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Historischer Gebäude-Eingang

Innenstadt-Nord

Bild: Birte Lueg

Die Geschichte der Dortmunder Nordstadt

Die Nordstadt war einst das traditionelle Arbeiterviertel Dortmunds.

Es liegt nördlich der City eingezwängt zwischen den einst großen Montan-Industrieflächen der Stadt.

Hier finden Sie die Geschichte der Nordstadt und ausgewählter Orte in dieser.

Alle Beiträge von Hubert Nagusch.

Die Geschichte der Nordstadt

1843

Am Anfang steht die Eisenbahn

Die Nordstadt liegt nördlich der City eingezwängt zwischen den einst großen Montan-Industrieflächen der Stadt.

Schaut man auf den Stadtplan, so stellt man fest, das die Strassen von Norden nach Süden und von Westen nach Osten verlaufen. Die rechtwinkligen Häuserkarrees verraten: Die Nordstadt wurde planmäßig angelegt.

Um etwa 1840 können die rund 7.000 Bewohner des kleinen Landstädtchens Dortmund durch ausgedehnte Wiesen und Felder wandern, wenn sie nach Norden durch das Burgtor die Stadt verlassen. Als 1843 die Köln-Mindener Eisenbahngesellschaft den Bau einer Eisenbahnlinie von Köln über Lünen nach Minden plant, kann Magistrat Hansmann die Gesellschaft für eine Trassenverlegung gewinnen, indem er den Investoren 9.000 Taler und 52 Hektar Land an der nördlichen Stadtmauer schenkt. Nördlich der alten Stadtbefestigungen am Königswall wird jetzt ein Bahnhof gebaut. Ab 1847 nimmt die Eisenbahn ihren Betrieb von Duisburg über Dortmund nach Minden auf. Zwei Jahre später kommt die Bergisch-Märkische Eisenbahnlinie hinzu. Beide Bahnen beschäftigen 1857 fast 1.200 Menschen in Dortmund.

Eisenbahnen brauchen Kohle. Deshalb beginnt die Aktiengesellschaft "Vereinigte Westphalia" nördlich der Bahntrasse mit dem Abteufen eines ersten Förderschachtes. 1857 stößt man in 70 m Tiefe auf Steinkohle. Die Zeche liegt da, wo sich heute südlich der Hafenschnellstraße das gleichnamige Gewerbegebiet erstreckt. Erhalten geblieben ist nur noch das ehemalige Zechenhospital am Sunderweg 1, heute das selbstverwaltetes Künstlerzentrum "Künstlerhaus e.V.".

Eisenbahnen brauchen Schienen und Lokomotiven aus Stahl. Neben der Zeche "Westphalia" siedelt sich ab 1856 die "Dortmunder Bergbau- und Hütten-AG" mit einem Puddelwerk und einer Gießerei an. In kürzester Zeit entwickelt sich die "Union", wie man den Betrieb nennt, zum zweitgrößten Arbeitgeber der Stadt.

Eisenbahnen, Zechen und Stahlwerke brauchen Arbeiter. Eine Welle von Industrieproletariat, vornehmlich aus den damaligen Ostgebieten Preußens (Ost- und Westpreußen, Posen, Pommern, Schlesien) stammend, siedelt sich ab etwa 1845 zuerst nördlich des Kuckelke-Tors in Baracken und Notunterkünften an. Ein naher Teich wird durch Abwässer so stark verunreinigt, das der Volksmund ihn "Schwarzes Meer" tauft. Die Gegend entlang des Teiches heißt nun "Krim" (heute Krimstr.), benannt nach der großen Halbinsel im Schwarzen Meer. Rundherum bildet sich eine wuchernde Vorstadt mit morastigen Wegen, Baracken und fehlender Kanalisation. Die Wohnverhältnisse und hygienischen Bedingungen sind beängstigend.

Der Magistrat Dortmunds reagiert und setzt ab 1858 einen Stadtbaumeister für die Nordstadt ein. Ludwig König lässt 1860 an der "Krim" 60 Doppelhäuser in Fachwerkbauweise errichten und führt Bauvorschriften ein. Sein Nachfolger Brandhoff plant ein rechtwinkeliges Straßennetz mit elf "Schmuckplätzen" (realisiert: Viehmarkt/Steinplatz 1890, Sedanplatz/ Borsigplatz 1895, Nordmarkt 1906). Es entsteht eine Infrastruktur mit der kath. Kirche Krimkapelle (1872), einem Schlachthof (1885) und dem Nordbad (1908).

