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Blaukehlchen und Helm-Azurjungfer: Seltene Arten in der Lippe-Aue nachgewiesen

Rund 950 Arten wurden von Forscherinnen und Forschern am ersten „Tag der lebendigen Lippe“ am Haus Vogelsang in Datteln gezählt.

Was lebt eigentlich in und an der Lippe? Dieser Frage sind der Lippeverband, der NABU NRW und die Landschaftsagentur Plus beim ersten „Tag der lebendigen Lippe“ nachgegangen. Dazu untersuchten Forscherinnen und Forscher am zweiten Juli-Wochenende die biologische Vielfalt in den Lippe-Auen bei Haus Vogelsang in Datteln. Im Jubiläumsjahr des Lippeverbandes nun die erfreuliche Auswertung: Insgesamt wurden rund 950 Tier- und Pflanzenarten kartiert. Die Vielzahl der teils gefährdeten Arten zeigt eindrucksvoll, welchen Mehrwert die neu geschaffenen, naturnahen Auenlandschaften für die Artenvielfalt bieten. In den vergangenen drei Jahren wurde die 24-stündige Untersuchung von Flora und Fauna an ökologischen Schwerpunkten entlang der Emscher durchgeführt, so zuletzt am Hof Emscher-Auen in Castrop-Rauxel/Dortmund.

Seltene Insekten sind neue Bewohner am Lippe-Ufer

Im Rahmen des Programms „Lebendige Lippe“ hat der Lippeverband im Auftrag des Landes Nordrhein-Westfalen, das Eigentümer des längsten Flusses in NRW ist, seit 2016 an der Lippe bei Haus Vogelsang zahlreiche Renaturierungsmaßnahmen umgesetzt. Die angrenzenden Auenflächen werden zudem von der Landschaftsagentur Plus im Rahmen eines Ökokontos langfristig naturschutzfachlich entwickelt und bewirtschaftet. Entstanden ist mittlerweile eine naturnahe Flusslandschaft, die, eingebettet in ein vielfältiges Mosaik aus extensiven Weiden, Wiesen, Senken, (Au-)Wäldern und Trockenstandorten, Raum für seltene Tiere und Pflanzen bietet.

Wie wertvoll und artenreich dieser neue Lebensraum an der Lippe tatsächlich ist, zeigte sich beim „Tag der lebendigen Lippe" eindrucksvoll: Von den nachgewiesenen Arten sind rund 70 Arten auf den Roten Listen gefährdeter Tier- und Pflanzenarten in NRW als „gefährdet“ bis „vom Aussterben bedroht“ geführt. Weitere 45 Arten stehen auf der Vorwarnliste. Besonderen Grund zur Freude gaben der Fund des gefährdeten Blaukehlchens (Luscinia svecica) ebenso wie der Helm-Azurjungfer (Coenagrion mercuriale), einer seltenen Libellenart. Die mit Abstand artenreichste Gruppe aber waren die Schmetterlinge mit über 240 nachgewiesenen Arten.

Das Blaukehlchen als Botschafter der Aue und ein heimlicher Landschaftsgestalter

Bild: Björn Hickmann / EGLV
 Unmittelbar am und im Gewässer dokumentierten Forscherinnen und Forscher die Lebewesen in der Lippe.
Unmittelbar am und im Gewässer dokumentierten Forscherinnen und Forscher die Lebewesen in der Lippe.
Bild: Björn Hickmann / EGLV

Mit Fernglas und Spektiv nahmen die Forschenden die Vogelwelt entlang der Lippe unter die Lupe und zählten insgesamt 80 Vogelarten. Zu den auffälligsten Funden zählt das Blaukehlchen, ein typischer Bewohner halboffener Flussauen. Es profitiert vom auentypischen Mosaik aus gewässernahen Schilfbeständen, Gebüschen sowie offenen Boden- und Uferbereichen und gilt in NRW als gefährdet.

Als bedeutendester Vertreter der Säugetiere ist der Biber (Castor fiber) – in NRW ebenfalls als gefährdet eingestuft –in der neuen Auenlandschaft als Landschaftsgestalter aktiv. Er selbst zeigt sich nur selten, doch seine unverkennbaren Spuren an Gehölzen und Uferbereichen entlang der Lippe verraten seine rege Bautätigkeit.

