MO_Kunstpreis 2026
Museum Ostwall zeichnet Künstlerin Nezaket Ekici aus
Mit „Was bleibt, was wird“ präsentiert das Museum Ostwall die Preisträgerin des MO_Kunstpreises 2026: Nezaket Ekici verbindet persönliche Erinnerungen mit Fragen zu Migration, Identität, Körper und gesellschaftlichem Wandel.
Nezaket Ekici sprüht vor Energie. Sie hüpft, schreitet, hastet und schreit über die Bühne des Dortmunder U. So trägt sie alle 13 Preisträgerinnen und Preisträger vor und macht so die Verleihung des MO_Kunstpreises 2026 an sie zu ihrer Performance. „Meine Arbeiten sind vielschichtig“, sagt Nezaket Ekici. Sie lasse sich von ihrem Alltag, ihren Träumen, familiären sowie Begegnungen auf Reisen inspirieren. Aus mehr als 300 Performances hat sie zahlreiche Themen für Ausstellungen entwickelt. Vom 13. Oktober bis zum 14. Februar 2027 zeigt das Museum Ostwall im Dortmunder U die Ausstellung „Schaufenster #42: Was bleibt, was wird“ mit Werken der Performancekünstlerin Nezaket Ekici. Anlass ist die Verleihung des MO_Kunstpreises 2026 „Dada, Fluxus und die Folgen“.
Schirmherr Oberbürgermeister Kalouti: Mit Kunst aus der eigenen Komfortzone
Ihre Kunst macht zugleich neue Perspektiven auf gesellschaftliche Debatten deutlich. Das betont auch Oberbürgermeister und Kulturdezernent Alexander Kalouti bei der Preisübergabe.
Wenn das Private politisch wird
Nezaket Ekici wurde 1970 in Kırşehir in der Türkei geboren und kam als Dreijährige mit ihren Eltern nach Deutschland. Sie wuchs in Duisburg auf und studierte unter anderem Malerei, bevor sie sich verstärkt der Performancekunst zuwandte. Ihre Arbeiten werden international gezeigt. Im Mittelpunkt steht häufig ihr eigener Körper – als Ausdrucksmittel, als Träger von Erinnerungen und als Ausgangspunkt für die Auseinandersetzung mit gesellschaftlich unterrepräsentierten Themen wie die Menopause.
Dr. Nicole Grothe, Sammlungsleiterin des Museum Ostwall und Kuratorin des Kunstpreises, sieht darin eine Verbindung zur Fluxus-Bewegung der 1960er- und 1970er-Jahre. Diese Kunstströmung griff Alltagshandlungen und alltägliche Materialien auf und überschritt die Grenzen zwischen Kunst und Leben. Ekici verbindet persönliche und kollektive Erfahrungen. Sie fragt danach, wie sich Themen und Sichtweisen im Laufe der Zeit verändern.
Vier Werke im Fokus
Vier Werke erzählen von Herkunft, Ritualen und Veränderung
„Papas Poem“ (2016): Erinnerungen an die Arbeitsmigration
Ein Gedicht von Nezaket Ekicis Vaters Ziya Ekici bildet den Ausgangspunkt dieser Videoinstallation. Der Text „Der eingebildete Europäer“ aus dem Jahr 1983 handelt von den Erfahrungen der sogenannten Gastarbeiterinnen bzw. Gastarbeitern und dem Umgang mit ihnen in Deutschland. Nezaket Ekici trägt das Gedicht auf Türkisch, Deutsch und Englisch vor. Die Künstlerin beschäftigte sich erstmals intensiver mit dem Gedicht, als sie 2011 zu einer Veranstaltung anlässlich des 50. Jahrestags des deutsch-türkischen Anwerbeabkommens nach Istanbul eingeladen wurde. Die Verse ihres Vaters ließen sie nicht mehr los. 2016 entwickelte sie daraus die Videoinstallation.
