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Wirtschaft

Medientour zeigt beispielhafte Arbeitsplatzkonzepte zur Bewältigung der Coronakrise

Nachricht vom 11.08.2020

Die Corona-Pandemie stellt die deutsche Wirtschaft vor große Herausforderungen. Welche das sind und wie diese bewältigt werden können, zeigen verschiedene Beispiele aus Dortmund. Aus diesem Grund lud OB Ullrich Sierau am Mittwoch, 5. August, zusammen mit Thomas Westphal, Geschäftsführer der Dortmunder Wirtschaftsförderung, zu einer Medientour zu beispielgebenden Unternehmen ein.

Besichtigung des offen gestalteten Büros

Besichtigung des offen gestalteten Büros
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Dortmund-Agentur / Katharina Kavermann

Solidarisch und kreativ durch die Krise: best practice Beispiele aus Dortmund

Mit dabei waren u.a. Ralf Stoltze, Bezirksbürgermeister Stadtbezirk Innenstadt-West sowie Medienvertreter*innen. Insgesamt haben die Teilnehmer*innen vier Unternehmen besucht, die der Coronakrise auf unterschiedliche Weise begegnet sind: etwa durch die Entwicklung neuer Produkte, Anpassungen in der Produktion oder durch neue Arbeitsabläufe.

Erste Station: Perpetuo im "No buzzwords" – Coworking-Space

Die erste Station ist gut zu Fuß zu erreichen und so macht die Gruppe einen Spaziergang vom Rathaus mitten durch die Innenstadt zur Hansastraße. Hier findet sich der Coworking-Space "No buzzwords" der Perpetuo GmbH. Christian Kersten und sein Team heißen die Gäste im großen, offen gestalteten Büroraum willkommen. Der Besuch ist gespannt, was ihn erwartet, wie Ullrich Sierau auf den Punkt bringt: "Auf der heutigen Tour sehen wir viele spannende Firmen und können uns ein Bild machen, wie man auf eine Krise reagieren kann."

Ziel der Tour war es auch Input für einen Exit-Plan zu erhalten, wie Sierau weiter erklärt. "Wir haben dem Rat ein Corona-Exit-Programm versprochen. Das soll zeigen, wo wir stehen und was weitere Schritte mit Blick auf die Gastronomie, Veranstaltungen und das Innenstadtleben sind."

Thomas Westphal zeigt sich gleich von einem Spruch auf einer Liege im Eingangsbereich begeistert. Dort steht "Lass machen" und Westphal dazu: "Das ist genau das passende Motto für das Ruhrgebiet. Nicht lange fackeln, sondern machen!" Zu diesem Motto passt auch das Konzept von "No buzzwords", wie Geschäftsführer Kersten erklärt, während er durch die modern gestalteten Räume führt: "Wir wollen hier eine neues Start-up-Ökosystem schaffen und Kompetenzen zusammenbringen."

"Coworking" als neues Arbeitsplatzkonzept

Dafür stellen sie die Arbeitsplätze zur Verfügung. Kersten erläutert: "Es gibt Bereiche für Start-ups, für Dauermieter, Kurzmieter, Besprechungsräume. Außerdem ist die Beratung im Bereich Digitalisierung und Finanzierung Teil des Konzepts." Diese Form des Arbeitens, das Coworking (englisch für "zusammenarbeiten") zählt zu den neuen Arbeitsplatzkonzepten. Die Idee ist, dass es keine festen Arbeitsplätze mehr gibt, sondern diese von unterschiedlichen Personen zu unterschiedlichen Zeiten genutzt werden können. Im Gegensatz zu üblichen Bürogemeinschaften, sind die Verhältnisse im Coworking-Raum unverbindlicher – hier arbeiten Start-ups und junge Gründer*innen an eigenen Projekten – teils unabhängig oder auch mal zusammen.

Kersten zeigt sich begeistert von Dortmund und der Region: "Im Ruhrgebiet haben wir alles: junge Talente, Hochschulen, nur leider nicht die großen Fonds, aber daran arbeiten wir zurzeit und das müssen wir jetzt aufbauen."

