Newsroom

Denkmal des Monats

Kneipe im Bunker unter dem Kreuzviertel ist mit Stahlbeton und Ananassorbet das Denkmal des Monats Mai 2023

Wer mit aufmerksamem Blick heute durch die Stadt geht, der sieht sie noch: Die Hinweise auf unterirdische Schutzräume aus dem Zweiten Weltkrieg. In den letzten Jahren wurden bereits einige dieser zivilen Luftschutzanlagen durch die Denkmalbehörde dokumentiert und die verbliebenen Zeugnisse vor dem endgültigen Verfall gesichert. Nun ergab sich die Möglichkeit einen besonderen Tiefbunker im Kreuzviertel zu erfassen. Denn neben der Funktion als Schutzraum, wurde dieses unterirdische Betonbauwerk in der Nachkriegzeit

Mit dem nun erfolgten Abschluss der Dokumentationsarbeiten möchte die Denkmalbehörde das unterirdische Monument mit seiner vielschichtigen Historie als Denkmal des Monats Mai vorstellen. Der Bunker wurde auf verschiedene Weise von den Menschen genutzt - er offenbart ganz unterschiedliche Zeitzeugnisse.

Ein unterirdischer Schutzraum für 390 Menschen

Küche im Bunker unter Kreuzviertel
Bild: Stadt Dortmund / Roland Gorecki
Überreste einer Küche sind noch erhalten. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren die Räume knapp, so dass es die Konzession für eine Kneipe im Bunker gab.
Bild: Stadt Dortmund / Roland Gorecki

Dicht gedrängt harren sie in dem Tiefbunker aus. Aufgrund der niedrigen Überdeckung von gerade einmal 1,5 Metern gelangt das pausenlose Dröhnen der Motoren der an- und abfliegenden Maschinen und das starke Prasseln und die Erschütterungen durch die Einschläge und Detonationen (Vgl. Stadtarchiv Dortmund, Bestand 424-35) fast ungefiltert zu den Menschen, die in dem unterirdischen Betonbauwerk im Kreuzviertel ihr Leben zu schützen versuchen.

Die Beschriftung an der Wand "Notraum für Mütter mit Kleinkindern" weist einzelne Räume als Mutter-Kind-Bereiche aus. Die anderen Schutzsuchenden arrangieren sich. Es ist zur Routine geworden. Dies bezeugen zumindest viele der Zeitzeugen, die als Kinder nur Krieg und keine friedlichen Jahre kannten.

Eine Heizung? Die ist nicht erforderlich. Denn die Körperwärme der bis zu 390 Schutzsuchenden macht eine elektrische Erwärmung der Frischluft überflüssig. Warm ist es und stickig, wenn wieder einmal der Strom für die elektrisch betriebene Lüftung ausfällt. "Rauchen verboten" steht immer wieder in deutlichen Lettern an den Wänden zu lesen. Selbstredend.

In zwei Maschinenräumen sorgen die elektrischen Luftfilter für frische Luft. Bis zu 300 Liter Atemluft pro Minute für jeden Schutzsuchenden saugen die Maschinen bei einem Luftangriff über einen Staubfilter in den Bunker. Sogenannte Normalluft. Für den Fall, dass Kampfstoffe zum Einsatz gekommen wären, hätten sofort weitere Filter "aktiviert" werden müssen, um Schwebstoffe und gasförmige Kampfstoffe aus der Luft zu Filtern. Dadurch reduziert sich jedoch die Menge der zur Verfügung stehenden "Schutzluft" auf etwa 30 Liter pro Minute. Immer wieder sorgen die schweren Angriffe auf die Stadt dafür, dass die Stromversorgung für längere Zeit ausfällt. Mittels Handkurbeln müssen die Menschen im Bunker dann selbst die Pumpe in Gang setzen, um die Belüftung im Innern am Laufen zu halten.

Bunker blieb von Bombentreffern verschont.

