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Denkmalbehörde

Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Alle Rechte vorbehalten pixelio / modellflieger

Denkmal des Monats Januar 2018

Vom Rentnerheim zur Studentenbude - Wittekindstraße 98

Nachricht vom 04.01.2018

Das expressionistisch anmutende Backsteingebäude in der Wittekindstraße 98 ist Denkmal des Monats Januar. 1952 wurde das Haus in der Wittekindstraße 98 eingeweiht und diente viele Jahre lang älteren Menschen als Heim. Bald sollen dort Studenten wohnen.

Das Gebäude Wittekindstraße 98

Das geometrische Ziermuster aus Klinkern am Gebäude auf der Wittekindstraße 98 erinnert an den expressionistischen Baustil, die Mansarddächer und die hohen eckigen Fenster ähneln der Architektur von Schlössern.
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Stadt Dortmund / Michael Holtkötter

Die bereits vom Tischler restaurierte Haustür wird in Kürze in das Gebäude Wittekindstraße 98 eingesetzt. Sie wird dann wohl den Schlusspunkt einer umfangreichen Sanierung bilden. Das Denkmal wird als Apartmenthaus für Studierende genutzt werden, sobald die Restarbeiten im Inneren abgeschlossen sind. Für die Denkmalbehörde Dortmund ist dies der Anlass, das Objekt als Denkmal des Monats vorzustellen.

Wohltätige Bürger

Vor allem Damen des gehobenen Dortmunder Bürgertums wie
"Frau Erster Staatsanwalt Haarmann" oder "Frau Geh.-Rat Schulenburg" trafen sich am 30. Mai 1895, um die Gründung des ersten evangelischen Altersheims in Dortmund vorzubereiten. Es sollte ein "Feierabendhaus für alleinstehende oder solche alte und schwache Personen, welche der Liebe und Fürsorge seitens ihrer Angehörigen entbehren" werden. Nach einigen Jahren in gemieteten Räumen kaufte der Evangelische Verein für Altersversorgung für seine Zwecke 1902 ein Wohnhaus in der Dortmunder Nordstadt an der Leopoldstraße. Geplant war aber, ein neues moderneres Gebäude zu bauen, für das man bereits 1903 ein geeignetes Grundstück erwarb.

Unruhige Zeiten

Durch Spenden, Stiftungen und Legate sammelte man in den folgenden Jahren so viel Vermögen an, dass 1914 die Realisierung der Neubaupläne in greifbare Nähe rückte. Bei einem Architektenwettbewerb erhielt das bekannte Dortmunder Architekturbüro D & K Schulze im September 1914 den ersten Preis. Allerdings war gerade der 1. Weltkrieg ausgebrochen und statt zu bauen, legte man das Geld in Kriegsanleihen an, die nach Kriegsende wertlos waren. Selbst der Betrieb des bestehenden Heimes an der Leopoldstraße war während der Inflationszeit in den 1920er Jahren nur durch Lebensmittel- und Kohlespenden, "amerikanische Liebesgaben" und Kirchenkollekten zu sichern. Erst ab 1924 – nach Einführung der Rentenmark – konnte wieder an einen Neubau gedacht werden.

Schlummerstündchen im Volkspark

Der Evangelische Verein für die Alterssicherung erhielt von der Stadt Dortmund neben einem günstigen Baudarlehen im Tausch ein baureifes Grundstück am Rande des neuen Volksparks südlich der B1. Dieser war ab 1919 von Stadtbaurat Hans Strobel (1881-1953) geplant worden. Westfalenhalle, Rosenterrassen, eine Kleingartenanlage und Sportstätten, wie Volksbad und Stadion Rothe Erde sollten der arbeitenden Bevölkerung vielfältige Möglichkeiten zur Erholung bieten. Das Altersheim fügte sich mit einem großen Obst- und Gemüsegarten sowie Parkanlagen, "in denen die Alten sich ergehen und ihr Plauder- oder Schlummerstündchen halten" konnten, gut in den Volkspark ein. Den Entwurf für das nach dem Pfarrer und Sozialreformer Theodor Fliedner (1800-1860) benannte Altersheim lieferte erneut das Architekturbüro D & K Schulze.

Ein "Schloss" für Ältere

Der in Backstein ausgeführte Gebäudekomplex zeigt mit eckigen Fenstererkern, geometrischen Ziermustern aus Klinkern und einigen steilen Spitzbögen Anklänge an den damals modernen expressionistischen Baustil. In der Struktur folgt der Bau anderen Prinzipien. Auf hufeisenförmigem Grundriss umfasst das Hauptgebäude mit seinen beiden Seitenflügeln – das eigentliche Altenheim – einen offenen Platz, der an den Ehrenhof eines Schlosses erinnert. Die dominanten Mansarddächer und die hochrechteckigen Fenster sind ebenfalls Übernahmen aus der Schlossarchitektur. Hinzu kommen die beiden wie flankierende Schlosspavillons symmetrisch zugefügten Rentnerheime, von denen das nördlich gelegene das Denkmal des Monats bildet. Zu den ersten Planungen gehörten sie übrigens nicht. Von einer Möglichkeit selbständigen Wohnens im Alter in einem so genannten "Rentnerheim" erfuhr man erst bei einer Besichtigung in Nürnberg. Die Anregung aus Franken floss danach in die Planung ein. Die Bauarbeiten konnten zügig innerhalb eines Jahres abgeschlossen werden und im Oktober 1925 fand die offizielle Einweihung statt.

Neubau und behutsame Sanierung

Nach 75 Jahren entsprach das ehemals moderne Heim nicht mehr den Anforderungen einer zeitgemäßen Seniorenpflege. Deshalb verlegte man 2000 den Betrieb in einen neu errichteten Gebäudekomplex in der rückwärtigen Parkanlage. Altersheim und Rentnerheime von 1925 kamen damit für andere Nutzungen frei. Bereits 2007 wurden das Hauptgebäude und das Rentnerheim rechts an einen neuen Träger abgegeben und zu großzügigen Seniorenwohnungen umgewandelt. Im Objekt Wittekindstraße 98 befanden sich noch Teile der Verwaltung, so dass dieses erst vor einigen Jahren den Eigentümer wechselte. Neben einer behutsamen Sanierung – Ausbesserung schadhafter Ziegel, Einsatz neuer Holzfenster in hergebrachter Teilung mit Isolierglas – sollte die innere Grundrissteilung möglichst erhalten bleiben. Zwischen 20 und 40 qm groß waren die kleinen Wohnungen für ein oder zwei Personen in den Heimen. Sie verfügten neben einem Wohnzimmer über ein schmales Schlafzimmer und eine kleine Küche. Ein Bad und zwei Toiletten für die acht Wohnungen pro Etage wurden gemeinschaftlich genutzt. Auf die neuen Bewohner warten nun ebenfalls acht Apartments pro Etage mit ungefähr gleicher Größe. Die Trennung von Schlafen und Wohnen ist aufgehoben, so dass nun luftigere Ein-Raum-Apartments entstanden sind. Statt einer Küche gibt es eine kleinere Kochnische. Dafür verfügt jede Einheit nun über eine eigene Sanitärzelle mit Toilette und Dusche und wird so modernen Ansprüchen an studentisches Wohnen gerecht.

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