Dem stimmt Sierau voll zu: "Dortmund ist die Stadt mit den höchsten Azubizahlen. Hier sind viele Nachwuchskräfte. Außerdem wurden wir auch als digitale Stadt ausgezeichnet. Der Rahmen ist also da, jetzt müssen wir nur die Leute mit Tatendrang anziehen."

Ein Beispiel für diesen Taten- und Schaffensdrang sind Lara Wagemann und Sarah Schulte. Die jungen Gründer*innen nutzten den Co-Working-Space um eine neue, lebensmittel- und umweltverträgliche Beschichtung zu entwickeln. Lara Wagemann erklärt: "Damit können Pappbecher umweltfreundlich beschichtet werden und Flüssigkeiten bis zu 48 Stunden aufbewahren."

Nach einem Spaziergang zurück zum Rathaus steigt die Truppe in einen Elektrobus: Auf nach Aplerbeck zur Tintometer GmbH.

Zweite Station: Tintometer GmbH

Die Leitung von Tintometer hat die Familie Voss inne: Während der Vater die Geschäftsführung macht, arbeiten die drei Töchter in der Entwicklung und im Vertrieb. Dr. Elmar Grabert, Director of Technology, unterstützt Voss bei der Einführung in die Abläufe des Unternehmens. Er erklärt, dass der Schwerpunkt des Unternehmens auf der Produktion chemischer Stoffe liegt – für die Wasseranalytik und Farbmessung. Diese sogenannten Reagenzien kommen etwa zum Einsatz, wenn der Chlorgehalt eines Schwimmbeckens festgestellt werden muss.

Nach der Einführung teilen sich die Gäste auf und schauen sich unter besonderen Sicherheitsvorkehrungen die Arbeit des Unternehmens genauer an. Bei einer Tour über das Firmengelände sieht man, wie umfänglich hier gearbeitet wird. Am Hauptsitz in Dortmund wird geforscht, produziert, verpackt, versendet und verwaltet.

Auf die Krise hat Tintometer als international agierendes Unternehmen schnell reagiert. Als im Februar die Berichte aus Wuhan dramatischer wurden, setzte die Geschäftsführung bereits erste Änderungen um. Während der administrative Bereich ins Homeoffice geschickt wurde, stellte der operative Bereich auf Schichtbetrieb um. Dr. Elmar Grabert erklärt: "Bei uns bedeutet ein Mitarbeiter weniger, gleich nur noch die halbe Produktion. Daher war der Schichtdienst die einzige Möglichkeit, die Sicherheit der Mitarbeiter*innen zu gewährleisten, ohne große Einbußen bei der Produktion zu haben."

Er zeigt sich sichtlich stolz auf seine Belegschaft, die von einen Tag auf den anderen von Gleitzeit in den Schichtdienst überging: "Da muss ich ein deutliches Lob aussprechen, das haben die toll gemacht. Wir haben eine super Belegschaft."

Neben der Umstellung der Arbeitsplätze, hat das Unternehmen die Zeit auch genutzt, Arbeitsabläufe zu optimieren. Grabert entwickelt aktuell etwa Farbcodes, mit deren Hilfe jeder in dem Betrieb arbeiten kann und das sehr nach kurzer Zeit. Diese Codes helfen etwa dabei, große Bestellungen richtig zusammenzusetzen. "Wir haben im Micromanagement die Projekte auf den Prüfstand gestellt", erklärt Dr. Grabert. Damit ist es auch möglich, dass im operativen Bereich die Stellen zu 60 Prozent von ungelernten Kräften besetzt ist: "Wir möchten dass jeder nach kurzer Zeit bei uns arbeiten kann, etwa in der Logistik."

Produktion von 7.000 Liter Desinfektionsmittel

Da der Flugverkehr in der Krise weltweit zusammengebrochenen war, musste Tintometer logistisch umdenken. Dr. Grabert erklärt: "Wir hatten die Idee Desinfektionsmittel herzustellen, schließlich arbeiteten wir sowieso bereits mit Chemikalien." Desinfektionsmittel sind bis heute gefragt und haben Tintometer so ein neues Absatzfeld erbracht. Insgesamt haben die Mitarbeiter*innen seit März ca. 7.000 Liter Desinfektionsmittel produziert. "Wir haben es so gemanagt, dass nichts zurückgestellt werden musste. Dadurch sind wir mit dem Umsatz stabil geblieben." So musste bisher kein* Mitarbeiter*in in Kurzarbeit gehen, was Geschäftsführung und Belegschaft zuversichtlich stimmt. Ullrich Sierau bemerkt: "Sie haben genau wie die Stadt den gleichen Plan gefasst: Besser aus der Krise rausgehen, als es hineinging und das scheint ihnen gut zu gelingen."

