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Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Jesús González Rebordinos

"Werde, die du bist!"

Museum für Kunst und Kulturgeschichte präsentiert große Ruth Baumgarte-Ausstellung

Nachricht vom 16.12.2020

Die aktuelle Ausstellung im Dortmunder Museum für Kunst und Kulturgeschichte (MKK) widmet sich einer faszinierenden Künstlerinnenpersönlichkeit: Sobald Museen wieder öffnen, zeigt das MKK bis zum 21. Februar 2021 in der großen Halle "Werde, die du bist! Ruth Baumgarte – Lebenskunst".

Ein Besucher betrachtet Bilder des Zyklus' "Illustrationen aus dem industriellen Innenleben".

Ein Besucher betrachtet Bilder des Zyklus' "Illustrationen aus dem industriellen Innenleben".
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Dortmund-Agentur / Torsten Tullius

Bei einem Presserundgang am 10. Dezember wurde die Ausstellung vorgestellt. Die Übersichtsschau leitet in vier thematischen Kapiteln mit circa 180 Zeichnungen, Gemälden und historischen Dokumenten durch das Leben und Werk einer deutschen Künstlerin.

Allein der Titel der Ausstellung spiegelt präzise die Persönlichkeit Ruth Baumgartes wieder, für die Kunst immer "Lebenskunst" und so "immer wieder der Versuch war, ihr Leben neu zu definieren", erklärt Kurator Dr. Eckhart Gillen. "Ruth Baumgart war keine Künstlerin, die einen bestimmten Stil entwickelt und sich damit zufrieden gegeben hätte."

In einer von radikalen Umbrüchen geprägten Zeit schuf Ruth Baumgarte (1923 – 2013) ein künstlerisches Lebenswerk, in dem sie den Menschen und dessen fragiles Dasein im 20. Jahrhundert ins Zentrum stellt. Hellsichtig und präzise gegenüber den sozialen und gesellschaftlichen Fehlentwicklungen ihrer Zeit reicht ihr Werk von einfühlsamen Portraits über Darstellungen von Theater- und Arbeitswelten bis hin zu kritischen Reflexionen umweltpolitischer und sozialer Fragen am Ende des 20. Jahrhunderts. Ihr Werk kulminiert in einem etwa 100 Zeichnungen und Gemälde umfassenden Afrika-Zyklus, Ergebnis ihrer 40 Reisen auf dem Kontinent.

In den 1970er und 1980er Jahren setzte sich die Künstlerin mit den Krisen ihrer Zeit in apokalyptischen Bildern auseinander.

In den 1970er und 1980er Jahren setzte sich die Künstlerin mit den Krisen ihrer Zeit in apokalyptischen Bildern auseinander.
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Dortmund-Agentur / Torsten Tullius

Die Ausstellung im MKK stellt Baumgarte als gegenständlich arbeitende Künstlerin mit starkem Bezug zur Gegenwart vor – etwa, wenn es um ihr Selbstverständnis als emanzipierte Frau geht, um Themen wie Umweltzerstörung oder – in ihrem Afrika-Zyklus – um Vertreibung, Migration und Flucht. Solche Themen behandelte sie lange, bevor dazu ein kunsthistorischer Diskurs in der westlichen Welt einsetzte.

Ruth Baumgartes Arbeiten wurden seit 1947 in nationalen und internationalen Galerien und Institutionen gezeigt, zuletzt im Ludwig Museum Koblenz (2017/18), im State Russian Museum, St. Petersburg (2018) und im Städtischen Museum Braunschweig (2019).

Werdegang einer Künstlerin

Ruth Baumgarte stammt aus einer Theaterfamilie. 1923 in Coburg geboren, wuchs sie in Berlin auf und entschied sich für ein Kunststudium an der Hochschule für bildende Künste in Berlin. Noch während ihres Studiums entwickelte sie sich zu einer genauen Beobachterin des Menschen und seiner Wirklichkeit und griff auch unbequeme Themen auf.

Nach ihrer Heirat verfolgte sie 1945 das Kriegsende in Berlin, wo sie kurz als Pressezeichnerin für die von den sowjetischen Besatzern herausgegebene Berliner Zeitung arbeitete. Auf der Basis ihrer soliden akademischen Ausbildung, gepaart mit einem unbestechlichen Blick für ihr Gegenüber und ihrer Neugier auf Begegnungen mit Menschen, entstanden ab 1943 erstaunlich lebendige, unmittelbar ansprechende Portraits. Mit Distanz und Empathie zugleich zeichnet und malt sie sich selbst und die Mitglieder ihrer Familie, die Freunde und Bekannten.

Der Sohn Ruth Baumgartes vor einem Selbstporträt seiner Mutter: Alexander Baumgarte ist außerdem Vorstandsvorsitzender der auf seine Mutter lautenden Kunststiftung.

Der Sohn Ruth Baumgartes vor einem Selbstporträt seiner Mutter: Alexander Baumgarte ist außerdem Vorstandsvorsitzender der auf seine Mutter lautenden Kunststiftung.
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Dortmund-Agentur / Torsten Tullius

Arbeiter und Außenseiter im Blick

Während ihres Studiums in Berlin zeichnete Ruth Baumgarte bereits Außenseiterfiguren, wie die von den Nationalsozialisten verfolgten und in Auschwitz ermordeten Sinti und Roma oder erforschte das Arbeitermilieu ihrer unmittelbaren Umgebung. Es sind erste tastende, aber auch mutige Versuche, einen eigenständigen Blick auf ihre Umwelt zu finden. Eine Werkgruppe widmet sich der Theaterwelt, die Ruth Baumgarte von Kindesbeinen an durch ihre Eltern, die beide Schauspieler waren, vertraut war: Kostümentwürfe, Illustrationen zu berühmten Theaterstücken oder Schauspielerporträts.

