Artenschutz
Zur Diskussion rund um die zwölf Löwen-Jungtiere im Zoo Dortmund
Rund um den Nachwuchs stellen sich derzeit verschiedene Fragen: Welche Informationen gibt es zur Abstammung der Tiere? Welche Gründe gibt es für die Zucht? Wie sollen die Tiere später untergebracht werden? Wie ist das EAZA-Ex-situ-Programmes (EEP) eingebunden? Das EEP wird häufig noch als „Europäisches Erhaltungszuchtprogramm“ bezeichnet, das im Rahmen des Europäischen Zoo- und Aquarienverbandes EAZA geführt wird. Es ist die wichtigste Grundlage für eine koordinierte Zucht.
Welche Informationen gibt es zur Abstammung der Tiere?
Die Abstammung der Dortmunder Löwen ist im Zoological Information Management System (ZIMS) von Species360 dokumentiert. In diesem System werden unter anderem Informationen zu Art, Geschlecht, Alter, Geburtsdaten, Abstammung, Haltung und Zuchtbüchern erfasst.
Das ist der Vater
Der Dortmunder Löwenkater Boeti hat in seinem Stammbaum Vorfahren aus Somalia, Botswana, Südsudan und Tansania. Diese Herkunftsangaben weisen überwiegend auf Regionen hin, die der südlichen Unterart des Löwen (Panthera leo melanochaita) beziehungsweise der südlichen genetischen Linie zugerechnet werden.
Eine Besonderheit stellt der Südsudan dar, weil dort der Nördliche Löwe (Panthera leo leo) und der Südliche Löwe (Panthera leo melanochaita) aufeinandertreffen und eine natürliche Kontaktzone bilden. Gleichzeitig lässt sich bei einzelnen Vorfahren Boetis die geografische Herkunft anhand der in ZIMS hinterlegten Daten nicht mehr rekonstruieren.
Nach aktueller Auskunft des Koordinators des EAZA-Ex-situ-Programme (EEP) wird Boeti derzeit als eine Mischung aus etwa 50 Prozent Nördlichem und 50 Prozent Südlichem Löwen geführt.
Das sind die Mütter
Die beiden Löwinnen Saba und Zuri sind Schwestern. Ihr Stammbaum weist Vorfahren aus Angola, Botswana und Südsudan auf. Auch bei ihnen ist die geografische Herkunft einzelner Vorfahren in ZIMS nicht mehr hinterlegt.
Für Vorfahren aus dem Südsudan gilt zudem die besondere Situation der natürlichen Kontaktzone zwischen Nördlichem und Südlichem Löwen. Nach aktueller Auskunft des EEP werden Saba und Zuri zu ungefähr 62 Prozent dem Südlichen Löwen zugerechnet.
Wie ist das EAZA-Ex-situ-Programmes (EEP) eingebunden?
Boeti, Saba und Zuri sind Teil des EAZA-Ex-situ-Programmes (EEP) für Südliche Löwen (Panthera leo melanochaita) im Rahmen des Europäischen Zoo- und Aquarienverbandes EAZA. Das EEP wird derzeit im Longleat Safari Park in England geführt. Die Zusammenführung von Boeti mit den beiden Löwinnen erfolgte mit Zustimmung des damaligen EEP-Koordinators, der zu diesem Zeitpunkt im Givskud Zoo in Dänemark tätig war.
Für die konkrete Zucht der Dortmunder Löwen lag keine ausdrückliche Zuchtempfehlung des EEP vor, gleichzeitig bestand aber auch kein Zuchtverbot. Das EEP hatte dem Zoo Dortmund mitgeteilt, dass im Falle einer Zucht mögliche Nachkommen eigenständig vermittelt werden müssten und die Vermittlung nicht über das EEP erfolgen würde.
Die Entscheidung zur Zucht wurde deshalb in eigener Verantwortung durch den Zoo Dortmund getroffen. Das EEP ist über die Zucht informiert.