1871-1914

Die Gründerjahre

Vom Bau Hoeschs bis zur räumlichen Abgrenzung der Nordstadt

Alte Dienst- und Eigentumsansprüche, die teilweise noch aus der Zeit der Leibeigenschaft stammen, lösen die drei großen nördlichen Bauernschaften Dortmunds seit ca. 1842 nach und nach ab. Die "Gemeinheiten", die bäuerlichen Gemeinschaftswälder Oester-, Burg- und Westerholz, werden weitgehend gerodet. Aus dem Verkauf des Holzes werden die Verpflichtungen gegenüber den Feudalherren abgelöst. Die zurückbleibenden sumpfigen Kahlschläge sind kaum nutzbar und bieten preiswertes Bauland für die Bauherren und Industriebetriebe der Nordstadt.

Das nutzt Leopold Hoesch (1820-1899), der als Unternehmer zusammen mit seinen Söhnen Wilhelm und Albert sowie den beiden Cousins Eberhard und Victor ab 1871 am Oesterholz seine Hochöfen und Bessemer-Stahlwerke baut. 1881 beschäftigt Hoesch schon 3.000 Arbeiter und 1913 sind es gar 11.300. Das neue Hoesch-Wohnviertel wächst rasch rund um den Borsigplatz.

Im Gefolge siedelt Maschinenbaugewerbe im Umfeld: 1870 die "Gewerkschaft Schüchtermann & Cremer" von Heinrich Schüchtermann (1830-1895) und Carl Josef Cremer, 1872 die Maschinenfabrik Deutschland von Julius Albert Borsig (1829–1878), dem Sohn des Berliner Lokomotivkönigs Albert Borsig, 1877 die Dortmunder Brückenbaufirma Caspar Heinrich Jucho (1843-1906) und 1879 das Stahlbauunternehmen von August Klönne (1849-1908). Ein weiteres einschneidendes Ereignis ist die Eröffnung des Dortmunder Hafen s am 21. August 1899. Über 5.000 Arbeitsplätze entstehen hier; Erze für Hoesch, Union und die Phoenix-Werke in Hörde können nun in großen Mengen mit Schiffen angelandet werden.

Die im Zuge der Industrialisierung emporschnellende Zahl evangelischer Christen in der Nordstadt führt zur Gründung neuer Kirchengemeinden: Paulus (1894), Johannes (1896) und Luther (1907). Den katholischen Gemeinden geht es ähnlich. Sie werden von großen Innenstadtgemeinden abgepfarrt: Joseph (1891), Dreifaltigkeit (1900), St.-Aposteln (1902), St. Antonius (1908) und St. Michael (1914).

Die Nordstadt nimmt in der Zeit von 1890 – 1914 ihre heutige städtebauliche Gestalt als Arbeitviertel an. Viele Dortmunder Handwerker und Bürger lassen dort Mietshäuser bauen – meist als Anlageobjekte. Dortmunder Makler und Grundstücksspekulanten wittern "Goldgräberstimmung". Mit dem Sprichwort "Im Norden geht die Sonne auf" beschreiben sie die exorbitanten Renditemöglichkeiten aufgrund emporschnellender Grundstückspreise.

Der Arbeiterwohnungsbau von Zechen und Stahlwerken läuft zunächst eher verhalten; 1871 entsteht die "Unionvorstadt", eine Werkssiedlung des Stahlwerkes Union nordwestlich des alten Hafenamtes (im September 1961 abgerissen). Die Hoesch-Stahlwerke errichten bis 1876 einen nennenswerten Wohnungs-Bestand am Borsigplatz, die Nordstadt-Zeche "Kaiserstuhl" baut erst 1936 sieben Häuser in der Lutherstraße (Volksmund "Sieben Zwerge")

Der 1893 gegründete Spar- und Bauverein eG Dortmund beginnt ab ca. 1903 mit Karree-Bebauungen in großem Stile, insbesondere am Borsigplatz und in der Wambeler Straße. Die Dortmunder Gemeinnützige Wohnungsgesellschaft DoGeWo folgt nach ihrer Gründung 1918 ebenfalls mit größeren Projekten, insbesondere an der Uhland-, Franz-Liszt- und Grisarstraße.

