am Löwenzahn sind lediglich ein Indikator dafür, dass es im Umfeld der Emissionsquelle lokal zu einer umweltrelevanten Schadstoffimmission gekommen ist. Ob die PCB-Immissionen gesundheitliche Auswirkungen haben können, lässt sich erst durch weitere Untersuchungen verlässlicher einschätzen. Bereits gesicherte Erkenntnisse zur Situation in Dortmund finden Sie hier.

Grünkohl im Container

Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): LANUV

Im Folgenden wird ein Überblick über konkret geplante und denkbare ergänzende Untersuchungen gegeben. Sie sollen es ermöglichen, die Wirkungspfade zu erfassen, über die die PCB-Emissionen auf das Betriebsumfeld und die Umwelt eingewirkt haben und noch einwirken. Vorrangiges Ziel der Untersuchungen muss es sein schnell und möglichst gesichert, Klarheit über die tatsächliche Gesundheitsrelevanz der Schadstoffimmissionen zu erhalten.

Untersuchungen an Grünkohl

Das LANUV hatte im Herbst 2020 Grünkohlpflanzen in Containern mit Einheitserde exponiert. Als Standorte wurden die vier Kleingartenanlagen im Umfeld des Unternehmens M+S Silicon ausgewählt. Grünkohl ist aufgrund der krausen und damit sehr großen Oberfläche gut geeignet, staubförmige Stoffe an der Blattoberfläche anzulagern. Über kleinste Blattspalten können auch gasförmige PCB aufgenommen werden. Aus diesem Grund bietet sich diese Kohlart als Indikatorpflanze an, um repräsentativ für Blattgemüse die Bewertung einer Schadstoffimmission vornehmen zu können. Nach dem Ernten sind die Grünkohlproben küchenfertig aufbereitet und anschließend auf die Gesamt-PCB-Gehalte sowie Dioxine und Furane (PCDD/F) analysiert worden.

Das Landesumweltamtes stellte im Ergebnis fest, dass in allen untersuchten Proben die Gehalte an Dioxinen und Furanen unterhalb der landesweiten Hintergrundbelastung ("Orientierungswert für den maximalen Hintergrundgehalt" – kurz OmH) sowie deutlich unterhalb des sogenannten "EU-Auslösewertes" liegen. An vier von fünf Messpunkten lagen die "PCB-gesamt"-Gehalte ebenfalls unterhalb der Hintergrundbelastung (OmH). Leicht erhöht zeigten sich allerdings die produktionstypischen PCB Nr. 47, Nr. 51 und Nr. 68 in den beiden in Hauptwindrichtung nordöstlich gelegenen Grünkohlproben. Beide Messstellen befinden sich in der Kleingartenanlage Nord-Ost. Zwar war eine deutlich abnehmende Tendenz der absoluten PCB-Gehalte gegenüber den Konzentrationen der Löwenzahnproben vom März 2020 festzustellen, Restanteile an Silikon-PCB wurden dennoch nachgewiesen.

Für den Verzehr von Blattgemüse und die gesundheitliche Bewertung der ermittelten "PCB-gesamt"-Gehalte zog das LANUV damals folgendes Fazit:

Bei täglichem Verzehr von Grünkohl aus den Nutzgärten der Anlage Nord-Ost könnte nach jetzigem Kenntnisstand eine gesundheitliche Beeinträchtigung nicht ausgeschlossen werden. In Bezug auf den Nutzpflanzenanbau und -verzehr ergeben sich daher folgende angepasste Empfehlungen:

  • Die bisher ausgesprochene vorsorgliche (Nicht-)Verzehrempfehlung kann für die Kleingartenanlagen Zur Lenteninsel, Schwarzer Kamp und Frohes Schaffen aufgehoben werden. Gleiches gilt auch für die privaten Nutzgärten im ursprünglichen Geltungsbereich der Vorsorgeempfehlung.
  • Für die Kleingartenanlage Nord-Ost wird weiterhin eine vorsorgliche Verzehrempfehlung ausgesprochen. Dort angebautes Blattgemüse sollte auf Anraten des LANUV nicht häufiger als einmal pro Woche in einer Portionsgröße von 250 g verzehrt werden.