Nach der Firmentour heißt es für die Gäste schnell wieder hinein in den Bus. Raus aus der Mittagshitze und weiter zur dritten Station der Medientour: Murtfeldt Kunststoffe.

Dritte Station: Besuch bei Murtfeldt Kunststoffe

Nach einer kurzen Fahrt kommt der Trupp auf dem Firmengelände von Murtfeld Kunststoffe an. Im Foyer heißt Geschäftsführer Andreas Balla ihn herzlich willkommen. "Sie sind die ersten Gäste seit Anfang der Krise, die die Produktionsstätte besuchen dürfen. Es freut uns sehr, mal wieder jemanden unser Unternehmen zeigen zu können." Zusammen mit seinem technischen Assistenten, Ralf Burghoff gibt er einen Überblick über das Unternehmen und seine Krisenmaßnahmen.

Das Unternehmen stellt traditionell speziell verhärtete Gleitschienen für industrielle Fertigungsprozesse her. Die daraus hergestellten Produkte sind vielfältig einsetzbar und werden branchenübergreifend verwendet, wenn verpackt, abgefüllt oder transportiert wird. Ralf Burghoff dazu: "Unsere Produkte werden vor allem im Bereich Maschinenbau eingesetzt. Ein anschauliches Beispiel ist etwa bei Abfüllanlage von Brauereien." Hier kommen die Murtfeldt-Produkte bei den Leitschienen zum Einsatz. Das Material muss daher beständig sein und möglichst wenig Abrieb erzeugen, damit auf den Flaschen keine Rückstände bleiben. Geschäftsführer Andreas Balla erläutert: "Im Prinzip verwenden wir das gleiche Material, was auch für künstliche Hüften verwendet wird. Das darf nicht quietschen, muss lange halten und zuverlässig sein. Genau das gleiche wünscht sich auch ein Maschinenbauer."

Die Coronakrise traf auch Murtfeldt schwer. Das Unternehmen reagierte aber kreativ auf den neuen Bedarf in der Gesellschaft: "Wir hatten im April eine Anfrage aus einem Krankenhaus, dass dringend Masken benötigt würden. Wir haben dann über ein Wochenende eine Maske entwickelt und in fünf Tagen 800 Masken produziert", erinnert sich Burghoff.

Hilfe steht im Vordergrund

Balla ergänzt: "Wir sind gut vernetzt in die Region, entsprechend wussten wir, wo Hilfe benötigt wurde. Da stand für uns die Hilfe im Vordergrund, nicht der Profit. Die Solidarität war enorm, ich kenne viele Unternehmen, die so gehandelt haben."

Dem stimmt auch Thomas Westphal zu: "Wir als Wirtschaftsförderung haben viele solcher Netzwerke mitgestrickt. Es gab eine Menge an Kooperationen." Außerdem weist Westphal auf ein kleines Umdenken hin: "In der Krise wurde deutlich, dass nicht alles, was global vorhanden ist, auch verfügbar ist. Daher stellt sich die Frage, wie wir teilweise wieder zurück ins Lokale können."

Insgesamt hat das Unternehmen die Krise dazu genutzt, seine Produktion anzupassen und hat angefangen Kunststoffprodukte für den Endverbraucher herzustellen. Dieser Business-to-Customer-Bereich ist für Murtfeldt komplett neu. So wurde in kurzer Zeit die Produktion auf Kunststoffschutzmasken, Hygienewände für Gastronomie und Einzelhandel, Türklinkenaufsätze für kontaktloses Öffnen und Schließen umgestellt.