Für die Übersetzungen ins Deutsche und Englische griff sie bewusst auf ihre eigenen Sprachkenntnisse zurück, statt Übersetzer*innen zu beauftragen. Für Ekici besitzt das Werk eine besondere Aktualität. Sie verweist auf Parallelen zwischen den Erfahrungen der damaligen Arbeitsmigrant*innen und dem heutigen Umgang mit Geflüchteten. Die Arbeit erinnert daran, wie lange Erfahrungen von Ausgrenzung nachwirken – und wie wichtig es ist, ihnen Gehör zu verschaffen.
„Kaffeeklatsch“ (2019): Wie deutsch ist die deutsche Kaffeetafel?
Mit Humor nimmt Ekici ein vertrautes deutsches Ritual unter die Lupe. In der Videoperformance sitzt sie dreimal als unterschiedliche Frauen in verschiedenen Trachten an einer Kaffeetafel. Die Figuren begegnen sich, trinken Kaffee und essen Kuchen – doch sie sprechen nicht miteinander. Alle drei Rollen verkörpert die Künstlerin selbst.
Die Inspiration stammt aus ihrem eigenen Alltag: Ihre deutsche Schwiegermutter pflegte die Tradition von Kaffee und Kuchen, während in der türkischen Kultur eher das Teetrinken verbreitet ist. Zugleich hinterfragt sie kulturelle Klischees. Die dargestellten Trachtenpuppen sind unterschiedlich geprägt und teilweise selbst von vereinfachten oder fehlerhaften Vorstellungen kultureller Traditionen beeinflusst. Das gemeinsame Kaffeetrinken eröffnet außerdem einen Blick auf weibliche Gemeinschaft und die Geschichte weiblicher Selbstbestimmung.
„Patchwork“ (2019): Aus Altem entsteht Neues
In „Patchwork“ (2019) wird ein Gemälde zum Kostüm und anschließend zu einem neuen Kleid. Ekici macht Kleidung zur „zweiten Haut“ und zeigt Identität als etwas Wandelbares. Die Künstlerin verbindet damit ihre Ausbildung in der Malerei mit der Performancekunst. Das Werk führt Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in einem sichtbaren Prozess zusammen: Ein bestehendes Bild wird zur Grundlage für etwas Neues. Kleidung erscheint dabei als zweite Haut, die Identität ausdrückt und sich zugleich verändern lässt. Ekici interessiert sich besonders für den Moment, in dem etwas Vertrautes seine ursprüngliche Form verliert und eine neue Bedeutung erhält. Die Arbeit steht für die Offenheit persönlicher Lebenswege und dafür, dass Veränderung nicht bedeutet, die eigene Geschichte vollständig hinter sich zu lassen.
„Menopause“ (2023): Den weiblichen Körper sichtbar machen
In dieser Videoperformance setzt sich Ekici mit den Wechseljahren und den körperlichen Veränderungen des Älterwerdens auseinander. Ausgangspunkt sind ihre eigenen Erfahrungen mit Hitzewallungen, Schweißausbrüchen und weiteren Beschwerden. Eine schwere beschriebene Glasplatte wird zum Bild für die Belastung, die sie in dieser Lebensphase erlebt. Während der Performance schwitzt die Künstlerin, ihr Kostüm verändert seine Farbe und Schriftzüge verschwimmen. Ekici macht damit eine Erfahrung sichtbar, über die noch immer selten offen gesprochen wird. Bei der Presseführung schilderte sie, wie sie ihre körperlichen Erlebnisse unmittelbar in die Bildsprache der Performance übersetzt hat. Sie betont, dass die Wechseljahre keine Krankheit, sondern ein Teil des Lebens sind.
Das Werk verbindet eine sehr persönliche Geschichte mit einer gesellschaftlichen Frage: Warum bleibt der alternde weibliche Körper so häufig ein Tabu? Zugleich knüpft die Arbeit an feministische Kunstpositionen an, die den Körper, Sexualität und weibliche Selbstbestimmung ins Zentrum rücken.