Der Steinplatz wird zum Amüsierzentrum der Nordstadt mit Stehbierhallen, Bars und der Bordellstraße Linienstraße (seit 1904 aus der ehemaligen Marschallstraße entstanden). Im Juni 1903 feiern am Steinplatz die Arbeiter den Wahlsieg der Dortmunder Sozialdemokraten bei der Reichstagswahl (31,7%). Schutzpolizei treibt die Versammlung auseinander. Seit dem 1. Juni 1881 verkehrt die erste (Pferde-)Straßenbahnlinie Dortmunds zwischen Steinplatz und Fredenbaum-Straßenbahndepot (heute Zentrum für Handwerk, Kunst, Medien und Nachbarschaft). Der Fredenbaum-Wald wird zwischen 1908 und 1912 zum großen Lunapark umgestaltet. Die dort gebaute Festhalle "Fredenbaumsaal" ist 2.200 m² groß.

Am 19. Dezember 1909 gründen 21 katholische Messdiener der kath. Dreifaltigkeitsgemeinde im Saal der Gaststätte "Zum Wildschütz" bei Heinrich Trott sen. in der Oesterholzstraße 60 den Fußballverein "Ballsspielverein Borussia 09". Anlass ist das Dekret des Jugendkaplans Hubert Dewald, die sonntägliche Messe auf 14.00 Uhr nachmittags zu verlegen, um den Jugendlichen den in dieser Zeit geübten Sport des "rohen Balltretens" zu verleiden. Erster Präsident des BVB wird Heinrich Unger. Gespielt wird zunächst auf der "Weißen Wiese", einer von Pappeln umstandenen Grasfläche am östlichen Ende der Wambeler Straße. 1924 bauen Vereinsmitglieder und Spieler in Eigenhilfe (!) den Platz zum Borussia-Stadion aus. An der gleichen Stelle befindet sich heute das Schwimmbad Stockheide.

Die große Eisenbahntrasse am Hauptbahnhof wird ab ca. 1910 über einen von Brücken durchbrochenen Bahndamm geführt. Er trennt die City stadträumlich scharf von der Nordstadt ab. Ca. 60.000 Menschen leben um 1914 im "Norden", jeder fünfte ist polnischer Herkunft.

1918-1945

Aufbruch, Unsicherheit, Faschismus, Krieg

Von den Auswirkungen des 1. Weltkrieges bis zu den Folgen des 2.

Nach dem 1. Weltkrieg ist die Arbeiterschaft der Nordstadt im Gefolge der Wirtschaftskrisen 1923 und 1929 von Arbeitslosigkeit und wirtschaftlicher Not besonders betroffen. Traditionell der Sozialdemokratie und den Kommunisten stark zugetan, wählt man hier meist mit zusammen 65 - 70 % der Stimmen diese Parteien.

Die nationalsozialistische SA – die Dortmunder Keimzelle wird 1925 mit dem "Sturm 83" in der Nordstadt gegründet -, wagt sich zunächst nur als Formation und unter starkem Polizeischutz in die Nordstadt. Bei der aus so einem Propagandamarsch von 800 SA-Leuten entstandenen sog. "Schlacht am Nordmarkt" zwischen Kommunisten, Sozialdemokraten, Faschisten und der Polizei am 16. Oktober 1932 sterben zwei Menschen; 14 werden zum Teil verletzt – sämtlich unbeteiligte Anwohner oder Passanten. Am 30. Januar 1933 findet auf dem Nordmarkt (ab 1933 Horst-Wessel-Platz) auch ein Fackelzug statt: spontane Marschsäulen der Arbeiter skandierten "Nieder mit Hitler".

Die städtebauliche Entwicklung der Nordstadt wird ab 1933 stark vernachlässigt. Zu sehr wittern die Nationalsozialisten in dem dicht bebauten Quartier ein sozialdemokratisches und kommunistisches Vorfeld, übersäht mit Widerstandsgruppen. Die Einwohnerzahl zwischen Hafen und Hoeschpark hingegen erhöht sich weiter: 1939 leben 75.000 Menschen in der Nordstadt.