Zusätzlich entwickelten sie ein Allzwecktool aus Kunststoff, das am Schlüsselbund Platz findet. Mithilfe dieses Tools können Türgriffe, Ampeldrücker, Türöffner und Klingeln kontaktfrei verwendet werden. Auch beim Herausziehen und Führen eines Einkaufswagens kann es genutzt werden. Dadurch wird das Risiko einer Übertragung möglicher Erreger minimiert.

Besonders die Hygienewände und das Allzwecktool hat es den Besucher*innen angetan. Während sie über den Gebrauch solcher Wände spekulieren, probieren sie parallel das Tool aus. Doch ist dafür nicht viel Zeit, denn schon steht das Hotel Esplanade auf dem Zeitplan. So heißt es wieder rein in den Elektrobus und auf in die Innenstadt zum Wall zur letzten Station.

Vierte Station: Hotel Esplanade

Das Hotel Esplanade ist ein Familienbetrieb, im wahrsten und übertragenen Sinne. Katja Kortmann hat die Geschäftsführung von ihrem Vater übernommen und seither einige Neuerungen umgesetzt. Diesen Tatendrang hat sie sich auch in der Krise bewahrt. So hat sie zusammen mit ihrem Team die Zwangspause genutzt, weitere Modernisierungen vorzunehmen und etwa den Innenhof wieder hergerichtet.

Katja Kortmann berichtet den Gästen mit Herzblut von dem Familienunternehmen: "Im März ist unser Umsatz zu 60 Prozent zurückgegangen, bis zum August waren es sogar 90 Prozent." Das Problem ist, dass die Immobilie weiterhin Kosten produziert. Außerdem ist eine Teilöffnung bereits mit viel Aufwand verbunden. Sobald nur ein Gast einzieht, bedeutet das gleich viel Personal, das aktiviert werden muss: An der Rezeption, im Reinigungsdienst, in der Küche.

Als Familienunternehmen ist Kortmann die Sicherheit und Zufriedenheit ihrer Mitarbeiter*innen besonders wichtig. Sie hat den Dienst extra so geplant, dass die Sicherheit der Mitarbeiter*innen und Gäste gewährleistet ist: "Ich habe ein eigenes Hygienekonzept erstellt, das auch immer wieder angepasst werden muss. Es umfasst aktuell eine Checkliste mit 40 Punkten." Auf diese neuen Auflagen hat sie alle Mitarbeiter*innen umfangreich vorbereitet. Die Auszubildenden wurden selbst geschult und mögliche Abläufe für Tagungen und Veranstaltungen erarbeitet und getestet. So gehört das Esplanade zu den Hotels, die wie kaum ein anderes für weitere Öffnungen vorbereitet ist.

Kein Aufgeben in Dortmund

Kortmanns Ziel ist es Kurzarbeit zu vermeiden. "Wir sind wie eine Familie. Hinter jedem Arbeitsplatz der verloren geht, steckt ein echter Mensch. An dieser Stelle ist mir auch wichtig zu sagen, dass wir aktuell nicht wissen, wie es weitergehen soll, wenn die zweite Welle kommt." Trotz dieser Unsicherheit zeigt sich Kortmann kampfbereit: "Wir sind Kämpfer und werden weitermachen." Da stimmt ihr Westphal voll und ganz zu: "In Dortmund gibt es Aufgeben nicht."

Mit diesen Worten enden die Tour und der Querschnitt durch die Dortmunder Unternehmen. Es zeigte sich, dass trotz Krise und den damit einhergehenden Schwierigkeiten die Dortmunder*innen gar nicht ans Aufgeben denken. Für sie heißt es trotz Corona weitermachen und mit kreativen Lösungen solidarisch der Krise begegnen.

Bilderstrecke: Medientour zeigt beispielhafte Arbeitsplatzkonzepte zur Bewältigung der Coronakrise

Coworking-Space mit Sicherheitsabstand 10 Bilder
Coworking-Space mit Sicherheitsabstand
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Dortmund-Agentur / Katharina Kavermann

Dieser Beitrag befasst sich mit Angelegenheiten der Stadtentwicklung bzw. Wirtschaftsförderung der Stadt Dortmund. Dieser Hinweis erfolgt vor dem Hintergrund aktueller Rechtsprechung.