Jazzforum: Inge Brandenburg
Ein Abend über die bedeutende deutsche Jazzsängerin und tragische Figur
Inge Brandenburg (* 18. Februar 1929 in Leipzig; † 23. Februar 1999 in München) war eine deutsche Jazzsängerin.
Inge Brandenburg (eigentlich Ingeborg Brandenburg) wurde am 18. Februar 1929 in Leipzig geboren und verbrachte ihre Kindheit in ärmlichen Verhältnissen. Streit, Gewalt und Alkohol bestimmten den Alltag. Elternliebe erfuhr sie nicht.
Inges Vater war Kommunist und Kriegsdienstverweigerer und somit in den Augen der Nazis ein „Parasit“ und „Volksschädling“. Inge sah mit an, wie er von der Gestapo zusammengeschlagen, abgeführt und interniert wurde. 1941 beging er – einem zweifelhaften Eintrag im Totenbuch des KZs Mauthausen zufolge – Selbstmord, indem er in den elektrischen Stacheldrahtzaun des Konzentrationslagers Mauthausen lief.
Inges Mutter wurde wegen „staatsfeindlicher Äußerungen“ ebenfalls verhaftet und starb unter ungeklärten Umständen auf dem Transport zum KZ Ravensbrück. Die fünf Geschwister wurden voneinander getrennt und in „Heimen für schwererziehbare Kinder“ untergebracht. Dort wurden auch Zwangssterilisationen durchgeführt. Die Kinder galten als „entartet“ und die Mediziner waren der Ansicht, dass sich Kriminalität vererben ließe und sie deshalb „auszumerzen“ sei.
Unmittelbar nach dem Ende des Krieges gelang Inge in einer gefährlichen Nacht- und Nebelaktion die Flucht über die Grüne Grenze in den amerikanischen Sektor nach Hof. Dort wurde sie von der Polizei aufgelesen, sie war halb nackt, ihr geblümtes Konfirmationskleid verschwunden. Betrunkene GIs hatten es ihr vom Leib gerissen und sie vergewaltigt. Da sie keine Papiere hatte, steckte man sie für ein halbes Jahr wegen Herumtreiberei ins Gefängnis. Danach führte sie der Weg weiter nach Augsburg.
Ihre große Liebe galt schon immer der Musik. Ihr Lieblingssender war der AFN und ihre bevorzugten Interpreten waren Peggy Lee, Judy Garland und Frank Sinatra. Als eines Tages in einer Annonce der Augsburger Tageszeitung ein Tanzorchester eine gutaussehende Sängerin mit tiefer Stimme suchte, bewarb sie sich. Von Februar 1950 an tingelte sie für 170 DM Monatsgage durch deutsche Nachtlokale. Ob Swing, Cool Jazz, Blues, Hillbilly oder Schlager – Inge Brandenburg sang sich durch die 50er Jahre, ohne dass ein größeres Publikum von ihr Notiz nahm.
Den Wendepunkt ihrer Karriere leitete jedoch im gleichen Jahr ein Engagement in Schweden ein. Ein Agent, der auf Inge Brandenburg aufmerksam geworden war, verpflichtete sie für ein vierwöchiges Gastspiel. Sie war dort so erfolgreich, dass dem Engagement weitere folgten und aus den ursprünglich angedachten vier Wochen acht Monate wurden. In dieser Zeit arbeitete sie mit den Größen der schwedischen Jazzszene zusammen. Das skandinavische Land galt neben Frankreich in den 50er Jahren als die europäische Jazzhochburg. Mit gestärktem Selbstvertrauen, aber mit gemischten Gefühlen, kehrte sie im Frühjahr 1958 nach Frankfurt zurück.
Dieser Auftritt machte sie über Nacht zum Star, zur deutschen Jazzsängerin Nr. 1. Das Publikum war begeistert von ihrer Fähigkeit, Balladen wie „Lover Man“ zu dichten, ergreifenden Momente werden zu lassen. Die Kritiken überschlugen sich mit Lob und Deutschlands Jazzpapst Joachim-Ernst Berendt schieb: „Sie singt mit unwahrscheinlichem Feeling. Ihr Gesang ist von einer Intensität, in der eine ganze Welt zu schwingen scheint. Und vor allem: Sie singt nicht wie June Christy, sie singt wie Inge Brandenburg. Endlich hat der deutsche Jazz seine Stimme!“
Ein paar Monate später bekam Inge Brandenburg auf dem im südfranzösischen Juan-les-Pins stattfindenden Jazzfestival den Titel der ‚Besten Jazzsängerin Europas‘ verliehen. Kurz danach siegte sie mit dem deutschen Team beim Festival im belgischen Knokke. Es folgten erfolgreiche Gastspiele sowie Funk und Fernsehen im In- und Ausland. Bis Ende der 60er Jahre führten sie zahlreiche Tourneen bis nach Jugoslawien, Marokko, Libyen und Lappland. Begleitet wurde sie von international bekannten Ensembles wie denen von Albert Mangelsdorff, Kurt Edelhagen, Klaus Doldinger, Max Greger und Ted Heath.
