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Stadtbeschreiberin Clara Cosima Wolff entdeckt Dortmund neu: „Es lohnt sich, hier zu gestalten“

Die neue Dortmunder Stadtbeschreiberin Clara Cosima Wolff erkundet Dortmund mit literarischem Blick. Die Autorin arbeitet an einem Langgedicht über Wandel, Erinnerung und neue Formen von Idylle – und entdeckt eine Region im Aufbruch.  

Clara Cosima Wolff ist angekommen. In Dortmund und ein bisschen auch in ihrer alten Heimat. Seit kurzem lebt und arbeitet die 31-jährige Autorin als Stadtbeschreiberin 2026 in Dortmund. Für sechs Monate bezieht sie eine Wohnung im Hinterhof des Literaturhauses Dortmund und widmet sich einer literarischen Spurensuche durch Dortmund und das Ruhrgebiet.

Aufbruchsstimmung zwischen Industriekultur und Kreativquartieren

Bild: Stadt Dortmund / Leopold Achilles
Eine Frau gestikuliert mit den Händen
Clara Cosima Wolff: „Es lohnt sich, hier zu gestalten“.
Bild: Stadt Dortmund / Leopold Achilles

Dabei ist Dortmund für sie nicht neu. Die gebürtige Hagenerin kehrt nach Jahren in Wien, Osnabrück, Hildesheim, Hamburg und Hannover in die Region zurück. Sie studierte unter anderem Psychologie und Literarisches Schreiben, arbeitete als Neuropsychologin und entwickelte sich zu einer vielfach ausgezeichneten Lyrikerin, Literaturvermittlerin und Übersetzerin. Ihr erster Eindruck von Dortmund ist positiv: „Ich habe das Gefühl, dass es sich lohnt, hier zu gestalten“, sagt sie. Besonders die Offenheit der Region beeindruckt sie. „In Dortmund gibt es noch viele Möglichkeiten, selbst etwas aufzubauen und neue Räume zu schaffen.“

Bei ihren Recherchen begegnen Clara Cosima Wolff junge Menschen, die bleiben oder zurückkehren, engagierte Kulturschaffende und Quartiere mit industrieller Vergangenheit, in denen heute Kreativität entsteht. „Es kommt mir so vor, als gäbe es hier eine Aufbruchsstimmung und einen Gestaltungswillen“, erklärt die Autorin. Anders als in vielen Großstädten seien Räume noch verfügbar und damit Möglichkeiten vorhanden, neue Ideen umzusetzen. Besonders faszinieren sie Orte des Wandels: ehemalige Industrieareale, renaturierte Flächen und Kreativstandorte wie die Kokerei Hansa, der Union Gewerbehof oder die Zeche Zollern. „Man sieht hier an vielen Orten, wie aus etwas, das nicht mehr genutzt wird, etwas Neues entstehen kann.“

Ein Langgedicht über den Wandel und das Knarzen der Kiefer

Bild: Stadt Dortmund / Leopold Achilles
Eine Frau mit kurzen braunen Haaren lächelt in die Kamera
Die neue Dortmunder Stadtbeschreiberin Clara Cosima Wolff plant ein Langedicht über Dortmund.
Bild: Stadt Dortmund / Leopold Achilles

Ihr literarisches Großprojekt während ihres Stipendiums: ein Langgedicht über das Ruhrgebiet. Ausgangspunkt ist ihre persönliche Rückkehr in eine Region, die sie aus ihrer Kindheit kennt und nun mit neuem Blick betrachtet. Dabei interessiert die 31-Jährige die Frage, wie sich Gegenwart und Zukunft literarisch fassen lassen. Kein nostalgisches Zurückblicken, sie sucht eher nach einer „zeitgenössischen Idylle“. „Die klassische Vorstellung von Idylle funktioniert heute nicht mehr einfach so“, sagt sie.

Stattdessen entdeckt sie poetische Momente in den Brüchen der Landschaft, in ehemaligen Industrieflächen und in den Spuren des Strukturwandels. Die Kiefer ist so ein Motiv. Bei ihren Recherchen stieß sie auf die Bedeutung des Kiefernholzes im Bergbau, dessen Knarzen einst vor Einstürzen warnte. Heute prägen prägen Bäume und Wälder viele ehemalige Bergbau- und Industrieflächen des Ruhrgebiets. Für Clara Cosima Wolff ein Beispiel dafür, wie Vergangenheit und Gegenwart ineinandergreifen.