Zwei Werke erweitern die Sammlung des Museum Ostwall
Mit dem MO_Kunstpreis ist nicht nur die Auszeichnung der Künstlerin, sondern auch ein Ankauf von Kunst für die Sammlung verbunden. 2026 erwirbt das Museum die beiden Videoarbeiten „Papas Poem“ und „Menopause“. Der Preis ist mit 20.000 Euro dotiert und wird von den Freunden des Museums Ostwall e. V. und den Kulturbetrieben der Stadt Dortmund getragen. Dr. Nicole Grothe hebt hervor, dass beide Arbeiten bisher weniger berücksichtigte Perspektiven in der Sammlung stärken: die Geschichte der Arbeitsmigration und die körperlichen Veränderungen des weiblichen Älterwerdens. Zwar besitzt das Museum bereits Werke zu Migration und feministischen Körperbildern, doch gerade die spezifischen Erfahrungen der sogenannten Gastarbeiterinnen und Gastarbeitern und die Veränderungen des alternden weiblichen Körpers seien bislang nicht vertreten.
„Papas Poem“ bringt die Geschichte der Arbeitsmigration und die Erfahrungen einer Familie aus dem Ruhrgebiet in die Sammlung ein. „Menopause“ ergänzt die Auseinandersetzung mit dem weiblichen Körper um eine Perspektive, die in der Kunst und im gesellschaftlichen Diskurs häufig wenig Beachtung findet.
Beide Werke knüpfen zugleich an zentrale Themen der Fluxus-Bewegung und der feministischen Body Art an: den eigenen Körper als künstlerisches Ausdrucksmittel zu nutzen, Alltagserfahrungen in Kunst zu verwandeln. Benjamin Sieber von den Freunden des Museums Ostwall betont, dass der Kunstpreis mehr bewirken solle als den Ankauf von Werken. Ebenso wichtig sei es, die Inhalte der Kunst zu vermitteln und Menschen unterschiedliche Zugänge zu ermöglichen.
Begleitprogramm: Kunst erleben, diskutieren und selbst aktiv werden
Das Museum Ostwall ergänzt die Ausstellung mit Gesprächen, einem Aktionstag und kreativen Workshops. Die Angebote richten sich an unterschiedliche Altersgruppen und greifen die Themen Kommunikation, Körper, Herkunft und gesellschaftliche Teilhabe auf.
Sarah Hübscher aus dem Vermittlungsteam erläuterte bei der Presseführung, dass sich die Angebote an den vielfältigen Zugängen zu Ekicis Werk orientieren. Die Künstlerin kommuniziere mit ihrem Publikum über den Alltag, den Körper und die Umgebung. Das Begleitprogramm greift diese Themen auf und schafft Gelegenheiten, miteinander ins Gespräch zu kommen und selbst kreativ zu werden.
Künstleringespräch mit Nezaket Ekici
Beim
Gespräch über Kunst und kollektive Erinnerung
Aktionstag „democratize arts“
Beim Aktionstag „democratize arts“ am 15. Januar 2027 von 15 bis 20 Uhr fragen Studierende des Kommunikationsdesigns der FH Dortmund, wer Zugang zu Kunst hat und wie sich Macht, Sichtbarkeit und Hierarchien im Kunstbetrieb verändern lassen. Workshops, Gespräche und eigene Publikationen laden zum Mitmachen ein. MO_Schaufenster, Flux-Inn, und KunstAktionsRaum, Ebene 5 und 4, Museum Ostwall im Dortmunder U.
Kreativangebot für Kinder und Jugendliche: Mein Körper spricht
Zum Abschluss richtet sich das Kreativangebot „Mein Körper spricht“ am 12. Februar 2027 an Kinder und Jugendliche. In zwei Workshops mit der Kunstvermittlerin und Tänzerin Sarah Modiga erkunden die Teilnehmer*innen durch Bewegung, Rhythmus und Körperausdruck die Möglichkeiten der Performancekunst. Von 15:30 bis 16:30 für Kinder von 5 bis 11 Jahren, von 17 bis 18 Uhr für Kinder und Jugendliche von 12 bis 16 Jahren, Treffpunkt: Eingang Museum Ostwall, Ebene 5.
Titel: Schaufenster #42: „Was bleibt, was wird“
Künstlerin: Nezaket Ekici, MO_Kunstpreisträgerin 2026
Laufzeit: 13. Oktober 2026 bis 14. Februar 2027
Ort:
Der Eintritt ist frei!
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