Die alte Polizeiwache Nr. 6 an der Steinstraße wird am 1. April 1934 der geheimen Staatspolizei (GeStaPo) überlassen. Der 1927 angebaute Zellentrakt wird zum zentralen Gestapogefängnis in Westfalen; 1934-1945 sind in der "Hölle Westdeutschlands" ca. 57.000 Menschen inhaftiert. An Folterungen sterben dort 17 Menschen.

1937-1941 errichtet die NS-Massenorganisation "Deutsche Arbeitsfront" (DAF) mit dienstverpflichteten Hoescharbeitern nach Schichtschluss den "Hoeschpark". Das Borussia-Stadion des BVB an der "Weißen Wiese" muss 1939-1941 ebenfalls weichen und wird zum Schießplatz der Betriebssportgruppe Hoesch. Etwa zur gleichen Zeit wird der "Lunapark" im Fredenbaum abgerissen; angeblich wegen Baufälligkeit.

Im 2. Weltkrieg sind die Industrieanlagen der Nordstadt vor allem der Rüstungsproduktion des Deutschen Reiches verpflichtet. So stellt z.B. die Maschinenfabrik Deutschland an der Borsigstraße auf riesigen vertikalen Drehbänken die großkalibrigen Geschützrohre für die Schiffsartillerie der Reichmarine her. Andere Unternehmen fertigen Zubehör und Sektionen für den U-Boot oder Panzer-Bau. Auf der Westfalenhütte entsteht mit "Hoesch-Benzin" ein Werk zur synthetischen Herstellung von Treibstoffen aus der Kohle der Zeche "Kaiserstuhl". Kein Wunder also, die Nordstadt wird ein bevorzugtes Angriffsziel der alliierten Bomber. 1945 sind nahezu alle Produktionsbetriebe und ca. 85 % der Wohnungen in der Nordstadt zerstört.

1945 - 1971

Wiederaufbau, Wirtschaftswunder, -krisen und Strukturwandel

Wiederaufbau nach dem Krieg, eine boomende Montanindustrie seit der Koreakrise um 1950, das Wirtschaftswunder der 50er und 60er Jahre mit den klassischen drei Dortmunder Wirtschafts-Säulen

  • Kohle: Zeche "Kaiserstuhl",
  • Stahl: Hoesch AG und Dortmund-Hörder Hütten-Union sowie
  • Bier: Dortmunder Actien Brauerei, Hansa-Brauerei
sieht auch die Dortmunder Nordstadt. Seit der zweiten Hälfte der 60er Jahre aber bedrohen vermehrt Krisen, Fusions-, und Konzentrations-Effekte sowie der konjunkturelle Niedergang der Montanindustrie die Arbeitsplätze der Menschen.

1964 gab es 34.000 Arbeitsplätze in der Stahlindustrie Dortmunds. Die Verbindung zwischen Hoesch und der Dortmund-Hörder-Hüttenunion führt ab 1966 dazu, das auf dem Standort Union alle Hochöfen erlöschen und abgerissen werden. Heute ist dort nur noch eine Spundwand-Produktion der HSP HOESCH Spundwand und Profil GmbH (Salzgitter-Gruppe) vorhanden. Mit der Firmenehe Hoesch-Estel 1972-1979 sinkt die Arbeitnehmerzahl auf ca. 20.000. Die Hoesch-Krupp-Fusion 1991 und die Thyssen-Krupp-Fusion 1997 haben dazu geführt, dass der letzte Hochofen VII auf der Westfalenhütte am 27. April 2001 erlischt. Die Anlagen werden an die chinesische Shadang-Gruppe verkauft, 2002-2003 von chinesischen Arbeitern demontiert und anschließend in die Volksrepublik China verschifft.

Nur noch ca. 2.100 Arbeitsplätze bieten Stahl und Kohle in Dortmund heute, u.a. im 1999 entstandenen Dortmunder Oberflächen Centrum (DOC), der 2001 in Betrieb genommenen Feuerbeschichtungsanlage 8 oder im 2003 umgebauten Kaltwalzwerk; sämtlich Betriebe der Oberflächenveredelung des ThyssenKrupp-Konzerns auf dem Westfalenhütten-Gelände.