Welche Gründe gibt es für die Zucht?
Bei dieser Entscheidung standen vor allem Tierwohl-Aspekte und verhaltensbiologische Überlegungen im Vordergrund. Das Dortmunder Löwenrudel sollte wenigstens einmal die Möglichkeit erhalten, Jungtiere aufzuziehen. Die gemeinsame Jungtieraufzucht gehört zum komplexen artspezifischen Sozialverhalten von Löwen und führt innerhalb eines Rudels zu zusätzlichen und vielfältigen sozialen Interaktionen zwischen den erwachsenen Tieren und dem Nachwuchs. Mit der Zucht sollte den Tieren ermöglicht werden, dieses Verhaltensspektrum einschließlich Paarung, Geburt und Jungtieraufzucht zu zeigen.
Ein Vorwurf ist in dem Zusammenhang mit der Nachzucht: Junge Löwen sind für viele Zoobesucher besonders attraktiv. Dieser Umstand war für die Entscheidung zur Zucht im Zoo Dortmund jedoch nicht relevant. Bei anderen, ebenfalls besonders attraktiven Tierarten hat der Zoo Dortmund in den vergangenen Jahren aufgrund von Zucht-Stopps des jeweiligen EEP bewusst auf Nachwuchs verzichtet.
Beispiele sind hier: Jaguar, Nebelparder, Flachlandtapir, Siamang und Kleiner Panda. Auch bei den Sumatra-Orang-Utans wird aufgrund von Zucht-Stopps des EEP nicht mit allen fortpflanzungsfähigen Weibchen gezüchtet. Dies ist einer der Gründe dafür, dass im Zoo Dortmund in den vergangenen Jahren bei verschiedenen Tierarten bewusst auf Nachwuchs verzichtet wurde.
Wissenschaftliche Betrachtung der Zucht
Durch die Nachzucht werden zugleich Teile der genetischen Variation der Elterntiere an die nächste Generation weitergegeben. Welche populationsgenetische Bedeutung die Jungtiere künftig haben können, lässt sich derzeit allerdings noch nicht abschließend beurteilen. Die von der IUCN SSC Cat Specialist Group verwendete Einteilung des Löwen in zwei Unterarten geht auf die 2017 veröffentlichte taxonomische Revision der Cat Classification Task Force zurück. Die genetische Einordnung der Löwen in der europäischen Zoopopulation wird derzeit weiter aufgearbeitet.
Innerhalb der EAZA läuft dazu ein genetisches Forschungsprojekt, an dem der Zoo Dortmund sich mit seinen Jungtieren beteiligen wird. Es soll weitere Erkenntnisse über die Abstammung und genetische Zusammensetzung der europäischen Löwenpopulation liefern. Abhängig von den Ergebnissen dieses Projekts könnte sich auch die derzeitige Zuordnung einzelner Löwenindividuen verändern.
Wie sollen die Tiere später untergebracht werden?
Schon vor der Zucht haben die Mitarbeitenden im Zoo abgewogen, ob es realistisch ist, für möglichen Nachwuchs geeignete Unterbringungsmöglichkeiten zu finden. Der Zoo Dortmund kam dabei zu der Einschätzung, dass dies grundsätzlich möglich ist. Eine spätere Auswilderung der Jungtiere war zu keinem Zeitpunkt Motivation für die Zucht.
Verschiedene Konstellationen sind denkbar. Eine Möglichkeit wäre auch, dass abhängig von den Vermittlungsmöglichkeiten eine sogenannte Junggesellengruppe im Zoo Dortmund verbleibt. Solche Gruppen kommen auch in der in der Natur vor. Eine Entscheidung darüber ist zum aktuellen Zeitpunkt noch nicht gefallen.
Der Zoo Dortmund steht bereits mit Interessenten für die geborenen Löwen in Kontakt. Für verbindliche Zusagen müssen jedoch zunächst die Geschlechtsbestimmung und die weitere individuelle Entwicklung der Jungtiere abgewartet werden.
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