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Bild: Jesús González Rebordinos

Bündnisse und OB Ullrich Sierau starten große Stolpersteinaktion auf dem Friedensplatz

Vor 70 Jahren wurde der 2. Weltkrieg beendet, vor 70 Jahren wurde Auschwitz befreit - Anlass genug für eine besondere Aktion, die die mehr als zehn Bündnisse, die traditionell die rund 250 Stolpersteine in Dortmund reinigen, und die Stadt Dortmund gemeinsam initiiert haben.

Gruppenbild mit OB Sierau

OB Ullrich Sierau startet große Stolperstein-Reinigung
Bild: Dortmund-Agentur / Thomas Kampmann

Am Sonntag den 1.11.2015 startete auf dem Friedensplatz eine stadtweite Reinigungsaktion dieser 250 Gedenksteine für meist jüdische NS-Opfer. Den Vertretern der beteiligten Gruppen wurde in Anwesenheit von OB Ullrich Sierau Taschen mit Putzuntensilien ausgehändigt und die ersten vier Stolpersteine im Rahmen dieser Aktion gereinigt.

Bilderstrecke: Stolpersteinaktion

Reinigung Stolpersteine 6 Bilder
Mitglieder des DKP Dortmund Ost reinigten am Sonntag, den 8. November Stolpersteine im Bezirk Innenstadt Ost.
Bild: Wolfgang Richter

Alle Bilder dieser Serie finden Sie auch im Medienportal.

In dieser Woche werden dann die Putzaktionen durch die einzelnen Bündnisse autonom durchgeführt. Jede Gruppe gestaltet die Reinigung "ihres" Steins eigenständig – auch in Verbindung mit Musik oder einer Lesung. Der Abschluss der Aktion findet am 9.11.2015 statt. Dann werden gegen 14 Uhr die Steine in Dorstfeld am Hellweg und in der Arminiusstraße gereinigt. Anschließend gehen die Teilnehmenden zur Gedenkfeier am Mahnmal Wittener Straße (Beginn 15 Uhr).

Die Naturfreunde Jugend Dortmund erinnerte im Rahmen der Stolpersteinaktion an das Schicksal der Geschwister Berta, Fanny und Flora Bleicher, die 1942 in den Osten deportiert und dort von den Nazis ermordet wurden

Die Naturfreunde Jugend Dortmund erinnerte im Rahmen der Stolpersteinaktion an das Schicksal der Geschwister Berta, Fanny und Flora Bleicher, die 1942 in den Osten deportiert und dort von den Nazis ermordet wurden
Bild: Rosa Becker, Naturfreundejugend NRW

Hintergrund:

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 kam es erstmals deutschlandweit zu systematischer und massiver Gewalt gegen die jüdische Bevölkerung – dem von den Nazis verharmlosend als Reichskristallnacht bezeichneten Pogrom.

Bereits im Gefolge des Machtantritts der Nationalsozialisten in den Jahren ab 1933 war es zu einer steigenden Diskriminierung und Verfolgung jüdischer Dortmunderinnen und Dortmunder und auch ersten gewalttätigen Übergriffen gekommen. 1938 markierte die Pogromnacht dann auch in dieser Stadt den Höhepunkt in Sachen antisemitischer Gewalt und eine deutliche Radikalisierung des bisherigen Vorgehens, das zu diesem Zeitpunkt noch vor allem darauf abzielte, die jüdische Bevölkerung aus dem Land zu treiben. In den Monaten vor der Pogromnacht hatte man damit begonnen, die „Arisierung“ genannte Ausplünderung staatlich zu forcieren. Durch die Nürnberger Rassengesetze von 1935 als Juden eingestufte Menschen mussten seit August 1938 zwangsweise die Vornahmen Israel oder Sara tragen und im Oktober wurden deutschlandweit alle polnischen Juden ins Grenzgebiet abgeschoben – eine Maßnahme, von der allein in Dortmund über 600 Menschen betroffen waren.

