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Bild: photocase.com / c-promo.de

04.03.2016Denkmal des Monats März 2016

Illusionen mit Bier und Gips

Im Monat März 2016 lenkt die Denkmalbehörde der Stadt Dortmund den Blick auf zwei denkmalgeschützte Bauten, die schon einmal in der Reihe "Denkmal des Monats" vorgestellt wurden: die Hörder Burg im Juli 2011 und das gründerzeitliche Wohnhaus Lindemannstraße 24 im Juni 2015.

Kassettendecke mit Holzimitationen in der Hörder Burg

Lupe: Klicken zum Vergrößern Kassettendecke mit Holzimitationen in der Hörder Burg
Bild: Michael Holtkötter, Denkmalbehörde

Die Denkmäler haben eine Gemeinsamkeit, die im Zuge aktueller Baumaßnahmen (wieder) entdeckt wurde: Sie besitzen historische Ausstattungsstücke in einer fast vergessenen Dekorationstechnik. Zwei Holzimitate führten die Denkmalpfleger auf die Spur des kaum noch bekannten "Maserierens" mit Bierlasur. Dieses Verfahren beherrschen heute nur noch Restauratoren und Dekorationsmaler. Bis in die frühen 1950er Jahre gehörte es zum Handwerk von Malern und Anstreichern. Beim Baudenkmal in der Lindemannstraße wurde die Eichenholzmaserung per Bierlasur auf das preisgünstige Weichholz der Innentüren aufgetragen. Eine neue Schicht schützt die Holzimitation.

Tropfbier als Bindemittel

Bier eignet sich beim Anstrich als Bindemittel, weil es beim Trocknen klebrig wird. Außerdem ist es kostengünstig, da für eine Bierlasur am besten das Tropfbier taugt, das schal und ohne Schaum aus dem Schankhahn nachtropft. Durch seine helle Grundfarbe lässt es sich problemlos mit Erdfarben mischen. Aufgetragen auf eine mit einem Öl-Grundanstrich behandelten Holzfläche kann eine Holzmaserung nachgeahmt werden. Die Farbmischung bestimmt die imitierte Holzart. Eine abschließende Firnisschicht schützt die leicht lösliche Lasur. Der Biergeruch verschwindet nach dem Trocknen des Anstrichs.

Holz aus Gips

Ein anderes Holzimitat wurde beim Umbau der Hörder Burg entdeckt. Im ehemaligen Sitzungssaal der Hermannshütte, in der früher die "Ahnengalerie" der Direktoren hing, wurde die abgehängte Decke entfernt. Darunter erschien eine Holzkassetten-Decke. Dabei fielen weiße Flecken an einigen Ecken auf. Des Rätsels Lösung: Die Kassetten waren aus Gips geformt. Mit Hilfe eines Anstrichs erhielt man den optischen Eindruck einer hölzernen Decke, die zum edel ausgestatteten Raum mit Ledersesseln und repräsentativem Tisch passte. Im Zeitalter des Historismus des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts war es weit verbreitet, in solchen Fällen Imitationen einzusetzen.

Pseudomaterialien und Gegenbewegung

Zu Zeiten des Historismus benutzte man gern neue preisgünstige Möglichkeiten, um edlere Materialien vorzutäuschen: marmorierte Linoleumfußböden oder vorgeblendete Putzfassaden, die Naturstein nachahmten. In diese Zeit gehören auch Linkrusta-Tapeten, die auch den Hausflur des Denkmals in der Lindemannstraße schmücken. Eine Papierbahn oder Textilgewebe trägt eine Mischung aus Leinöl, Harzen und Holzmehl, die mechanisch wie ein Stuckrelief strukturiert werden konnte – ein preisgünstiger Ersatz für Stuckmarmor, der seinerseits echten Marmor nachbildete. Der zunehmende Einsatz dieser Pseudomaterialien wurde später als Heuchelei empfunden. Jugendstil, Werkbund und letztlich das Bauhaus propagierten als Reaktion den Einsatz echter, wahrer Materialien. Der Preis dafür war, dass die alten handwerklichen Fertigkeiten wie Maserieren und Marmorieren in Vergessenheit gerieten.

Zum Thema

Die o. g. früheren Texte in der Reihe "Denkmal des Monats" können im Nachrichtenarchiv auf den Internetseiten der Denkmalbehörde aufgerufen werden

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