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Bild: Jesús González Rebordinos

Denkmal des Monats November 2015

Archäologische Überraschung in Brackel

Nachricht vom 01.11.2015

Denkmal des Monats sind 3000 Jahre alte menschliche Hinterlassenschaften. Die bronzezeitliche Überraschung veranlasste die Denkmalpfleger, den bedeutsamen Befund als Denkmal des Monats November 2015 auszuwählen.

Ausgrabungen

Ausgrabungen an der Reichshofstraße
Bild: U. Koprivc

Bei einer archäologischen Begleitung von Abbrucharbeiten an der Reichshofstraße im Ortsteil Brackel machte die Denkmalbehörde der Stadt Dortmund eine außergewöhnliche Entdeckung. Statt Reste des erwarteten mittelalterlichen Gehöftes fanden die Archäologen rund 3000 Jahre alte menschliche Hinterlassenschaften. Die bronzezeitliche Überraschung veranlasste die Denkmalpfleger, den bedeutsamen Befund als Denkmal des Monats November 2015 auszuwählen.

In Brackel an der Reichshofstraße stand der alte denkmalgeschützte Hellmannshof zum Abriss an. Das imposante zweigeschossige Längsdeelenhaus hatte lange als einer der letzten Zeugen der bäuerlichen Vergangenheit Brackels überdauert. Doch sein Erhaltungszustand hatte sich über die Jahre so dramatisch verschlechtert, dass eine Instandsetzung den fast völligen Austausch aller Bauteile bedeutet hätte. Ohne originale Bausubstanz geht die Denkmaleigenschaft verloren, so dass dem Abbruch - nach vorheriger Dokumentation des Baudenkmals - von Seiten der Denkmalbehörde zugestimmt werden musste.

Reste vom mittelalterlichen Reichshof Brackel?

Ein Blick in alte Urkunden und Karten verrät, dass die Reichshofstraße mit ihrem Namen an den ehemaligen Reichshof Brackel aus der Zeit Karls des Großen erinnert. Die Reichshöfe waren direkt dem Herrscher unterstellt und fungierten als wichtige Verwaltungszentralen des Reiches. Der Reichshofkomplex Brackel bestand aus einem Haupthof, dem sogenannten Schultenhof, und 19 weiteren Einzelhöfen. Später kamen die Dorfkirche und die Kommende, eine Niederlassung des Deutschen Ritterordens, hinzu. Der Hellmannshof lag am Rand dieser alten Besitzungen. Daher stand zu erwarten, dass dort vormals ältere Hofanlagen, vielleicht sogar aus dem Mittelalter, existierten und sich Überreste davon im Boden erhalten hatten. Eine archäologische Begleitung der Abbrucharbeiten gehörte daher zu den Pflichten, die der Spar- und Bauverein Dortmund eG für ihr Bauprojekt an der Reichshofstraße von der Denkmalbehörde in das Aufgabenbuch geschrieben wurden und der sie gerne nachgekommen ist.

Ein Sitz an der Quelle

Der Ort Brackel liegt am Nordrand des Dortmunder Rückens auf einer Lößlehmdecke, deren Dicke nach wenigen Metern nördlich des querenden Hellwegs rapide abnimmt. Hier trifft das obere Grundwasser rasch auf undurchlässigen Emschermergel, so dass es in Gruben und Gräben zu Tage tritt. Der gute Ackerboden der Lößhänge und das Weideland in der nördlich anschließenden feuchten Ebene sind entscheidende Faktoren für die bis in vorgeschichtliche Zeiten hinabreichende intensive Besiedlung am Hellweg. Auch die archäologische Entdeckung steht in unmittelbarem Zusammenhang mit der Lage Brackels „an der Quelle“.

Einzigartiger Befund

Statt der erwarteten mittelalterlichen Spuren kam beim Abbruch des Hellmannhofes unterhalb der Kellersohle ein außergewöhnlicher, nicht nur für Westfalen einzigartiger Befund zu Tage. Die mehr als 5 Meter lange und 1,5 Meter breite Erdverfärbung fiel sofort durch ihre dunkelbraune, fast schwarze, torfige Bänderung auf. Sie reichte fast 1,5 Meter in die Tiefe. Darin steckten Überreste von senkrechten und waagerechten Hölzern sowie von vergangenen röhrenartigen Einbauten, z. B. aus Korbgeflecht oder ausgehöhlten Baumstämmen. Es handelt sich offensichtlich um einen im Quellhorizont angelegten Tümpel, vielleicht um eine Viehtränke. Man hatte sie mit hölzernen Fassungen versehen und immer wieder ausgebessert. Die nachträglich eingebrachten, runden, engeren Einbauten deuten an, dass man die Wasserstelle später auch als Brunnen nutzte. Doch aus welcher Zeit stammt das ungewöhnliche Bauwerk?

Schneckenspur in die Bronzezeit

Die Erde der gesamten Einfüllung war durchsetzt mit Splittern und größeren Bruchstücken von kleinen Schneckengehäusen und einzelnen Muschelschalen. Anderes Fundmaterial war spärlich. Außer dem Reibstein einer Getreidemühle, wenigen Feuersteinabschlägen und Kernsteinen kamen einzelne grobe Gefäßscherben mit Quarzeinschlüssen zu Tage. Die Scherben sind typisch für die jüngere Bronzezeit in unserer Region, d. h. für die Zeit zwischen 1200 und 800 v. Chr., so dass auch der Tümpel bzw. die Tränke mindestens 3000 Jahre alt sein dürften.

Gemeinsam mit einem Experten aus Waldbrunn im Westerwald verfolgen die Archäologen noch eine weitere Spur: Eine erste Analyse der zahlreichen Schneckenhäuschen erbrachte schon jetzt Hinweise auf eine artenreiche Molluskenfauna aus Süßwasser- und Landschnecken. Die Weichtiere sind äußerst empfindliche Milieu- und Umgebungsanzeiger und lassen daher ganz neue Aufschlüsse zur Umwelt und Siedlungsweise der Bronzezeit in der Hellwegregion erwarten.