Mit der Kapitulation Deutschlands endet am 8. Mai 1945 in Europa der fünf Jahre und acht Monate andauernde zweite Weltkrieg. Menschenströme irren durch Europa. Überlebende der Konzentrationslager, Fremdarbeiter, einstige Kriegsgefangene und Soldaten. Aber auch Flüchtlinge und Heimatvertriebene. Die Städte zerstört, es mangelt an Wohnraum und die Versorgung ist der Menschen mit dem Lebensnotwendigen ist spätestens seit dem Zusammenbruch der Wirtschaft im Frühjahr 1945 kaum noch gewährleistet. Die Rationierung von Lebensmitteln, der von den Alliierten verhängte Lohnstopp und die stetig fortschreitende Geldentwertung führen zu einer weiteren Verschärfung der Lage.

Bereits Ende der 40er Jahre weisen erste schwache Signale auf eine Erholung der sozialen und wirtschaftlichen Lage hin. Der Wiederaufbau schafft Arbeit, die Währungsreform vom 20. Juni 1948 führt zu einer Stabilisierung und der enorme Bedarf an "Alltagsgegenständen" führt zu einer Wiederbelebung der Wirtschaft. Auch in Dortmund ist dieser Aufbruch spürbar. Jede eigene Initiative bei der Neueröffnung von Gewerbetrieben wird begrüßt und behördliche Bedenken nach Möglichkeit zurückgestellt. So auch bei einem Vorhaben im Kreuzviertel. Nämlich die Eröffnung einer Eisdiele bzw. eines kleinen Schankbetriebs. Doch ein normales Ladenlokal steht nicht zur Verfügung. Die Idee: Eis, Kaffee und Unionbier unter der Erde zu servieren. Wenig später ist der Antrag genehmigt und die Konzession für einen Schankbetrieb ausgestellt. In dem zur Hälfte entmilitarisierten Bunker darf serviert werden.

"Benutzbar, ist zur Hälfte entmilitarisiert und wird (...) als Eisdiele benutzt. Die andere Hälfte wird (...) als Lager und Verkaufsraum verwandt" so lautet der nüchterne Vermerk des 2. Polizeirevier vom 01.12.1949 zum Tiefbunker im Kreuzviertel.

Schokoladeneis und Herrengedeck

Die ersten Besucher des Lokals "Grotte" erkennen ihren ehemaligen Schutzraum fast nicht wieder. Zwei große halbrunde Wanddurchbrüche sorgen für eine Aufweitung der engen Räume. Die Außenwand ist mit einem Blendmauerwerk mit eigenen Bleiglasfenstern versehen. Tapeten sind an die Wand gekleistert und kleine Lampen aufgehängt worden. Im Gastraum stehen Tische, Stühle und Garderobenständen. Hinter der halbrunden Theke wird neben Kaffee und "Schaumwein" auch Dortmunder Union-Bier - Export-Hell oder Pils - ausgegeben. Ein ehemaliger Durchgang und der dahinterliegende Raum dienen nun als Küche. In einer großen Maschine wird das Eis angerührt und auf dem gusseisernen Ofen wird frischer Kaffee gebraut. Ein Blick auf die Speisekarte verrät: Es gibt unter anderem Mocca- oder Ananassorbet für 0,73 Mark, Cherry-Becher für 1,09 Mark, Schoko-Becher für 1,19 Mark, alles auf Wunsch auch ohne Sahne. Gern sind wir nach einem erfolgreichen Bundesligaspiel des BVB in die Grotte eingekehrt, um bei einem Herrengedeck für 3,20 Mark das Ergebnis zu feiern, so erinnert schmunzelnd ein Zeitzeuge.

Hobbyraum und Abenteuerspielplatz für Kinder

Bis 1971 wird die eine Hälfte des ehemaligen Tiefbunkers als Eisdiele genutzt. Dann führen neue Bedingungen beim Arbeitnehmerschutz, aber auch die Ausführungsbestimmungen des neuen Gaststättengesetzes dazu, dass keine Verlängerung der Schankkonzession ausgegeben wird.