Zur Überprüfung der weiteren Entwicklung der Immissionen hat das LANUV wie angekündigt die Grünkohluntersuchungen fortgesetzt. In der Zeit vom August bis November 2021 sind in der Gartenanlage Nord-Ost an zwei Standorten erneut Pflanzcontainer mit dem Blattgemüse aufgestellt worden. Die Ergebnisse dieser zweiten Grünkohlmesskampagne liegen der Stadt Dortmund jetzt vor.

Die Analysen zeigen wider Erwarten PCB-Gehalte in einer Größenordnung, die vergleichbar ist mit denen des Vorjahres. Demnach ist der Einfluss der Emissionen von PCB 47, 51 und 68 aus der Silikonkautschukverarbeitung von M+S Silicon unverändert deutlich erkennbar. Diese Erkenntnis wird bestätigt durch PCB-Messungen in der Außenluft, die ebenfalls vom LANUV in Abwindrichtung zum Firmenstandort durchgeführt wurden. Es stellt sich die Frage, warum es, trotz der in erheblichen Umfang durchgeführten Produktionsumstellung auf einen halogenfreien Vernetzer, zu keiner nachweisbaren Reduktion der Gehalte in der Außenluft und in den Grünkohlproben gekommen ist. Bei mehr als 90 % der Silikonprodukte verwendet M+S Silicon heute einen plantinbasierten Zuschlagsstoff, der im Verarbeitungsprozess keine PCB entstehen lässt. Die Menge des für die Entstehung der Silikon-PCB verantwortlichen Vernetzers ist nach Aussage des Unternehmens um 75 % reduziert werden.

Der Beantwortung der Frage, warum sich die bisherige Reduktion nicht in den Messergebnissen widerspiegelt, gehen das Unternehmen und die Behörden weiter nach. M+S Silicon wird die Produktion für alle weiteren Produkte zeitnah umstellen müssen. Dazu hat die gemeinsame Untere Immissionsschutzbehörde der Städte Dortmund, Bochum und Hagen bereits verwaltungsrechtliche Maßnahmen eingeleitet – im ersten Schritt in Form einer Anhörung.

Bei täglichem Verzehr von Grünkohl aus den Nutzgärten der Anlage Nord-Ost kann nach jetzigem Kenntnisstand eine gesundheitliche Beeinträchtigung nicht ausgeschlossen werden. Für die 201 Gartenparzellen des Gartenvereins Nord-Ost bedeutet dies, dass die vorsorgliche Verzehrempfehlung aus dem Vorjahr weiterhin gültig bleiben muss. Selbst angebautes Blattgemüse sollte demnach nicht häufiger als einmal pro Woche in einer Portionsgröße von 250 g verzehrt werden.

Entscheidend ist, dass M+S Silicon den selbst zugesicherten vollständigen Verzicht auf den problematischen Zuschlagstoff in kürzester Zeit umsetzt. Das Unternehmen hat angekündigt, dass noch im Februar 2022 zwei weitere Kunden auf eine andere Produktionsweise umgestellt werden sollen. Damit wären dann 98 % der Produkte auf das alternative Verfahren umgestellt, was den Einsatz des kritischen Vernetzers auf 93 % weiter reduzieren würde. M+S Silicon möchte aber zeitnah das entsprechende Produktionsverfahren noch weiter zurückfahren und damit die Emissionen auf null reduzieren. Die Bemühungen des Unternehmens werden mit Hilfe der auch in diesem Jahr fortgesetzten Luft- und Grünkohluntersuchungen des LANUV kontrolliert.