Die Zeche "Kaiserstuhl I" an der Bornstraße und "Kaiserstuhl II" auf der Westfalenhütte wird am 30. Juni 1966 stillgelegt. Die Kokerei "Kaiserstuhl III", nimmt am 8. Dezember 1992 den Betrieb als modernste Kokerei Europas auf, aber auch sie fällt Konzentrationsprozessen in der Stahlindustrie zum Opfer und wird daher am 18. Dezember 2000 geschlossen und anschließend demontiert.

Zum 1. Oktober 1971 erwirbt die Dortmunder Actien-Brauerei AG (Oetker-Gruppe) die Aktienmehrheit an der Dortmunder Hansa Brauerei AG in der Steigerstraße. Seither sind weitere Fusionen erfolgt: Zum 1. Oktober 1996 die Übernahme der "Privatbrauerei Dortmunder Kronen" (mit Stifts und Thier) und zum 29. November 2004 die Übernahme der "Brau und Brunnen AG" (Union, Brinkhoffs, Ritter). Geblieben ist der große Braustandort an der Steigerstraße, geführt von der Radeberger-Holding.

Dies sind die Ergebnisse des massiven Strukturwandels und des Konzentrationsprozesses in Dortmunds einstigen Leitbranchen.

Gesellschaftliche und Stadtentwicklung

Stadtteil-Programme seit 1945

Heute leben ca. 53.558 Menschen (12/07) in der dicht besiedelten Nordstadt (Dortmund: 585.045 12/07), seit 1975 auch verwaltungstechnisch ein eigener Stadtbezirk. Der ist 14,44 km² groß; nur rd. 3,1 km² davon sind reine Wohnbauflächen. Ca. 9,5 km² gelten als Industrie- und Gewerbeflächen, vorzugsweise auf der Westfalenhütte, im Hafen, in den Gewerbegebieten Bornstraße und Raveike. In den rd. 3.500 Unternehmen der Nordstadt (von Migranten/innen geführt ca. 1/3) arbeiten ca. 18.500 Menschen. Die größten Grünanlagen sind der "Fredenbaum" (65 ha) und der "Hoeschpark" (24 ha).

Der Wiederaufbau der Dortmunder Nordstadt sieht viele Wohnungsbauprojekte im Stil der klassischen Arbeiter-Karree- und Zeilenbebauung. In der Zeit des sog. "Wirtschaftswunders" der 60er Jahre nehmen die Belastungen der Bevölkerung durch Emissionen wie Rauch, Lärm und Ausgasungen weiter zu. Nur jede vierte Wohnung verfügt 1950 über eine eigene Toilette oder ein eigenes Bad.

Einige Sanierungsvorhaben münden Ende der 60er Jahre auch in "Kahlschlagsanierung" intakter Wohnquartiere. Entlang der Heilige-Garten-Straße und der Bornstraße entsteht 1965-1972 im Rahmen der Stadtsanierungsprojekte "Nord-III-West" und Nord-III-Ost" gänzlich neue Wohnbebauung, z.B. das 18stöckige Hochhaus Kielstraße von 1967 oder das Terrassenhochhaus "Hannibal I" aus dem Jahr 1972. Es werden mehr Grünanlagen, Kindergärten und Spielplätze geschaffen, die vorhandene Bebauung wird saniert.

Der Steinplatz, als Vergnügungsviertel so etwas wie die "Reeperbahn" Dortmunds, wird ebenfalls saniert. Politik und Verwaltung sehen in dem Quartier einen Hort der Begleitkriminalität im Gefolge der nahen Bordellstraße Linienstraße. Daher wird die marode Platzumbauung mit den Bierwirtschaften und Bars im Umfeld wie "Kapellenhof", "Bollermann", "Schmuckkästchen", "Zum Fässchen", "Blaue Taverne", oder "Feuerkugel" abgerissen. Am 8. März 1988 zerschmettert die Abrissbirne die letzte Steinplatz-Kneipe, den "Nordpol", zu Trümmerschutt. Auch hier entsteht neue Wohnbebauung und an der Andreasstraße eine neue Wache der Dortmunder Polizei (Volksmund: Andreas-Ranch). Am 10. August 1990 kommt die Neugestaltung des Steinplatzes mit der Einweihung des im II. Weltkrieg zerstörten und wieder rekonstruierten "Eisengießerbrunnens" aus dem Jahre 1906 zu ihrem vorläufigen Abschluss.

