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Interview Hartmut Anders-Hoepgen - Vielfalt, Toleranz und Demokratie - Lokalpolitik - Rathaus & Bürgerservice - Stadtportal dortmund.de

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Vielfalt, Toleranz und Demokratie

Altes Rathaus und Berswordthalle
Bild: GPM Foto

Hartmut Anders-Hoepgen

"Dortmund ist Hochburg des Widerstands"

Am 13. September 2007 gab der Rat der Stadt Dortmund der Verwaltung den Auftrag, einen lokalen Aktionsplan für Vielfalt, Toleranz und Demokratie zu erstellen. Grund: der seit Jahren anwachsende Rechtsradikalismus in Dortmund. Daraufhin richtete der damalige Oberbürgermeister eine Koordinierungsstelle für Vielfalt, Toleranz und Demokratie im Rathaus ein und berief einen ehrenamtlichen Sonderbeauftragten: Hartmut Anders-Hoepgen, der sich auf einen friedlichen Ruhestand freute nach langjähriger Tätigkeit als Superintendent der Evangelischen Kirchen in Dortmund und Lünen. Er übernahm die schwierige Aufgabe, die Kräfte der Stadtgesellschaft zu vernetzen in der Abwehr gegen den größer werdenden Einfluss rechten Gedankenguts und neonazistischer Gewalt.

Die Dortmund-Redaktion sprach mit Hartmut Anders-Hoepgen über seine persönliche Motivation als Sonderbeauftragter, den Rechtextremismus in Dortmund, dessen Hintergründe und den breiten Widerstand dagegen. Das Interview führte Anja Kador, Dortmund-Agentur.

Hartmut Anders-Hoepgen

Lupe: Klicken zum Vergrößern "Wer rechtes Gedankengut artikuliert, muss Sanktionen spüren", macht der Beauftragte für Vielfalt, Toleranz und Demokratie der Stadt Dortmund klar.

Dortmund-Redaktion: Stellen Sie sich ein Gespräch zwischen einer Mutter und ihrem Kind vor – vom äußeren Erscheinungsbild sichtbar mit Migrationsgeschichte: Mama, in der Schule sagen sie zu mir: "Wir können dich nicht leiden und hau dahin ab, wo du herkommst – Was soll ich tun?" Was, Herr Anders-Hoepgen, würden Sie dieser Mutter raten?

Anders-Hoepgen: Der Mutter würde ich raten, mit ihrem Kind intensiv das Problem zu besprechen und ihm Mut zu machen, indem sie einerseits darauf hinweist, dass Menschen auch wenn sie unterschiedlich aussehen, sich genetisch unwahrscheinlich nah sind. Sie muss aber auch mit dem Kind in die Schule gehen – im Zweifel bis zur Schulleitung – damit diese Problematik aufgegriffen und in den Klassen thematisiert wird.

Zitat Fremdenfeindlichkeit ist längst kein Randproblem mehr und wir müssen mit aller Kraft dagegen arbeiten

Es gibt ein Programm, das sich "Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage" nennt. Ich wünsche mir, dass immer mehr Schulen daran teilnehmen, denn das ist ein sehr gutes Programm, das hier entwickelt wird.

Dortmund-Redaktion: Wie kommen schon Kinder darauf, andere zu diskriminieren?

Anders-Hoepgen: Leider ist Fremdenfeindlichkeit eine der stärksten Komponenten für rechtsextremes Gedankenübel. Fremdenfeindlichkeit ist längst kein Randproblem mehr und weit verbreitet bis mitten in unsere Gesellschaft hinein. Natürlich merken Kinder das auch an den Schulen. Wir müssen mit aller Kraft dagegen arbeiten, um Toleranz und Respekt zu fördern und zu vergrößern und Vielfalt als Reichtum zu begreifen.

Dortmund-Redaktion: Was war Ihre persönliche Motivation, ein solch schwieriges Ehrenamt anzunehmen?

Anders-Hoepgen: Meine persönliche Motivation ist mir in diesen Tagen noch einmal sehr deutlich geworden. Ich habe einen Brief von der Kriegsgräberfürsorge bekommen mit der Bitte das genaue Todesdatum meines Vaters urkundlich nachzuweisen.

Hartmut Anders-Hoepgen

Lupe: Klicken zum Vergrößern Der Sonderbeauftragte wünscht sich ein noch viel stärkeres Engagement gegen Rechts aus dem privaten Bereich.

