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Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Jesús González Rebordinos

Weihnachtszauber

Himmlischer Besuch aus dem Erzgebirge: Die MKK-Weihnachtsausstellung hat Wendt & Kühn zu Gast

Nachricht vom 14.11.2019

Himmlischer Besuch aus dem Erzgebirge kehrt mit den berühmten Grünhainichener Musikantenengeln von Wendt & Kühn im Museum für Kunst und Kulturgeschichte (MKK) ein. Die Ausstellung lädt vom 16. November bis 1. März 2020 ein, der Historie des Unternehmens zwischen Volkskunst und Moderne nachzuspüren.

Dr. Jens Stöcker, Direktor des MKK, und Johanna Schäckermann, Projektleiterin der Ausstellung

Dr. Jens Stöcker, Direktor des MKK, und Johanna Schäckermann, Projektleiterin der Ausstellung
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Stadt Dortmund / Katrin Pinetzki

Die 1915 gegründete Manufaktur verzaubert bis heute mit ihren unverwechselbaren Entwürfen nach Margarete Wendt, Margarete Kühn und Olly Sommer, später Wendt. Die Weihnachtsausstellung lädt vom 16. November 2019 bis 1. März 2020 dazu ein, der wechselvollen Historie des Unternehmens zwischen Volkskunst und Moderne nachzuspüren. Erzählt wird dabei auch die faszinierende Geschichte dreier junger Frauen, die zu Anfang des 20. Jahrhunderts selbstbestimmt ihren Weg gingen.

Die Ausstellung basiert auf einer vom Museum für Sächsische Volkskunst Dresden und der Firma Wendt & Kühn konzipierten Sonderschau zum 100. Firmenjubiläum der Traditionsmanufaktur. Sie zeigt auf 140 Quadratmetern knapp 280 Objekte, mehrheitlich zusammengetragen aus Dresden, Grünhainichen und Wiesbaden, darunter auch einige selten öffentlich gezeigte Stücke aus Familienbesitz. Eröffnet wird sie am Freitag, 15. November, 19:00 Uhr.

Spielwaren aus dem Erzgebirge

Im 19. Jahrhundert entstand die bürgerliche Kleinfamilie. Sie brachte ein neues Verständnis von Kindheit mit sich und bildete die Basis für die aufblühende Spielzeugproduktion im Erzgebirge. Das Weihnachtsfest avancierte zum wichtigsten Familienfest, und damit veränderte sich auch die Geschenkkultur. Typische Produkte waren einfache gedrechselte Figuren, Räuchermänner und aus Reifen gedrehte Tiere, die in Heimarbeit massenhaft und preiswert produziert werden. Zum Ende des Jahrhunderts standen diese Spielwaren aus Holz bereits in Konkurrenz zu modernen, meist aus Blech gefertigten technischen Spielzeugen.

1874 gründete sich die Königliche Fachgewerbeschule für Spielwaren-Industrie in Grünhainichen. Sie war – neben Seiffen – die wichtigste erzgebirgische Ausbildungsstätte für Holzhandwerker. Im Jahr 1884 übernahm Oberlehrer Albert Wendt die Leitung. Seine Aufgabe: die gefährdete sächsische Spielzeugproduktion zu verbessern und zu modernisieren. Seiner Tochter Grete (1887-1979) vermittelte er erste Kenntnisse über Holzverarbeitung und entwarf mit ihr die ersten Holzspielzeuge.

Weihnachtsengel teilweise bemalt und unbemalt

Besonderes Augenmerk wurde auf eine "einfache wirklich schöne Bemalung“ (Albert Wendt) gelegt.
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Stadt Dortmund / Katrin Pinetzki

Künstler(innen)-Spielzeug

Das in Massenproduktion und billig hergestellte Spielzeug galt qualitativ als minderwertig und ließ den Ruf nach Reformen laut werden. Insbesondere in Dresden widmeten sich Architekten und Künstler ab 1900 der Aufgabe, kindgerechte Spielwaren zu entwerfen. Besonderes Augenmerk wurde auf eine "einfache wirklich schöne Bemalung“ (Albert Wendt) gelegt. Kinder sollten, so die Idee der neuen Kunsterziehungsbewegung, von klein auf ästhetisch gebildet werden und in einer fantasieanregenden Umwelt aufwachsen. Das spielende, "natürliche“ Kind wurde zu einem allgegenwärtigen Motiv – auch im Werk von Wendt & Kühn. Viele Figuren verbildlichen die Idealvorstellung Erwachsener von einer heiteren, unbeschwerten Kindheit.

