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Dortmunder U

Museum Ostwall

Die Sammlung des Museums Ostwall im Dortmunder U

Die Sammlung des Museums Ostwall umfasst bildende Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts. Den Grundstein legte Gründungsdirektorin Leonie Leygers 1957 mit dem Ankauf der expressionistischen Sammlung des Bochumer Industriellen Karl Gröppel. Später kamen sukzessive größere Werkgruppen aus den Bereichen Informel, Zero, Nouveau Réalisme und schließlich Happening und Fluxus hinzu. In den letzten Jahren wurden außerdem zeitgenössische Foto- und Videoarbeiten erworben.

Eine Auswahl des Sammlungsbestands wird auf den Ebenen 4 und 5 des Dortmunder Us in jährlich wechselnden Ausstellungen gezeigt. Das Besondere: Diese Ausstellungen werden im Wechsel von der Kuratorin der Sammlung und einem zeitgenössischen Künstler bzw. einer Künstlerin kuratiert. So werden immer wieder neue Perspektiven auf den Sammlungsbestand sichtbar und Kunstwerke, die längere Zeit in den Depots schlummerten, sorgen für Überraschung. Bei der Auswahl der Ausstellungsthemen bzw. der Künstlerkurator/innen stehen lebensnahe Fragen im Vordergrund: Kunst ist eine besondere Art, die Welt, in der wir leben, zu sehen, und die Besucher/innen des Museums Ostwall im Dortmunder U sind eingeladen, diese Verbindungen zwischen Kunst und ihrer eigenen Lebensrealität zu entdecken.

Bis zum 31.3.2019 ist die Ausstellung "Fast wie im echten Leben" zu sehen. Danach schließt das Museum für eine längere Umbauphase. In dieser Zeit wird ein Teil der expressionistischen Sammlung im Museum Singer in Laren, Niederlande zu sehen sein. Am 8. Oktober 2019 wird das Museum Ostwall im Dortmunder U dann wiedereröffnet: Mit einer spektakulären Inszenierung des Sammlungsbestands durch den Künstler Jonathan Meese.

Fast wie im echten Leben

Die aktuelle Sammlungspräsentation zeigt Werke vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis zur Gegenwart. Was eine expressionistische Landschaft aus den 1910er Jahren mit dem "echten Leben" zu tun hat? Mehr als es auf den ersten Blick erscheint…

Die verschiedenen Themen der Ausstellung knüpfen an unsere Alltagserfahrung an: Warum machen wir einen "Ausflug ins Grüne" – und was reizt Künstler und Künstlerinnen, sich mit Landschaften zu beschäftigen? Alexey von Jawlensky malte 1912 leuchtende Berge und Täler; Matthias Koch fotografierte 2009 an der Zeche Phoenix-Ost eine Industrielandschaft im Umbruch; August Macke zeigt hübsch zurecht gemachte Stadtmenschen beim Zoobesuch; Anna Blume posiert freudestrahlend beim Sonntagsspaziergang im durch Umwelteinflüsse zerstörten Tannenwald.

Und wir? Wie erleben wir Natur?

Kunst ist eine besondere Art die Welt zu sehen. Und umgekehrt bestimmt unsere Lebenswelt die Art, wie wir Kunst sehen. Wer Spaß an dieser Begegnung zwischen Kunst und Leben hat wird nach dem Besuch der Ausstellung seine eigene Welt mit anderen Augen sehen.

Sie sind herzlich eingeladen, die Ausstellung auf Ihre Weise zu erkunden:

Wer Informationen sucht kommt in diesem Heft, bei einem Rundgang mit dem Audioguide oder durch die Hinweise auf den Objektschildern auf seine Kosten. Sie bevorzugen das direkte Gespräch mit den Ausstellungsmacherinnen? An einem mobilen Arbeitsplatz in der Ausstellung stehen Ihnen an manchen Nachmittagen die Kuratorin, die für das Konzept und die Werkauswahl verantwortlich ist, die Kunstvermittlerin, die die verschiedenen praktischen Angebote entwickelt hat, oder andere Kolleginnen aus dem MO Team zur Verfügung. Denjenigen, die selbst kreativ werden möchten, bieten Aktionspunkte und ein Workspace in der Ausstellung oder unsere Kunst- bzw. Fluxus-Sets die Möglichkeit zur praktischen Auseinandersetzung.

