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Denkmalbehörde

Bild: pixelio / modellflieger

Denkmal des Monats September 2017

Gläserne Pracht – die St. Nicolai-Kirche an der Lindemannstraße

Nachricht vom 01.09.2017

Diesen Monat ist das Denkmal des Monats September das Chorfenster der Dortmunder St. Nicolai-Kirche an der Lindemannstraße. In ihrer Reihe verrät die Denkmalbehörde der Stadt nun Details zu der bedeutenden Glaskunst vor.

Denkmal des Monats September 2017

Bild: Stadt Dortmund / Günther-Wertz

Seit einigen Wochen taucht auf Plakaten und Einladungen zum Tag des offenen Denkmals am 10. September 2017 ein farbenfrohes Motiv auf, das offensichtlich einem Kirchenfenster entnommen ist. Woher stammt es? Mancher wird überrascht sein, wenn er es in der Broschüre zum Denkmaltag als Chorfenster der Dortmunder St. Nicolai-Kirche an der Lindemannstraße entdeckt; denn das Äußere der Kirche mit der Hausnummer 72 lässt nur erahnen, was für ein beeindruckendes Farbenspiel sich im Innenraum entfaltet. In ihrer Reihe verrät die Denkmalbehörde der Stadt Dortmund nun Details zu der bedeutenden Glaskunst und stellt diese als Denkmal des Monats September 2017 vor.

Maikäferschachtel für arme Seelen

Fabrik – Betonklotz – Maikäferschachtel für arme Seelen: dies waren ablehnende Vokabeln der Zeitgenossen für die 1930 eingeweihte St. Nicolai-Kirche. Alle drei Bezeichnungen bringen jedoch zugleich ziemlich genau auf den Punkt, worin rückblickend die kulturgeschichtliche Bedeutung und die Qualitäten dieses Baus liegen. Zum ersten Mal hatte in Deutschland eine Gemeinde den Mut, ihre Kirche nicht nur in Eisen-Beton bauen zu lassen – was andere schon früher taten – sondern auch auf die damals übliche Hülle aus Natur- oder Backstein zu verzichten. Stolz zeigte man den Beton mit den Spuren der Schalungsbretter in seiner rauen Schönheit. Die Dortmunder Architekten Pinno & Grund nutzten konsequent die statischen Möglichkeiten des Materials. So entstand eine stützenlose Halle, in der keine Säule den Blick auf Altar und Kanzel verstellt. Analog zum Industriebau errichtete man ein Skelett aus Betonstreben.

Kostbarer Glasschrein

Die leeren Felder des offenen Rastersystems sollten mit einer künstlerischen Verglasung gefüllt werden. Schon in der Gotik hatte man versucht, Wände in farbige gläserne Flächen aufzulösen und so mystische Räume zu schaffen, die sich je nach Lichteinfall ständig wandelten. Für eine evangelische Kirche, in deren Gottesdiensten das Wort im Mittelpunkt steht, war dies zunächst ungewöhnlich. Allerdings gab es gerade in den 1920er-Jahren auch in der evangelischen Kirche eine Bewegung zu einer stärker gefühlsbetonten Gotterfahrung. Die erst 30 Jahre alte Künstlerin Elisabeth Coester schuf einen Raum in überwiegend warmen Gelb- und Rottönen, der in der Darstellung des Guten Hirten an der Schlusswand des Chores gipfelte, umgeben von Engeln und überragt vom Himmlischen Jerusalem.

Zerstörung und Neugestaltung

Die komplette Zerstörung ihres Kunstwerks durch Kriegseinwirkungen erlebte die 1941 verstorbene Elisabeth Coester nicht mehr. Nur unter großen Schwierigkeiten konnte die Nicolaigemeinde zumindest eine Notverglasung erreichen. Fast 20 Jahre trafen sich die Gläubigen in einer hellen Halle, in die ungefiltert das Licht von außen eindrang, nun wirklich an industrielle Architektur erinnernd. Der für 1963 in Dortmund geplante Kirchentag gab den Ausschlag, wieder an eine künstlerische Verglasung zu denken. Für die Gestaltung konnte man den renommierten Glaskünstler Hans Gottfried von Stockhausen (1920 - 2010) gewinnen. Er hatte an der Stuttgarter Kunstakademie studiert und unter anderem bereits Fenster für den Chor des Ulmer Münsters, die Kasseler Hauptkirche St. Martin und die Hamburger Katharinenkirche entworfen. Ab 1970 hatte er die Professur für Glasmalerei an der Kunstakademie Stuttgart inne. Bis zu seinem Tod folgten viele weitere Arbeiten, unter anderem für die Dortmunder Reinoldikirche. Ein umfassendes Werkverzeichnis findet sich auf der Internetseite www.stockhausen.glasbild.com .

Engelsflug

Vorgabe an von Stockhausen war, den Chorschluss wieder mit dem Bild des Guten Hirten zu gestalten. Abweichend von Coester sah er für die Fensterflächen der Längsseiten unzählige kleine ornamentale Scheiben in überwiegend Grau-, Grün- und Blautönen vor. Der Grundton war zeitentsprechend kühler geworden. Auch im Chorfenster mit dem Guten Hirten wird die Weiterentwicklung der christlichen Kunst nach dem 2. Weltkrieg sichtbar. Ein Vergleich macht dies deutlich: Elisabeth Coester hatte die Engel in sich ruhend dargestellt. Sie strahlten einen "starken Ausdruck des Friedens" aus, so der damalige Pfarrer Rohmeyer. Von Stockhausens Engeln, fast nur aus Kopf und Flügeln bestehend, geht dagegen eine eindrucksvolle Dynamik aus. Sie scheinen den Guten Hirten regelrecht zu umschwirren und bilden dabei einen mandelförmigen Binnenraum, in dem sich nun vermehrt Rottöne finden. In der Mitte überstrahlt der Gute Hirte mit seinen Schäfchen in hellen goldgelben Farben selbst die hier blau dargestellte irdische Sonne. Von Stockhausen hat damit das Ziel des Glaubens auch in künstlerischer und farblicher Hinsicht als Höhepunkt angelegt.

Zum Thema

Wer den beeindruckenden Kirchenraum selbst erleben und weitere Details erfahren möchte, kann sich am 10. September 2017 um 14:00 Uhr und 16:00 Uhr von Mitgliedern des Presbyteriums durch die St. Nicolai-Kirche führen lassen.

Geöffnet für Besucher ist die Kirche der St. Petri-Nicolai-Kirchengemeinde an diesem Tag vom Gottesdienst um 11:00 Uhr an bis abends 18:00 Uhr.