Am 31. Dezember 1973 wird der Dortmunder Schlachthof zwischen der Kurfürsten-/Mallinckrodt- und Steinstraße geschlossen. Diese Entwicklungschance am Nordausgang des Dortmunder Hauptbahnhofes hat die Nordstadt genutzt. Am 31. Oktober 1973 wird auf der neuen Feuerwehrwache I an der Steinstraße Richtfest gefeiert - 1975 nimmt man hier der Dienstbetrieb auf. Die City lässt sich künftig von der Feuerwehr in ca. 2 Minuten erreichen.

Auf anderen Teilen des alten Schlachthofes entsteht moderne Wohnbebauung, das neue Nordbad, eine Eislaufbahn und das am 22. Mai 1982 eingeweihte " Dietrich-Keuning-Haus ", ein Begegnungszentrum mit überregionaler Ausstrahlung. Vier Jahre später dann ein Richtfest gegenüber: Am 10. April 1986 schwebt der Richtkranz über dem neuen Postamt 1 der Deutschen Bundespost an der Steinstraße. Im Gefängnistrakt der ehem. " Steinwache " an der Steinstraße wird 15. Oktober 1992 die ständige Ausstellung "Widerstand und Verfolgung in Dortmund von 1933-1945" eröffnet. Sie zeigt den Folterterror der Nationalsozialisten, aber auch die Geschichte der Widerstandsgruppen aus politischen Parteien, Kirchen und Gewerkschaften 1933-1945.

Am 3. November 1995 wird das neue Gebäude der Arbeitsverwaltung an der Steinstraße/Ecke Kurfürstenstraße eingeweiht; das Arbeitsamt ist vom Alten Mühlenweg in die Nordstadt gezogen. Am 18. Dezember 1997 eröffnet am neu gestalteten Platz vor dem Nordausgang des Hauptbahnhofes das Multiplexkino "CineStar" mit 14 Kinosälen und ca. 3.600 Plätzen.

Die städtischen Kliniken Dortmund haben seit 1968 eine "Unfallklinik" an der Münsterstraße errichtet. In den kommenden Jahrzehnten wird der Klinikstandort Zug um Zug ausgebaut. Am 24. Mai 1980 eröffnet die Stadt Dortmund gegenüber das neue Naturkundemuseum an der Münsterstraße 271, welches seinen Standort vom Friedensplatz in die Nordstadt verlegt.

Als am 22. Oktober 1969 mit einem Rammschlag in der Nähe des Hauptbahnhofes der Tunnelbau des Dortmunder Stadtbahnnetzes eingeläutet wird, sehen die Planungen auch zwei Stammbahnstrecken in die Dortmunder Nordstadt vor. Seit dem 2. Juni 1984 führt die "Stadtbahnstammlinie I" aus der Dortmunder Nordstadt vom Abzweig Münsterstraße/Lortzingstraße und von der Mallinckrodtstraße/Arnoldstraße bis nach DO-Hörde und DO-Hacheney. Am 26. September 1992 wird erste Teilstück der "Stadtbahnstammlinie II" zwischen dem Bahnhof Stadtgarten und der Franz-Zimmer-Siedlung in DO-Kirchderne wird eingeweiht. An der Bornstraße/Mindener Straße beginnt der Stadtbahntunnel und führt unter der Bornstraße nach Süden. Nunmehr verkehrt die Stadtbahn-Linie U 42 zwischen DO-Grevel und dem Bahnhof Stadtgarten (heute bis Polizeipräsidium/Hombruch). Seit dem 27. April 2008 kann die Linie U44 vom Borsigplatz kommend in der Weißenburger Straße in die Tunnelanbindung des Stadtbahnnetzes einfahren.