Er ist mit nur 29 Jahren als Soldat an der Ost-Front durch einen Bauchschuss zu Tode gekommen. Das große Massengrab, in dem er begraben ist, soll mit einer Ehrenstele versehen werden, auf der all die Namen mit genauem Todesdatum derer verzeichnet werden sollen, die dort bestattet sind. Ich habe noch sehr gut im Gedächtnis, wie es gewesen ist, die ersten Jahre ohne Vater aufzuwachsen in einem zertrümmerten Land. Und ich habe noch sehr gut im Gedächtnis, wer die Verursacher waren und welchen geschichtlichen Hintergründe es dafür gegeben hat. Darum habe ich mich in meinem Theologiestudium auch politisch immer wieder mit dieser Materie auseinandergesetzt. Ich habe mir nie träumen lassen, dass solches braunes Gedankenübel in unserem Land noch einmal wieder aufstehen könnte. Für mich ist daher immer klar gewesen, mich gegen Rechtsextremismus einzusetzen.

Dortmund-Redaktion: Dortmund ist in den vergangenen Jahren Schauplatz geworden für Auseinandersetzungen zwischen Rechtsradikalen und der bürgerlichen Gesellschaft. Welche Situation haben Sie bei Antritt Ihres Ehrenamtes vorgefunden und wie sieht es heute aus?

Anders-Hoepgen: Eines muss ich deutlich betonen: Es gibt kaum eine große Stadt in der Bundesrepublik, die sich dermaßen offensiv und kreativ mit der Problematik auseinandersetzt.

Zitat Dortmund ist eine Hochburg gegen Rechtsextremismus

Dies hat uns auch Professor Heitmeyer in seinem Gutachten bestätigt. Dortmund ist eine Hochburg des Widerstands gegen Rechtextremismus. Vorgefunden habe ich bei meinem Antritt intensiv arbeitende Zusammenschlüsse und Initiativen gegen Rechtsextremismus, die sich unter anderem mit vielen Aktionen gegen die jährlich stattfindenden Naziaufmärsche gerichtet haben. Dann wurde 2007 die Koordinierungsstelle mit mir als Sonderbeauftragtem und mit einem städtischen Mitarbeiter eingerichtet. Das ist deutschlandweit ein einmaliges Modell. Wir arbeiten seit zweieinhalb Jahren intensiv daran, das Netzwerk der Akteure zu vergrößern. Wir haben eine Beratungsgruppe für die Koordinierungsstelle gegründet und eine große Netzwerkkonferenz gebildet, mit denen wir den Aktionsplan gegen Rechts entwickeln.

Dortmund-Redaktion: Können Sie ein Beispiel für konkrete Maßnahmen nennen?

Anders-Hoepgen: Es gab zum Beispiel einen Workshop mit 50 Ausbildern im Bereich der Handwerkskammer. Dort kam die Frage auf: "Wir haben in unserem Bereich Menschen, die gehören ganz offensichtlich der rechten Szene an. Was ist zu tun?" Wir geben den Rat: Wer rechtes Gedankengut artikuliert, muss Sanktionen spüren.

Hartmut Anders-Hoepgen

Lupe: Klicken zum Vergrößern Die Koordinierungsstelle für Vielfalt, Toleranz und Demokratie mit einem Sonderbeauftragten ist deutschlandweit einmalig.

Im Zweifel muss man diese Menschen aus einem Ausbildungsverhältnis wegschicken. Mindestens aber müssen die Ausbilder unterbinden, dass rechtsextreme Ideen verbreitet werden. Es muss schon in kleinen Bereichen verhindert werden, dass unsanktioniert auch nur geringfügig diskriminierende, rassistische und antisemitische Ideen öffentlich geäußert werden. Je mehr wir alle in unseren persönlichen Bereichen uns dagegen wehren, umso stärker ist die Wirksamkeit.

Dortmund-Redaktion: Wer sind die Hauptakteure der rechten Szene in Dortmund? Wo agieren Sie besonders? Wer ist gefährdet, in die Szene abzurutschen?

Anders-Hoepgen: Einerseits sind da die rechtsextremen Parteien, deren Stimmanteil bei den letzten Wahlen gesunken allerdings ist. Das heißt aber nicht, dass das Potential an rechtem Gedankengut in der Bevölkerung nicht größer ist als die Wahlergebnisse zeigen.