"Art is what makes life more interesting than art" ("Kunst ist das, was das Leben interessanter macht, als Kunst") sagt Robert Filliou. In diesem Sinne wünschen wir allen beim Besuch unserer Ausstellung überraschende Inspirationen für das "echte Leben":

Du und ich

Wir sehen die Kunst an und die Kunst blickt zurück: Portraits zeigen uns, wie die jeweiligen Künstler/innen einen Menschen sehen, aber auch, wie sich die Portraitierten für den Blick der Künstler/innen inszenieren. Welches Bild die Künstler und Künstlerinnen von sich selbst vermitteln wollen, wird in den Selbstbildnissen offensichtlich. Und wir selbst, unsere eigenen Erfahrungen und Erwartungen, prägen wiederum die Art und Weise, wie wir die Dargestellten ansehen. Was passiert in diesen Begegnungen zwischen "Du und ich"?

Die verschiedenen Köpfe des Künstlers Bernhard Hoetger entstanden zwischen 1903 und 1944. Es sind klassische Portraits: Köpfe von teils wichtigen Persönlichkeiten seiner Zeit in Bronze und Stein für die Ewigkeit festgehalten. Die Selbstportraits von Max Beckmann, Käthe Kollwitz oder Erich Heckel sind ebenfalls klassische Selbstbildnisse, in denen sich uns die Künstler und Künstlerinnen als nachdenkliche Charaktere präsentieren. Ganz anders die Selbstportraits von Dieter Roth: Er zeigt sich als Loch, von hinten, als Hundehauf oder als vielfaches Löwenselbst, das – aus Schokolade gemacht – deutliche Verfallserscheinungen zeigt. Diese Werke zeugen nicht nur von Humor und dem Erleben der eigenen Vergänglichkeit, sondern auch von dem Wissen, dass sich eine vielschichtige Persönlichkeit niemals in einem Bild einfangen lässt.

Andere Bilder erzählen von zwischenmenschlichen Begegnungen: Paula Modersohn-Becker zeigt das liebevolle Miteinander von Mutter und Kind, Tobias Zielony eine Gruppe von Jugendlichen, die sich eine Tankstelle als Treffpunkt angeeignet haben und Jörg Immendorff lässt im Café de Flore Künstler des 20. Jahrhunderts aufeinander treffen.

Ketty la Roccas You You erzählt hingegen von konfliktreichen Begegnungen, die tiefe Spuren in unserem Inneren hinterlassen. Dass die Begegnung zwischen "Du und ich" auch von gesellschaftlich gewachsenen Verhaltensmustern geprägt ist, zeigen die Arbeiten von Martin Brand und Freya Hattenberger: Brands Portraits of Young Men blicken hinter die Fassade männlicher Selbstinszenierung, während Hattenbergers markiges Statement Ich bin’s gängige Erwartungen an weibliches Rollenverhalten selbstbewusst zurückweist.

Die beiden ergänzenden Objekte von Joseph Beuys verweisen darauf, wie wichtig Kommunikation im Kontakt zwischen "Du und ich" ist: Das Telephon S-Ǝ steht symbolisch für die Energie, die im Gespräch zwischen zwei Menschen entsteht, während Ja Ja Ja Ja Ja, Nee Nee Nee Nee Nee humorvoll auf die Notwendigkeit verweist, Widersprüche auszuhalten, die im zwischenmenschlichen Kontakt entstehen.

Ausflug ins Grüne

Die Landschaft ist seit Jahrhunderten ein beliebtes Motiv in der Malerei. Die ältesten Darstellungen aus der Sammlung des MO stammen aus der Zeit der Expressionisten, für die die Kunst immer auch Spiegel der eigenen Empfindungen war. Programmatisch hierfür ist Ernst Ludwig Kirchners Stafelalp bei Mondschein. In der zerklüfteten, teils düsteren, teils giftig grellen Landschaft wird Kirchners psychische Krise sichtbar, die er infolge seiner Beteiligung am Ersten Weltkrieg durchlitt. Der Wechsel der Tages- und Jahreszeiten zeigt sich hingegen in den Werken Dieter Roths und Otto Pienes: Während Piene Ende der 1960er Jahre mit (damals) modernster Technik ein Lichtobjekt kreiert, das das Er- und Verblühen einer Pusteblume zeigt, verändern sich die Landschaften und Straßenszenen Roths langsamer: Die schimmelige Verfärbung des Käses bestimmt die herbstliche Tönung der Bäume; die nach und nach vertrocknende Plockwurst verschwindet als Sonne hinter dem Horizont.