Das Stadterneuerungsprogramm "Nordstadt-Programm" sorgt 1986-1991 für die Aufwertung des öffentlichen Raumes. Verkehrsberuhigungen halten in den Wohnstraßen Einzug, die Grünanlagen werden neu gestaltet. Hausbesitzer werden animiert, Fassaden zu gestalten und Höfe zu begrünen. Das Programm "Stadtteile mit besonderem Erneuerungsbedarf" des Landes NRW führt 1993 bis 1996 zur Sanierung des Nordmarktes in seinem originalen Zustand aus dem Jahre 1906 und unterstützt zusammen mit dem "Integrierte Handlungsprogramm Nordstadt" das Projekt der Umnutzung des ehemaligen Straßenbahndepots in der Immermannstraße. Es entsteht 1996-1999 ein Kunst-, Kultur- und Handwerkszentrum mit Nachbarschaftstreff und Gastronomie "depot Immermannstraße". Auf einer benachbarten Rangier- und Hallenfläche errichtet man 1997-1998 den Wohnpark Fredenbaum (Volksmund: "Papageiensiedlung"), 50 Einheiten hochwerter freifinanzierter Wohnungsbau.

Auf dem ehemaligen Gelände der Firma CEAG an der Eberstraße, wo seit 1917 vorwiegend Grubenlampen hergestellt wurden, baut man 1996 rund 270 Wohneinheiten der CEAG-Wohnsiedlung. Die Block-Innenbereiche sind autofrei, so dass Kinder ungefährdet spielen können. Das unter Denkmalschutz stehende Verwaltungsgebäude an der Münsterstraße ist ebenfalls als Wohngebäude neu genutzt.

2002 bis Mitte 2008 kommen Teile der Nordstadt (Programmgebiet 7,52 km²) in der Genuss von insgesamt 28 Mio. € Fördermitteln aus dem Programm der europäischen Gemeinschaftsinitiative URBAN II. Verbessert hat man die stadträumlichen Qualitäten, z.B. durch die Sanierung des Hoeschparks, Der Aufbau von bewohnergetragenen Strukturen und Einrichtungen, z.B. durch die Schaffung von drei Quartiersmanagements, ist ein zweiter Programmschwerpunkt. Last not least folgt die Aufgabe, die Lokale Ökonomie durch spezifische Projekte in den Wohnquartieren zu stärken und zu sichern.

Stadtentwicklungsprogramme haben seither die Nordstadt noch grüner, urbaner und lebenswerter gemacht.

Dietrich-Keuning-Haus Außenansicht

1960er - 2008

Die Nordstadt, für Zuwanderer Ort der Ankunft

Von den ersten Gastarbeitern bis zur multikulturellen Bevölkerung

Die Nordstadt war immer Ort der Migration und auch der Segregation, des persönlichen Ankommens und des Aufstieges, aber auch ein Ort des mehr oder weniger freiwilligen Rückzuges für spezifische gesellschaftliche Gruppen. Die Nordstadt übernimmt so als "Integrations-Waschmaschine" wesentliche Funktionen für die gesamte Stadt. Dies ist nicht nur seit dem Deutschen Kaiserreich oder in der Weimarer Republik so; auch die Bundesrepublik Deutschland sieht neue Formen z.B. der Arbeitsmigration – wenngleich aus anderen Richtungen.

Durch den Arbeitskräftemangel der Ruhrgebietsindustrie in den 60er Jahren kommen viele ausländische "Gastarbeiter" in die Dortmunder Nordstadt. Zunächst sind es ab etwa 1963 vorzugsweise Menschen aus Italien, Griechenland, Portugal oder Spanien. In den folgenden Jahrzehnten setzt sich der Zuzug von Menschen mit Migrations-Hintergrund fort, verstärkt kommen jetzt türkische Arbeits-Migranten/innen, später auch Menschen aus Nordafrika. Mit der Verhängung des Kriegsrechts in Polen 1981 erreicht eine Welle von Spätaussiedlern die Nordstadt.

Zu Beginn der 90er Jahre sind es dann viele Menschen aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion (GUS-Staaten) und aus dem zentralen Afrika, die sich Wohnungen zwischen Sunderweg und Lünener Straße suchen. In der letzten Zeit ist ein verstärkter Zuzug aus Bulgarien und Rumänien, aber auch aus dem Irak, Libanon und Syrien zu beobachten.

Im Bereich Hafen macht der Anteil der Migranten/innen rd. 48 %, am Nordmarkt rd. 63 % und am Borsigplatz rd. 61 % an der Wohnbevölkerung aus.

