Kunst und Kultur
Erste Schau in neuer Kunsthalle: Seidenstraßen führen ins Dortmunder U
Güterzüge aus China, Fabriken, Plastikstühle und leuchtende Globen an der Decke: Die Ausstellung „INDUSTRIAL: Seidenstraßen 3000“ im Dortmunder U zeigt, wie eng Dortmund mit globalen Warenströmen verbunden ist und was dahintersteht.
„Seidenstraße“, das klingt nach fernen Ländern, alten Handelswegen und exotischen Bildern. Genau davon verabschiedet sich die Kunsthalle Dortmund. In ihrer ersten Ausstellung unter neuem Namen geht es um die Gegenwart: um Logistik, Lieferketten, Arbeit und globale Warenströme. 23 Künstler*innen aus 16 Ländern verfolgen die Wege von Waren, Menschen und Rohstoffen von Japan und China über Zentralasien, den Kaukasus und die Türkei bis nach Europa und ins Ruhrgebiet. Das kuratorische Team Thibaut de Ruyter und Inke Arns, Direktorin der Kunsthalle Dortmund, hat wirklich Großes geschaffen. Auf mehr als 2.000 Quadratmetern verteilt sich die Ausstellung auf Ebene 6 und Ebene 3 des Dortmunder U. Ein Tipp für die bevorstehende
Seidenstraßen 3000: Fabriken und Arbeitsplätze statt verträumter Orientalismus
Kurator Thibaut de Ruyter fasst den Ansatz mit vier Begriffen zusammen: „Menschen, Produkte, Orte und Arbeitsbedingungen.“ Die Ausstellung will nicht nur zeigen, was weltweit produziert und transportiert wird, sondern auch, wer daran beteiligt ist und wo dies geschieht. „Wir haben versucht, diese Ausstellung nicht so über Orientalismus oder Exotismus zu machen“, erklärt de Ruyter. Stattdessen stehen Fabriken, Züge, Häfen, Waren und Arbeitsplätze im Mittelpunkt. Wie nah die globalen Warenströme sind, wird bereits beim Blick aus dem Dortmunder U deutlich. Im Nordwesten der Stadt liegt das riesige IKEA-Distributionszentrum. Kaum sichtbar sind dort die vielen Warenbewegungen, die von Dortmund aus Westeuropa erreichen. Für Inke Arns ist genau diese Perspektive ein wichtiger Ausgangspunkt der Ausstellung: „Mich hat eigentlich schon immer dieser Blick aus dem Fenster des Dortmunder U fasziniert, der Blick auf dieses riesige Logistikzentrum von IKEA.“
Nicht eine Seidenstraße. Sondern viele.
Der Titel „Seidenstraßen 3000“ ist bewusst ins Plural gesetzt. Historisch wie heute gibt es nicht die eine Route, sondern ein Netzwerk unterschiedlicher Wege. Politische Konflikte, wirtschaftliche Interessen und neue Infrastrukturen verändern diese Verbindungen ständig.
Die Zahl „3000“ richtet den Blick zusätzlich in die Zukunft. Denn wie globale Warenströme künftig verlaufen, welche Orte an Bedeutung gewinnen und welche wieder verschwinden, ist offen. Seit 2013 baut China mit der sogenannten Belt and Road Initiative ein weltweites Netz aus Schienen, Straßen, Häfen und Logistikzentren aus. Duisburg ist einer der europäischen Knotenpunkte. Rund 60 Züge aus China kommen inzwischen wöchentlich in Duisburg an, berichtet Arns.
Filme als Dokumente der neuen Produktionsströme
Logistik ist für die Direktorin der Kunsthalle Dortmund und Kuratorin auch ein Schlüssel zum Wandel des Ruhrgebiets. Die Region habe nach dem Ende von Kohle und Stahl neue Nutzungen für ihre großen Industrieflächen gesucht. Gute Verkehrswege, Autobahnen, Bahnstrecken und ehemalige Industrieareale machten das Ruhrgebiet dafür besonders geeignet. Der Dokumentarfilm „Losers and Winners“ von Ulrike Franke und Michael Loeken dokumentiert diesen Umbruch. Zu sehen auf Ebene 3 der Kunsthalle, zeigt er Abbau und Wiederaufbau der Anlage in China.