Aal und Nase schwimmen durch die Lippe

Bild: Björn Hickmann / EGLV
Eine Frau untersucht am Ufer der Lippe-Aue das entnommene Lippe-Wasser.
Bei dem partizipativen Monitoring untersuchte ein regionales Netzwerk aus 60 Artenkennerinnen und Artenkennern die Flora und Fauna der Auenlandschaft am Haus Vogelsang.
Bild: Björn Hickmann / EGLV

Sowohl vom Ufer als auch vom Boot aus wurden zwölf Fischarten nachgewiesen, darunter der in NRW stark gefährdete Europäische Aal (Anguilla anguilla), der insbesondere durch Wiederansiedlungsmaßnahmen gefördert wird, sowie die auf der Vorwarnliste geführte Nase (Chondrostoma nasus) – ein Zeichen dafür, dass sich die ökologische Verbesserung der Lippe für die Gewässerfauna auszahlt.

Von Mondhornkäfern, Helm-Azurjungfern und Igelkolben-Wasserzünslern

Bei den Käfern konnten die Forschenden mehr als 50 Arten nachweisen, darunter der Mondhornkäfer (Copris lunaris). Er besiedelt offene, langjährig beweidete Landschaften – Lebensräume, die durch die zunehmend seltene extensive Beweidung bundesweit stark zurückgegangen sind. Umso erfreulicher: Die naturnahe Beweidung mit Rindern in der Lippe-Aue erweist sich als wirksame Form der Landschaftspflege mit großem Potenzial für die biologische Vielfalt. Sie ist zugleich ein zentraler Bestandteil des langfristigen Flächenmanagements der Landschaftsagentur Plus und trägt dazu bei, die charakteristische Strukturvielfalt der Auenlandschaft dauerhaft zu erhalten.

Neben der stark gefährdeten Helm-Azurjungfer haben sich über 20 weitere Libellenarten von ihrer besten Seite gezeigt. Die Kleinlibelle ist auf kleine Gräben und Bäche mit dichter Unterwasservegetation sowie eine naturschonende Gewässerunterhaltung angewiesen. Solche Lebensräume sind durch die Wiedervernässung der Auenbiotope und die extensive Weidenutzung in der Lippe-Aue neu entstanden.

Über 240 Schmetterlingsarten

Bild: Björn Hickmann / EGLV
Ein Leuchtturm steht am späten Abend am Lippe-Ufer und soll Insekten für Untersuchungen und Zählungen anlocken.
Mit Keschern ausgestattet fingen die Artenkenner*innen auch Tagfalter, während die nachtaktiven Falter erst mithilfe von Leuchttürmen aus ihren Verstecken gelockt werden konnten. Der Aufwand lohnte sich!
Bild: Björn Hickmann / EGLV

Mit Keschern ausgestattet fingen die Artenkennerinnen und -kenner auch Tagfalter, während die nachtaktiven Falter erst mithilfe von Leuchttürmen aus ihren Verstecken gelockt werden konnten. Der Aufwand wurde reich belohnt: Mit fast 250 nachgewiesenen Arten stellten die Schmetterlinge die artenreichste Gruppe des Wochenendes. Darunter der stark gefährdete Igelkolben-Wasserzünsler (Nymphula nitidulara) und die Gelbbraune Schilfeule (Archanara dissoluta). Beide Nachtfalter sind auf auen- und fließgewässertypische Röhrichtpflanzen wie das Schilfrohr (Phragmites australis) oder den Igelkolben (Sparganium spec.) spezialisiert.