In dem zweiten Teilstück des Tiefbunkers war ebenfalls Ende der 1940er Jahre ein kleines Warenlager samt angrenzendem Verkaufsraum für Kurzwaren eingerichtet worden. Vermutlich ist dieser Gewerbebetrieb aber schon etwas früher aufgeben worden oder an einen anderen Ort umgezogen. Zumindest lassen das die wenigen archäologischen Zeugnisse zu einem solchen Betrieb, wie auch die fehlende Kenntnis der Zeitzeugen von einem derartigen Gewerbe vermuten.

Obwohl von offizieller Seite keine Nutzung des Tiefbunkers erlaubt ist, wird er bis in die frühen 80er Jahr immer wieder aufgesucht. Das archäologische Fundmaterial belegt: Die dunklen Kammern dienen offenbar einem Fotografen als Studio für die Entwicklung seiner Filme. Auch Kinder und Jugendliche sind immer wieder "Besucher" des ehemaligen Schutzraums und der Eisdiele. Nachdem Unbekannte 1981 ein Feuer in den Räumen legen, wird die Anlage versiegelt.

Ein Denkmal? - Nach 40 Jahren "wiederentdeckt"

Das feuchte Milieu im Tiefbunker hat unweigerlich dazu geführt, dass ein großer Teil des Inventars in den vergangenen Jahrzehnten verrottet ist. Bislang ist die Anlage fast vollständig von modernem Vandalismus verschont geblieben. Eine absolute Seltenheit. Daher wurde vor wenigen Wochen durch die Denkmalbehörde, zusammen mit dem Vermessungs- und Katasteramt, dem Tiefbauamt und den Kolleg*innen des Bereiches Marketing und Kommunikation in einer konzertierten Aktion an zwei Tagen eine vermessungstechnische, archäologische und filmische Dokumentation des Tiefbunkers "Grotte" durchgeführt. Heute sind alle vergänglichen Funde und wichtigen Zeugnisse geborgen und befinden sich derzeit in der Reinigung und Aufbereitung in der Denkmalbehörde.

Das Relikt erfüllt mit seiner vielschichten Historie zahlreiche Anforderungen um zukünftig als offizielles Denkmal in die Denkmalliste der Stadt Dortmund gelistet zu werden.