Zwischen Neurowissenschaft und Poesie

Dass sie heute Gedichte schreibt, war ein Weg zu eigener künstlerischer Ausdrucksform. Aufgewachsen in einer Künstlerfamilie – ihre Eltern sind die Hagener Künstler Barbara Wolff und Karl-Friedrich Fritzsche –, entschied sie sich zunächst bewusst für die Wissenschaft. „Ich wollte Neurowissenschaftlerin werden“, erzählt sie. Erst während und nach ihrem Psychologiestudium entwickelte sich ihr Schreiben. Bis heute prägt die wissenschaftliche Perspektive ihre Arbeit. Besonders interessieren sie präzise Fachsprachen und ihre poetischen Möglichkeiten. „Ich finde oft gerade Texte aus der Wissenschaft als Sprachmaterial spannend, weil sie so genau sein müssen“, erklärt sie.

Auch ihr literarisches Debüt spiegelt diese Verbindung wider. Der Gedichtband „handreichung“, der im August 2026 bei kookbooks erscheint, beschäftigt sich mit Erinnerung und Vergessen, Demenz, Care-Arbeit und weiblich erlernter Furcht.

Lyrik als lebendige Kunstform

Wolff engagiert sich seit Jahren für die Vermittlung zeitgenössischer Poesie. Dabei begegnet sie häufig Vorurteilen gegenüber der Gattung. „Wenn Menschen das Wort Lyrik hören, denken viele sofort an den Deutschunterricht“, sagt sie. Die Realität sei jedoch deutlich vielfältiger. Poetry Slams, Poesiefilme, digitale Formate, Performances und kollektive Schreib- und Übersetzungsprojekte hätten die Szene in den vergangenen Jahren stark erweitert. „Lyrik ist für mich ein sehr lebendiger Bereich“, betont sie. Ihre eigenen Texte entstehen aus einem spielerischen Umgang mit Sprache. „Ich habe einfach kurze Texte geschrieben und irgendwann festgestellt: Das sind Gedichte.“

Literaturstandort Ruhrgebiet weiterdenken

Das Literaturstipendium ist für sie ein großes Glück, ein Geschenk, das sie dankbar mit Inhalt füllt. Lesungen plant sie, aber auch eine Schreibwerkstatt kann sie sich vorstellen. Auch über das Stipendium hinaus möchte Wolff der Region verbunden bleiben. Sie plant, wieder dauerhaft ins Ruhrgebiet zu ziehen und kann sich vorstellen, hier neue literarische Projekte anzustoßen. „Ich habe nicht das Gefühl, dass hier schon alles ausgeschöpft ist“, sagt sie. Gerade in der Literatur sieht sie großes Potenzial. Die Stadtbeschreiberin versteht ihren Aufenthalt deshalb nicht nur als Recherche, sondern auch als Einladung, die Region neu zu betrachten: als Raum für Wandel, Experimente und Geschichten, die noch geschrieben werden müssen. In verschiedener Hinsicht.

Veranstaltungen im Literaturhaus Dortmund

Während ihres Aufenthalts bringt sich Wolff auch in das Programm des Literaturhauses Dortmund ein. Geplant sind drei öffentliche Veranstaltungen:

  • 18. September 2026: Buchgestaltung mit Gestalter Andreas Töpfer sowie Autor und Verleger Robert Stripling.
  • Oktober 2026: Lyrik-Debüts mit Clara Cosima Wolff, Liv Thastum und Nea Schmidt. Im Mittelpunkt stehen drei aktuelle Debütbände aus dem Verlag kookbooks.
  • 23. Oktober 2026: Lyrikübersetzung und kollektives Übersetzen mit Miaïna Razakamanantsoa und Clara Cosima Wolff. Vorgestellt wird das gemeinsame Übersetzungsdebüt „sterben unsterben“ nach dem französischen Original „meurs ressuscite“ von Albane Prouvost.

Hintergrund

Das Stadtbeschreiberinnen- bzw. Stadtbeschreiber-Stipendium der Stadt Dortmund wird seit 2020 vergeben. Es ermöglicht Autorinnen und Autoren, sich literarisch mit Transformationsprozessen in Dortmund und der Region auseinanderzusetzen. Das Kulturbüro Dortmund begleitet das Stipendium gemeinsam mit dem Literaturhaus Dortmund und weiteren Partnern der regionalen Literaturszene.

Aktuell läuft wieder die Bewerbungsphase für das Literaturstipendium des kommenden Jahres. Deutschsprachige Autorinnen und Autoren können sich noch bis zu 15. Juli 2026 bewerben, um von Mai bis Oktober 2027 in Dortmund zu leben und zu arbeiten und die Stadt literarisch zu erkunden.

Zum Thema

Weitere Informationen und die vollständige Ausschreibung: dortmund.de/stadtbeschreiber

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