Die Dortmunder Kokerei Kaiserstuhl war die modernste der Welt, als sie im Jahr 2000 nach nur acht Jahren stillgelegt wurde, weil die Koksproduktion in Deutschland zu teuer geworden war. „Das war die modernste Kokerei der Welt“, so Arns. „Heute produziert die Anlage in China Koks, und die Preise steigen wieder.“
Die Ausstellung führt immer wieder vom fertigen Produkt zurück zu den Menschen, die es herstellen. Besonders eindringlich ist „15 Hours“ des chinesischen Dokumentarfilmers Wang Bing. Die Kamera beobachtet einen kompletten Arbeitstag in einer chinesischen Textilfabrik, in der Baby- und Kinderkleidung entsteht. Der Film dauert rund 15 Stunden und läuft in der Kunsthalle in zwei Teilen. Ohne Kommentar, ohne erklärende Stimme. Besucherinnen und Besucher können den Arbeitsalltag der Beschäftigten über viele Stunden verfolgen.
Monobloc-Stühle und ein Totem aus billigen Plastikartikeln
Auch andere Werke führen in Fabriken und Produktionsstätten: Ali Kazma zeigt die Herstellung von Stahlpipelines in der Türkei. Cao Fei und Wang Bing richten den Blick auf chinesische Arbeitende. Zauri Matikashvili erzählt die Geschichte seines Vaters, der seit mehr als 30 Jahren zwischen Deutschland und Georgien pendelt und mit gebrauchten Waren seinen Lebensunterhalt verdient.
Die globalen Handelswege werden in der Ausstellung nicht nur durch Karten sichtbar. Sie stecken auch in ganz alltäglichen Gegenständen. Die malaysische Künstlerin Anne Samat baut aus Plastikpartikeln aus Ein-Euro-Läden große, totemartige Skulpturen. Je näher man kommt, desto mehr Einzelteile lassen sich erkennen: Spielzeug, Werkzeuge, Plastikschwerter und andere Massenwaren. Blumen, Spielzeugverpackungen, Plastikprodukte tauchen in unterschiedlichen Arbeiten auf. Dahinter stehen Rohstoffe, Produktion, Transport und Konsum. Auch die Ausstellungsgestaltung nimmt diese Logik auf. Glastransportgestelle werden zu Trägern für Monitore und Projektionen, Monobloc-Stühle zu Sitzgelegenheiten. Der weltweit millionenfach produzierte Kunststoffstuhl wird damit selbst zum Ausstellungsobjekt.
Globale Zusammenhänge auf 16 Globen
Auf Ebene 3 hängen die leuchtenden Globen des Medienkünstlers Ingo Günther von der Decke. Seit 1988 nutzt er sie, um globale Entwicklungen anhand von Daten sichtbar zu machen – etwa Migration, Welthandel oder historische Handelswege. Die Globen passen damit zu einem zentralen Anliegen der Ausstellung: Komplexe weltweite Verbindungen werden konkret und anschaulich. Ein Globus zeigt etwa, wie sich Unternehmen wirtschaftlich im Verhältnis zu Staaten einordnen lassen. Andere visualisieren Migrations- oder Handelsbewegungen. Dabei sind die Arbeiten selbst historische Momentaufnahmen, „Schnappschüsse aus einer bestimmten Zeit“, erklärt Günther. Daten und politische Realitäten verändern sich – und damit auch die Karten unserer Welt.
Dortmund schaut auf die Welt – und die Welt kommt nach Dortmund
Für Arns ist „INDUSTRIAL: Seidenstraßen 3000“ zugleich eine programmatische Ausstellung zum Start der Kunsthalle Dortmund. Nach 30 Jahren als HMKV wurde der Ausstellungsort Ende Juli 2026 umbenannt. „Wir arbeiten seit 30 Jahren international, reisen für unsere Recherchen, bauen über viele Jahre Netzwerke auf und holen Künstler*innen und Perspektiven nach Dortmund, die man hier sonst vielleicht nicht kennenlernen würde“, sagt Arns. Die Ausstellung verbindet diesen internationalen Blick mit einem sehr konkreten Ort: Dortmund. „Plötzlich wird sichtbar, wie eng Dortmund mit all diesen Orten verbunden ist“, sagt die Direktorin. „Genau das wollen wir als Kunsthalle Dortmund sein: ein Ort in dieser Stadt, von dem aus man auf die Welt schaut und an dem die Welt zusammenkommt.“
INDUSTRIAL: Seidenstraßen 3000
12. September 2026 bis 10. Januar 2027
- Kunsthalle Dortmund im Dortmunder U, Ebene 3
(Eintritt frei), Ebene 6 (9 Euro, 5 Euro ermäßigt).
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