1960 erhielt sie Angebote der Plattenindustrie. Die Teldec nahm Inge Brandenburg unter Vertrag. Ihr ausdrücklicher Wunsch war es, Jazz- und Chanson-Titel aufzunehmen. Sie erreichte, dass man ihr dies vertraglich zusicherte. Allerdings hatte sie sich im Ausgleich auch für Schlager- Titel bereit zu halten. Höhepunkt des Jahres waren die besten Jazz-Aufnahmen ihrer Schallplattenkarriere: „All Of Me“, „Lover Man“, „Don’t Take Your Love“, „There’ll Never Be Another You“, „Pennies From Heaven“.
Das Time Magazin pries sie als neue Billie Holiday und man überlegte, wie man sie in den USA präsentieren konnte. Die Teldec legte ihr einen unterschriftsreifen Optionsvertrag für die weitere Zusammenarbeit vor, doch nach langem Hin und Her entschied sie sich zu keiner weiteren Vertragsverlängerung. Ihre Plattenkarriere entwickelte sich zu einem Jahre andauernden Ärgernis. Sie wollte nicht einsehen, dass man sie inzwischen als Schlagersängerin auf die leichte Muse reduziert hatte. Sie zog vor Gericht und versuchte, ihre Rechte einzuklagen. Ihrer Zukunft im Plattengeschäft war das alles andere als förderlich. Ein letztes Projekt konnte sie jedoch noch in die Tat umsetzen: ihre einzige Jazz-Langspielplatte „It’s Allright With Me“.
In den kommenden Jahren schuf sich Inge Brandenburg als Schauspielerin auf deutschen Theaterbühnen und im Fernsehen ein zweites Standbein. Sie spielte in Antikriegsdramen wie z.B. in George Taboris „Pinkville“, aber auch in „Macbeth“ am Berliner Schillertheater mit. Doch es gelang ihr nicht, an den großen Erfolg der frühen Jahre anzuknüpfen. Die Zeiten hatten sich geändert. Musikboxen vertrieben Live-Musik aus den Lokalen. Rock ’n’ Roll und Beat lockten das Publikum aus den Jazz-Clubs in die großen Konzertarenen. Inge Brandenburgs musikalische Auftritte in kleineren Sälen und Kirchen wurden immer seltener. Die Negativschlagzeilen über Prügeleien, Alkoholexzesse und andere Peinlichkeiten nahmen indessen zu. Eine handgreifliche Auseinandersetzung mit wüsten Beschimpfungen führte schließlich dazu, dass man sie in Handschellen abführte und die Staatsanwaltschaft ein psychologisches Gutachten durch einen Rechtsmediziner beantragte.
1976 sang Inge Brandenburg noch einmal auf dem 15. Deutschen Jazzfestival in Frankfurt. Es sollte mit „Glory Hallelujah“ ihr letzter Fernsehauftritt als Jazzsängerin sein. Danach zog sie sich vorerst vollständig aus der Szene zurück. Ihre Alkoholprobleme, mangelnde Motivation und eine komplizierte Stimmbandoperation beschleunigten den gesellschaftlichen Abstieg. Sie bezog Sozialhilfe und führte gegen ein Taschengeld die Hunde ihrer Nachbarn aus. In den letzten Jahren ihres Lebens besiegte sie Alkohol und Depressionen, sie war wieder voller Hoffnung. In nächtelangen Telefonaten erklärte sie ihren wenigen Freunden und einstigen Kollegen:
„Ich bin traurig, wenn ich sehe, Mensch verdammt noch mal, du hast doch dein ganzes Können; eigentlich ist es gar nicht richtig ausgenutzt worden. Ich hatte immer das Gefühl, verdammt, da ist noch viel mehr in mir drin, das muss rausgeholt werden, ich kann es nicht allein schaffen. Und das hat mich manchmal sehr traurig gemacht, auch ein bisserl verbittert.“
1995 wagte sich Inge Brandenburg mit klarer Stimme und leuchtenden Augen noch einmal zu einem Comeback auf die Bühne des Bayerischen Hofs in München. Doch von den alten Fans waren nur noch wenige gekommen. Trotz hervorragender Kritiken beschränkte sich ihr verzweifelter Versuch, in die Öffentlichkeit zurückzukehren, auf wenige Auftritte.
Am 23. Februar 1999 starb Inge Brandenburg in einem Schwabinger Krankenhaus fünf Tage nach ihrem 70. Geburtstag. An ihrem Armenbegräbnis nahmen nur sieben Trauernde teil.
Ort: Saal
Einlass: 18:45 Uhr
Veranstaltungsort
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Anschrift und Erreichbarkeit44137 Dortmund
Veranstalter
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