Mitglieder der BVB-Fanabteilung nach Abschluss der Stolpersteinaktion

Mitglieder der BVB-Fanabteilung nach Abschluss der Stolpersteinaktion
Bild: Frank Fulbrecht, Wolfgang Hartwich / BVB-Fanabteilung

Die bei ihrer Einweihung vom Oberbürgermeister Dortmunds als „Zierde der Stadt, für Jahrhunderte gebaut“ bezeichnete Hauptsynagoge an der Ecke Hansastraße/Hiltropwall war zum Zeitpunkt des Pogroms bereits weitgehend zerstört. Man hatte die jüdische Gemeinde zum Verkauf genötigt und Anfang Oktober 1938 mit den Abbrucharbeiten begonnen. Dies hinderte den Mob in der Nacht vom 9. auf den 10. November jedoch nicht daran, zu versuchen, selbst die verbliebenen Trümmer noch anzuzünden. Ebenfalls niedergebrannt wurde die Synagoge in Hörde. Das jüdische Gemeindehaus in der Saarbrücker Straße wurde ebenso schwer beschädigt wie die kleine Synagoge in Dorstfeld und auch vor jüdischen Friedhöfen machte man nicht Halt.

Die BVB-Fanabteilung erinnert die Schicksale der Familien Wolff und Rosenthal aus der Münsterstr. 42, die deportiert und an unterschiedlichen Orten ermordet wurden.

Die BVB-Fanabteilung erinnert die Schicksale der Familien Wolff und Rosenthal aus der Münsterstr. 42, die deportiert und an unterschiedlichen Orten ermordet wurden.
Bild: Frank Fulbrecht, Wolfgang Hartwich / BVB-Fanabteilung

Vor allem aber jüdische Dortmunderinnen und Dortmunder wurden Ziele antisemitischer Angriffe durch Angehörige von SA, SS und NSDAP genauso wie von spontan sich anschließenden Tätern. Wohnungen und Geschäfte wurden verwüstet und geplündert, Menschen misshandelt und gedemütigt. So wurden beispielsweise Einzelne gezwungen, barfuss über die Scherben zerschlagener Fenster zu laufen. Nach offiziellen Angaben der NS-Behörden kamen deutschlandweit 91 Menschen während des Pogroms zu Tode, die reale Zahl dürfte deutlich höher liegen.

An der Dresdner Str. 61 reinigte die Naturfreunde Jugend Dortmund den Stolperstein von Johanna Krampen, die 1943 deportiert und in Auschwitz ermordet wurde.

An der Dresdner Str. 61 reinigte die Naturfreunde Jugend Dortmund den Stolperstein von Johanna Krampen, die 1943 deportiert und in Auschwitz ermordet wurde.
Bild: Rosa Becker, Naturfreundejugend NRW

Anschließend wurden allein aus Dortmund mehrere hundert jüdische Männer ins KZ Sachsenhausen verschleppt, zwei Dortmunder starben. Wurden die meisten nach wenigen Wochen wieder entlassen, um anschließend das Land unter Druck zu verlassen, folgten für diejenigen, denen dies nicht gelang, die endgültige Ausplünderung, Zwangsarbeit und die Zusammenfassung in "Judenhäusern". Ab Januar 1942 begann die Dortmunder Gestapo mit der Deportation der jüdischen Bevölkerung des gesamten Regierungsbezirkes. Mehrere Tausend Menschen wurden nach Riga, Zamość, Theresienstadt und Auschwitz deportiert und größtenteils ermordet.

Von den 1933 rund 4500 jüdischen Bürgerinnen und Bürgern Dortmunds wurde mehr als die Hälfte während der 1930er Jahre vertrieben. Fast 2000 wurden im Holocaust ermordet.

Heute liegen etwa 250 Stolpersteine zum Gedenken und Erinnerung an die meist jüdischen NS-Opfer in den Straßen Dortmunds. Um die Pflege und Reinigung dieser Gedenksteine kümmern sich regelmäßig mehr als zehn Bündnisse.

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