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Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Jesús González Rebordinos

Interview

Integrationsnetzwerk "lokal willkommen" erfährt große Resonanz

Nachricht vom 19.10.2020

Seit rund vier Jahren unterstützt das Netzwerk "lokal willkommen" mit Erfolg geflüchtete Menschen bei der Integration in die Stadtgesellschaft. Im Gespräch mit dortmund.de beschreiben der Leiter des Netzwerks, Ulrich Piechota und Nahid Farshi, stellvertretende Leiterin, die Grundlagen ihrer Arbeit und berichten auch von den Anfängen.

Ulrich Piechota und Nahid Farshi bilden das Leitungsduo von "lokal willkommen".

Ulrich Piechota und Nahid Farshi bilden das Leitungsduo von "lokal willkommen".
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Stadt Dortmund

Im Oktober 2016 öffnete das erste Ladenlokal in Dortmund-Brackel. Seither zählten die Mitarbeiter*innen von „lokal willkommen“ über 12.000 Beratungs- und Hilfskontakte. Was macht Ihr Konzept so erfolgreich?

Farshi: Das liegt zum einen daran, dass wir vor Ort, in den Bezirken tätig sind. Viermal in der Woche sind die Ladenlokale geöffnet, fast immer sind auch Sprachmittler*innen dabei, um die Kolleg*innen zu unterstützen. Zum anderen sind wir sehr gut vernetzt. Dadurch kennen wir in den Bezirken alle Akteure, die Angebote für Geflüchtete anbieten – von den ehrenamtlich Aktiven über Sportvereine, Kindergärten zu den Schulen. So können wir gezielt vermitteln, schaffen aber auch selbst Angebote.

Teil ihres Konzepts, – dass Sie mit Kooperationspartnern aus fünf Wohlfahrtsverbänden, einem privaten Sozialdienstleister und einem Verein umsetzen – bezieht bewusst auch die Dortmunder Bürger*innen mit ein…

Farshi: Richtig. Neben den Ehrenamtler*innen sind wir auch Ansprechpartner*innen für Nachbar*innen oder Vermieter*innen von Geflüchteten. Da passiert es schon mal, dass ein "Alteingesessener" kommt und fragt, ob wir jemanden kennen, der seinem neuen syrischen Nachbarn den Herd anschließt.

Piechota: Ein weiterer Punkt: Wir bieten eine niedrigschwellige Beratung an und leiten die Menschen an die Stellen weiter, die das jeweilige Problem am besten lösen können. In der Regel kombiniert mit einem Anruf oder einer Terminvereinbarung. So geben wir präzise Handlungsanweisungen, die dafür sorgen, dass die Zuständigkeiten geklärt sind und die Menschen nicht etwa von Amt zu Amt pilgern müssen.

Wie viele Sprachen decken Sie mit den Sprachmittler*innen ab?

Farshi: Die am meisten nachgefragten Sprachen sind Arabisch und Persisch, außerdem bieten wir auch Kurdisch und in Einzelfällen Russisch an. Für jedes Ladenlokal haben wir mindestens zweimal die Woche Sprachmittler*innen vor Ort. Anfangs wurde diese Arbeit ausschließlich von Ehrenamtler*innen aus unserem Netzwerk geleistet. Seit März 2019 gibt es von MIA-DO-KI einen Pool, über den wir zusätzlich ehrenamtliche Sprachmittler*innen anfragen können. Auf diese Weise hat etwa Brackel viermal im Monat eine*n persischen Sprachmittler*in vor Ort.

Sie sagen Sprachmittler*in statt Dolmetscher*in?

Piechota: Richtig. Wir verwenden diesen Begriff um klar zu machen, es handelt sich bei der Übersetzung der ehrenamtlich Aktiven nicht um professionelles Dolmetschen. Dolmetscher*in ist ein zum Teil geschützter Begriff. Gleichwohl arbeiten auch unsere Sprachmittler* innen auf hohem Niveau. Zum einen, weil sie selbst denselben oder ähnlichen kulturellen Hintergrund wie die Geflüchteten haben; zum anderen bietet MIA-DO-KI auch eine Kurzausbildung an, um beim Übersetzen fitter zu werden.

Eines der zahlreichen von "lokal willkommen" initiierten Projekte: Der Bau von Insektenhotels für die Wildblumenwiese des Hauptfriedhofs im August 2019.

Eines der zahlreichen von "lokal willkommen" initiierten Projekte: Der Bau von Insektenhotels für die Wildblumenwiese des Hauptfriedhofs im August 2019.
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Dortmund-Agentur / Torsten Tullius

Gibt es Vorbilder für "lokal willkommen"?

Piechota: Ja, das sind die Senior*innenbüros, die vor einigen Jahren vom Sozialamt zusammen mit den Wohlfahrtsverbänden geschaffen wurden, um wohnortsnah Angebote für die Zielgruppe zu machen. 2015 kam der Leiter des Sozialamtes, Jörg Süshardt, auf mich zu mit dem Auftrag, für die Geflüchteten ein ähnliches Konzept zu entwickeln. Wir haben uns dann mit den Vertreter*innen der Verbände zusammengesetzt und beratschlagt, wie man das umsetzen kann. Dann kam der offizielle Auftrag vom Rat, der Mitte 2016 in einer ersten Ratsvorlage mündete.