Zitat Es gibt kaum eine große Stadt in der Bundesrepublik, die sich dermaßen offensiv und kreativ mit der Problematik auseinandersetzt

Dann gibt es das besondere Phänomen der freien Kameradschaften und Autonomen Nationalisten. Die sind hier in Dortmund besonders aktiv: Sie verteilen Handzettel an Schulen, sie kleben "Spukis" an alle möglichen Flächen, sie schmeißen viele kleine Schnipsel mit Internetadressen, sie agieren in der Musikszene und über das Internet. Sie sind attraktiv für solche, die keine Perspektive für sich sehen. Allerdings sind nicht nur Jugendliche dafür empfänglich.

Dortmund-Redaktion: Sind bestimmte gesellschaftliche Gruppen gefährdet?

Anders-Hoepgen: Nein. Es handelt sich oft um Menschen, die in ihrer Persönlichkeit nicht besonders gefestigt sind. Sie haben vielleicht Probleme mit dem Elternhaus oder keinen Anschluss an Freunde.

Hartmut Anders-Hoepgen

Lupe: Klicken zum Vergrößern Ein Schwerpunkt der Aktivitäten gegen Rechts soll insbesondere in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen liegen

Die Autonomen Nationalisten bieten ihnen eine Art stabiles soziales Gerüst. Das Phänomen zieht sich durch alle gesellschaftlichen Gruppierungen, es hat nichts mit Intelligenz zu tun, sondern mit sozialer Desorientierung. Menschen, die sich sozial, kulturell oder auch materiell nicht mehr eingebunden fühlen, sind geneigter sich rechtsextremes Gedankengut anzueignen. Natürlich spielt auch der "Eventfaktor" eine Rolle. Eine der Strategien der autonomen Nationalisten ist, den jungen Leuten, so etwas wie eine "Heimat" zu geben. Sie kriegen eine Tagesstruktur vorgegeben nach dem Motto: jeden Tag ein Event, jeden Tag eine Aufgabe. Das Problem: Je tiefer man da hineingerät, umso schwieriger wird es, wieder rauszukommen, weil dann die Repressionen stark werden.

Dortmund-Redaktion: Die Stadt hat bei Professor Heitmeyer am Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld eine Studie in Auftrag gegeben. Worum geht es?

Anders-Hoepgen: Einer der Schwerpunkte: Es sollte herausgearbeitet werden, wie sich Bevölkerungsmentalitäten entwickelt haben in Bezug auf Rechtsextremismus oder "gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit" – wie Heitmeyer immer sagt.

Bilderstrecke: Friedensfest 2009

Unter dem Motto "Für Dortmund. Gegen Nazis." zeigten 10.000 Dortmunder zusammen mit Rockstar Bob Geldof am 05.09.2009 Flagge gegen Faschismus und für Vielfalt, Demokratie und Toleranz.

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Stargast Bob Geldof war Highlight und Abschluss des Friedensfest   Bild: TriAss-Photo / Peter Brenneken

Alle Bilder dieser Serie finden Sie auch im Medienportal.

Die Studie hat drei Teile. Das erste ist die Analyse der rechtsextremen Szene, das zweite ist die exemplarische, sozialräumliche Analyse von zwei Stadtbezirken – das ist besonders für die Lokalpolitik wichtig - und das dritte ist die Netzwerkanalyse des bestehenden Netzwerkes für Vielfalt, Toleranz und Demokratie. Die Studie mit ihren vielen wertvollen Analysen und die umfangreichen Erfahrungen der Akteure vor Ort bilden die Basis für die Erarbeitung des Lokalen Aktionsplanes gegen Rechts.

Dortmund-Redaktion: Schreckt die Rechten, was Sie machen?

Anders-Hoepgen: Auf jeden Fall irritiert es sie. Wir wollen die Rechtsextremen nicht. Wir wollen nicht, was sie denken und was sie machen. Und das Vorherrschaftsbedürfnis der Rechten werden wir mit vielen Mitteln zu verhindern versuchen!

Unser Ziel ist, dass der Aktionsplan, den wir im Moment mit der Beratungsgruppe der Koordinierungsstelle erarbeiten, von allen demokratischen Parteien im Rat getragen wird. Aber niemand sollte glauben, dass mit einem solchen Aktionsplan das Problem schon gelöst sei. Wir haben dann wohl eine klare Struktur und Klarheit darüber, wer welche Aufgaben übernehmen muss. Es bleibt aber ein langfristiges Thema, das auch mit grundsätzlichen politischen Fragen zusammenhängt. Aber ich bin sicher, dass der lange Atem bei allen Akteuren da ist und die Zahl der Handelnden noch größer wird.

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