In der Nachkriegszeit, in der Künstlerinnen nur wenig wahrgenommen wurden, setzte sie sich bei ersten Ausstellungen in Bielefeld, ihrem neuen Lebensmittelpunkt, durch und verdiente sich ihren Lebensunterhalt mit zahlreichen Aufträgen als Illustratorin.

Illustrationen aus dem industriellen Innenleben

1952 heiratete die Künstlerin den Bielefelder Unternehmer Hans Baumgarte. In dessen Eisenwerk fand sie in der Zeit des Wirtschaftswunders Inspiration für ihren Industriezyklus. Nun setzte sie ihr Talent für die genaue Erfassung ihrer Umwelt dort ein, wohin in dieser Zeit kein Künstler und schon gar keine Künstlerin in Westdeutschland einen Fuß gesetzt hat: in die Montagehallen mit den Werkbänken in den Fabriken.

Ihre Illustrationen aus dem Innenleben der Industrieanlagen werden in der Ausstellung mit der zeitgleich aufkommenden Industriefotografie aus der Sammlung des MKK präsentiert.

Vom Kalten Krieg bis Tschernobyl

Ende der 1960er Jahre erlebte die Bundesrepublik ihren ersten Konjunktureinbruch. Die Studentenbewegung, die "Grenzen des Wachstums", das Wettrüsten im Kalten Krieg, später AIDS oder die Reaktorkatastrophe in Tschernobyl waren nun ihre Themen. Zugleich blieb Ruth Baumgarte ihrem Blick für Außenseiter treu. Es dominieren düstere, dunkle Farbtöne, die Darstellung entfernt sich von einer nüchternen Abbildung hin zu symbolistischen und teils surrealen Kompositionen.

Kein Exotismus: Ruth Baumgarte lässt sich auf die Lebenswelten Afrikas ein.

Kein Exotismus: Ruth Baumgarte lässt sich auf die Lebenswelten Afrikas ein.
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Dortmund-Agentur / Torsten Tullius

Utopie Afrika

Aus der angstverstrickten bundesrepublikanischen Welt der 1980er Jahre entfernte sich Ruth Baumgarte immer häufiger zu ihrem schon lange anvisierten Sehnsuchtsziel Afrika. Zwischen 1984 und 2004 erkundete sie fast vierzig Mal auf eigene Faust den afrikanischen Kontinent auf oft monatelangen Reisen.

Überwältigt von den Menschen, den gesellschaftlichen Brüchen der afrikanischen Kulturen sowie den intensiven Farbakkorden, die sich ihr in den Landschaften und im sozialen Leben der Dörfer und Städte darboten, entschied sie sich jetzt wieder für die Ölfarbe.

Mit diesem Bilderzyklus begann eine Ausstellungskarriere, mit der sie national und international bekannt wurde. Dabei enthielt sich Baumgarte jeder Form von Exotismus, die in schlichter Machart das westliche Bedürfnis nach unbekannten Kulturen befriedigt hätten. Im Gegenteil, weiß Kurator Gillen: "Sie lässt sich voll und ganz auf die Fremdartigkeit ein und versucht, nicht zu erklären. Insofern ist der Zyklus auch keine ethnografische Studie."

Bebilderte Dokumentation über sieben Jahrzehnte

Mit der Ausstellung "Werde, die du bist! Ruth Baumgarte – Lebenskunst" bekommt das MKK die seltene Möglichkeit, ein noch weitgehend unbekanntes künstlerisches Gesamtwerk aus über sieben Jahrzehnten auszustellen, das mehr oder weniger sämtlichen Zeitströmungen unterworfen war. Im Zentrum der Ausstellung steht Ruth Baumgarte als Künstlerinnenpersönlichkeit, genauso aber ihr Werk: eine bebilderte Dokumentation der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

"Ruth Baumgartes Lebensweg ist so bewegt wie ihr künstlerisches Schaffen, das in seiner Gesamtschau Kultur- und Zeitgeschichte schreibt", so Dr. Jens Stöcker, Direktor des MKK, der sich erleichtert darüber zeigte, dass der Presserundgang trotz des Pandemiegeschehens stattfinden konnte.

Aufgrund des "Lockdowns" kann die Ausstellung bis auf Weiteres nicht besucht werden, einen Trost für alle Interessierten gab es aber von der Projektleiterin im MKK, Dr. Nassrin Sadeghi. So habe ein Kamerateam Dr. Gillen bei einem Rundgang durch die Schau begleitet, der daraus entstandene Film wird zu Weihnachten freigeschaltet und auf der Facebook-Seite des MKK Dortmund gepostet.

Zum Thema

Weitere Infos, Bilder und Videos sind auf der Webseite des MKK Dortmund sowie auf den Social-Media-Profilen zu finden.

Dieser Beitrag befasst sich mit Verwaltungsangelegenheiten der Stadt Dortmund. Dieser Hinweis erfolgt vor dem Hintergrund aktueller Rechtsprechung.