Welchen Status haben die geflüchteten Menschen, die zu Ihnen kommen?

Farshi: Das sind zum einen Personen, die sich noch in einem Asylverfahren befinden und meistens in einer eigenen oder einer WVP-Wohnung leben. WVP ist das Kürzel für Wohnraumvorhalteprogramm, auf dessen Basis die Stadt Wohnungen für Wohnungslose und – im Sinne einer guten Integration – Geflüchtete zugänglich macht.

Dann gibt es noch die Menschen, die bereits ein Aufenthaltstitel erhalten haben. Dies sind entweder Kund*innen des Jobcenters oder manchmal sind sie schon berufstätig.

Betreuen Sie auch Menschen aus Übergangseinrichtungen?

Piechota: In der Regel nicht, für diese Menschen gibt es die Kolleg*innen in den Übergangseinrichtungen. Unser Konzept setzt direkt danach an: Bei denen, die aus den Übergangseinrichtungen entlassen werden und auf sich gestellt sind. Das war ein wichtiger Grund für die Netzwerkgründung: Diese Menschen bei Ihrer Integration in den Quartieren zu unterstützen.

Sind die Kolleg*innen auch außerhalb der Ladenlokale aktiv, gibt es so etwas wie einen "Außendienst"?

Piechota: Den gibt es in der Tat. Wir bieten auch Willkommenshausbesuche an. Den Umzug von der Übergangseinrichtung in die WVP wird von Kolleg*innen des Hauses begleitet, die für die Belegungen der Wohnungen zuständig sind. Diese Kolleg*innen haben Flyer von uns, so dass die Menschen nach ihrem Umzug direkt mit uns in Kontakt treten können. Außerdem entstehen Kontakte über die „Mundpropaganda“, Ehrenamtler*innen oder eben andere geflüchtete Personen kennen „lokal willkommen“, und empfehlen uns bei denen, die unsere Hilfe brauchen könnten. Oder aber geben uns Tipps, dort bei neu zugezogenen Menschen einmal vorbeizuschauen.

Das heißt, die Kolleg*innen besuchen dann die Menschen in ihrem neuen Zuhause?

Farshi: Richtig. Vorher wird eine Ankündigung geschickt. Wir haben für die Besuche einen Fragekatalog entwickelt, eine Art Checkliste, mittels derer etwa Bedarfe oder der Kenntnisstand der deutschen Sprache abgefragt werden, dabei geht es auch um die Gesundheit der Menschen. Die Angaben sind natürlich freiwillig. Bei diesen Besuchen ist nach Möglichkeit immer ein*e Sprachmittler*in dabei.

Die gute Arbeit von „lokal willkommen“ bemerken auch Dritte: Bereits 2017 gab es einen Preis von der Staatskanzlei Nordrhein-Westfalen, 2018 eine Auszeichnung durch das Bundesinnenministerium, verbunden mit einem Geldpreis in Höhe von 25.000 Euro. Als i-Tüpfelchen für Ihre Arbeit wird "lokal willkommen" seit Anfang des Jahres mit rund einer Million Euro aus einem Fonds der EU gefördert: Wie haben sie es geschafft, dieses Geld zu generieren?

Piechota: An dieser Stelle möchte ich mich, auch im Namen von Sozialdezernentin Birgit Zoerner, bei den Kolleg*innen Anja Pehlke und Mario Sieker von der Stabsstelle Fördermittelmanagement Stadtkasse Steueramt bedanken. Frau Zoerner hatte die beiden ganz zu Anfang von „lokal willkommen“ gebeten, zu recherchieren, aus welchen Töpfen es Fördermittel für uns geben könnte. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch gar nicht, dass es ein Fördermittelmanagement gibt.

Als Stadt haben wir natürlich ein Interesse daran, Projekte re- oder ko- zu finanzieren, wenn es die Möglichkeit dazu gibt. Mario Sieker hatte uns dann auf den Asyl-, Migrations und Integrationsfonds (AMIF) hingewiesen, aus dessen Topf wir aktuell die Gelder beziehen. Er und Anja Pehlke haben in der Folge die ganzen komplizierten Antragsformalia übernommen, Fristen recherchiert oder Texte der Kolleg*innen, die den inhaltlichen Teil unserer Arbeit beschreiben, sozusagen "antragsgemäß" umformuliert. Kurz, die Zusammenarbeit war äußerst kollegial.

Die Frucht guter Zusammenarbeit: Sozialdezernentin Birgit Zoerner (Mitte), Mario Sieker, Anja Pehlke (Fördermittelmanagement), Ulrich Piechota und Ella Mönch ("lokal willkommen"; v.l.) freuen sich über Fördermittel der EU.