LANUV Bericht Grünkohluntersuchungen 2021 [pdf, 1,3 MB]
Lageplan Grünkohl 2021 [pdf, 608 kB]
LANUV Bericht Grünkohluntersuchungen 2020, Dortmund [pdf, 2,1 MB]

Untersuchungen des Staubniederschlags

Auch wenn durch die Umstellung der Silikonproduktion bereits eine deutliche Reduktion der potenziellen PCB-Emissionen zeigt, hat die Stadt beschlossen, die Einrichtung mehrerer Immissionsmessstellen und die Analysen der Staubproben in eigener Regie zu initiieren. Das Institut für Umwelt-Analytik (IFUA) aus Bielefeld, das auch mit den Bodenuntersuchungen beauftragt war, führt über die Dauer von einem Jahr Immissionsmessungen auf die produktionstypischen PCB (Nr. 47, 51, 68) durch. Hierzu sind im Januar 2021 im Lee und im Luv des emittierenden Betriebs drei bzw. eine Messstelle/n eingerichtet worden.

Aufgrund von frostbedingten Schäden an den Bergerhoff-Gefäßen betrachtet die erste Quartalanalytik anders als geplant den Zeitraum März bis Mai 2021. Die Messwerte der sogenannten Silikon-PCB sowie der Ballschmiter-PCB liegen an allen Messpunkte unterhalb der analytischen Bestimmungsgrenze. Hinweise auf einen relevanten PCB-Austrag über den Luftpfad haben sich demnach erfreulicherweise nicht ergeben. Mit Vorlage der nächsten Quartalsergebnisse ist im August zu rechnen.

Messnetz Deposition [pdf, 2,8 MB]

Untersuchungen von Bodenproben

Das städtische Umweltamt hat das Institut für Umwelt-Analyse Projekt GmbH (IFUA) aus Bielefeld mit den Untersuchungen des Oberbodens beauftragt. Seit dem 23.10.2020 liegt der Ergebnisbericht vor. Das IFUA hat auf insgesamt acht Flächen sowie einer Referenzfläche repräsentative Mischproben aus unterschiedlichen Bodenschichten entnommen. Abhängig von der Nutzung der Rasen-, Nutzbeet- und Brachflächen wurden dabei die Horizonte bis 2 cm, bis 10 cm und bis 35 cm berücksichtigt. Die wichtigste Erkenntnis: In keiner der Bodenproben sind die produktionstypischen Einzelsubstanzen (PCB Kongenere Nr. 47, 51, 68) nachgewiesen worden. Auch der gesetzliche Prüfwert der Bundesbodenschutz-Verordnung für Kinderspielflächen wird im Hinblick auf den Gesamtgehalt der PCB in allen Proben unterschritten. Das bedeutet, dass bezogen auf die untersuchte Schadstoffgruppe, keine Einschränkungen für Kinderspielaktivitäten bestehen. Der Anbau von Nutzpflanzen erscheint dem Gutachter vor dem Hintergrund der allein in den Bodenproben ermittelten PCB-Konzentrationen als machbar. Allerdings sind für eine abschließende Bewertung des Obst- und Gemüseanbaus die Ergebnisse der Grünkohluntersuchungen abzuwarten. Ob die vorsorglichen (Nicht)Verzehrempfehlungen entfallen können, wird sich nach Vorlage der Grünkohlergebnisse zeigen.

Untersuchungen von Blutproben

Das LANUV empfiehlt die Erkenntnisse abzuwarten, die aus dem für das Umfeld des silikonproduzierenden Betriebes in Ennepetal geplanten freiwilligen Humanbiomonitoring gewonnen werden. Die Blutuntersuchungen seien für den Herbst 2020 vorgesehen. In Abhängigkeit von den dort gewonnen Erkenntnissen und den Ergebnissen der geplanten Untersuchungen von Boden und Pflanzen (Grünkohl) könne eingeschätzt werden, ob Blutuntersuchungen auch in Dortmund den Bürger*innen angeboten werden sollten.

Durchführung von Luftmessungen

Zur Überprüfung der Außenluftverhältnisse plant das LANUV die Aufstellung einer Luftmessstelle und die Durchführung von PCB- und Dioxin/Furan-Emissionsmessungen. Die Aufstellung der Messstelle erfolgt voraussichtlich im April.