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Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Jesús González Rebordinos

Denkmal des Monats

Vor einem Jahr entdeckter Holzbohlenweg am Ostwall ist Denkmal des Monats Juli 2022

Nachricht vom 30.06.2022

Bei Tiefbauarbeiten in Dortmund kommen immer wieder archäologische Funde ans Licht. 2021 gab es einen solchen Glücksfall am Ostwall, als dort die Reste eines mittelalterlichen Knüppeldamms entdeckt wurden. Neue Ergebnisse zum Alter der Hölzer und ein Update zum Konservierungsprozess machen den Fund zum Denkmal des Monats Juli.

Der Bohlenweg bei der Freilegung.

Neue Erkenntnisse lassen auf das Alter des Bohlenwegs schließen.
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Denkmalbehörde

Zahlreiche Füße treten durcheinander. Sie bewegen sich nach Westen, durch die mächtige, steinerne Torburg hindurch. Viele tragen zerschlissene Lederschuhe, einige feste Stiefel, manche laufen barfuß. Zwischen ihnen stampfen die Hufe von Ochsen, gelegentlich auch von Pferden. Ihnen folgen die Räder von hölzernen Karren und Wagen. Auf dem feuchten Untergrund finden sie alle Halt an den zahlreichen Bohlen aus Eichenholz, die in dem sandig-lehmigen Boden ausgelegt wurden.

So oder so ähnlich könnte es sich an belebten Markttagen am Ostentor des mittelalterlichen Dortmund zugetragen haben.

Das mittelalterliche Dortmund, eine befestigte Stadt am Hellweg

Näherte man sich im Mittelalter der Stadt Dortmund, dürften bereits aus der Ferne die mächtigen Befestigungsanlagen zu sehen gewesen sein, welche das Gebiet der heutigen Altstadt spätestens seit 1200 n. Chr. umgaben. In das Innere gelangte man nur durch verschiedene Toranlagen, die an die Haupthandelswege anknüpften. Besonders der sogenannte westfälische Hellweg ist als ein Haupthandelsweg des Mittelalters bekannt. Er verknüpfte als Teilstück der großen Landverbindung von Brügge nach Novgorod insbesondere die Städte Essen im Westen und Paderborn im Osten miteinander. Als überregionale Ost-West-Handelsroute trug der Hellweg zur wirtschaftlichen und politischen Entwicklung der Region maßgeblich bei. Es ist daher nicht verwunderlich, dass immer wieder Teilstücke des Weges in verschiedenen Ausbauphasen auch heute noch bei Bautätigkeiten vorgefunden werden.

Glücksfall beim Ausbau des Fernwärmenetzes

Genau das geschah 2021 in Dortmund. Im Zuge der Erdarbeiten für die Modernisierung des Fernwärmenetzes der DEW21 konnten am Dortmunder Ostwall auf Höhe der Kaiserstraße erneut Teilbereiche des Weges freigelegt und dokumentiert werden. Besonders bemerkenswert ist, dass es sich bei dem hier offengelegten Teilstück um einen befestigten Bohlenweg handelt und sich die Hölzer bis heute im Boden erhalten haben.

Ausbauten des Weges werden werden wohl zu aufwändig gewesen sein und deshalb nicht über die volle Strecke des Hellwegs stattgefunden haben. Vielmehr wird der Weg größtenteils aus verdichtetem Lehm oder aus Steinpflaster angelegt gewesen sein. Nur vereinzelt treten Ausbauten aus Holz hinzu, wie sie beispielsweise 2006 bei Erdarbeiten in Essen oder nun in Dortmund vorgefunden werden konnten.

Die am Dortmunder Ostentor angetroffenen Relikte des Hellwegs wurden in einer Tiefe von 1,8 m unter der heutigen Fahrbahnoberfläche aufgedeckt. Sie bestanden aus Eichenhölzern, die quer zur Fahrtrichtung verlegt und sorgfältig mithilfe von Flussgeröllen verkeilt waren. Die einzelnen Hölzer sind bis zu 1,9 m lang. Offenbar wurden sie nicht extra für den Hellweg hergestellt, sondern aus altem Baumaterial gewonnen.