Weihnachten – das Erfolgskonzept

Grete Wendt entwarf bereits zu Studienzeiten auch Weihnachtsfiguren. Ihre schlichte, moderne Gestaltung traf den Geschmack der Zeit und wurde später zum erfolgreichsten Zweig der Firma. In den 1920er- und 1930er-Jahren nahm die Vermarktung des Weihnachtsfestes sprunghaft zu. Die Figur des Weihnachtsmannes erhielt ihre heutige Gestalt, gedruckte Adventskalender verbreiten sich, und Tannenbaum und Adventskranz setzten sich durch. Zu diesem Zeitpunkt hatten die weihnachtlichen Figuren von Wendt & Kühn bereits einen überregionalen, ja internationalen Bekanntheitsgrad erreicht. Vor allem die „Elfpunkteengel“ waren Werbeträger und traten in Büchern, Zeitschriften und Werbeanzeigen als typische Weihnachtsrequisiten auf.

Die Gründerinnen

Margarete (Grete) Wendt wuchs in Grünhainichen auf. Nach ihrer Ausbildung zur Kunstgewerblerin versuchte sie zunächst, eine Anstellung in einem Architekturbüro zu erhalten. In München reifte der Plan, sich dort selbstständig zu machen. Der Kriegsausbruch 1914, die Nähe zu Dresden und die tatkräftige Unterstützung ihres Vaters ließen es vermutlich einfacher erscheinen, eine Firmengründung im Heimatort zu wagen. Am 1. Oktober 1915 gründete Grete Wendt mit ihrer ehemaligen Studienkollegin Margarete Kühn die Firma „M. Wendt & M. Kühn. Spielwaren und Gebrauchsgegenstände aus Holz“. Im Jahr darauf erwarben sie das bis heute bestehende Firmengebäude in Grünhainichen. Grete blieb unverheiratet und führte die Firma bis 1972.

Margarete (Grete) Kühn war die Tochter des Dresdner königlichen Baurates Professor Ernst Kühn. Während ihrer gemeinsamen Ausbildungszeit wohnte sie gemeinsam mit Grete Wendt im Haus ihrer Eltern. Grete Kühn war hauptsächlich für die Bemalung von Dosen und Kästen zuständig. Sie heiratet 1920 und musste daraufhin wie vertraglich festgelegt aus dem Unternehmen ausscheiden. Dadurch sollte ein Zugriff der Ehemänner auf die Firma verhindert werden. Nach der Heirat 1920 gründete sie in Chemnitz eine eigene "Werkstatt für feingemaltes Holzgerät und Spielzeug“.

Die aus Riga stammende Olga (Olly) Sommer erlernte zunächst den Zuschnitt von Damenmoden, bevor sie von 1917 bis 1920 die Dresdner Kunstgewerbeschule, Fachklasse Mode, besuchte. Auf Empfehlung ihrer Lehrerin kam sie im Februar 1920 nach Grünhainichen. Zahlreiche erfolgreiche Figuren, etwa die Margeritenengel, gehen auf ihre Entwürfe zurück. 1930 heiratete sie Johannes Wendt, Gretes jüngeren Bruder, der nach seiner Rückkehr aus dem Ersten Weltkrieg in die Firma eingestiegen war. Der gemeinsame Sohn Hans und dessen Kinder führ(t)en das Familienunternehmen bis heute fort.

Das moderne Heim für die "Neue Frau“

Nach dem Ersten Weltkrieg setzte sich ein neuer Typ Frau in der Öffentlichkeit durch: Vor allem in den Städten wuchs die Gruppe berufstätiger, selbstbewusster, ungebundener Frauen. Grete Wendt, Grete Kühn und Olly Wendt entwarfen nicht nur Weihnachtsengel und Blumenkinder, sondern auch moderne Gebrauchs- und Dekorationsartikel vor allem für weibliche Kunden. Ihr "Tändelkram“ – Lampen, Leuchter, Ziergegenstände – erfüllte das Bedürfnis nach einer frischen, zeitgemäßen Inneneinrichtung.

Zum Thema

Zur Ausstellung gehört ein umfangreiches Begleitprogramm (s. Flyer) mit Führungen, Adventsnachmittagen für Familien und Weihnachtskonzerten. Der Katalog "100 Jahre Wendt & Kühn. Dresdner Moderne aus dem Erzgebirge" von Cordula Bischoff und Igor Jenzen ist für 15,50 Euro im Museumsshop erhältlich.