Über 300 Pflanzenarten: Grundlage für ein komplexes Ökosystem

Bild: Björn Hickmann / EGLV
Eine Frau sitzt vor einem Mikroskop und untersucht eine Probe.
Von den am Aktionstag nachgewiesenen Arten sind rund 70 Arten auf den Roten Listen gefährdeter Tier- und Pflanzenarten in NRW als „gefährdet“ bis „vom Aussterben bedroht“ geführt. Weitere 45 Arten stehen auf der Vorwarnliste. Besonderen Grund zur Freude gaben der Fund des gefährdeten Blaukehlchens (Luscinia svecica) ebenso wie der Helm-Azurjungfer (Coenagrion mercuriale), einer seltenen Libellenart.
Bild: Björn Hickmann / EGLV

Nicht nur direkt im Gelände, sondern auch unter dem Mikroskop bestimmten die Forscherinnen und Forscher schlussendlich über 300 Pflanzenarten in und an der Lippe sowie auf den extensiven Auenweideflächen. Viele der gefundenen Insektenarten, etwa die genannten Schmetterlinge, sind auf ganz bestimmte Pflanzen angewiesen, die dank der wiederhergestellten Auenlandschaft heute wieder zu finden sind. Zu den gefährdeten Rote-Liste-Arten, die typischerweise an dynamischen Fließgewässerufern zu finden sind, zählen etwa die in NRW stark gefährdete Reisquecke (Leersia oryzoides) und der gefährdete Nickende Zweizahn (Bidens cernua).

Naturschutzgebiet mit Signalwirkung

Bild: Björn Hickmann / EGLV
Menschen stehen am Ufer der Lippe und posieren für ein Foto.
Zum „Tag der lebendigen Lippe“ nahmen (v.l.n.r.) Dr. Nadine Gerner (Abteilungsleiterin Fluss und Landschaft beim Lippeverband), Dr. Heide Naderer (Vorsitzende des NABU NRW), Prof. Dr. Frank Obenaus (Technischer Vorstand beim Lippeverband), André Dora (Bürgermeister der Stadt Datteln) sowie Nicole Büsing (Geschäftsführerin der Landschaftsagentur Plus) Flora und Fauna an der Lippe unter die Lupe.
Bild: Björn Hickmann / EGLV

Trotz der positiven Bilanz bleibt die Fließgewässerlandschaft weiterhin unter Druck: Lange Trockenphasen sowie nicht heimische, teils invasive Arten wie Nutria (Myocastor coypus) und die Goldrute (Solidago spec.) stellen für die empfindlichen Auenbiotope eine anhaltende Herausforderung dar. Umso bedeutsamer ist die Herstellung sowie der Schutz von Lebens- und Rückzugsräumen für die Tier- und Pflanzenwelt. Der „ Tag der lebendigen Lippe“ zeigt eindrucksvoll, dass die Kombination aus Gewässerrenaturierung und langfristiger Entwicklung der angrenzenden Auenflächen einen außergewöhnlich artenreichen Lebensraum geschaffen hat.

Bei dem partizipativen Monitoring nahm ein regionales Netzwerk aus 60 Artenkennerinnen und Artenkennern der Universität Duisburg-Essen, des Landesfischereiverbandes Westfalen und Lippe e.V., der zuständigen Biostationen, der NABU-Ortsverbände, des NABU NRW, des Lippeverbandes sowie zahlreicher weiterer Partnerinnen und Partner die unterschiedlichen Artengruppen unter die Lupe. Über das Wochenende dokumentierten sie sowohl tag- als auch nachtaktive Tiere. Bürgerinnen und Bürger konnten die Forschungsaktion ebenfalls in einem spannenden Rahmenprogramm aus Informations- und Mitmach-Möglichkeiten begleiten.

Auch nach dem Aktionswochenende zum „Tag der lebendigen Lippe“ können engagierte Bürgerinnen und Bürger eigene Beobachtungen melden: Über die Webseite naturgucker.de/eglv können Funde geteilt werden. Der Lippeverband bittet dabei stets darum, auf den ausgewiesenen Wegen zu bleiben, um Flora und Fauna zu schützen.

Zum Thema

Anlässlich des 100-jährigen Jubiläums des Lippeverbandes feierte die Forschungsaktion nun ihre Premiere an der Lippe und knüpft an die drei bisherigen Veranstaltungen zum „ Tag der lebendigen Emscher“ an. In den vergangenen Jahren stand dabei die biologische Vielfalt der Emscher im Mittelpunkt – untersucht wurden unter anderem die Emscher-Mündung bei Dinslaken, der Natur- und Wasser-Erlebnispark in Castrop-Rauxel/Recklinghausen sowie die Emscher-Auen in Castrop-Rauxel/Dortmund.

Schlagwörter

Umwelt, Nachhaltigkeit & Klimaschutz

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