Die Frucht guter Zusammenarbeit: Sozialdezernentin Birgit Zoerner (Mitte), Mario Sieker, Anja Pehlke (Fördermittelmanagement), Ulrich Piechota und Ella Mönch ("lokal willkommen"; v.l.) freuen sich über Fördermittel der EU.
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Stadt Dortmund

Die genannten Gelder fließen auch in die letzten beiden "lokal willkommen"-Standorte: Das Lokal für die Stadtbezirke Innenstadt West/Ost in der Elisabethenstraße ist im Februar gestartet, ein weiteres für die Innenstadt Nord steht noch aus. Wie ist hier der Stand der Dinge?

Piechota: In der Innenstadt Nord soll noch in diesem Jahr ein Ladenlokal entstehen. Wir haben uns vergangene Woche geeignete Räumlichkeiten angeschaut, die Unterschrift des Mietvertrages ist reine Formsache.

Farshi: Wir sind sehr froh, etwas Passendes gefunden zu haben, denn in der Nordstadt lebt geschätzt ein Drittel der Menschen, für die eine Beratung in Frage kommt.

Piechota: Auch ohne Ladenlokal bieten wir schon unsere Hilfe an. Drei Kolleg*innen von unseren Kooperationspartner*innen beraten seit Anfang des Jahres die Menschen in der Nordstadt vom Sozialamt im Entenpoth aus. Das findet aber nicht im Rahmen offener Sprechstunden statt, sondern nach Termin.

Wie haben Sie die Beratung während des Lockdown organisiert?

Farshi: Die Kolleg*innen haben da sehr flexibel reagiert. So hatten die Ladenlokale wie bisher viermal die Woche "geöffnet", allerdings wurde die Beratung über Telefon oder E-Mail durchgeführt. Die Räume der Ladenlokale konnten ja nicht genutzt werden. Wenn das nicht ausreichte, dann haben sich die Kolleg*innen mit den Ratsuchenden auch vor dem Lokal getroffen und mit ihnen einen Antrag ausgefüllt und diesen im Freien entgegengenommen.

Mit der Eröffnung des Ladenlokals in der Innenstadt Nord wäre "lokal willkommen" im ganzen Stadtgebiet präsent. Wie kommt "lokal willkommen" bei den Dortmunder*innen an? Gibt es auch Ablehnung?

Piechota: Nein, es herrscht eine große Akzeptanz bei den Bürger*innen. Da gibt es keine Probleme. Ich kann mich erinnern, kurz nach der Eröffnung des Ladenlokals in Lütgendortmund hörte ich eine ältere Frau zu ihrer Begleiterin sagen: "Oh schau mal, jetzt tun die hier auch was für die Gesundheit!" (lacht) Zum Hintergrund: Alle unsere Partner werden auf der Außenseite der Lokale mit ihren Logos präsentiert, unter anderem das Deutsche Rote Kreuz.

Herr Piechota, zwei Dinge verbinden Sie mit dem scheidenden Oberbürgermeister: Sie teilen denselben Vornamen, außerdem werden Sie zum ersten November aus dem Dienst der Stadt Dortmund scheiden. Welches Fazit ziehen Sie mit Blick auf die rund vier Jahre von „lokal willkommen“? Was wünschen Sie dem Netzwerk für die Zukunft?

Piechota: Uns verbindet noch eine dritte Gemeinsamkeit, wir haben nämlich im gleichen Monat Geburtstag (lächelt).

Bezogen auf die vier Jahre von "lokal willkommen" möchte ich zunächst meinem Fachbereichsleiter, Jörg Süshardt, und Sozialdezernentin Birgit Zoerner meinen Dank aussprechen. Beide haben mir bei der Entwicklung und Umsetzung von "lokal willkommen" einen großen Freiraum gelassen und mich gleichzeitig unterstützt. Das ist nicht selbstverständlich.

Wie wichtig es war, "lokal willkommen" 2015 ins Leben zu rufen, zeigt sich gerade jetzt während der Pandemie: Unsere Ladenlokale sind nahezu die einzige Institution, in denen geflüchtete Menschen zurzeit eine persönliche Beratung bekommen. Trotz der derzeitigen Schwierigkeiten bieten wir weiter unsere Sprechstunden an. Gerade für Menschen, die die deutsche Sprache noch sehr schlecht oder gar nicht beherrschen, ist eine telefonische oder elektronische Terminvereinbarung fast unmöglich.

Für die Zukunft, wünsche ich mir, dass die existentiellen Fragen unserer Kund*innen nicht mehr die zentrale Rolle in der Beratung spielen müssen, damit die Kolleg*innen sich noch stärker auf die gesellschaftliche Integration unserer Neubürger*innen konzentrieren können. Damit leisten sie einen wichtigen Beitrag, um den Zusammenhalt unserer Stadtgesellschaft zu stärken.

Danke für das Gespräch!

Interview: Torsten Tullius

Zum Thema

Weiterführende Informationen zu "lokal willkommen" sind auf der Internetseite zu finden.

Dieser Beitrag befasst sich mit Verwaltungsangelegenheiten der Stadt Dortmund. Dieser Hinweis erfolgt vor dem Hintergrund aktueller Rechtsprechung.