Die Migranten/innen haben die Nordstadt multikulturell geprägt und belebt. Ihre Gemüseläden, ihr Freizeitverhalten in den Parks, Restaurants und Teestuben zeichnet das Bild der Nordstadt aus. Eine quirlige Szene aus Migrantenspeise- und Szenegastronomieszene ist so entstanden; hier eine russische Konditorei, da ein türkischer Friseur, dort ein portugiesischer Lebensmittelladen. Nur rd. 1/3 aller von Migranten/innen geführten Betriebe sind den klassisch vermuteten Branchen zuzuordnen.

Die Münsterstraße hat durch den vielseitigen Geschäftsbesatz ein internationales Flair erhalten – Köche der Feinschmeckergastronomie kaufen gerne z.B. in den marokkanischen Fisch- und türkischen Gemüsegeschäften frische und exotische Lebensmittel. Einer der buntesten Wochenmärkte Deutschlands findet jeden Dienstag und Freitag auf dem Nordmarkt statt. Rd. 35 Moscheen und Bet-Räume haben die muslimischen Mitbürger/innen in der Nordstadt eröffnet.

Auch viele Studenten der Universität Dortmund sowie die Künstler- und Kreativszene schätzen die Nordstadt ein preis- und lebenswertes Wohnquartier. Hier finden sie auch Toleranz und Liberalität im Quartier; Szene- und Strandgastronomien um die Ecke und nicht zuletzt die beiden Programmkinos "Camera" an der Mallinckrodtstraße. 209 und "Roxy" an der Münsterstraße 95, die sich dort seit 1979 behaupten. Das "Roto-Theater" an der Gneisenaustraße 30, das Theater im "depot Immermannstraße", die "Ateliergemeinschaft WB53/55" in der Westerbleichstr. 53/55 oder das 1983 von damaligen Studenten der Fachhochschule für Design erkämpfte " Künstlerhaus " im Sunderweg 1.

Neben dem Naturkundemuseum und der Ausstellung "Widerstand und Verfolgung in Dortmund von 1933-1945" haben sich jüngst zwei weitere Museen in der Dortmunder Nordstadt angesiedelt: Am 22. Oktober 2005 eröffnet das " Hoeschmuseum " im ehemaligen Portiershaus in der Eberhardstraße 12 seine Tore. 400 Exponate aus der Stahlzeit sind hier ausgestellt, Sonderausstellungen beleben das Museumsgeschehen. Seit dem 23. April 2006 kann man in der Steigerstraße 14 im " Dortmunder Brauereimuseum " der Dortmunder Brautradition nachspüren. Auch das historische Sudhaus der Hansa-Brauerei aus dem Jahr 1911 ist zu besichtigen.

13,7 % aller Dortmunder/innen sind Mitte 2008 ohne Arbeit. In der Nordstadt liegt die Arbeitslosigkeit deutlich höher: ca. 25 %. Im Bereich der Jugendlichen und der Mitbürger/innen mit Migrationhintergrund ist die Arbeitslosigkeit noch deutlich höher.

Auch andere soziale Probleme sind in der Nordstadt besonders deutlich. So ist die Zahl der Transfergeldempfänger und Sonderschüler gemessen am stadtweiten Vergleich überproportional hoch. Ein sozialer Indikator erweist sich hingegen als eher durchschnittlich: Kriminelle Delikte werden in der Nordstadt nicht häufiger verübt als in anderen Stadtteilen.

Die "Integrationsmaschine" Nordstadt führt die einheimische Wohnbevölkerung mit allen Zuwanderern zusammen – schon seit rd. 150 Jahren. Damit übernimmt sie eine wichtige Aufgabe für die Gesamtstadt Dortmund. Nach langer montaner Industrietradition sieht "der Norden" enormen Entwicklungschancen durch die Neuaufteilung und Neunutzung der alten Industrieflächen entgegen.

Historisches Sudhaus bei Nacht
Bild: Jan Heinze

Zur Geschichte einzelner Orte

Borsigplatz
Bild: Jürgen Wassmuth
Blühendes Blumenbeet, im Hintergrund ein Weg und große Bäume
Bild: Hubert Nagusch