Planen & Bauen Dortmund historisch

Weitere Nachrichten

Mehr Nachrichten
zur Nachricht Auf ehemaligem EAE-Gelände: Neue Gesamtschule im Süden geplant Auf ehemaligem EAE-Gelände: Neue Gesamtschule im Süden geplant
Do 19. Februar 2026
Hörde
Bild: Stadt Dortmund / Roland Gorecki
zur Nachricht Arbeitsprogramm 2026 online: So investiert die Stadt in Dortmunds Infrastruktur Arbeitsprogramm 2026 online: So investiert die Stadt in Dortmunds Infrastruktur
Do 19. Februar 2026
Zwei Menschen am Bauzaun unterhalten sich
zur Nachricht Neue Weiche: Schienenersatzverkehr der U47 am 21. und 22. Februar Neue Weiche: Schienenersatzverkehr der U47 am 21. und 22. Februar
Mi 18. Februar 2026
Die Stadtbahn U47 fährt auf ihrer Strecke.
Bild: DSW21
zur Nachricht „Bauturbo“ startet: 200 Wohnungen in Ex-VEW-Zentrale am Westfalenpark „Bauturbo“ startet: 200 Wohnungen in Ex-VEW-Zentrale am Westfalenpark
Di 17. Februar 2026
VEW-Zentrale an der B1
Bild: Stadt Dortmund / Roland Gorecki
zur Nachricht Jahrtausende unter der Wiese: Archäologie-Team entdeckt Siedlungsstelle auf Uni-Gelände Jahrtausende unter der Wiese: Archäologie-Team entdeckt Siedlungsstelle auf Uni-Gelände
Mo 16. Februar 2026
Ein Mitarbeiter der Denkmalbehörde arbeitet in der Ausgrabungsstätte.
Bild: Stadt Dortmund / Roland Gorecki
zur Nachricht Hauptschule am Hafen: Rat entscheidet über neue Sporthalle Hauptschule am Hafen: Rat entscheidet über neue Sporthalle
Di 10. Februar 2026
Innenstadt-Nord
Begrünte Flächen und eine Rutsche säumen den Blick über das Hafenbecken zum Alten Hafenamt.
Bild: Stadt Dortmund / Stephan Schütze
zur Nachricht Mit Querbeet Dortmund den eigenen Gemeinschaftsgarten pflanzen Mit Querbeet Dortmund den eigenen Gemeinschaftsgarten pflanzen
Mo 9. Februar 2026
Vier Menschen an einem Picknick-Tisch in einem Gemeinschaftsgarten beim TSC Eintracht.
Bild: Stadt Dortmund / Andreas Buck
zur Nachricht Darüber entscheidet der Rat in seiner Sitzung am Donnerstag Darüber entscheidet der Rat in seiner Sitzung am Donnerstag
Mo 9. Februar 2026
Der neue Ratssaal von oben.
Bild: Stadt Dortmund
zur Nachricht Stadt Dortmund investiert rund 21,6 Mio. Euro in Erhalt und Instandsetzung städtischer Gebäude Stadt Dortmund investiert rund 21,6 Mio. Euro in Erhalt und Instandsetzung städtischer Gebäude
Do 5. Februar 2026
Ein Gebäude wird abgerissen.
Bild: Stadt Dortmund / Städtische Immobilienwirtschaft
zur Nachricht Pilotprojekt am Hundeweg: Stadt Dortmund testet neue Solar-Leuchten unter Realbedingungen Pilotprojekt am Hundeweg: Stadt Dortmund testet neue Solar-Leuchten unter Realbedingungen
Mi 4. Februar 2026
Hörde
Ein Fahrradfahrer fährt abends auf einem Fahrradweg.
Bild: Stadt Dortmund / Hendrik Konietzny
zur Nachricht Neue Kreuz-Grundschule wird kompakt, klimafreundlich – und optisch ein Highlight Neue Kreuz-Grundschule wird kompakt, klimafreundlich – und optisch ein Highlight
Di 3. Februar 2026
Innenstadt-West
Visualisierung der künftigen Kreuz-Grundschule.
Bild: Kresings Architektur Münster GmbH / Kleusberg Verwaltungs-GmbH
zur Nachricht Allzeit-Rekord: 110 Millionen Euro für bezahlbares Wohnen in Dortmund Allzeit-Rekord: 110 Millionen Euro für bezahlbares Wohnen in Dortmund
Do 29. Januar 2026
Bild: Copyright DSG
zur Nachricht Mehr Sicherheit: Auf der Brücke über den Scharnhorster Bahnhof dürfen Zweiräder nicht überholt werden Mehr Sicherheit: Auf der Brücke über den Scharnhorster Bahnhof dürfen Zweiräder nicht überholt werden
Fr 23. Januar 2026
Scharnhorst
Verkehrsschild wird angebracht.
Bild: Stadt Dortmund / Roland Gorecki
zur Nachricht Für barrierefreien Umbau muss an der Max-Eyth-Straße ein Verdachtspunkt überprüft werden Für barrierefreien Umbau muss an der Max-Eyth-Straße ein Verdachtspunkt überprüft werden
Mo 19. Januar 2026
Ein Asphaltierter Weg. In der Mitte stehen Baustellenbaken und versperren den weiteren Verlauf.
Bild: Stadt Dortmund / Hendrik Konietzny
zur Nachricht Einschränkungen im Stadtbahn-Verkehr: Gleisarbeiten vom 18. bis zum 27. Januar Einschränkungen im Stadtbahn-Verkehr: Gleisarbeiten vom 18. bis zum 27. Januar
Fr 16. Januar 2026
Zu sehen ist die U41, die in die Haltestelle Hauptbahnhof einfährt.
Bild: DSW21 / Jörg Schimmel