Andere Arbeiten widmen sich ökologischen Fragen: Wolf Vostell erforschte mit seinem Salat-Happening die Auswirkungen schädlicher Umwelteinflüsse auf Mensch und Nahrung, Mark Dion stellt, wie ein Naturkundler, das Skelett eines Klammeraffen in seiner "natürlichen" Umgebung aus: den Hinterlassenschaften menschlicher Gegenwart.

Im letzten Jahrhundert rückten – neben der natürlich gewachsenen Landschaft – auch die von Menschen gemachten Stadt- und Industrielandschaften in den Fokus von Künstlern und Künstlerinnen: Bernd und Hilla Becher dokumentieren stillgelegte Fördertürme im Ruhrgebiet, Matthias Koch zeigt die Transformation einer ehemaligen Zechenlandschaft in ein Naherholungsgebiet und Matthias Beckmann zeichnet das Union-Viertel rund 20 Jahre nach Einstellung der Bierproduktion im Dortmunder U.

Die letzte Gruppe von Werken betrachtet den Umgang moderner Gesellschaften mit Natur. August Mackes Großer zoologischer Garten zeigt den Wunsch, städtisches Leben und wilde, unberührte Natur in einer Art paradiesischer Utopie zu vereinen. Mark Dions Werke zeugen hingegen vom menschlichen Forscherdrang, die Geheimnisse der Natur zu entschlüsseln, zu kategorisieren und für die Wissenschaft nutzbar zu machen.

Freund oder Feind? "Wir" und "die Anderen"

Täglich berichten Medien von politischen Konflikten, die verbal oder gewaltsam ausgetragen werden, von Meinungen, die zensiert, von Menschen, die aufgrund ihrer vermeintlichen Andersartigkeit diskriminiert oder angegriffen werden. Überall auf der Welt teilen sich Gesellschaften auf der Grundlage von Nation, Kultur oder Religion in "Freunde" und "Feinde" – eine Unterscheidung, die im Alltag zu Sprachlosigkeit und Isolation, im Extremfall zu Gewalt und Krieg führt. Die hier präsentierten Kunstwerke beleuchten das Verhältnis von "Wir" und "die Anderen" aus verschiedenen Perspektiven.

Die ersten Arbeiten reflektieren den durch das nationalsozialistische Deutschland verursachten Zweiten Weltkrieg: Harry Fränkels Holzschnitte zeigen alptraumhafte Szenen der Judenverfolgung und vor Bomben fliehende Menschen, Robert Watts‘ Guadalcanal erinnert an die Schlacht zwischen den USA und Japan auf der gleichnamigen Insel und Germaine Richiers Gottesanbeterin spiegelt – als Fabelwesen aus Mensch und Insekt – den Krieg als kannibalistisches und selbstzerstörerisches Ereignis.

Während des Nationalsozialismus wurden viele Künstler der Moderne als "entartet" diskriminiert. Politisch erwünschte Kunst wurde hingegen zu Propagandazwecken eingesetzt. K. O. Götz' Bild vom 28.4.1954, in dem sich eine dynamische Geste ihren Weg über die Leinwand bahnt, scheint für die nach 1945 wiedergewonnene künstlerische Freiheit zu stehen.

Seit den späten 1960er Jahren nutzen viele Künstler und Künstlerinnen diese Freiheit der Kunst, um Gesellschaftskritik zu üben: Wolf Vostell zeichnet mit Die Tänze – oder: Die Menschenrechte sind Kunstwerke ein düsteres Bild der deutschen Gesellschaft und mahnt mit seiner an ein Konzentrationslager erinnernden Installation T.E.K. die Übernahme historischer Verantwortung an. Anatol oder Jörg Immendorff zeigen mit ihren Aktionen Die Vernehmung und Ich halte mich als Verteidigungsminister bereit die Grenzen politischer Meinungsfreiheit im Kontext von Studentenrevolte und Notstandsgesetzgebung auf. In der CSSR führte derlei politische Kunst zu massiver Repression: Milan Knižak, der mit Werken wie Rote Berührung Kritik am politischen System übte, musste hierfür mehrfach ins Gefängnis.

Die letzte Werkgruppe widmet sich der Grenzziehung zwischen "Wir" und "die Anderen" im aktuellen politischen Diskurs. In den Debatten um Migration wird bis heute ein rassistisches Klischee benutzt, das auch Max Beckmanns Afternoon zugrunde liegt - das Bild vom "gefährlichen Araber", der sexuelle Gewalt an weißen Frauen verübt. Fotografien zeitgenössischer Künstler und Künstlerinnen stellen dem Klischee Einblicke in den Alltag der vermeintlich "Anderen" gegenüber: Menschen, die ihr Zuhause aufgegeben haben, Geflüchtete, die Schutz im Kirchenasyl suchen, die Möglichkeiten, im Berufsalltag Fuß zu fassen.