Dies bezeugen verschiedene Bearbeitungsspuren an den Hölzern, welche nicht typischerweise für die Errichtung eines Weges notwendig wären. Die alte Wegtrasse war insgesamt etwa 5,75 m breit. Dieses Maß bewegt sich im Rahmen der für mittelalterliche Wege üblichen Breite von knapp sechs Metern: Sie erlaubte, dass zwei Ochsengespanne nebeneinander passieren konnten.

Fest verkeilt liegen die einzelnen Bohlen zwischen den einzelnen Flusskieseln.

Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Denkmalbehörde

Über 1.000 Jahre alt? Ein befestigter Weg aus alten Bauhölzern

Unmittelbar nach dem Fund des spannenden Geschichtszeugnisses wurden von den Hölzern Proben genommen, um das Alter zu bestimmen. Die ersten Ergebnisse bestätigten die Vermutung, dass der Holzbohlenweg wohl älter als das bislang bekannte Ostentor ist. Nach dem Abschluss der Ausgrabung veranlasste die Stadtarchäologie weitere naturwissenschaftliche Analysen um eine sichere Datenbasis zu erhalten. Dabei wurde nicht nur Probenmaterial von den alten Bauhölzern genommen, sondern auch Sedimentproben aus dem nahen Umfeld des Bohlenweges in ein Labor nach Mannheim geschickt.

Die Ergebnisse lassen aufhorchen: Denn die Proben von dem Sediment datieren in das ausgehende 9. und 10. Jahrhundert. Die untersuchten Holzproben weisen darauf hin, dass der Bohlenweg bereits im 11. oder frühen 12. Jahrhundert angelegt wurde. Offenbar war die Passage im 9. bis 10. Jahrhundert noch unbefestigt oder nur mit einem Steinpflaster ausgelegt. Erst ab dem 11. Jahrhundert bestand scheinbar die Notwendigkeit, die Wege umfangreicher zu befestigen. Die Ergebnisse der 14C-Datierung legen außerdem nahe, dass der Bohlenweg bereits vor der letzten bekannten Ausbaustufe der Stadtbefestigung bestand.

Ob der Weg im Zusammenhang mit einer vorangegangenen, älteren Stadtbefestigung stand, ist noch nicht geklärt, da sich der archäologisch untersuchte Bereich auf die geringe Trassenbreite des Fernwärmeprojektes begrenzt. Darüber hinaus liegen aufgrund eines großen Stadtbrandes im Jahr 1232, der auch unzählige Schriftstücke vernichtete, kaum Zeitzeugnisse vor, die ein genaues Bild der Befestigungsanlage fokussieren könnten.

Bürger*innen werden rekonstruierten Weg erleben

Seit mittlerweile einem Jahr befinden sich die Hölzer in der Restaurierungswerkstatt des Museums für Archäologie Schloss Gottorf in Schleswig. Dort werden sie von Spezialisten für archäologische Nasshölzer mithilfe von Polyethylenglykol konserviert. Wenn die Hölzer in etwa acht bis neun Jahren wieder zurück nach Dortmund kommen und den Bürger*innen als Bohlenweg rekonstruiert zugänglich gemacht werden, wird den Beobachtenden vielleicht auffallen: Während des Konservierungsprozesses sind die einzelnen Holzbohlen minimal geschrumpft, wodurch die Rinde, die teilweise noch an den Stämmen vorhanden war, abgelöst wurde. Auch die ursprünglich dunkelbraun-schwarze Holzfarbe hat sich etwas verändert. Denkbar ist, dass die Baumrinde zumindest an den Schauseiten wieder aufgesetzt wird.

Vor dem Hintergrund, dass ein Verbleib von dem Teilstück des Bohlenwegs an seinem Auffindungsort am Ostentor die vollständige Zerstörung mit sich gebracht hätte, fallen diese "Einbußen" an den Hölzern kaum ins Gewicht.

Die Denkmalbehörde wird weiter über den Konservierungsprozess und neue Erkenntnisse zu einem der aktuell wichtigsten Puzzleteile für die Rekonstruktion des Stadtbildes von Dortmund vor der Errichtung der Stadtmauer um 1200 n. Chr. berichten.

Mit einem Video aus 2021 kann man auf den Fund zurückschauen. Quelle: YouTube

Dieser Beitrag befasst sich mit Verwaltungsangelegenheiten der Stadt Dortmund. Dieser Hinweis erfolgt vor dem Hintergrund aktueller Rechtsprechung.