Kunst und Leben: Kunst im Alltag – Alltag in der Kunst

"Fast wie im echten Leben" erscheinen uns die Objekte und Handlungen auf dieser Ebene. Sie sind Ergebnisse künstlerischer Auseinandersetzung mit Alltäglichem und bieten neue Perspektiven auf Vertrautes.

Klangobjekte und Künstlerschallplatten hinterfragen unser gängiges Verständnis von Musik: Nam June Paik und Joe Jones, die als Fluxus-Künstler stark von den Ideen des Komponisten John Cage inspiriert waren, erzeug(t)en mit dem Schallplatten-Schaschlik und dem Auto-Music-Player Zufallsmusik.

Alison Knowles, Dieter Roth, Christina Kubisch und Albert Mayr öffnen unsere Ohren für den Klang von Alltagsgegenständen: Schnapsflaschen werden zu Instrumenten, Wassertropfen erzeugen auf verschiedenen Materialien synkopische Rhythmen, und Datenströme, die wir im Alltag nicht hören können, werden durch spezielle Kopfhörer in Sounds übersetzt. Der Quintenzirkel von Winter & Hörbelt, dessen Form an das musiktheoretische Modell angelehnt ist, lädt uns ein selbst Klänge zu erzeugen.

Im folgenden Bereich der Ausstellung erwarten uns überraschende Wechselwirkungen zwischen Ästhetischem und Nützlichem: Gebrauchsgegenstände wie Stühle, LKW-Planen, Schnittmuster oder Werbeplakate, die einst einen rein funktionalen Zweck hatten, wurden hier zu Kunstobjekten transformiert.

Umgekehrt waren die kleinen und preisgünstigen Objekte, die über den Remscheider VICE-Versand vertrieben wurden, dazu gedacht als "Zeitkunst im Haushalt" benutzt zu werden. So, wie der Gebrauch von Teller und Besteck zu kulinarischem Genuss verhelfen kann, so verhilft uns der "Gebrauch" von Kunst zu ästhetischen Erfahrungen.

Wie viel Überraschendes sich in alltäglichen Handlungen und Ereignissen entdecken lässt, zeigt die nächste Werkgruppe: Happenings, Events und Performances von Allan Kaprow, George Brecht und Alison Knowles übersetzen Alltaghandlungen wie das Essen eines Sandwiches oder die Benutzung eines Stuhls in eine Kunstaktion und laden uns ein, Nebensächliches bewusst zu erleben.

Andere Künstler schaffen Kunst, die aus Alltäglichem beinahe von allein entsteht: Dieter Roths Bilder entfalten erst durch fortdauernde Schimmelprozesse ihre ganze ästhetische Wirkung, Otto Piene zündet sein Gemälde an und lässt Feuer und Rauch die Komposition vollenden, George Brecht arrangiert eine Versuchsanordnung, in der sich chemische Prozesse vollziehen und Daniel Spoerri entdeckt die Schönheit von beiläufig liegen gelassenen Utensilien eines Cafébesuchs.

Ein Bereich ist künstlerischen Spielen gewidmet, die in mancherlei Hinsicht Abbilder unseres täglichen Miteinanders sind: Unsere Handlungen folgen Regeln oder Vereinbarungen; jeder versucht, das Beste für sich herauszuholen und manchmal ist die Zusammenarbeit im Team notwendig, um ein Ziel zu erreichen. Die Spiele von Robert Filliou oder Takako Saito ermöglichen uns eine neue Sichtweise auf die "Spielregeln" des täglichen Zusammenlebens. Zuweilen lohnt es sich, die Regeln des zwischenmenschlichen Miteinanders neu zu interpretieren.

Erlebe die Kunst!

In der Ausstellung laden verschiedene Angebote wie Aktionspunkte und der KunstAktionsRaum zum Mit- und Selbermachen ein. Außerdem gibt es am Empfang einen Audioguide mit Infos zu ausgewählten Kunstwerken in Deutsch und Englisch, sowie Texten in Gebärdensprache oder für Sehbehinderte. Kinder und Familien können die Ausstellung mit unserem Kunst-Set erkunden, für Jugendliche gibt es das Fluxus-Set.

Alle diese Angebote sind kostenlos.